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Sonnabend, den 21. Jurli

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Zweites Blatt.

* Die Postdampfer-Vorlage

beschäftigt einen großen Theil der Presie fortgesetzt in lebhaftester Weise. Nicht mit Unrecht erachtet man die von dem Abg. Reichensperger beantragte Ueberweisung der sowohl in den Motiven wie durch die Reden der Regierungsvertreter nur äußerst schwach motivirten Vorlage an die Budgetkommis­sion für fast gleichbedeutend mit der Ablehnung resp. Zurückweisung bis zur nächsten Session, und daran wird auch die bereits in Angriff genommene Kommissionsberathung selbst wenig ändern können. Unserer Ueberzeugung nach kann auf Grund des vorliegenden spärlichen Beweismaterials über die Vorlage noch gar kein gewiffenhaftes Gesammtur- theil gefällt werden. Wir stehen daher auch von einem solchen durchaus ab, und wollen uns nur mit einer kurzen Beleuchtung des Standes der Angelegenheit begnügen. Die Regierungsvorlage verlangt für 15 Jahre jährlich 4 Millionen Mark aus Reichsfonds zur Einrichtung und Unterhaltung von Postdampfschiff-Verbindungen mit überseeischen Ländern, also, jetzt schon die Verzinsung mitberech- net, in Summa 45 Millionen Mark. Die Motive zu der Vorlage stützen sich vornehmlich auf zwei Aeußerungen französischer Journale und auf das Gutachten einer bei der Sache selbst interessirten Hamburger Gesellschaft. Im Uebrigen wird zur Begründung gesagt, die deutsche überseeische Trans- portverbindung müsse auf eigene Füße gestellt und von der jetzt noch unumgänglichen englischen und französischen Vermittlung emanzipirt werden, Deutsch­land müffe sich zur Erhöhung seiner Ausfuhr eigene Handelswege suchen, die Beförderung deutscher Postsendungen und Waaren müffe beschleunigt wer- den u. s. w. Alles dies sind Forderungen, welche gewiß an und für sich den Beifall eines jeden für die Interessen seines Vaterlandes eintretenden Deutschen finden müssen. Eine andere Frage ist es aber, eine Forderung im Prinzip gutheißen, eine andere, in Anbetracht der vorliegenden Umstände sich für die momentane Durchführung derselben begeistern. Alle

an die Volksvertretung herantretenden Fragen, welche mit einem erheblichen Geldaufwande ver­knüpft sind, verlangen eine besonders vorsichtige und gewissenhafte Prüfung zu einer Zeit, da von allen Parteien, wenn auch in grundverschiedener Form, eine Erleichterung der auf dem Volke ruhenden Steuerlast gefordert wird, und das Interesse des Volkswohlstandes die äußerste Sparsamkeit in den Staatsbudgets verlangt. Ein jährlicher Mehrauf­wand von 4 Millionen, fortgesetzt durch 15 Jahre hindurch, ist aber keine Kleinigkeit für das deutsche Reich; diese Summe entspricht ja fast den in Preu­ßen zu Gunsten der weniger bemittelten Bevölke­rung gewährten Steuererlassen, und könnte, wenn sie einmal verausgabt werden sollen, wahrlich für weit näherliegende und internere Bedürfnisse, zur Hebung schreiender Rothstände in großen Land­strichen unseres Vaterlandes und zu anderen dem Volke selbst in seiner großen Masse zu Gute kom­menden Zwecken verwandt werden.

