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1884

Sonnabend, den 5. Juli

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Zweites Blatt.

Deutsches Aeich.

• Berlin, 4. Juli. Khartum soll in den Händen des Mahdi sein. Eine Depesche des Londoner .Daily Telegraph' meldet aus Kairo, daß die Stadt sich bereits Ende Mai dem Mahdi übergeben habe. Ein Blutbad soll nicht stattge­funden haben, dagegen sei die Garnison zum Mahdi und die meisten Christen zum Islam übergegangen. Ob Gordon auch diesen Schritt gethan hat, wird nicht gesagt, jedoch soll er mit dem Mahdi, der in Khartum residire, auf bestem Fuße stehen uud sich in dessen Lager frei bewegen. Selbstverständlich theilen wir diese Nachricht unter allem Vorbehalt mit. Die letzten beglaubigteren Nachrichten datiren von Mitte Mai. Die früheren Klagen Gordon's über feine Bedrängniß kontrastiren seltsam zu den auffälligen späteren Gerüchten, daß derselbe wohlauf sei und nichts befürchte. Daß er even­tuell zum Islam übertreten werde, hat Gordon früher auch fchon erklärt. Weitere Aufklärung bleibt abzuwarten.

* Berlin, 4. Juli. Officiös wird geschrieben: „Da die vom preußischen Unterrichtsminister ver­anlaßten Ermittlungen über die Schulbildung der bei der Armee eingestellten Mannschaften ergeben haben, daß aus den aufgestellten Nachweisungen nicht so ohne Weiteres auf unzureichende Leist­ungen der Volksschule in den östlichen Provinzen ■ geschlossen werden kann, und daß der Blldungsstand in diesen Provinzen überhaupt günstiger ist, als er sich bei den Prüfungen der Ersatzmannschaften ergiebt, so sind dem Vernehmen nach die betreffen­den Behörden in neuerer Zeit angewiesen worden, darauf zu halten, daß durchweg vollständige Ver­zeichnisse der in das schulpflichtige Alter eintreten­den und der zuziehenden schulpflichtigen Kinder den Lehrern mitgetheilt werden und daß die vorge­schriebenen Äbsentenlisten nicht nur genau geführt, sondern auch sorgfältig aufbewahrt und daß den Schülern der Volksschulen bei ihrem Austritt aus denselben Entlassungszeugnisse ertheilt werden."

77 iry Penelope.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Den ganzen Tag über blieb die kleine Nell ge­duldig auf ihrem Posten neben Algy's Bett, gab ihm dann und wann einen Löffel voll Medizin, strich sorgsam seine Kissen glatt und benahm sich ganz wie eine sanfte kleine Krankenwärterin.

Algy lag in heftiger Fieberhitze und achtete wenig auf das Kind an seiner Seite, dessen große Augen sich verwundert öffneten, als er von jenen goldenen Herbsttagen, die er in Craigfell zuge­bracht, phantasirte. Er wandelte wieder an Nelly's Seite, blickte herab in ihr liebes Gesicht, ihre blauen Bugen und ringsum waren die blauen Berge, die purpurne Heide und der warme Son­nenschein lag auf Nelly's scheuem, glücklichem Gesicht.

Ruhelos warf er den Kopf hin und her und murmelte: „Nelly", „Nelly"! fügte Nell zu sich selbst, als sie ihn hörte: „Er kann mich nicht meinen, denn niemals nannte mich Jemand anders als Nell." Und dann wurde ihr Gesichtchen sehr traurig und sie lauschte seiner leisen, schwachen Stimme — „Nelly, Nelly!"

