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M 138.

Donnerstag, den 19. Juni

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1884.

Sic .Fuldaer Zeitung" er cheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteliahrlrch-r AbonnemmrSpr z o^- Bnngerlohn u 1 Mk. 50 Pfg-,

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Deutsches Reich.

A Berlin, 18. Juni. Die nationalliberale Presse geberdet sich als die begeistertste Verihei- digerin der neuen Postdampfervorlage, die ihrer äußerst mangelhaften Motivirung wegen zu ein­gehender Prüfung der Budgetkommission über­wiesen worden ist. Bei dieser Gelegenheit suchen die Herren von der nationalliberalen Sache die jüngste Niederlage unter dem Banner Hobrecht und Dr. Blum durch Angriffe auf die Centrums­partei wieder wett zu machen. Jedoch geht ihnen, wie so oft, bei ihrer großen Wuth und ihrem In­grimm die klare Ueberlegung und die Logik ganz verloren, und sie bieten wieder einmal das komische Bild eines Mannes, der aus Aerger über sich selbst und seine eigene Ungeschicklichkeit mit dem ersten Besten, der ihm unbequem ist, den Streit vom Zaun bricht und dann nur immer weidlich drauf losschimpft, wie ein Rohrspatz. Ja, das unbequeme Centrum! Daß diese Leute vom Cen­trum doch gar so kalt und streng und peinlich gewiffenhaft sind, wenn es sich darum handelt, fünfzehn Jahre lang alljährlich 4 Millionen Mark aus den Taschen des Volkes auszugeben! Das Centrum begeistert sich gewiß grade so sehr, und jedenfalls aus uneigennützigeren Motiven für Deutschlands Macht und Einfluß, für die Heb­ung deutschen Handels und deutscher Industrie, aber deshalb kann doch Niemand von der Partei verlangen, daß sie für den Ehrgeiz, die deutsche Postflagge in fernen Gewäffern wehen zu sehen, ohne die stichhaltigsten und detail- lirtesten Gründe, nur auf Grund theilweise von Jntereffenten abgegebener Gutachten, das Reichs­budget für 15 Jahre mit jährlich 4 Millionen Mark belasten soll. Die Nationalliberalen, die den Patriotismus in Erbpacht genommen haben, erblicken in der bloßen Weigerung des Centrums, den Regierungsvorschlag ohne viele Umstände en bloc anzunehmen, einen Mangel an patriotischem Sinn. So fabelt das rheinische Centralorgan der Nationalliberalen folgenden Unsinn zusammen: „Es paßt den Herren vom Centrum nicht, daß ein

deutsches Reich groß Kund mächtig, geehrt jund angesehen in der Welt sei, das nicht nach dem Herzen des Papstes eingerichtet ist. Um im ein­zelnen Falle den Vorwand für die antinationale Haltung zu finden, brauchen die Herren vorn Cent­rum nicht viel Worte zu machen". Und in diesem Tone geht es weiter. Der Herr Artikelschreiber beweist sich übrigens als einen wahren Ausbund von Konsequenz und logischem Denken. Im Ver­laufe desselben Artikels versteigt der Mann sich allen Ernstes zu folgendem Ausspruch: „Wir haben kein Recht, irgend jemand vorzuwerfen, daß seine Begeisterung für die Machtstellung und für die Wahr- und Merkzeichen unserer wiedergewonnenen nationalen Einheit zu gering sei". Wer lacht da? Ist dieser Satz nicht das absolute Gegentheil von der obigen, gegen das Centrum gerichteten Invektive? Wer solchen Widersinn zusammenschreibt, der thäte doch beffer daran, noch einige Semester zur Schulbank zurückzukehren und einige Kollegien über Logik zu hören. Dieselbe .Kölnische Zeitung', welche am Rheine den nationalliberalen Ton angibt, erfreut sich durchgehends einer äußerst intimen Beziehung zu Berliner Regierungskreisen, die eben, wie sich ja neuerdings so vielfach zeigt, ihre Sympathieen für den Nationalliberalismus nicht unterdrücken kön­nen und wollen, wenn derselbe auch eine noch so lächerliche Figur im Parlament spielt. Man darf es doch immerhin als ein charakteristisches Sym« tom ansehen, wenn die .Kölnische Zeitung' zu allererst von allen Zeitungen in der Lage ist, die vollständige Liste der neuernannten Staatsraths­mitglieder zu veröffentlichen, wie dies im Mor­genblatt von heute geschehen ist, welches bekannt­lich bereits um Mitternacht fertig gestellt ist und zur Post expedirt wird. Aus der Liste geht hervor, daß wirklich zwei preußische Bischöfe in ben (Staats* rath berufen sind, der Bischof von Fulda und der Bischof von Ermland. Außer ihnen ist nur noch ein hervorragender Katholik berufen, nämlich Freiherr v. Schorlemer-Alst. Von den Neuernannten laffen sich Manche kaum unter eine bestimmte Parteibezeichnung subsumiren, die meisten werden sich am besten mit dem Namen

