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M 135.

Fuldaer

Montag, den 16. Juni

1884.

60

inj Penelope.

Nach dem Englischen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der Sommer war vergangen und hatte dem Herbste Platz gemacht. Algy und Penelope kämpf­ten in London mit der Armuth und behalfen sich mit einer kleinen erbärmlichen Wohnung. Es war weit schwieriger für Algy, eine Anstellung zu finden, als er es sich vorgestellt hatte. Mäh- rend der heißen Julitage schritt er oft stunden- lang über das glühende Pflaster, um Beschäf- tigung zu suchen und kehrte dann des Abends müde und niedergeschlagen in die traurige Woh­nung zurück, wo Penelope eifrig an ihrer Stickerei arbeitete, die weit leichter zu verfertigen, als zu verkaufen war. Und endlich war Algy froh, eine Schreiberstelle auf einem Bureau zu finden, um ein Salair, das vor einem Jahre gerade für Handschuhe und Cigarren ausgereicht hätte; dies sagte er selbst, mit einem Anflug seiner alten Hei­terkeit, als er Penelope von seinem guten Glück erzählte. _ .

„Du wirst später etwas Besieres finden', sagte sie ermunternd.

Mit bitterm Lächeln betrachtete Algy ferne Hande.

„Meine Hände werden jetzt mit Tinte bedeckt werden", meinte Algy. „Wer mir das früher gesagt hätte! Oft muß ich fast lachen über mein Elend. Würde ich noch vor einem Jahre geglaubt haben, daß Algy Chartres, der extravaganteste

Zweites Blatt.

* Der Wahlsieg der belgischen Katholiken.

Nach dem bekannten günstigen Ausfall der belgischen Provinzialrathswahlen am 25. Mai wurde allgemein der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß auch die Kammerwahlen am 10. Juni dem übermüthigen liberalen Logenregiment einen Denk­zettel geben würden. Dennoch hat auch der größte Optimist nicht den Sieg erwarten können, den die belgischen Katholiken Dank ihrer vortrefflichen Wahlorganisation und Agitation uud Dank der himmelschreienden liberalen Tyrannei am 10. Juni errungen haben. Die Situation hat sich vollständig umgekehrt. Die liberale ministerielle Majorität betrug in der 138 Mitglieder zählenden Kammer bisher 20 Stimmen, denn 79 Liberalen standen 59 Konservative gegenüber. Seit der Wahlschlacht vom 10. Juni zählen die Konserva­tiven 85, die Liberalen 53 Stimmen, so daß die katholische Mehrheit in der Kammer 32 Stimmen beträgt, also 12 Stimmen mehr, als die bisherige liberale Majorität. Dieses Wahlresultat ist ein großer Triumph für die Sache der belgischen Katholiken und eine wohlverdiente empfindliche Niederlage der beiden liberalen Fraktionen, der Doktrinären (Gemäßigten) und Progreffisten (Ra- dikalen). Das belgische Volk hatte diesmal, wie überhaupt alle zwei Jahre, die Hälfte der Depu- tirten, nämlich 69, zu wählen. Von den Aus- scheidenden gehörten bisher 40 der konservativen und 29 der liberalen Partei an, 19 Konservative und 50 Liberale haben noch für zwei weitere Jahre ihren Sitz in der Kammer behalten. Trotz­dem demnach für die Katholiken weit mehr auf dem Spiele stand, als für die Liberalen, haben erstere nicht nur ihre 40 Sitze behauptet, sondern von den 23 liberalen 26 hinzuerobert. Dabei ist auch noch die große Stimmenzahl zu berücksichtigen, mit der die katholischen Kandidaten über, ihre Gegner triumphrrten, sowie namentlich der Um­stand, daß die Hauptstadt Brüssel selbst, die Hoch­

