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1884

Freitag, den 27. Juni

M 145

Fuldaer

Vie .Fuldaer Seituna' erscheint tSalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit bet belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 W-, auswärts 1 M. 75 Pfg. Inserat«: Die vierspaltig- Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Admnmknts-Nistadmg.

Zum bevorstehenden Quartalswechsel ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements zur Ver­hütung sonst eintretender Unregelmäßigkeiten in der Zu­stellung unserer Zeitung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich (ausge­nommen an Sonn- und Feiertagen); sie ist das einzige Eentrumsorgan in der Diözese Fulda und im Re­gierungsbezirk Kassel.

Durch zahlreiche selbstständige Leitartikel, Origi­nalkorrespondenzen und eine sorgfältig bearbeitete und gesichtete politische Uebersicht, will die ,Fuldaer Zeitung' ihren Lesern das Halten eines größeren Blattes entbehrlich machen. Der Parlamentsbericht erscheint stets vollständig gleich am Tage nach der Sitzung. Eine größere Rundschau über interessante 'lokale und provinzielle Begebenheiten, theilweise auf Grund bestinformirter Origtnalkorrespondenzen, ein sittlich reines und doch zugleich spannendes Feuilleton, ein reichhaltiger vermischter Theil, häufige unterhal­tende und belehrende Abhandlungen aus allen Theilen menschlichen Wissens, sowie Markt- und Wetterberichte und ein regelmäßiger Koursbe- richt vom Tage der Ausgabe, geben dem Blatte eine wünschenswerthe Mannigfaltigkeit. Die Interessen des Handwerks und der Landwirthschast finden nach wie vor eine besonders aufmerksame Berücksichtigung.

Als willkommene Sonntagsbeilage wird auf Verlangen jeden Sonnabend der ,Fuldaer Zeitung' das rühmlichst bekannte lllustrlrte Unterhaltungsblatt .Sterne und Blumen*, redigirt von PH. Was­serburg (Laicus), beigelegt.

Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich nur M. 1.50 (ohne Bestellgeld), mit dem Sonntagsblatt H. 1.75.

Redaktion, Verlag und Expedition dOV- f ^ulda?E . -

Deutsches Reich.

• Berlin, 26. Juni. Der bisherige preußische Gesandte in Oldenburg, Herr v. Thiel au, geht, wie die ,Magd. Ztg.' berichtet, als Gesandter nach Weimar. An seine Stelle kommt Herr v. N o r- mann nach Oldenburg. In das Hofmarschallamt des Kronprinzen, an dessen Spitze Graf Rado- lins ki tritt, wird gewissermaßen als Adlatus des­selben der Hauptmann Freiherr v. Lyncker ein« reten, welcher früher Adjutant des Herzogs und später des Erbprinzen von Meiningen gewesen ist.

70 iry Penelope.

„Meinst Du?" erwiederte Douglas lächelnd. „Ich habe keinen Grund dazu, glaube ich, wenn ich bedenke, daß das"-— seine Hand auf den am Morgen erhaltenen Brief legend — „der Brief eines Rechtsanwaltes ist, der mir mittheilt, daß ich durch den Tod eines Onkels zu einem jähr­lichen Einkommen von ungefähr 5000 Pfund ge­langt bin." _

„Bei Gott!" Kein anderes Wort kam für die nächste Minute von Lieutenant Grave's Lippen; mit offenem Mund und weitaufgeriffenen Augen stand er da und starrte Douglas an und sagte dann nach einer langen Pause: „Ich gratulire, Graham. Aber Du sahst so niedergedonnert aus, daß ich eher geglaubt hätte, Dich hätte ein Verlust getroffen anstatt eines Gewinnes. Glücklicher Mensch! Ich wünschte, ich hätte auch einen solchen Onkel."

„Ich wünsche Dir's auch, Graves."

„Du wirst uns nun wohl verlassen und nach England zurückkehren?"

„Ja; mein armer Onkel hatte ein hübsches Be- sitzthum dorten; ich werde mich nun wohl in einen soliden Squire verwandeln, der auf die Fuchsjagd geht und auf seinen Gütern lebt."

„Und er hinterließ Dir Alles?"

„Ja, ich war sein Erbe; er hatte keine Kinder und, seines Weibes Leibrente ausgenommen/,wird Alles an mich fallen."

