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Dienstag, den 1. Juli 188^.

Di« »Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg„ — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Psg.» auswärts 1 M. 75 Pfg.

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O Die wahren Freunde des Volkes.

Der 25. Juni verdient es, in der Geschichte der gegenwärtigen Reichstagssession mit einem rothen Kreuz ganz besonders hervorgehoben zu werden. Zwei Beschlüsse von eminenter Bedeutung machen diesen Tag zu einem denkwürdigen für alle diejenigen, welche es mit des Volkes Wohl und Wehe ehrlich meinen und ihm in geistiger und sittlicher, wie in materieller Hinsicht ernstlich helfen wollen. Der Antrag Dr. Windthorst, welcher die endliche Aufhebung des schlimmsten Ausnahmege­setzes gegen die Katholiken, des Pri-sterausweisungs- gesetzes bezweckt, war schon in zweiter Lesung mit der großartigen Mehrheit von 217 gegen 40 Stimmen zur Annahme gelangt. Bei der nun­mehr stattgehabten dritten Lesung ist das Verkam- mungsurtheil gegen jenes unselige Kampfgesetz mit noch imposanterer Stimmenstärke beschlossen worden. 246 Stimmen spendeten dem Antrag Windthorst ihren Beifall, während im ganzen Reichstage nur noch 34 letzte Fürsprecher dieser Kulturthat zu finden waren. Dieser ganz erhebliche Zuwachs der Majoritätsstimmen darf als ein erfreuliches Zeichen dafür gelten, daß die Besprechungen, welche der Ausgang der zweiten Berathung des Windthorst'- schen Antrages in der Presse gefunden hat, die Opposition gegen die Fortdauer des Kampfsystems gegen die Katholiken int Reiche nur noch verstärkt hat. Während jüngst noch l/6 der Abstimmenden den Fortbestand des Reichskulturkampfes begehrten, ist dieser Bruchtheil des Reichstages jetzt schon ans Vs gesunken. Daß die beiden Herren Meister von Puttkamer und von Goßler auch diesmal wieder Schulter an Schulter mit der kultur- kämpferischen Minderheit stimmten, konnte nach der jüngsten Erfahrung nicht Wunder nehmen. An­genehm berührt es jedoch, daß im Gegensatz zu diesen Staatsmännern der greise Feldmarschall Graf Moltke für den Windthorst'schen Antrag eingetreten ist. Man darf nun immerhin gespannt sein, was der Bundesrath diesen für sich selbst redenden Zahlen gegenüber thun wird, ob die Sympathie für die letzten Stützen des Kulturkampfes, die nationalliberalen Mannes­

73 taj Penelope.

Aus dem Englischen.

Mrs. Smith begann jetzt wieder ihre Miethe zu verlangen und wurde jeden Tag unverschämter , nicht einmal des armen Algy's Krankenzimmer war vor ihrem Eindringen sicher; sie schien kein Herz; keine weibliche Sympathie für Kummer und Leiden zu haben; selbst der Anblick von Penelope's weißem, ermüdetem Gesicht, das durch die Sorge und an­strengende Pflege hager und eingefallen war, konnte ihren harten Sinn nicht erweichen. Ohne die kleine Nell wäre Penelope ganz freundlos gewesen; das Kind war ihr Trost und unterstützte sie mit seinen schwachen Kräften, beglückt durch ein Dankeslächeln der schönen traurigen Dame, die es in seiner kind­lichen Weise verehrte.

Es kam ein Tag, als Algy immer noch gefähr­lich krank und zu schwach, seine Hand zu erheben, flch unklar bewußt war, daß eine weinende Ge- fialt neben seinem Bett kniete; er schloß seine schweren Augen wieder und mit dem Versuch seine abgezehrte Rechte auf die auf seinem Bette ruhen­den gefalteten Hände seiner Schwester zu legen, schlief er wieder ein, ohne zu wissen, daß die armen Augen, die mit solch schmerzlichem Aus­druck auf ihm ruhten, voll Thränen waren, weil dle treue Pflegerin gerade nur noch 1 Shilling übrig hatte und keinen anderen Ausweg vor sich sah, als sich neben ihren Bruder zu legen und ebenfalls zu sterben.

