JK 153. Montag, den 7. Juli 1884.
Fuldaer
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* Unser Erbfeind bei de« Reichstagswahlen.
Nachdem der Reichstag sein Ende erreicht hat» wird alsbald schon im ganzen deutschen Vaterlande der Wahlkampf in den Vordergrund des politischen Interesses treten. Wenn auch für unsere Partei bei ihrer vorzüglichen Organisation und ihrem festen Bestände ein frühzeitiges Eintreten in den eigentlichen Wahlkampf höchstens für einzelne schwierige Wahlbezirke angezeigt sein wird, so ist es dennoch schon jetzt an der Zeit, zu den Wahlen klare Stel- , lung zu nehmen, der Wahlbewegung eine bestimmte Richtung vorzuzeichnen. Und gerade weil die übrigen Parteien theilweise schon eine sehr erregte Wahlagitation beginnen, gilt es zunächst und vor Allem, den Standpunkt des Centrums den verschiedenen Parteien gegenüber mit Rücksicht auf die im Herbst bevorstehenden Wahlen einer orientirenden Beleuchtung zu unterziehen. Für diesmal sei den lieben .Nationalliberalen" unsere Aufmerksamkeit gewidmet. Diese Partei, welche sich viel zutreffender mit dem Namen „Kulturkampfs-Fanatiker" bezeichnen läßt, ist bis auf den heutigen Tag ihrem leitenden Prinzip, dem Haffe gegen Rom und alles wahrhaft Katholische und dem Kampfe gegen die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche in Deutschland treu geblieben. Wenn die kirchenpolitische Thätigkeit dieser Partei auch vornehmlich in Preußen ihren Sitz hatte, so blieb dennoch auch dem Reiche der „Segen" der nationalliberalen „Kulturarbeit" nicht erspart. Das Gesetz, betreff, die Ausweisung der Jesuiten und der „verwandten" Ordensgenossensckaften, sowie das jetzt von allen anderen Parteien als die häßlichste Ausgeburt einer leidenschaftlichen Zeit anerkannte Expatriirungsgesetz hat das deutsche Volk vornehmlich den Herren Nationalliberalen zu verdanken. Die jüngste Haltung der Partei dem Windthorst'schen Aufhebungsantrage gegenüber hat gezeigt, daß die Herren Kulturpauker nichts gelernt und nichts vergeßen haben. Diese „That" würde schon allein genügen, das Tischtuch zwischen Centrum und Nationalliberalen auf immer zu zerschneiden.
78 tQ- Penelope.
Weihnachtsabend in London. — Der Schnee, der den ganzen Tag über in dichten Flocken gefallen war, lag wie ein Leichentuch über der «roßen City ausgebreitet, während der Mond in kalter Pracht am Himmel stand. In einer ruhigen, abgelegenen Straße mit großen stattlichen Häusern zu beiden Seiten stand im hellen Mondschein die einsame Gestalt einer Frau und sang mit einer, wilden Schmerz und namenloie Sehnsucht ausdrückenden Stimme: „Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben." .
Die klagende Stimme hob und senkte sich in der klaren Nachtluft, als ob die Sängerin draußen auf dem weißen Schnee keinen Frieden, sondern nur unendliches Verlangen im wunden Herzen habe Keine andere Seele war in der ruhigen Straße zu sehen; der Schein der Lichter fiel aus den Fenstern hinaus auf das schneebedeckte Pflaster; drinnen war Wärme und Licht, aber draußen, o, so bittere Kälte! .
Die Bewohner der warmen Salons, die beim traulichen Schein des Feuers saßen, sagten: „Wir werden hübsche weiße Weihnachten haben — es friert hart heute Nacht," während draußen die klagende Stimme durch die Straßen hallte.