Deutschland hat bisher noch keine Kolonien, deß- halb ist ein Vergleich seiner transatlantischen Schiff­fahrtsbeziehungen mit denen der großen Kolonial­staaten, namentlich Englands und Frankreichs, ganz verfehlt. Ein großer, ja weitaus größte Theil des Verkehrsbedürfnisses und der Handelsbezieh­ungen dieser Staaten gründet sich lediglich auf ihre Verbindung mit den unter ihrer Herrschaft stehenden Kolonien. Auch kann die von Deutsch­land ins Auge gefaßte Vermehrung der Dampf­schifffahrtverbindungen mit Asien und Australien uns auch nicht einmal annähernd mit jenen dutzend­fach stärker ausgerüsteten Ländern konkurrenzfähig machen. Dazu kommt noch, daß, selbst wenn eine solche direkte deutsche Postdampfer-Verbindung mit überseeischen Ländern zu Stande käme, nur ein kleiner Bruchtheil der von Deutschland exportirten Waaren auf deutschen Linien ausgeführt werden könnte. Die schwache Motivirung und Vertheidi- gung der Vorlage durch den Staatssekretär Stephan ließ nur zu deutlich herausfühlen, daß man sich in Regierungskreisen der Tragweite aller dieser Einwürfe klar bewußt ist, daß man auch die An­gelegenheit mehr als eine Ehrensache für Deutsch­

land, als für eine Frage des absoluten Bedürfnisses ansieht. Was soll man sonst davon denken, wenn der Herr Staatssekretär auf den Einwand, daß, wenn die Subvention bewilligt würde, für jeden Brief nach China oder Australien ein Betrag von 100 Mk. bewilligt würde, schlankweg antwortet, das habe nichts zu besagen gegen den immensen Vortheil, welchen der direkte Briefverkehr dem Kaufmann im Weltverkehr einbringt? Hieraus allein wird schon jeder der ganzen Frage an sich durchaus Fernstehende erkennen können, daß es sich zunächst wieder nur um eine Unterstützung des Großver­kehrs zu Lasten des schon schwer genug gedrückten steuerzahlenden Volkes handelt, und daß weiterhin diese Unterstützung eine so kostspielige ist, wie sie nicht schlimmer gedacht werden kann. Heber die aus dem Projekte zu erzielenden Vortheile wußte Niemand etwas Bestimmtes zu sagen, selbst der als Interessent sehr kräftig für die Vorlage ein» tretende Abg. Meyer (Bremen) erwartet für die ersten Jahre keine direkten Vortheile von der für Deutschlands Verhältnisse sehr bedeutenden Unter­stützung. Man braucht kaum noch die erdrücken­den Einwendungen des Abg. Bamberger (von denen vielleicht einige wenige nicht ganz stichhaltig sein mögen) und im Vergleich damit das auf die Sache selbst gar nicht eingehende Plaidoyer des Fürsten Bismarck in Miterwägung zu ziehen, um den von dem Abg. Reichensperger vertretenen Standpunkt zu rechtfertigen, daß vorerst ein um­fassendes Material zur Begründung der Vorlage abgewartet werden müsse, ehe man überhaupt zu der Frage definitiv Stellung nehmen kann. Unter den obwaltenden Umständen ist daher an eine An­nahme der Vorlage, selbst wenn die Kommission sie ganz durchberathen sollte, gar nicht mehr zu denken.

Die Regierung scheint auch selbst auf die Erle­digung der Vorlage nicht mehr zu rechnen, viel weniger noch auf ihre Annahme. Selbst wenn es wahr ist, daß Fürst Bismarck gestern den Wunsch geäußert hat, daß die Vorlage noch zur zweiten Lesung, also zur ersten Abstimmung kommen möge, so wäre der Grund für diesen Wunsch wohl nur in den Reichstagswahlen zu suchen.

65 U2J Penelope.

Die zitternde Hand entzog sich der seinen, die blauen Augen blickten traurig zu ihm auf.

„Doktor Ferguson, meine Antwort ist noch die gleiche und mutz immer die gleiche fein — ja immer", wiederholte sie fest, als plötzlich das Ge­sicht des Mannes, der gesagt hatte „Vergessen Sie mich nicht, Nelly", vor ihrer Erinnerung austauchte; und sie wandte sich zu Alick und sagte ihm mit ernster bewegter Stimme er dürfe nie wieder über dieses Thema mit ihr sprechen.

„Nelly — Nelly!" rief er, mit schmerzerfüllter Stimme. „Und ich muß Sie lieben, bis ich sterbe".

Droben an dem dunkeln Nachthimmel funkelten unzählige Sterne. Doktor Ferguson saß an Nelly's Seite in dem duftenden Garten von Craifell.