Seine Augen waren geschloffen, aber seine Lippen bewegten sich in leisem Geflüster und verrielhen jetzt, wo er im Delirium lag, die Liebe, über die ihm Douglas zu sprechen verboten. „Oh, Nelly, Nelly, Geliebte, komme!" — und er streckte seine dünnen, schmalen Hände aus. „Wo bist Du, Nelly?" „Vielleicht wird er denken, ich sei Nelly,"

* Berlin, 4. Juli. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ meldet: Während der Abwesenheit des Reichs­kanzlers von Berlin dürfen demselben weder amt­liche noch nichtamtliche Schriftstücke vorgelegt noch nachgesandt werden. Es ist deshalb auf Beant­wortung derselben nicht zu rechnen.

* München, 2. Juli. Der Wechsel in der königl. Hofkasse wird noch immer viel be­sprochen und in der That ist die Angelegenheit nicht ohne politische Bedeutung. Herr Rath Pfister, dem es gelang, die deroutirten Verhältnisse in der königl. Civilliste vorläufig zu ordnen und ein Ar­rangement durch Schaffung einer einzigen Annui­tätenschuld statt den sehr drückenden schwebenden Schulden unter relativ günstigen Bedingungen her­beizuführen, ermöglichte dies Abkommen ohne In­tervention des Landtages. Wenn man sich erin­nern wird, hieß es vor zwei Jahren, die Regier­ung beabsichtige, die Verhältnisse der königl. Civil­liste vor den Landtag zu bringen und eine dies­bezügliche Vorlage um Gewährung von 4 Mill, zur Deckung der Schulden der Civilliste einzubringen. Wie es scheint, schrack die Regierung vor der Even­tualität einer etwaigen Ablehnung und vor der großen Verantwortlichkeit zurück, die es sich im Falle der Genehmigung aufgeladen hätte. Die Vorlage wurde im letzten Momente wieder bei Seite gelegt und der Minister erklärte in der Kammer alle diesbezüglichen Gerüchte für unrichtig. Jetzt wurde durch Pfisters Vermittlung ein Arrange­ment getroffen, ohne das Landesbudget zu belasten oder die Kammern um die Zustimmung zu fragen. Es war dies allein nur durch das Entgegenkom­men des Prinzen Luitpold möglich, der sich als nächster Agnat den Banken gegenüber für Einhal- tung der Zinsen- und Amortisationsraten auch für den Fall eines Thronwechsels verbürgte. Deshalb trägt auch die Schuldurkunde die Unterschrift des Prinzen und der Finanzminister verbürgte sich für die direkte Ablieferung der betreffenden Jahres­raten. Rath Pfister scheint sich zur Aufgabe ge- setzt zu haben, weiteren Ausgaben, die eine neue Deroutirung der Civilliste herbeiführen können, vorzubeugen. Es fragt sich nun sehr, ob unter dachte Nell und legte ihre eigne Hand in die seinige. Algy's heiße Finger umschlossen sie fest und so schlief er ein, träumend er ginge Hand in Hand mit der Einziggeliebten.

Und so sand sie Penelope, als sie von ihrer langen, vergeblichen Reise zurrückkehrte. Nell er­schrak über die Blässe ihres Gesichtes, als sie sich über das Bett neigte und wortlos, mit traurigen, thränenlosen Augen in Algy's Züge starrte.

Nur noch morgen! Und wenn sie dann kein Geld hatte, mußte sie gehen — wohin gehen? Hinaus auf die Straße — irgendwohin.

Zu Boden sinkend verbarg sie ihr Gesicht in den Betttüchern und versuchte zu denken, bis es ihr schien, als ob ihre armen schmerzenden Schläfen bersten müßten von dem Druck ihres müden Hirns.

Sie hatte keinen Freund in der weiten, weiten Welt — außer Douglas, dachte Penelope; aber er war weg in Indien und es würden Wochen vergehen, ehe ein Brief ihn erreichen könnte, selbst wenn sie sich entschließen würde dem Manne zu schreiben, den sie so tief gekränkt und dessen letzte Worte trotzdem ein Versprechen waren, ihr Freund zu fein.