seelen, die Rücksicht auf die mahnende Stimme des zweimaligen Reichstagsbeschlusses zurückdrängen wird. Daß der Bundesrath alsbald schon den Reichstagsbeschluß formell ablehnen wird, glauben wir nicht. Durch. eine solche Ablehnung würde der Wahlkampf um eine Parole bereichert werden, deren Konsequenzen für Regierung und Rational- liberale nur allzu unangenehm fühlbar werden dürften. Eine alsbaldige Bestätigung der Aufhe­bung des Expatriirungsgesetzes wäre selbstredend unser dringendster Wunsch, ob wir auf eine Er­füllung desselben hoffen dürfen, ist bei der charak­teristischen Stimmabgabe der beiden Vertreter der preußischen Kirchenpolitik seit Falk jedenfalls höchst fraglich. Wie die Herren im Reichstage stimmen, so werden sie auch im preußischen Mi­nisterrath ihr Votum abgeben, und Preußen ist bekanntlich im Bundesrath der wichtigste Fak­tor. Daß sodann die Herren Minister nicht gegen oder ohne den Willen des maßgebenden Herrn Reichskanzlers mitzder winzigen Minorität ihr star­res „Rein" gesprochen haben, dürfte nicht minder einleuchtend sein. Allerdings bindet sich Fürst Bis- nmrck in seinen Entschlüssen und Anschauungen nie­mals auf lange Zeit, und deshalb wäre es trotz­dem und alledem nicht ganz unmöglich, daß er aus Opportunitätsgründen sich schließlich doch noch für den Antrag Windthorst entschlösse. Sollte' übrigens die Reichsregierung die Entscheidung über den An­trag verzögern und dieselbe während der Wahl­agitationen als zweifelhaften Punkt in der Luft schweben lassen, so könnte sie sich in der eventuellen Wirkung auf die Wahlen ganz entschieden verrechnen. Die Katholiken wissen ganz genau, was sie von einer Verschleppung zu halten haben würden, und die Frage, des Priesterausweisungsgesetzes würde im Wahl­kampfe ebensowohl eine Rolle spielen, wie im Falle der direkten Ablehnung. Jeder wahre Volksfreund muß sich heute sagen, daß eine weitere Fortsetzung, des Kulturkampfes ein Ruin für Staat und Reich' ist, und daß angesichts der immer drohender sich erhebenden allgemeinen Entsittlichung und Ver­wilderung des Volkes die thatkräftige Unterstützung der freien, in ihren Funktionen ganz unbehinderten

Die Thüre öffnete sich und Mrs. Smith trat i wüthend ein.

„Pst, pst!" flüsterte Penelope, unter Thränen; „er schläft."

„Einerlei, ob er schläft oder nicht, ich will sagen, I warum ich gekommen. Ich muß mein Geld haben."

Algy's müde Augenlider öffneten sich einen Au­genblick; mit einem leisen Stöhnen schloß er sie wieder. Das Blut stieg in Penelope's bleiche Wangen und sie sprang auf.

„Kommen Sie in das andere Zimmer, mein Bruder darf nicht gestört werden.

„Gestört, natürlich! Und nun, Madam — als sie das anstoßende Gemach betreten hatten — „werden Sie mir die drei rückständigen Monate bezahlen oder nicht?"

Penelope's Lippen bebten..

„Mrs. Smith, Sie wissen, ich würde Sie be­zahlen, wenn ich könnte."

„Davon weiß ich Nichts. Bei manchen Leuten bleibt's immer bei den Versprechungen. Ich bin eine arme Frau, die hart arbeiten muß und ver­lange nur, was mir zukommt."

„Aber ich habe kein Geld; Mr. Chartres ist krank. Was soll ich thun?"

Hatte die Frau ein Herz von Stein? Sie blickte gerade in die flehenden Augen der armen Penelope.