„Wie leid es mir thut", sagte Nelly bekümmert und legte leicht ihre Hand auf seinen Arm. „Wir Alle haben etwas zu tragen, Alle". Nelly dachte an ihren Liebeskummer und an jenen andern statt­lichen blondlockigen Helden, der all' ihre Gedanken erfüllte. „Alick, suchen Sie mich zu vergessen".

Die Berührung ihrer Hand auf seinem Arm, der traurige Klang ihrer Stimme, die feinen Na­men flüsterten, machten fein Herz vor Weh erbeben. Er erhob sich rasch. „So lange ich mit Ihnen plaudere, wird dies unmöglich sein", sagte er; und Nelly war froh, daß sie in der Dunkelheit den Ausdruck feines Gesichtes nicht sehen konnte. „Gute Nacht!"

Minutenlang hielt er ihre Hand umfaßt und

ging dann mit ernster, trauriger Miene, langsamen Schrittes davon. Am Thore blieb er stehen und blickte noch einmal zurück nach der kleinen Gestalt.

lieber Nelly's Wangen strömten Thranen — Thränen des Mitleids mit Alick und sich selbst.

Ein fröhliches Gelächter Donalds unterbrach jetzt die Stille der warmen, milden Sommernacht. Nelly beugte ihr thränenüberströmtes Gesichtchen tiefer herab, damit in dem bleichen Mondlicht Niemand ihre Bewegung sehen könnte. Sie hörte Alicks Fußtritte in der Ferne verhallen; und jetzt kam Donald auf sie zugerannt und legte zärtlich feine warmen Händchen auf die ihrigen. „Komm' herein, Nelly, die Mutter wünscht es".

Sie nahm den Kleinen bei der Hand und ging mit ihm in das Haus, während Alick, sich im Stillen gelobend, er wolle sie vergessen, fein Zim­mer aufsuchte und sehr weife gleich damit begann, indem er sich niedersetzte, den Kopf in beide Hände stützte und darüber nachdachte, wie Nelly ausge­sehen und gesprochen hatte in jenen glücklichen Tagen, ehe Algy Chartres nach Craigsall gekom­men war. Und als der Morgen graute, war er sich klar darüber, daß er sie mehr als je liebe; und seine Lippen schloßen sich fest, seine freund­lichen Augen blickten hart.

„Ich will es überwinden". So sagte er und so wollte er es auch thun.

Er ging seinem Berus nach, wie gewöhnlich — freundlich, geduldig und unermüdlich wie je; und

gerade weil ihm jetzt Nichts daran lag, vergrößerte sich feine Praxis. Er hatte Alles, was er brauchte, bis auf Eines und weil er dieses Eine nicht haben konnte, war er gleichgiltig gegen Alles.

Mit Nelly war er in ein freundschaftliches Ver- hältniß getreten. Seit jener letzten Nacht in dem mondhelle- Garten war fein Wort von Liebe mehr ihr gegenüber über feine Lippen gekommen.

Kenneth, der scharf beobachtende Kenneth, drückte eines Tages Alicks Hand und sagte in feiner ernsten, knabenhaften Weise:

„Warum denken Sie noch an Nelly, Alick?"

Des jungen Doktors Gesicht war in einem Augenblick wie mit Purpur übergossen.

„Sei nicht kindisch, Kenneth. Wie kannst Du wissen, an was ich denke?"

Aber selbst während et sprach, wanderte fein Blick durch das offene Fenster hinaus, wo Nelly im Sonnen­schein ihre Lieblingsblumen begoß, während die Knaben ihr eifrig Kannen mit Wasser herbeitrugen.

Kenneth blickte gerade in das Gesicht seines Freundes.

„Sie denken eben an sie — Sie denken immer an sie — und, Alick, Nelly selbst denkt nie an Sie".

„Wer weiß dies besser, als ich?" war Alicks mürrische Antwort; denn zum erftenmale hörte er nun die bittere Wahrheit auch von andern, als Nelly's eigenen bebenden Lippen.

Jetzt lachte Nelly, die fröhlich wie ein Kind mit ihren Brüdern spielte, taut auf.