Eine große Figur, in einen langen, rauhen Ueberrock gehüllt, kam hastig daher; eine Cigarre glimmte zwischen den Lippen des Neuankommenden. Er ging rasch, blieb aber plötzlich stehen, als die
Wenn daher die Centrumspartei im Lande eine Partei auf der ganzen Linie zu bekämpfen die Pflichthat, foistdiesdie „nationalliberale", diejenige Partei, welche mit Recht der Erbfeind des Centrums genannt werden darf. Eine kurze Zeit lang hat es den Anschein gehabt, als ob, wie alle anderen Parteien, so auch die Nationalliberalen die Freude am Kulturkampf verloren hätten. Jüngst ist es aber mehr als klar geworden, daß, wenn diese Leute wieder an's Ruder kämen, die Knechtung der katholischen Kirche auf's Neue ihren Anfang nehmen würde. Einen eklatanten Beweis hierfür liefern bisweilige Aeußerungen der nationalliberalen Presse. So versteigt sich ein großes süddeutsches Parteiorgan, das .Franks. Journal', in einer jüng- sten Besprechung über die geplante „katholische internationale Vereinigung zur Vertheidigung der kirchlichen Jntereffen" zu folgenden Sätzen: „Wenn man den Katholiken Deutschlands vollkommene Freiheit, wie sie solche verlangen, gäbe, so würden sie eine vollständig privilegirte Kaste repräsentiren, da sie mit der Freiheit von der staatlichen Seite das Gebundensein an ein außerhalb Deutschlands existirendes Oberhaupt, dem sie allein in letzter Instanz gehorchen, vereinigen würden . . . . Wenn Herr Hobrecht neulich das Expatriirungsgesetz human nannte, so würde ein Dulden der aggressiven Centrumspolitik seitens des Staates schon gar nicht mehr dieseBezeich- nung verdienen, — man würde dann in dem deutschen Reiche in der That jenen schlafmützigen Michel sehen müssen, wie er vor 1866 existirte. Je mehr wir uns gefallen laffen, desto mehr bietet uns das Centrum."
Also noch immer das alte Prinzip der Ausnahmestellung der Katholiken, die nur als Bürger zweiten Ranges behandelt werden müßen, die in ihrer religiösen wie bürgerlichen Stellung weniger Freiheit genießen sollen, als Juden und Heiden, Chinesen und Hottentotten, als Gottesleugner, Dar- winianer und Affentheoretiker. Darum möge Niemand sich in den Wahldiskussionen etwa durch schöne allgemeine Reden von Toleranz und Friedensliebe von diesen Wölfen im Schafskleide täufchen
weibliche Stimme an sein Ohr schlug. „Dein ist mein Herz."
Nur zu gut kannte er diese Stimme und dies Lied. Draußen im fremden Land hatten sie ihm oft vor den Ohren getönt und jetzt hörte er sie wieder von den wohlbekannten Lippen. Er blickte sich um und bemerkte die dunkle Gestalt.
„Großer Gott!" Capitän Graham stand still, seine Pulse jagten vor angstvoller Aufregung.
Ein paar Schritte weiter und er konnte ihr gegen den mondhellen Himmel gerichtetes Angesicht sehen; die Kaputze des Mantels, war zurück- gefallen und die Umriße ihres Gesichts waren deutlich sichtbar, als die silbernen Strahlen des Mondes daMuf fielen und ihr helles Haar beleuchteten. Großer Gott! Penelope Chartres auf offener Straße singend!
Einen Augenblick blieb er stehen, die Augen auf ihr Gesicht geheftet; sein Herz pochte heftig, heftiger als in jener Nacht in Indien, wo er erwachte und seine schwarzen Diener mit gezogenem Messer vor seinem Bett stehend fand.
„Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!"
Die Stimme verhallte in leisem Schluchzen. Vorwärts tretend legte Douglas seine Hand auf die Schulter der Sängerin.
„Penelope!"