„gonvernemental" charakterisiren laffen. Das nationalliberale Element ist auffallend stark ver­treten. Den zwei kath. Bischöfen entsprechen vier hohe protestantische Würdenträger, nämlich General- Superintendent Brückner, Präsident des Oberkir- chenrathes Dr. Hermes, Oberhofprediger Dr. Kögel, Konsistorial-Präsident Mommsen. — Die .Nord­deutsche Allg. Ztg.' widmet in ihrem heutigen Morgenblatt der Jnnungs frage und dem in 2. Lesung angenommenen Antrag Ackermann zum § 100 e der Gewerbeordnung einen längeren Artikel, in welchem die manchesterliche Opposition gegen die Jnnungsbestrebungen scharf angegriffen wird. Das offizöse Blatt geht sogar — o Wun­der! — so weit, die Rede des Abg. Dr. Wind t- horst für den Antrag gegen einen Angriff der .Weser-Zeitung' zu vertheidigen. Wenn diese Zeichen nicht trügen, so weht demnach gegenwärtig in ge­wissen Regionen ein dem Anträge günstiger Wind. Nous verrons!

* Berlin, 18. Juni. Zu Mitgliedern des Staatsraths sind ernannt: Oberpräsident a. D. Graf Arnim-Boitzenburg, Geh. Kommerzienrath Baare in Bochum, Oberbürgermeister Dr. Becker in Köln, Landesdirektor v. Bennigsen, Regierungs­präsident Frhr. v. Berlepsch, Ministerialdirektor Dr. v. Bojanowski, Kommerzienrath v. Born in Dortmund, Ministerialdirektor Brefeld, General­superintendent Dr. Brückner, Staatssekretär v. Bnrchard, Generaldirektor Burghart, Unterstaats­sekretär Dr. Busch, Chef der Admiralität General v. Caprivi, Wirkl. Geh. Rath Dr. v. Dechen in Bonn, Reichsbankpräsident v. Dechend, Amtsrath Dietze in Barby, Landforstmeister Donner, Graf v. Frankenberg-Ludwigsdorf auf Tellowitz, Präsi­dent des Oberlandeskulturgerichts Glatzel, Professor Dr. Gneist, Präsident Dr. v. Goßler in Königs­berg, Generalmajor v. Hänisch, Oberstaatsanwalt Hamm in Köln, Amtshauptmann Frhr. v. Ham­merstein, Generallieutenant v. Hartrott, Oberland­gerichtspräsident Exc. Heimsoeth in Köln, Kammer- Herr v. Helldorff, Gras Henckel v. Donnersmarck, Präsident Dr. Hermes, Unterstaatsfekretär Herr« furth, Regierungspräsident v. Heyden, Geh. Regie«

63 lqj Penelope.

Nach dem Englischen. Dreiundzwanzigstes Kapitel.

In dem warmen Nachmittagssonnenscheine wan­derte Mary Montgomery langsam auf dem engen Fußpfad durch die Stoppelfelder. Hinter den Bergen fliegen Wolken auf — die Spitzen waren schon in Nebel gehüllt — aber die Sonne schien hell und Mary bemerkte die Wolken nicht. Ein schwerer Regen stand bevor, aber sorglos schlen­derte sie weiter, der Nachmittag war gar zu lang.

