142, Dienstag, den 24. Juni
1884.
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Deutsches Reich.
* Berlin, 23. Juni. Die .Nordd. Allg. Ztg.' sagt: Die Daily News vom 21. d. schreibt: Die Angabe, daß Deutschland die Antwort auf die Einladung zur Conferenz verschoben, bis das englisch-französische Abkommen vom Parlament ratificirt worden sei, ist das directe Gegentheil des Thatbestandes. Deutschland hat die Annahme des Vorschlags in formeller Weise zu erkennen gegeben. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bemerkt dazu: Wir begnügen uns für jetzt zu bemerken, daß diese Berichtigung nach unseren Informationen unrichtig ist.
* Berlin, 23. Juni. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' bespricht die jüngsten Aenderungen in der Organisation des belgischen Ministeriums, welche auf dem Wege königlicher Verordnung vorgenommen worden seien, ohne daß gegen die Rechtsgiltigkeit der neuen Organisation von irgend einer Seite Bedenken erhoben wurden. Die gleiche Praxis lasie sich für Frankreich aus der Zeit des klassischen Konstitutionalismus unter dem König Louis Philipp nachweisen: Kurzum, gerade in jenen Ländern, auf welche sich unsere Liberalen mit Vorliebe zum Beweise ihrer konstitutionellen Maximen berufen, ist der Grundsatz, daß eine Aenderung in ministeriellen Departements ohne Gesetz erfolgen kann, seit Jahrzehnten in zweifelloser Geltung gewesen. Dennoch ist im Jahre 1878, als im preußischen Abgeordnetenhause von der Regierung die Errichtung eines eigenen Eisenbahnministr riums und die Ueber- tragung der Domänen- und Forstverwaltung auf das Landwirthschastsministerium beantragt wurde, son den Liberalen vermieden worden, auf die Praxis jener Länder zurückzugreifen, obgleich dieselbe, wie damals von einem ihrer rechtskundigsten Mitglieder nachgewiesen wurde, keine willkürliche ist, sondern in dem Wesen der konstitutionellen Verfassung ihre Begründung findet. Auch die nationalliberale Partei, mit Ausnahme Gneist's, trennte sich damals vom preußischen Ministerpräsidenten, der kurz vorher mit ihrem Führer über dessen Einritt in das Ministerium verhandelt hatte. Dem
gegenüber glauben wir um so mehr, von den jüngsten Vorgängen in Belgien Akt nehmen zu sollen.
• Berlin, 23. Juni. Das Börsensteuergesetz ist im Reichstage eingebracht worden und kommt heute noch zur Vectheilung.
* Berlin, 23. Juni. Dem Reichstage ist der Entwurf, betreffend die Reichsstempelabgaben, zugegangen.
* Breslau, 2.2 Juni. Dem fürsterzbischöflichen Kommissarius für den preußischen Antheil der Olmützer Diöcese sind jetzt nach der ,N. Pr. Ztg.' noch die Dispense für vier Priester zugegangen. Es sind nunmehr sämmtliche Geistliche in dem bezeichneten Antheil der Olmützer Diöcese, die bisher noch nicht dispensirt waren, in der Lage, wiederum die Funktion als Seelsorger zu übernehmen.
* Breslau, 23. Juni. Die .Breslauer Zeitung' meldet, daß auf der Grube „Deutschland" am 20. ds. Nachmittags in Folge eines Tagebruches Wasser in die Grube drang, welches 30 bis 40 Leute unter Wasser setzte. Ein anderer Schacht, wodurch die Leute hätten gerettet werden können, war wegen ungesunder Wetter nicht zu befahren. Sechs Leute, welche zur Rettung einfuhren und bereits für verloren gehalten wurden, sind jedoch gerettet worden.
Oesterreich • Ungarn.
* Wien, 23. Juni. England erließ ein Einladungsschreiben an die Kabinete zur Konferenz für den 28. Juni in London.
* Lemberg, 23. Juni. Gestern eingelaufene Nachrichten melden, daß das Wasser überall gefallen ist. Letzte Nacht fing es jedoch wieder an zu regnen. Sehr große Verheerungen richtete das Wasser in den Gebieten am Sau und Dniester an, wo ausgedehnte Strecken überfluthet wurden.
* Pest, 23. Juni. Bei den Parlamentswahlen wurden von 413 Bezirken 231 Liberale, 59 gemäßigter Opposition, 73 Unabhängige, 16 Nationale, 10 Parteilose, 17 Antisemiten gewählt, sieben Nachwahlen finden statt. Die Majorität der liberalen Partei zählt 56. Mit den Stimmen '
der Parteilosen disponirt die Regierung über eine große magyarische Mehrheit.
Frankreich.
* Paris, 23. Juni. Das.Pariser Börsenblatt' meldet: Die Commission consultative internationale des Suez-Kanals beschloß, die einfache Erweiterung der dermaligen Wasserstraße zu befürworten.
• Paris, 23. Juni. Das .Journal des Debats' spricht sich abfällig über die englisch - französische Verständigung aus und bezeichnet dieselbe als eine Niederlage Frankreichs; das Blatt gibt sich der Hoffnung hin, daß die französischen Kammern das Uebereinkommen nicht annehmen werden. Der Moniteur' spricht sich in demselben Sinne aus.
England.
* London, 23. Juni. Der ,Times' zufolge werde Frankreich das Aufhören der Doppelkontrole förmlich anerkennen und sich verpflichten, von der militärischen Intervention Egyptens abzustehen, ausgenommen, wenn England Frankreich dazu auffordere. — Die .Times' vernimmt ferner, das Finanzprojekt Gladstone's in Betreff Egyptens schließe die Reduktion des Zinssatzes der unificirten Schuld um 1/2 pCt. ein.