„Wissen Sie, was ich thun werde? Wenn Sie mich morgen um diese Zeit nicht bezahlen, werde ich Sie auf die Straße setzen — so, jetzt wissen Sie es."

e Kirche für den Staat ganz unentbehrlich ist. r Möchten die maßgebenden Kreise diese Wahrheit t erkennen, ehe es zu spät ist.

t Die wahren Freunde des Volkes haben am r 25. Juni auch für das materielle Wohl des Volkes , ihre entscheidende Stimme eingelegt. Mit der - allerdings nur geringen Mehrheit von 4 Stimmen, t nämlich mit 154 gegen 150, hat der Reichstag - in dritter Lesung auch dem Jnnungsantrage des ) Abg. Ackermann, betreffend das Verbot des Lehr- - linghaltens durch Nichtinnungsmeister, seine defini- - tive Zustimmung ertheilt. Die Liberalen hatten alles aufgeboten, um die günstige Entscheidung der zweiten Lesung bei der dritten Abstimmung wieder rückgängig zu machen. Daher auch die geringe Stimmenmehrheit. Wenn man den jüngsten Ar­tikel der ,Nordd. Allgem. Ztg.' über diese Frage als ein getreues Bild der Bismarck'schen Gedanken über den Antrag ansehen darf, so könnte man eine Bestätigung dieser Gewerbegesetznovelle Sei­tens Bundesrathes erwarten. Aber wer kennt die Leitmotive solcher Tagesartikel? Hoffen wir das Beste. Die Reichstagsmajorität hat jeden­falls ihre Pflicht gethan. Von den fünf noch nach Pfingsten zur Erledigung gebrachten Gesetzent­würfen, dem Unfallsgesetz, dem Aktiengesetz, dem kirchenpolitischen Antrag Dr. Windthorst, dem Jn- nungsantrag Ackermann und dem Militärrelikten­gesetz sind die vier erstgenannten als in der That vortreffliche Früchte der parlamentarischen Arbeit mit besonderer Freude zu begrüßen. Möchte der nächste Reichstag nicht minder schöne Erfolge auf­weisen !

Deutsches Reich.

* Berlin, 30. Juni. .Aus Anlaß des Ab­lebens des Prinzen von Dramen ist in der ge- sammten Presse wieder viel von den Rechtsverhält­nissen des zur Erbfolge in Luxemburg berechtigten Herzogs Adolph von Nassau die Rede. Die in Frankfurt a. M. erscheinende .Europäische Kor­respondenz' war schon am 13. d. M. in der Lage, angeblich auf Grund von Mittheilungen, welche

I „Oh, das wäre sein Tod! Sie können nicht so grausam sein?" rief Penelope, bleich wie der Tod und en allen Gliedern zitternd.

Mrs. Smith blieb unbewegt.

■ „Ich habe es gesagt und bin eine Frau, die ihr Wort hält. Nun, ich will Ihnen noch zwei Tage mehr geben, aber keine Stunde darüber. Heute ist Dienstag — bis Freitag Morgen werden Sie bezahlen oder gehen. Verstehen Sie?"

„Haben Sie kein Mitleid, kein Erbarmen?" stöhnte Penelope, verzweifelt in des Weibes eherne Züge blickend.

„Bessere Leute als Sie, sind in's Arbeitshaus gewandert," war die mürrische Antwort und Mrs. Smith verließ das Zimmer, Penelope buchstäblich erstarrt über das plötzlich über sie hereingebrochene Unglück zurücklassend.

„Gott hilf mir -- Gott hilf mir nur jetzt!" und sie wankte zurück in Algy's Zimmer, wo er noch schlafend lag und setzte sich neben sein Bett, überlegend, wie sie sich helfen könne.

Ein Gedanke kam ihr, der ihr aber sogleich alles Blut in die Wangen trieb. „Nein, nein — dies könnte ich nie thun!" rief sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, vergeblich bemüht, die hervorquellenden Thränen zurückzudrängen.

Dann blickte sie lange traurig auf Algy, der so krank und hülflos da lag, bleich und eingefallen, das schöne Haar auf der heißen Stirne.