Einzelbild herunterladen
 

1884

Montag, den 16. Juni

Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg, — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

• ■■■■ ■ — ■ —

Erstes Blatt.

Deutsches Reich.

* Berlin, 14. Juni. Wie die ,Berl. Pol. Nachr.' hören, hat der König nunmehr die nöthigen Ordres wegen Einberufung des Staats» rathes, sowie wegen Ernennung einer Anzahl neuer Mitglieder desselben vollzogen, und es steht zu erwarten, daß die erste Einberufung des Staats- raths noch in diesen Wochen vor Schluß des Reichs­tages stattfinden werde. Das Blatt fügt zu dieser Nachricht hinzu:

Daß dem Staatsrath schon jetzt Gesetzesvorlagen unter­breitet werden könnten, welche für den nächsten Landtag bestimmt sind, halten wir kaum für wahrscheinlich, es sei denn, daß die in der abgelaufenen Session unerledig ge­bliebenen hierzu das Material abgeben sollten. Wohl aber wird es ein Bedürfniß des Staatsraths sein, sich insoweit zu constituiren, daß er demnächst für die sofortige Inan­griffnahme des ihm zugehenden Arbeitsstoffes bereit ist. Wir werden abzuwarten haben, ob damit die bekannten Intentionen des Fürsten Bismarck, aus dem preußischen Ministerialdienst auszuscheiden, ihrer Verwirklichung näher kommen oder ob der letzteren noch weitere Hindernisse im Wege stehen. Nach Allem, was wir hören, besteht sein Bedürfniß nach Verminderung seiner Geschäftslast nach seiner eigenen Ansicht sowohl wie nach der der Aerzte un­verändert fort und ebenso der Weg, auf welchem er diesen Zweck zu erreichen glaubt. Die Betheiligung am preußischen Staatsrath würde dann die Verbindungsbrücke zwischen der ministeriellen Thätigkeit des Reichskanzlers und der des preußischen Staatsministeriums bilden.

* Berlin, 13. Juni. Die nationallibe» raleFraktion hatbeschlossen, bei derBerathung des Gesetzes über die Postdampfer-Subven» tion gegen Kommissionsberathung zu stimmen und wird die Vorlage annehmen. Dagegen wird sich dem ablehnenden Votum der deutschfreisinnigen Partei gegen den Gesetzentwurf auch die Volks­partei anschließen. — Selten ist ein so umfang­reicher Bericht wie der 129 Druckseiten umfassende der Unfallversicherungs-Kommission (von Frhrn. v. Hertling) so schnell zur Vertheilung gelangt. Vorgestern Mittag wurde der letzte Ab­schnitt desselben in der Kommission verlesen, und gestern in später Abendstunde befand er sich bereits in den Händen der Abgeordneten.

• Berlin, 12.Juni. Unter der Ueberschrift „Der kirchliche Charakter der Grund­steinlegung" macht die .Germania' nachträglich über die an dieser Stelle bereits besprochene offizielle Aufnahme des protestantischen Weihe­spruches in das Programm u. A. die folgenden Bemerkungen:

„Nach Geschichte, Recht, thatsächlichen Verhältniffen und dem festen, wohlfundirten Willen der Katholiken ist das deutsche Reich ein paritätisches Reich, kein protestanti­sches. Nichts hindert die Katholiken, ihrem protestantischen Kaiser nicht bloß in Gehorsam und Treue, sondern auch in Liebe und Verehrung ergeben zu sein. Aber gegen das „protestantische Kaiserthum" als Institution haben wir, wenn sie von Unberufenen seit dem Jahre 1871 zuweilen proklamirt worden ist, durch Wort und That stets prote- stirt, und wir werden das auch weiterhin, unter allen Um­ständen, in vollster Konsequenz, bis zum unbedingten gan­zen Siege dieses paritätischen Charakters des neuen Reiches. Die Folge dieses paritätischen Charakters ist ohne jeden Zweifel, daß keine offizielle Reichshandlung und deshalb auch keine offizielle nationale und patrioti­sche Feier einen protestantischen Charakter tragen darf. Dieser ist aber der Feier der gestrigen Grundsteinlegung durch Programm und That beigelegt worden — durch Weihespruch, Gebet und Segen eines protestantischen Pre­digers und durch Absingen eines protestantischen Kirchen- eiedes, worüber die offizielle „Ordnung" der Feier sogar zu bemerken sich erlaubte, das Lied werde „von der gan­zen Versammlung gesungen", obgleich derselben doch auf Grund offizieller Einladung nicht bloß Protestanten bei­wohnten. Es pflegt sonst bei Einladungen Sitte zu sein, den Geladenen nichts zu bieten, was sie irgendwie auch nur unangenehm berühren, geschweige denn gar als Zurücksetzung oder Verletzung von ihnen empfunden werden müßte. Soll diese selbstverständliche Regel auch beiden offiziellen Veranstal­tungen des Reiches eingehalten, undsolldenKatholiken