burg des Liberalismus und der Freimaurerei, ihre sämmtlichen 16 Mandate an die katholische Partei verloren hat. Die Loge ist natürlich rathlos; für das Ministerium blieb nach belgischen Grundsätzen nichts anderes übrig, als dem Könige seine Ent­lassung einzureichen, wie es auch geschehen ist. Der Gedanke an die Möglichkeit einer Kammerauflösung wäre eine Thorheit gewesen, denn die Neuwahlen würden nach Lage der Sache die Niederlage der Liberalen nur noch verschlimmern können. Die erste Konsequenz des Wahlsieges der vereinigten Kleri- kalen und Konservativen ist demnach die Berufung des katholischen Kabinets Malou, und deffen erste Aufgabe wird es sein, den Senat, welcher noch eine kleine liberale Majorität besitzt, zum Zwecke von Neuwahlen aufzulösen. Seit dem Sturze des katholischen Kabinets Malou im Jahre 1878 sind nunmehr 6 Jahre verflossen. Dreimal haben seitdem Neuwahlen stattgefunden, welche leider die Majorität der Liberalen immer mehr erhöhten. 1878 standen 70 Liberale gegen 60 Katholiken, bei den Wahlen 1880 und 1882 stieg die liberale Majorität von 10 auf 14 und 18 resp. 20. Nun hat die katholische Partei mit einem Schlage eine Majorität von 32 Stimmen erreicht. Man wird begreifen, daß die Loge über diese schreckliche Nie- derlage aus Rand und Band ist. Der beste Be­weis dafür sind die Straßenunruhen, welche na­mentlich in Brüffel und Antwerpen gleich nach den Wahlen ausgebrochen sind, und zufolge authen- tischen Berichten lediglich den liberalen Hetzern zur Last fallen. Man könnte es wahrlich den katholischen Wählern und auch dem gemeinen Volke nicht verargen, wenn sie sich die Faustschläge und Insulte der liberalen Freimaurerbande nicht ruhig gefallen lafsen. Die vorgekommenen Unruhen sind gewiß bedauerlich, aber die Verantwortung für solche Ausschreitungen fällt nur auf die Tyrannei der Loge, welche glaubt, daß ihr alles erlaubt ser, und daß sie an dem siegreichen „katholischen Pöbel , wie die liberale belgische Presse sich ausdrückt, ihr Müthchen kühlen können. Sehr charakteristisch für die belgischen Zustände ist die lästige und nachsichtige Haltung der Polizei den vorge-

Offizier seines Regiments, jetzt froh wäre, eine aanz gewöhnliche elende Schreiberstelle anzunehmen und um ein bloßes Nichts von Morgens bis Abends wie ein Sklave zu arbeiten? Wer mir das ge­sagt hätte, dem hätte ich in das Gesicht gelacht.

Eines Abends kam Algy mit ernster bekum- merter Miene und einem fast verzweifelten Buck in den Augen nach Hause. Penelope sagte Nichts, sondern servirte ihm schweigend seinen Thee. Cr stieß ihn mit ungeduldiger Geberde weg und stützte müde seinen Kopf auf seine Hände.

„Nimm ihn fort, Pen - ich kann Nichts effen.

„Warum Lieber? Bist Du müde?"

„Müde? ja — lebensmüde? Ein solches Leben hat keinen Werth mehr für mich."

Penelope trat zu ihm und schlang zärtlich ihre Arme um feinen Hals.

„Algy, Liebster, was quält Dich heute?'

„Nichts", antwortete er, sich von ihren Händen freimachend und an das Fenster tretend, das die Aussicht auf Dächer und Kamine bot.