„Du Glücklicher! Welch ein Fang Du nun

* Berlin, 26. Juni. Neuerdings schwirren wieder allerlei Attentatsgerüchte durch die Lust. Nachdem noch jüngst die Meldungen des ,Berl. Tageblatt' über die amerikanische Dynamit-Dame dementirt worden sind, taucht schon wieder eine neue Meldung über ein angeblich in Ems projektirt gewesenes Attentat auf. Wir können natürlich keine Garantie für die Richtigkeit dieser Angaben über­nehmen. Bezeichnend für die Situation ist aber nachstehende Mittheilung aus Kreuznach vom 23. Juni, die wir unverkürzt wiedergeben.

„Für die Reisen des Kaisers find außerordentliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; namentlich werden jetzt die Gepäckstücke möglich fern von dem kaiserlichen Zuge resp. von der Person des Kaisers gehalten. Wie dem ,Kreuz- nachcr Tageblatt' mitgetheilt wird, „hat der Eisenbahnmini­ster diese außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln nicht bloß für die Züge, in denen Se. Majestät der Kaiser fährt, son­dern für sämmtliche Hofzüge angeordnet. Als die Kaiserin am 19. d. in den Bahnhof Bingerbrück einfuhr, war noch ein Personenzug abzufertigen; letzterer wurde aber der Gepäckstücke wegen, die er mitführte, eine Strecke weit zurückbefördert, um nach der Durchfahrt des Zuges der Kaiserin wieder in den Bahnhos geführt und dann erst ab­gefertigt zu werden. Diese Vorsichtsmaßregeln sind, abge­sehen von den Gerüchten über ein beabsichtigtes neues At­tentat auf den Kaiser, auch darauf zurückzuführen, daß bei Reisen des Prinzen von Wales wiederholt Gepäckstücke explodirt sind, nicht allein in England, sondern auch in Deutschland, so z. B. gelegentlich einer Durchreise durch Deutz, wo auf dem dortigen Bahnhofe gerade, als der Zug, in dem der Prinz von Wales sich befand, einfuhr, ein Felleisen in die Luft flog, glücklicherweise ohne Schaden anzurichten, weshalb der Vorfall auch wohl nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Auch auf dem Bahn­hof inElberfeld soll eine derartige Explosion stattgefun­den haben. Bekanntlich besteht bereits seit längerer Zeit betreffs der Hofzüge die Vorschrift, daß denselben ein Zug resp. eine Maschine zur Prüfung der Bahnstrecke voraus­zufahren, und daß jeder Bahnwärter seine Strecke vor dem Passiren des Hofzuges zu begehen hat. Die jetzigen außer­ordentlichen Vorsichtsmaßregeln zeigen, in einer wie ern­sten Zeit wir heute leben, und daß Alles aufgeboten wer­den muß, um dem gefährlichen Treiben der immer kühner sich erhebenden Anarchisten ein Ende zu machen."

So das .KreuznacherTageblatt', welchem wir die Verantwortung für die Richtigkeit überlassen müssen.

* Breslau, 26. Juni. Die Zahl der in der Grube „Deutschland" Verschütteten ist jetzt auf 42 festgestellt.

sein wirst, Graham! Mit der nächsten Post wer­den wir wohl von Deiner Heirath hören."

„Davon werdet Ihr Nichts hören", sagte Douglas kurz.

Und Mr. Graves empfahl sich, aufs Höchste erstaunt, wie kühl Douglas die Nachricht aus­genommen, die die meisten Menschen zum wenigsten in Aufregung gebracht hätte.

Als die Novemberstürme kamen und Kälte und Nebel das Elend noch fühlbarer machten, kämpften Algy und Penelope noch mit der bittersten Armuth; jeder Tag fand sie hoffnungsloser, verzweifelter, als die langen, trüben Wintertage begannen und der Mangel in seiner ganzen Wirklichkeit an sie herantrat. Und Douglas Graham war auf dem Wege nach seiner Heimath, er kam als reicher Mann, über die weite See, über die tanzenden Wogen. Als jede Stunde die Entfernung ver- ringerte, wurde sein Herz schwerer und schwerer, denn er wußte, daß er in England dem Antlitz wieder begegnen könne, daß er nie mehr zu sehen wünschte, daß er eines Tages unerwartet Penelope begegnen, das goldene Haar, die dunkeln Augen wieder sehen könne, deren Ausdruck er sich so gut erinnerte und nie vergessen konnte.

