1884
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Montag, den 30. Juni
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Deutsches Reich.
ßt Berlin, 29. Juni. Die V. Legislaturperiode des deutschen Reichstages hat gestern ihr Ende erreicht. Mit einer gereiften Befriedigung wird die große Mehrheit nicht nur der Reichstagsmitglieder, sondern auch des deutschen Volkes auf die Resultate der letzten Session zurückblicken, und zwar um so mehr, als man noch vor nicht gar zu langer Zeit fürchten mußte, der bisherige Reichstag werde ohne die so wichtige Erledigung namentlich des Unfallversicherungsgesetzes seine Auflösung erfahren. Die Regierung wird mit den Erfolgen der letzten Session im Großen und Ganzen auch nicht unzufrieden sein können. Denn daß die drei jetzt ganz unerledigt gebliebenen Entwürfe, die Börsensteuervorlage, die Dampfersubventionsvorlage und die Zolltarifrevision, nunmehr bis zur nächsten Legislaturperiode zurückgestellt sind, kann der Regierung höchstens bezüglich der Dampfersubvention unangenehm sein; auf die beiden anderen Entwürfe scheint sie vorläufig kein besonderes Gewicht gelegt zu haben; — und wenn wir Herrn Bismarck recht verstanden haben, so hat er selbst gar nicht darauf gerechnet, daß die Dampfersubventionsvorlage schon sogleich zum Gesetz würde. Er hat unserer Auffassung nach diese Fragen noch in letzter Stunde und zwar in nicht ungeschickter Weise in die Wahldebatte hineingeworfen, und im Wahlkampf werden ja ohne Zweifel die Kolonial- frage, die Börfensteuer und der Zolltarif, besonders die Erhöhung der Getreidezölle, im Vordergründe des Interesses stehen. Die wichtigste Frucht der letzten Session ist das Unfallversicherung s g e s e tz. Konservative und Centrum dürfen mit Recht stolz darauf sein, daß diese gesetzgeberische That zum Nutzen der arbeitenden Bevölkerung durch ihr einträchtiges Zusammengehen und Zusammenwirken zu Stande gekommen ist. Es ist fürwahr ein großartiger Sieg, welcher der von uns vertretene korporative, berufsständische Sozialismus errungen hat, ein Sieg, der dem Volke so recht beweisen wird, wer seine besten, seine wirklich wohlmeinenden, ehrlichen Freunde sind.
Sechsundzwauzigstes Kapitel.
Abgereist — Mr. Desmond abgereist!" rtef Alqy Chartres und starrte mit der Miene höchster Ueberraschung und bitterer Enttäuschung in das - Gesicht des Hotelkellners.
Wir hatten eine Verabredung. Hinterließ er keinen Brief, keine Botschaft?
Ja Sir, ein Brief ist da. Mr. Desmond wollte 'eine Woche in Geschäften in der Stadt bleiben- aber gestern Abend kam em Telegramm aus Varis. Seine Mutter liegt am Sterben und Mr. Desmond reiste sofort ab."
Bringen Sie mir den Brief, bitte," sagte Algy, sich" buchstäblich schwach fühlend bei dem neuen Schlag, der ihm wahrscheinlich bevorstand.
Der Brief war jedoch verloren und konnte nirgends gefunden werden — der Kellner vermuthete, daß man ihn aus Versehen ins Feuer geworfen habe.
So war denn der letzte Schlüssel zu einem Verkehr mit Jack Desmond verloren — Algy kannte feine Adresse nicht, sie konnten einander keine Mittheilungen machen.
„Jetzt ist Alles aus," murmelte Algy vor fich hin" „Arme Penelope!" .
Sehen Sie noch einmal nach dem Brief, sagte Algy zu dem Kellner - „es ist von der größten Wichtigkeit für mich, daß Sie ihn finden."
Aber alles Suchen war vergeblich — Jacks Brief war verloren.