die Betheiligung an denselben offen gehalten werden, dann dürfen solche Veranstaltungen des Reiches keinen protestantischen Charakter aufgedrückt erhalten. Unseres Erachtens braucht dieser Gedanke nur ausgesprnchen zu werden, um allgemeiner Zustimmung sicher zu sein. Seine Nichtbeachtung ist unmöglich, sobald man sich der in Betracht kommenden Gesichtspunkte erinnert und ihrer sich klar bewußt wird. Wir enthalten uns deshalb, bis auf etwaigen Widerspruch, zunächst jeder weiteren Ver­stärkung der oben ausgesprochenen, längst durchschlagenden Grundlagen unserer Forderung: keine offizielle Veranstal­tung des Reiches mit protestantischem Charakter! Soll­ten wir aber Widerspruch finden, so würden jene Grund­lagen noch wichtige Verstärkungen finden können in allge­meinen Betrachtungen über den Charakter einer solchen konfessionellen Behandlung nicht-konfessioneller Veranstal­tungen und in einer Spezialkritik über die gestrigen Vor­gänge, so weit sie auf diesem Gebiete liegen."

T. G. Sommermoden.

Früher als sonst hat der Sommer seinen Einzug ge­halten, und nachdem die Frühlings-Toilette kaum Zeit und Gelegenheit gefunden, sich zu entfalten, verlangen schon warme, sonnendurchleuchtete Tage energisch nach leichten Gewändern, nach schützenden Hüten, nach neuen Formen und Farben aus jedem Gebiet, um nicht zurückzustehen hinter der bunten, ewig neuen Pracht der Natur. Die Harmonie mit diesem großen bedeutenden Rahmen unseres unbedeutenden Selbst immer und Überall festzuhalten, ist wohl eines der wichtigsten Toiletten-Gesetze, wenn man der Mode überhaupt eine Bedeutung vom ästhetischen Stand­punkt aus zugestehen will, und die fein empfindende Frau unterwirft sich demselben stets — sich und ihrer Umgebung vielleicht unbewußt. Man sagt von einer solchen dann wohl, daß sie immer „distinguirt aussehe", daß sie „vor- züglrch Toilette mache", und dabei ist die letztere oft viel einfacher und weniger kostspielig, als die vieler ihrer Schwestern, welche aber nur zu oft über sich selbst den Rahmen vergessen. So kann z. B. manche echte Evas­tochter sich nicht versagen, die neue, hochelegante Helle Toilette spaziren zu führen, auch wenn ihr Weg sie bei trübem Wetter durch die staubigen, menschenerfüllten Straßen einet großen Stadt, oder auf dem Lande über feuchte Wiesen und in ein primitives Erfrischungs-Lokal führt. Ebenso muß man es als häßliche Dissonanz em­pfinden, wenn uns bei wolkenlosem Himmel, im strahlen­den Sonnenschein Jemand im langen dunklen Redingote entgegentritt oder in einem vertragenen, Farbe und Frische entbehrenden Anzuge, der ausschließlich im Hause noch ganz gut seine bescheidene Rolle zu spielen im Stande wäre. — Um derartige größere und kleinere Sünden zu vermeiden, genügt selbst das eifrigste Studium der besten Moden-Zeitung nicht immer, wenn wir auch gern aner­kennen, daß z. B. die Jllsturirte Frauen-Zeitung mit ihren mannigfaltigen kurzen Notizen und wohl zu be­herzigenden Hinweisen es sich redlich angelegen sein läßt, ihren Leserinnen nicht allein eine Fülle von Vorlagen zu geben, sondern auch auf die Entwicklung des persönlichen Geschmacks und Taktgefühls in Sachen der Mode günstig einzuwirken. Trotzdem muß der Natur der Sache nach, immer noch viel in der Hand jedes Einzelnen bleiben und das ist vielleicht gut, denn was würde sonst aus der In­dividualität, die doch gerade in den Nuancen der äußeren Erscheinung ihren charakteristischen Ausdruck findet?!