Italien.
• Rom, 23. Juni. Aus den Trümmern der explodirten Pulvermühle zu Pontremoli wurden 20 Todte und Verwundete hervorgezogen. Die Explosion rasirte ein Wäldchen hundertjähriger Kastanienbäume. Das Magazin. 184 Centner Pulver enthaltend, blieb unversehrt.
Rußland.
* Warschau, 23. Juni. Seit Sonnabend Abend ist die Weichsel 16 Fuß gestiegen. Sämmtliche an die Weichsel grenzenden Straßen und Hunderte von Dörfern stehen unter Wasser. Die noch unbeendete Eisenbahnbrücke bei Iwangorod ist eingestürzt. Der Schaden ist bedeutend, das Wasser steigend.
65 tnj Penelope.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Frühling — die Zeit der Primeln und Veilchen, der frischen Blätter und duftenden Blumen, die Zeit, wo das frische Laub der Bäume im Sonnenschein glänzt — und Frühling in London, fern von der neuen grünen Schönheit des Landes, fern von den dunkeln Wäldern und herrlichen grünen Bäumen.
In einer Seitenstraße in dem Herzen der großen City — oh wie zum Hohn schien hier die Frühlingssonne, sie beleuchtete das bleiche, abgehärmte Gesicht und die traurigen Augen von Penelope Chartres, die in einem armseligen, schlecht meub- lirten Zimmer, das überall den Stempel der Armuth trug, saß und mit ihren feinen aristokratischen Zügen einen seltsamen Contrast zu ihrer Umgebung bildete.
Mit dem Chartres war es seit dem Herbst rasch abwärts gegangen; sie hatten jetzt eine schlechtere Wohnung — Zimmer, wie sie sich Penelope in den alten Tagen nie hätte träumen lassen — und die Frühlingssonne beschien ein Gesicht, auf dem jedes Lächeln erstorben war. Penelope dachte daran, wie Castle Chartres jetzt aussehen müsse — die Bäume, die Blätter, all die Plätzchen und Eckchen, die ihr so theuer waren! Oh, wie hatte sie Castle Chartres geliebt in der schönen Frühlingszeit ! Und der arme Algy — auch er hatte harte Tage; die Armuth in ihrer bittern Wirklichkeit
paßte nicht zu dem einst so heitern, lebensfrohen jungen Offizier. Er kam langsam die Treppen herauf und betrat das Zimmer, wo Penelope saß.
„Gott hilf uns!" sagte er, als er einen Blick auf ihr Gesicht geworfen. „Pen, mein Liebling, wäre es nicht Deinetwegen, würde ich es sogleich aufgeben".
„Ist etwas vorgefallen, Lieber?" fragte sie müde.
„Nein, sie haben mich nur einfach entlassen. Der alte Paley sagte, ich sei ein zu feiner Gentleman. So bin ich denn hier mit meinem Vierteljahrsgehalt und ohne jede Aussicht auf weiteren Verdienst. Oh es ist hart — es ist hart! Und seine Stimme bebte vor tiefem Weh.
Penelope wurde noch bleicher.
„Nach dem Thee wollen wir darüber sprechen", sagte sie, sich bemühend, ruhig zu sprechen. „Ich wünschte, ich könnte Dir etwas Besseres vorsetzen, Algy", fügte sie traurig bei, als er sich zu dem kärglichen Mahle niedersetzte.
„Es ist gut genug", entgegnete er. „Aber warum kochtest Du Nichts für Dich selbst, Pen? '
„Ich dinirte schon früher", antwortete sie, sagte aber nicht, daß ihr Diner nur aus trockenem Brod und einem Glas Wasser bestanden hatte. „Ich stellte mir vor. Algy, wie lieblich Castle Chartres, an einem Abend, wie der heutige, aussehen müsse".
„Und ich", sagte Algy, „dachte an all die Leckerbissen, die dieser elende Kater Tom zu ver-
i zehren pflegte. Penelope, ich möchte das Gefühl einmal wieder kennen, mit dem man sich zu einem ordentlichen Diner niedersetzt".
„Algy, hast Du wirklich Deine Stelle verloren?"
„Ja — man hat mich gehen heißen", antwortete er. „Ich gab mir alle Mühe, ihn zufrieden zu stellen; aber ich paffe nicht für diese Art Arbeit. Die Frage ist, für was passe ich überhaupt?"
Penelope blickte auf seine stattliche, wohlgebaute Gestalt, auf das schöne Gesicht, das so mager und abgezehrt wurde und ihre Augen füllten sich mit Thränen.
„Algy, mein Lieber, Du wärest bester dran ohne mich. Laß mich gehen und Gouvernante oder sonst etwas werden".
„Halt ein", rief er leidenschaftlich — „Du bist das einzige Wesen das ich noch in der Welt habe und wir wollen zusammen leben oder sterben, also sprich nicht mehr davon, mich zu verlassen".
Er blickte sich im Zimmer um, ein halbes Lächeln spielte um seine Lippen.
„Ein netter Ort dies, — könnte nicht schlimmer sein".
lieber dem Kaminsims hing ein Kabinetporträt von Kapitän Graham. Algy betrachtete es jetzt.
„Was würde Douglas sagen, wenn er uns sähe?"
Traurig blickte jetzt auch Penelope auf das Porträt. Wie oft in ihren einsamen Stunden in diesem Zimmer ruhten ihre Augen auf den edlen männlichen Zügen, mit etwas von der alten Liebe,