„Verschiedene öffentliche Blätter haben neuerdings die Mittheilung gebracht, seitens der Eisenbahnverwaltungen seien auf höhere Weisung ganz besondere und bemerkeuswerthe Vorsichtsmaßregeln anläßlich der diesjährigen Sommerreisen Sr. Majestät des Kaisers und Königs ergriffen worden. Wie wir indeß aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat kein Anlaß Vorgelegen, im vorliegenden Fall weitergehende und andere Vorsichtsmaßregeln zu treffen, als solche schon seit längerer Zeit überhaupt für die Reisen Allerhöchster und Höchster Herrschaften bestehen. Richtig mag sein, daß im Hinblick auf die im Auslande mehrfach vorgekommene verbrecherische Verwendung von Sprengstoffen bezüglich der sorgfältigen lieber» ivachung verdächtiger Gepäckstücke den Eisenbahn» Verwaltungen neuerdings allgemein eine geschärfte Kontrolle zur Pflicht gemacht ist".
* Berlin, 28. Juni. Es bestätigt sich leider, daß die Cholera nunmehr auch in Marseille ausgebrochen ist. Von dort meldet der Telegraph Sonnabend Mittag: „Heute Morgen sind hier drei Todesfälle an Cholera oder Cholera ähnlicher Diarrhoe verzeichnet worden. Von Seiten der Behörden werden alle erforderlichen Sanitätsmaßregeln angeordnet und energisch überwacht. Die Bureaux der Standesämter sollen Tag und Nacht geöffnet bleiben, damit in verdächtigen Fällen die Beerdigung nicht verzögert zu werden braucht." Die französische Regierung und ihre weisen Kommissionäre werden nun wohl ihr Vertuschungssystem angesichts der Verschleppung der Epidemie aufgeben müssen, zumal die Zachl der Erkrankten in Toulon im Wachsen begriffen ist. Freitag Abends waren in den Militärlazarethen Toulons 64 Cholerakranke in Behandlung, zu Marseille wurden fünf Erkrankungen amtlich festgestellt.
* Berlin, 28. Juni. Die Mtional-Zeitung' vernimmt, der Staatssekretär des Staatsraths, v. Möller, werde mit der Neuredaktion der Regulative für den Staatsrath beschäftigt werden. Bis zur Vollendung der Regulative bleibe auch die Einreihung der Mitglieder des Staatsraths in Abtheilungen aufgeschoben. Der erste Zusammen- wechsle Deine Kleider und ich will Dir eine Tasse heißen Thee bringen. Gräme Dich nicht so, Lieber ! Mr. Desmond wird bald zurückkommen".
Algy zitterte am ganzen Körper. Penelope fühlte seine Hände; sie waren brennend heiß und seine Stirne glühte wie Feuer.
„Du bist krank", rief sie beunruhigt.
Er erhob sich langsam und fuhr mit der Hand an die Stirne.
„Ja, es ist mir sonderbar. Ich muß mich erkältet haben. Sieh nicht so erschrocken aus, Penelope; es ist nur eine Erkältung und ich bin sehr müde. Ich will zu Bett gehen."
Aber noch ehe der Morgen graute, wußte Penelope, so unerfahren sie auch in Krankheitsfällen war, daß es etwas mehr als eine bloße Erkältung sei. Algy lag in heftigem Fieber und stöhnte vor Schmerz.
„Er ist krank, o Gott, was soll ich anfangen?" rief die arme Penelope, die Hände ringend und auf Algy's erhitztes, fieberiges Gesicht und halbge- fchlossenen Augen herabblickend. „Algy, Lieber, ich muß den Arzt holen."
Er stöhnte nur — er war zu krank, um selbst zu denken oder zu handeln. *
„Akute Lungenentzündung," lautete das Verdikt des Arztes, als Penelope bleich und besorgt vor ihm stand und den ängstlich fragenden Blick auf ihn heftete.