Doch genug der Principien! Versuchen wir es lieber, in flüchtigen Strichen ein Bild zu geben von dem, was die Mode uns für diesen Sommer gebracht, und worunter für Alle und Jeden viel des Guten und Schönen sich findet. Schon in dem reichen Stoff-Material, welches vorliegt, spricht sich diese Fürsorge für die verschiedensten Bedürfniffe und Ansprüche aus. Billige Stoffe gab es ja immer; nie aber waren diese so gleichberechtigt mit den kostbarsten Gewebe wie heute. Elsaßer Kattune, Cretonne, Zephyr, Percal, Satin, sie alle dürfen nicht allein neben Foulard, Seide, Krepp, Batist und Spitzen­stoff erscheinen, sondern sogar damit concurriren, denn der Reiz der Farben und Muster ist ein Gemeingut aller Gewebe geworden, so daß das Ausschlaggebende nur das mehr oder weniger glückliche Arrangement und der damit erzielte Effect ist. Eine ganz besonders dankenswerthe Ueberraschung brachte uns aber die letzte Saison-Neuheit: der reizende Musselin ist zu einer neuen Periode des Glanzes erstanden und in ihm gipfelt der Begriff von einer eleganten und dabei doch anspruchslosen, sommerlich duftigen Toilette für die Zeit der Bade-Saison und Villeggiaturen. Da der leichte Stoff in den hellsten wie dunkelsten Farben auftritt und sowohl eine ganz bescheidene kleine Streublumen-Musterung, als die phantastischsten, buntesten Ramage-Muster zeigt, so dürfen Alt und Jung sich des neuen Materials bedienen. Alles Geblümte ist in erster Reihe modern, und es möchte sich vielleicht ver­lohnen, in Schränken und Spinden eines nachsichtigen Großmütterchens Umschau zu halten, ob nicht unter den

Reminiscenzen ihrer Jugend so mancherlei sich findet, was heutzutage als ganz besonders apart und als de*ni6re nouveautö gelten könnte. Tolerant gegenüber der Wahl der Stoffe, ist es die Mode auch in Bezug auf Form und Ausstattung der Toiletten; ein Blick auf ote große Verschiedenheit derselben zeigt, wie wenig ihr daran liegt, eine Form bominiren zu lassen. Neben dem beliebig drapirten Rock, dem jede Art von Pliffö- oder Volant-Arrangement gestattet ist, und der als Ergänzung die über den Hüften geschweifte kurze Schoß­oder Schnebbentaille verlangt, sehen wir den schlichten, glatten, nur mit ca. zehn Ctm. breiten Säumen ausge­statteten, oder den ringsum in ganzer Höhe plissirten Rock, zu welchem jede Taillenform, sowie Bluse und Ueberkleid glnch passend erscheinen. Während Schoß- und Schnebben- tnue sich tm Falten-Arrangements gefallen, Revers Fi- chus oder Westen bevorzugen, verzichtet die kurze runde - « Form und Schnitt wie die Taille eines Reitkleides gefertigt, — meist auf jede weitere Garnitur uno sucht m tadellosem Sitz den Ausdruck eleganter Ein­fachheit. Will man aber aus der Fülle des Gebotenen eme besonders charakteristische Mode herausgreifen, so sind es die Spitzenkleider, welche zum Schluß der Saison be- reits im Salon die höchste Eleganz vertraten und auch ^?^?E?".-Toilette dieses Prestige beibehalten haben. Das Material ist, dem veränderten Zweck entsprechend, weniger kostbar, doch deshalb nicht minder reich und re»- voll m seiner Wirkung; an Stelle der Feinheitund Weich­heit der echten Spitzen oder kunstvoller Imitationen tritt bei den gröberen Fabrikaten eine kräftigere Wirkung des Musters und größere Widerstandsfähigkeit des ganzen Ge- webes, welche das Bauschige in dem Charakter der heu­tigen Mode wirksam unterstützt. Gespart darf freilich mit dem luftigen Material nicht werden, gleichviel, ob man dasselbe ausschließlich anwendet oder mit einem festen Iew-b- rusanimenstellt. Je nach der Bestimmung der Toilette, bleiben Aermel und Schultern entweder ohne Futter, oder dasselbe wird durchgehends beibehalten. Letz­teres ist für die Promenade das einzig richtige.