Ein Jahr hatte in Mary Montgomery keinen Unterschied gemacht; ihr feines Gesichtchen war noch gerade so zart und bleich als früher. Die dunkeln sanften Augen blickten noch mit demselben träumerischen, traurigen Ausdruck unter den langen dunkeln Augenwimpern hervor. Sie war in weiß und rosa gekleidet und trug einen weißen, rosa gefütterten Sonnenschirm in der Hand. Sie ge­währte einen hübschen Anblick in diesem Kostüm, das fast zu hell und duftig war für die einsamen Felder. Sie trug einen weißen Hut mit einer großen Straußenfeder und dreiknöpfige Handschuhe bedeckten ihre kleinen Hände.

Es lag ein gewisses Vergnügen darin, hübsch gekleidet zu sein. Mary hatte viel Geld und guten Geschmack und wählte demgemäß ihre Toi­lette. Uebrigens war ein schöner Anzug mit tadel­losen Schuhen und Handschuhen doch nur ein arm­seliger Trost, wenn nichts als eine herumstreifende

Kuh oder ein Esel die hübsche Erscheinung zu be­wundern da waren. Aber nicht einmal sich selbst wollte Mary zugestehen, daß sie unzufrieden war, oder daß ihr Herz heftig gepocht und die Welt ihr plötzlich viel schöner gedünkt hatte, als sie hörte, daß Alick Ferguson nach Hause zurückgekehrt war. Seit einer Woche war er zurück und sie hatte ihn noch nicht gesehen; sie gab sich alle Mühe, sich nicht enttäuscht zu fühlen. Die ganze Woche war sie weder in der Nähe von Craigfell, noch durch das Dorf, noch sonst wohin gegangen, wo sie ihm hätte begegnen können. So wählte sie auch gerade an diesem Sommernachmittage, nachdem sie ihr rosa und weißes Kleid angelegt hatte, den einsamsten und abgelegensten Weg, den sie nur finden konnte und saß, an die trockene, warme Bank angelehnt, lange Zeit unter einer sonnigen Hecke, beschattet von ihrem Sonnenschirm, der einen rosigen Schimmer über ihr Gesicht warf. Sie hielt ein Buch in der Hand und bemühte sich ernstlich, demselben ihre ganze Aufmerksamkeit zu­zuwenden. Aber das Buch war langweilig und sie fühlte sich so sehr verlaffen. Eine Kuh fraß eifrig an der andern Seite der Hecke — und dies war der einzige Laut, der die Stille unterbrach. Ein Paar Sperlinge hüpften umher, nicht im Ge­ringsten beunruhigt durch die kleine rosa und weiße Dame, die so ruhig dafaß — dann flogen sie weg. Die Kuh trollte wieder nach der andern Seite des Feldes; ein Rothkehlchen fang auf einem herab«

hängenden Zweig feine klagenden Weisen — es klang wie ein Sterbelied für den scheidenden Sommer. Es wurde müde vom Singen und flog ebenfalls weg, Mary war nun ganz allein.

„Ich könnte auch gehen", sagte sie und schlug langsam den Heimweg ein.

In der entgegengesetzten Richtung kam ihr eine Gestalt entgegen und Mary's bleiche Wangen rötheten sich plötzlich, als sie den raschen, lebhaften Gang des näherkommenden Mannes erkannte, und die Röthe lag noch auf ihren Wangen, als Alick Ferguson, mit dem freundlichsten Lächeln auf den angenehmen offenen Zügen, auf sie zukam.

„Wie freue ich mich, Sie zu sehen" , sagte er mit festem Druck der kleinen behandschuhten Hand und blickte wohlwollend auf die kleine rosa und weiße Gestalt, in die schüchternen dunkeln Augen, die unter dem großen Hut mit den hängenden Straußfedern hervorlugten. „Sie sehen wie eine Fee ober wie eine Prinzessin aus", sagte er la» chend.

„Meinen Sie?" entgegnete Mary, ebenfalls la« chenb — „eine Fee in rosa Muffelin?"

„Sie werben eingeweiht werben, arme Fee, unb zwar sogleich", sagte er, auf bie dunkle Wolke deutend, die den heilen Himmel verfinsterte.

Mary blickte auf.

„Ich kann es nicht ändern — ich habe nichts zu verderben."

„Aber Sie könnten sich erfüllen."