Und noch einmal erhoben sich die geliebten braunen Augen zu den ©einigen und mit einem Schrei ergriff Penelope feine ausgestreckte Hand,
laßen. Es kommt ja vor, daß, besonders in kleineren Städten und auf dem flachen Lande, irgend eine nationalliberale Halbgröße auf eigene Faust und mit einem eigenen Programm die Wahlagitation aufnimmt und durch allerlei Versprechungen Stimmen zu angeln sucht. Man laße sich dadurch niemals irre führen. Maßgebend für die Wahlen sind ja nicht die billigen Worte eines Einzelnen, die sich zuweilen den zwingenden Verhältnißen an« paßen mögen, maßgebend ist das allgemeine Parteiprogramm, maßgebend sind die Ausführungen der Parteiführer auf den großen Parteitagen. Und gerade bei den Nationalliberalen darf man, wie die Erfahrung lehrt, stets das Allerschlimmste zu allererst voraussetzen. Das Heucheln und Süß- holzraspeln verstehen sie meist recht gut, und mancher Philister läßt sich dadurch ins Netz locken; aber wenn sie sich unbeobachtet glauben, dann kommt die Wahrheit an den Tag, dann heißt es wieder, wie ehedem: „Los von Rom, nieder mit den Pfaffen!"
So geberdet sich unser Erbfeind im Kampfe gegen die Katholiken als kirchliche Partei; ebenso verbißen ist seine Opposition gegen das Centrum als politische Partei. Auf dem kürzlich in Darmstadt stattgehabten nationalliberalen Parteitage für das Großherzog- thum Heffen wurde neben den „Freisinnigen" natürlich auch die Centrumspartei mit nationalliberaler Liebenswürdigkeit vor das Forum der Kritik gezogen. In Ermangelung positiver Anhaltspunkte erging man sich in den alten abgedroschenen Verdächtigungen von dem antinationalen Jntereffe des Centrums. Der Mannheimer Bankdirektor Eckhard glaubte einen guten Witz zu machen, als er diesen Vorwurf mit den Worten umschrieb: „Das Centrum gönne dem deutschen Reich- keinen Tropfen Waffer, wenn nicht Rom dadurch eine Flasche Sekt profitire." Wir wollen nicht gar zu bitter werden, sonst könnten wir auf diesen einer Widerlegung gar nicht würdigen Vorwurf mit einer Antwort dienen, welche die trefflichen Worte „nationalliberale Aera — Gründerei — goldenes Kalb — Sekt — Schweiß des armen Volkes — Krach —" in eine Beziehung zu einander brächte, welche vor
während ihre schlanke Gestalt vor Kälte und Aufregung bebte. „Um Gotteswillen, was bedeutet dies?" frag.e er mit leiser, unsicherer Stimme.
Sie blickte ihn an und sagte in hartem, fast verzweifeltem Trne:
„Algy ist krank; wir haben kein Geld; ich fang hier. Dies war mein erstes Lied".
„Und Ihr Gatte?" fragte Douglas, fast streng auf sie herabblickend.
„Ich bin nicht verheirathet", antwortete sie unnatürlich ruhig; aber plötzlich verließ sie die Kraft, sie wankte und wäre gefallen, wenn Douglas sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.
„Armes Kind! Glauben Sie mir, Penelope, ich hatte keine Ahnung, daß das Leben Ihnen so hart mitgespielt habe. Sie sind krank!" rief er aus, als sie von Neuem wie ohnmächtig zusam- mensank; aber in wenigen Augenblicken hatte sie sich wieder erholt.
„Algy liegt am Sterben!" rief sie verzweifelt. „Douglas, Douglas, verlaßen Sie mich nicht!" und sie brach in einen Strom von Thränen aus.
Sein starker Arm stützte sie. Das Gesicht, das sie geliebt, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte, beugte sich mitleidig über sie. Noch einmal lauschte sie der geliebten Stimme und dann schien Alles vor ihren Augen zu verschwimmen. Halb bewußtlos ließ sie ihren Kops auf seine Schulter sinken.
„Seien Sie stark", sagte Doudas, mit dem