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Wir haben einen Sieg errungen über zwei schädliche Extreme, über den Staatssozialisrnns einerseits durch die Beseitigung des Reichszuschuftes und der geplanten rein bureaukratischen Organisation, andererseits über den manchesterlichen Individualismus, durch die berufsgenossenschaftliche Organisation, durch den öffentlich rechtlichen Charakter der Versicherung und durch ihren obligatorischen Charakter. Möge das Gesetz wie feine Freunde es gewollt haben, zum Wohle und zur Besserstellung der Arbeiter ausschlagen! — lieber die seltsame Nebenrolle, welche die Nationalliberalen trotz aller Anstrengungen bei der Gestaltung und dem Ausbau dieses Gesetzes haben spielen müssen, wollen wir an dieser Stelle heute nicht reden ; sie werden sich in diese Situation finden müssen und thun dies ganz gewiß mit dem ihnen eigenen Großdünkel. — Das Aktiengesetz hat eine sehr große Majorität gefunden; nur einige Mitglieder der Linken beharrten bei ihrer unter diesen Umständen sehr wohlfeilen Opposition. Die Zeitungs-Redaktionen haben es dem Abg. Dr. Windthorst zu danken, daß die in der 2. Lesung ihnen auferlegte schwere Verantwortung für alle Annoncen betreff. Aktiengesellschaften in der maßgebenden 3. Lesung wieder beseitigt wurde. Der Führer des Centrums trat auch bei dem Militär-Reliktengesetz als Retter in der Roth auf, allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Die Kommission hatte bekanntlich beschlossen, die unverheiratheten Offiziere (eben so wie die Staatsbeamten anderer Kategorien) zu Beiträgen zur Wittwen- und Waisenkasse, und zwar in Höhe von 3 pCt. ihres Einkommens heranzuziehen. Diese Fassung erklärte die Regierung für unannehmbar. Nachdem nun in der 3. Lesung sowohl der Antrag Minnigerode, die Beiträge auf 1 pCt. zu reduziren, wie auch der vermittelnde Antrag Windthorst, 11/2 pCt. festzufetzen, abgelehnt worden sind, wird das Gesetz, trotzdem es mit knapper Mehrheit im Ganzen angenommen worden ist, die Zustimmung des Bundesrathes nicht erhalten.
* Berlin, 29. Juni. In ihrem Sonntagsblatt schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg.' Folgendes:
„Es thut mir leid, Sir, sagte der Kellner — wirklich sehr leid."
Algy beschenkte den Mann mit einem seiner wenigen halben Kronen und ging roeg mit dem Ausdruck solch tiefer Verzweiflung auf den schönen Zügen, daß die Leute auf der Straße stehen blieben, um ihm nachzufehen.
Auch der Kellner blickte ihm nach. „Ein richtiger Gentleman," murmelte er, „trotz feines schäbigen Anzugs. Ich wollte wetten, er war ernst ein flotter Bursche in der Armee. Er hat einen militärischen Gang. Und wie er auf den Brief erpicht war!"
Es war ein kalter, rauher Tag, seit Tagesanbruch regnete es unaufhörlich. In Gedanken verloren wanderte Algy weiter und weiter, achtlos auf den strömenden Regen, der ihn bis auf die Haut durchnäßte, niedergedrückt auf’s Aeußerste durch die neue bittere Enttäuschung.
Es war 6 Uhr, als er kalt, naß und elend, langsam und schwerfällig die enge Treppe hinauf- ftieg, Penelope in wenigen abgebrochenen Worten das Vorgefallene erzählte und dann, sich niedersetzend, den Kopf auf den Tisch legte und in Thränen ausbrach.
Penelope’s Arme schlangen sich rasch um ihn, ihre Stimme flüsterte liebende Worte. Er sprach nicht viel — er umfaßte sie mit einem Arm und hielt sie fest. _
I „Oh Algy, Du bist ganz durchnäßt! Geh und