Nur noch morgen; und morgen kam und Pene­lope wußte nicht woher das Geld nehmen, obschon sie die ganze lange Nacht wach gelegen und Pläne entworfen hatte — Pläne, die sie sofort als un­ausführbar wieder verwarf. Sie hatte Nichts zu verkaufen; ihre Uhr und die Algy's waren schon

seinem Nachfolger Gresser, der ja nicht Staatsbe­amter ist und absolut auch keine Verantwortlich­keit besitzt, die gleiche Tendenz maßgebend ist und der neue Hofsekretär auch die Kraft und die Festig­keit besitzt, strenge Sparsamkeit und Vermeidung von überflüssigen Ausgaben durchzuführen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann kann binnen Kurzem sich wieder ein neuer Schuldcnstand anhäufen und ist die Intervention des Landtages unvermeidlich. Man kann also den Dingen mit einiger Spannung entgegensehen. Erwähnen wollen wir noch, daß in der ganzen Zeit, wo Rath Pfister amtirte, der­selbe es niemals zu einer persönlichen Audienz beim Monarchen zu bringen vermochte.

Schweiz.

* Bern, 3. Juli. Der Gesandte Bavier in in Rom wurde beauftragt, gegen die Verfügung zu reklamiren, daß von Deutschland nach Italien auf der Gotthardbahn transitirende Personenwagen an der italienischen Grenze wegen der Cholera zurückgehalten werden.

* Bern, 4. Juli. Der Bundesrath hat ein Verbot der Einfuhr von aus Frankreich kommenden Häuten, Baumwolle, Abfällen, Federn, Hadern, Bettstücken, alten Kleidern (das Gepäck von Rei­senden ist ausgenommen), und ungewaschener Wolle erlassen.

Königreich der Niederlande.

* Haag, 3. Juli. Die zweite Kammer ge­nehmigte mit 62 argen 3 Stimmen die Aufnahme einer Anleihe vor? sechszrg Millionen.

Frankreich.

* Paris, 3. Juli. Rivet beantragt ein Amen­dement, das Recht der Kammerauflösung in der Verfassung zu unterdrücken. Ferry bekämpft den Antrag und weist auf die Nothwendigkeit im Falle eines Konfliktes der Kammern hin, oder wenn es sich um wichtige politische oder wirthschaftliche Fragen handele, an das Urtheil des Landes zu appelliren. Der Antrag Rivet wird mit 281 gegen 206 Stimmen abgelehnt; der Revisionsentwurf mit 114 gegen 113 Stimmen angenommen.

in der ersten Woche seiner Krankheit verwerthet worden. Penelope strich mit den Fingern durch ihr kurzes lockiges Haar.

„Ich wünschte, ich hätte es wachsen lassen," dachte sie; „Mädchen verkaufen oft ihr Haar."

Es war eine Idee ihres Vaters gewesen, ihr Haar kurz, in natürlichen Ringeln zu halten — und es stand ihrem schönen Gesicht gut; auf seinen Wunsch hatte sie es so getragen, obschon sie jetzt wünschte, einen Wald von goldenen Locken zu haben, um sie in ihrer bittern Roth zu Geld zu machen.

Der kurze Tag neigte sich schon seinem Ende zu und noch sah sie keinen Ausweg vor sich.

„Sie müssen mich bezahlen", sagte Mrs. Smith ungerührt, in das weiße, bekümmerte Gesichtchen blickend. „Ich halte mein Wort — hinaus müssen Sie. Ich mache mir nichts daraus einen Wagen zu bezahlen, um Mr. Chartres nach dem Hospital fahren zu lassen; dort wird er's so gut haben wie hier auch."

„O, Mrs. Smith, Sie wollen ihn doch nicht in die bitter kalte Nacht hinausschicken? Um des Himmelswillen thun Sie dies nicht!" flehte Pene­lope verzweifelt, während heiße Thränen über ihre Wangen strömten.

»Mag er sterben," war die gefühllose Antwort; „Leute, die nicht arbeiten können oder wollen, verdienen nicht zu leben."

Penelope dachte an Castle Chartres — an