Weniger kostbar als Spitzen und Spitzenstoff, aber nicht mmder elegant erweisen sich die mannigfaltigen Ma- schinen-Sttckereien, unter denen die ecrufarfcenen die erste Stelle emnehmen. Sie erscheinen als Volants in jeder Breite, ergeben Breite Kragen sowie selbstständige Pelerinen mit hochstehender Achsel, die nach wie vor gern getragen werden. Auch Farbe in Farbe, sowie bunt auf getöntem Batist oder farbigem Percal ausgeführt, bildet die Ma­schinen-Stickerei eine der praktischsten Garnituren, deren Wirkung durch dunkle Sammetschleifen erhöht wird.

Spitze und Stickerei begnügen sich aber nicht mit der uneingeschränkten Herrschaft zur Ausstattung der Kleider und Umhänge; sie nehmen dies Vorrecht auch an Schir­men und Hüten in Anspruch. Abgesehen von den etwas extravaganten Schirmen aus Spitze ohne Futter,.die ihren eigentlichen Zweck völlig verfehlen, zeigen farbige wie schwarze elegante Atlas- oder Ottoman - Schirme reichsten Spitzenbesatz, bald den Fond glatt oder als Volants be­deckend, bald nur den Rand umsäumend, auch als Rüschen und breite gezogene Puffen neben Schnur-Umrandung. Büschelschleifen und Pompons bilden vor wie nach den beliebtesten Schmuck der ins Unendliche variirenden Schirm­stöcke, vom einfachen Bambus oder gebeizten Naturstock bis zu den feinsten Schnitzereien in Elfenbein oder seltenen fremden Hölzern. Die Quintessenz der Eleganz repräsen- ttren die Griffe aus Porzellen mit dem alten Meißener Zwiebelmuster oder in Gestalt kleiner Rococo - Figürchen. Das trotz des Futters sichtbare bronzirte Gestell wird meist dem früheren Arrangement vorgezogen, ist aber Geschmackssache, wie vieles andere.

Die Formen der Hüte zerfallen in zwei Hauptgruppen: die Capote und der runde Hut mit hohem Kopf; beide aber weisen eine ganze Reihe von Variationen auf, die auf dem Prinzip der Kleidsamkeit beruhen. Zierliche gruppenweise geordnete Schleifen aus breitem Sammet­band, Rosetten aus strohhalmbreitem Band oder ausge- schlagenen Stoffstreifen, Spitzen-Arrangements, — alles durch viele lange Metallnadeln gehalten, dazu duftige Sträuße aus Blumen und Gräsern, wie sie die Natnr kaum schöner bietet, von zarten Libellen und bunten Schmet­terlingen umgauckelt, — dies ist das beliebig einzeln ver- wendete ober nach Bedarf zusammenzusetzende Garnitur- Material der Hüte, die in allen Nuancen der modernen Farben und schier unabsehbaren Geflecht- und Stroharten zu Gebote stehen. Schutenform und Matrosenhut ringen um die Gunst der zärtlichen Mutter, welche dem rottaen Gesichtchen ihres Lieblings kaum einen besseren Rahmm verleihen kann, als die breite krause Krempe des Batist- Hutes, der große Leichtigkeit und genügenden Schutz gegen die Sonne zu seinen Vorzügen zählt. Der Stoff­hut paßt auch vorzüglich zu den zierlichen Anzügen der Kleinen, für welche die hübschen Zephyrs und Satins wie geschaffen erscheinen. Ganz reizend sind die aus ecrufarbener Maschinen-Sttckerei gefertigten Röckchen mit ab. stechendem oder gleichfarbigem Unterrod, dazu eine lange