Hier stand er, bis es vollständig dunkelte und Penelope mit einem Seufzer ihre Arbeit nieder- legte, die Hände in den Schooß finken ließ und darüber nachgrübelte, wie dies Alles wohl enden würde. Traurig blickte sie auf die große statt­liche Gestalt an dem kleinen Fenster. Armer Algy. Er trug fein stolzes Haupt nicht mehr hoch er- hoben, wie in den alten Tagen, und der einft fo elastische Schritt war jetzt oft schwer und müde;

kommenen gröblichen Ausscheidungen gegenüber. — Vielfach herrscht die Meinung, als fei die Wahl, ebenso wie die jüngsten Provinzialwahlen, auf Grund des neuen Wahlgesetzes vollzogen werden, welches bekanntlich zum Wahlrecht nur Leute von einem gewiffen besonders nachzuweisenden Bildungs­grade zuläßt. Dies ist nicht der Fall. Es war der alte Wahlkörper, es waren die höher als mit 42 Francs 32 Cent. Besteuerte, welche die Ent­scheidung in der Hand hatten. Die Liberalen haben die Kapacitätswähler nur versuchsweise für Provinzial- und Kommunalwahlen neu eingeführt, nicht aber für die Kammerwahlen.

Dem neuen katholischen Kabinet, als deffen Chef, wie schon gesagt, der frühere katholische Ministerpräsident Malou fungirt, wird ohne Zweifel mit Klugheit und Besonnenheit an die Reform der verrotteten liberalen Gesetzgebung Herangehen. Es ist so recht bezeich- nend für die lieberale Arroganz, daß schon gleich am Tage nach der großen Niederlage belgische Logenblätter zu melden wußten, das neue Mini­sterium und die konservative Partei werde die Situation mit großer Mäßigung ausnutzen. Diese Tyrannen, welche kein Recht, kein Gefühl der Katholiken gescheut haben, wo es sich um die Durchführung ihrer Ideen und Pläne handelte, erwarten von den gutmüthigen Katholiken natür­lich „Mäßigung". Und sie werden sich in dieser Erwartung auch nicht täuschen. Unbarmherzig werden aber die gegen die katholische Kirche und ihre SDiener, sowie die gegen die Schule gerichteten Gesetze vernichtet werden. Das Kultusbudget muß wieder hergestellt, und vor allem die schmähliche Aufhebung der Nuntiatur rückgängig gemacht werden. Durch Erweiterung des Wahlrechtes, einsichtsvolle Revision auch der rein bürgerlichen Gesetzgebung der liberalen Aera, durch Sparsam- feit im Staatshaushalte, Anbahnung sozialer Re­formen wird dann das Kabinet feine Stellung allmählig fester und fester gestalten können und hoffentlich dem auch materiell schwer darnieder­liegenden und durch die liberale Wirthschast tief geschädigten Lande Ordnung, Frieden und Wohl­stand wiedergeben. ,___________

Sorge und Enttäuschung hatten das tapfere jung Herz fast gebrochen.

In der Dunkelheit konnte er die Thränen nicht sehen, die reichlich aus den Augen seiner Schwester fielen; aber plötzlich trat er vom Fenster weg, ließ sich neben ihr auf den Boden fallen und ver­barg seinen Kops in ihrem Schooße.

„Erst seit heute weiß ich, wie sehr ich am Gelds hänge, Pen," sagte er mit leiser, vor Erregung bebender Stimme.

„Ich habe Nelly gesehen."

Eine kleine Weile herrschte Schweigen. Pene­lope strich sanft mit der Hand über fein Haar und blickte durch ihre Thränen auf ihn herab.

„Ich glaubte, ich hätte angefangen, mich an den Gedanken zu gewöhnen, ohne sie leben zu müffen", fuhr er mit derselben leisen, schmerz­lichen Stimme fort, „aber ich täuschte mich. Ich sah sie heute plötzlich und o, Pen, wie unglücklich bin ich!"

„Erzähle mir Alles, Algy."

„Da ist nicht viel zu erzählen. Ein Wagen fuhr vorbei — ich blickte auf und sah sie. Alles, was ich verloren, trat mir wieder klar vor Augen. Was gäbe ich nicht darum, ihre Stimme noch einmal zu hören! Meine liebe kleine Nelly, sie hatte mich gern; und o wie hart ist es, sie auf­geben zu müffen!"

„Sah sie Dich auch?" fragte Penelope faust „Nein, und wahrscheinlich hätte sie mich auch