„Penelope Chartres als Everard Daubeny's Weib! Gebe der Himmel, daß ich sie nie wieder sehe!" sagte er und fein Gesicht wurde ernst und traurig, als Englands Ufer in Sicht kam und jedes Herz vor Freude schwoll, endlich zu Hause zu sein.

Oesterreich' Ungarn.

* Wien, 25. Juni. Die .Wiener Abendpost' schreibt: Angesichts der Meldungen über die Cho­lerafälle in Toulon hat sich die Regierung bestimmt gefunden, wegen einer eventuellen Ouarantänever- hängung gegen Provenienzen aus den westlichen Theilen des Mittelmeeres Verhandlungen einzulei­ten, gleichzeitig aber in einem Erlasse an sämmt­liche Länderchefs, die schon im vorigen Jahre an­läßlich der Cholera in Egypten getroffenen Verfü­gungen zu erneuern. Wenn auch zu erwarten ist, daß zunächst gegen die Einschleppung die bedrohten Nachbaarstaaten sich nachdrücklich zu schützen suchen und dadurch schon die Gefahr für die Monarchie wesentlich vermindert ist, glaubte die Regierung doch schon jetzt mit solchen Fällen gebotener Vor­sicht vorgehen zu sollen.

* Wien, 26. Juni. Die .Wiener Zeitung', veröffentlicht die Ernennung des Geheimenrath Grafen Szecsen zum Oberhofmarschall.

* Graz, 26.Juni. (Anarchisten-Prozeß). Von den 23 Angeklagten wurden 9, darunter Kappauf, Kremer und Lindner der Störung der öffentlichen Ruhe für schuldig erkannt und zu schwerem Kerker von 13 Monaten bis 4Vz Jahren verurtheilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.

Frankreich.

♦ Paris, 26. Juni. Eine Mittheilung des Handels-Ministers, wonach heute zwei Cholera- Fälle in Toulon vorgekommen sind, besagt, daß alle Aerzte übereinstimmend meinen, die Cholera sei nur sporadisch und der allgemeine Gesundheits­zustand in Marseille und dem ganzen Gebiet um Toulon fortdauernd günstig. Nach einer weiteren Meldung sind im Laufe des Nachmittags drei Cholera-Todesfälle, also im ganzen Tag fünf, vor- gekommen. In das Civil-Hospital wurden keine Neuerkrankte eingebracht. Die Bevölkerung ist wieder beruhigt.

* Paris, 26. Juni. Nach den letzten Be­richten aus Toulon sind daselbst gestern Abend noch zwei Todesfälle an der Cholera vorgekommen ; somit ist die Gesammtzahl der gestrigen Todes fälle sieben.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Der Novembersturm heulte und stöhnte, der kurze Wintertag ging zu Ende.

Penelope saß in der Dämmerung in ihrem Zimmerchen, das Gesicht in die Hände verborgen und weinte zum Herzbrechen. Das Feuer _ int - Kamin glimmte nur noch, und im Zimmer herrschte beinahe vollständige Dunkelheit. Alles war auf's Aeußerste elend und unbehaglich.

Penelope schauderte vor Kälte und weinte ver­zweifelt. Ihr Geld war all ausgegeben, sie hatte keinen Penny, um die Miethe ihrer armseligen Wohnung zu bezahlen. Trotz allem Sparen und Knausern war sie im Rückstand damit geblieben und hatte grade einen sehr stürmischen Auftritt mit ihrer Hausfrau gehabt, die kein Mitleid fühlte mit dem weißen Gesicht und den bebenden Lippen, die nur um einen kleinen Aufschub flehten, um eine kurze Gnadenfrist.

Die ganze Antwort der Hausbesitzerin auf Pene­lopes thränenvolles Bitten war, sie müsse zahlen oder ausziehen. Es schien Penelope, als höre sie durch das Heulen des Windes, der an den morschen Fensterrahmen rüttelte, immer iroch die laute Stimme des Weibes.

Jetzt legte sich eine kleine Hand auf ihr nieder- gebeugtes Haupt und eine Kinderstimme sagte:

„Weinen Sie nicht Miß — o meinen Sie nicht. Die Mutter spricht immer so, wenn sie aufge­regt ist."