1884.
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Deutsches Reich.
A Berlin, 12. Juni. Die gestrige Reichs, tagsverhandlung gestaltete sich zu einem großartigen Triumph der katholischen Sache. Im ganzen deutschen Reichstage fanden sich nur noch 40 Stimmen, die das exorbitanteste Kulturkampfsgesetz, das Prie- sterausweisungsgesetz, noch ferner aufrechterhalten wissen wollten. Mit 217 gegen 40 Stimmen hat die deutsche Volksvertretung den Stab gebrochen über dieses Werk einer von kirchenpolitischer Leidenschaft bewegten Aera, und die Regierung stand allein da mit jenen 40 letzten Rittern des Kultur- kampfes, denRationalliveralen, sowie einigen Mitgliedern der deutschkonservativen und der Reichspartei. Seitens der verbündeten Regierungen wurde zwar über das Gesetz selbst absolutes Schweigen beobachtet, aber mit Rücksicht auf die bekannte Ablehnung des bereits einmal vom Reichstage mit Dreiviertel-Majorität beschlossenen Gesetzes muß man vor der Hand die Stellung der Reichsregierung gegenüber dem Windthorst'schen Anträge als eine feindselige betrachten. Jetzt allerdings, wo die Freunde des Verbannungsgesetzes auf die klägliche Zahl von 40 gesunken sind, wird der Bundesrath, wenn er nicht gerade vor den Wahlen dem Reichstage %nen Faustschlag in's Gesicht versetzen will, die Genehmigung des Gesetzes nicht ablehnen können. Die Situation ist für die Regierung immer- hin eine höchst peinliche, sie wird sich sagen müssen, daß sie besser daran gethan Hütte, endlich selbst die Aufhebung des Gesetzes zu beantragen,- als mit immer steigender Vehemenz von der Volksvertretung dazu getrieben zu werden. Die gestrige Debatte gewährte ein Bild, welches jedem Freunde des kirchlichen Friedens und jedem Gegner der nationalliberalen Heuchelei zur höchsten Freude gereichen mußte. Es wurde den Herren, welche auf ihren Parteitagen auch von ihrer kirchenpolitischen Friedensliebe zu reden pflegen, endlich einmal gründlich die Maske vom Gesichte gerissen. Centrum, Freisinnige, Konservative begleiteten die mannigfachen gegen diese eingebildeten Prahlmeier geschleuderten Angriffe mit jubelnvem Beifall. So
zeigte sich übrigens als ein so feuriger Kulturkämpfer, daß er sich sogar widersetzen will, wenn die Regierung erklären sollte, sie könne das Gesetz entbehren. Reizendes Geständniß! Ob wohl die draußen stehenden großen Parteichefs, die Herren Bennigsen und Miguel sich darüber freuen, wie ihre Adepten gestern aus der Schule geschwatzt haben? Wir glauben dies kaum! — Die beiden letzten Tage gehören durch die Annahme des Jn- nungsantrages und das über den Kulturkampf gefällte Verdikt ohne Zweifel zu den allerbesten der Session. Hoffentlich wird das Zu- sammengehen vom Centrum und Konservativen auch noch fernerhin gute Früchte tragen. Das Börsensteuergesetz ist in der heutigen zweiten Lesung des Bundesrathes fast vollständig unseren Wünschen entsprechend abgeändert und zu einem wirklichen Börsensteuergesetz umgewandelt. Auch die Zuckersteuer-Vorlage ist in gerechtere Formen gebracht, so daß aller Voraussicht nach beide Gesetze die Mehrheit finden werden.
* Berlin, 10. Juni. Die Transvaal-Deputation machte heute Nachmittag dem Fürsten Bismarck und den aktiven Ministern ihre Abschieds- besuche und reiste, vom Geheimen Legationsrath Kusserow nach dem Bahnhof geleitet, heute Abend nach Amsterdam ab. — Die Großherzogin von Baden ist heute Abend nach Karlsruhe abgereift.
• Berlin, 11. Juni. Die Abreise des Kaisers nach Ems ist nunmehr aus Freitag Abend festgesetzt.
* Berlin, 11. Juni. Die Bundesraths- ausschüsse haben heute die zweite Lesung des Börsensteuergesetzes beendet und dasselbe mit Abänderungen angenommen. Sie haben sich bemüht, das nicht börsenmäßige Waarenge- schäft von der Steuer auszunehmen und haben das steuerfreie Minimum für Waaren- umsätze von 1000Mark auf 3000 Mark erhöht. Ferner sollen Geschäfte über s e l b st e r z e u g t e oder zur Verarbeitung bestimmte Maaren ganz steuerfrei bleiben. Was die Kontrolbestimmungen anbelangt, so wird das Steuerbuch zwar beibehalten, die Steuerbehörde soll aber nur in Ausnahmefällen Einsicht in dasselbe verlangen können.
terlss in seinen Stall zurücktraben, während Harcourt Chartres sehr niedergeschlagen sich vom Boden erhob. m
Jetzt trat Algy in ihr Zimmer. „Komm Pen, wir müssen in einer halben Stunde gehen. Sahst Du, was dem Burschen passirte?"
„Ja," sagte Penelope, durch ihre Thränen lächelnd. ,Jch dachte mir, daß er Captain nicht gewachsen sei."
„Du siehst schrecklich übel aus, Pen. Ich glaube, es wird uns Beiden besser werden, wenn wir Castle Chartres für immer Lebewohl gesagt haben."
Am Tage zuvor hatte Miß Chartres, zum ersten Male in ihrem Leben wirklich krank aussehend, Castle Chartres verlassen und die Reise nach Deutschland angetreten. Tom hatte in einem Korb seine entthronte Herrin begleitet, sein klägliches Miauen stimmte gut zu Miß Chartres bittern Lamentationen. Wohl mochte er miauen, der arme Kater — keinen Luxus, keine Delikatessen gab es mehr für ihn, den armen Burschen.
Algy lachte über die totale Niederlage seines alten Feindes. „Tom wird jetzt Mäuse fangen müssen," sagte er mit seinem alten, fröhlichen, knabenhaften Lachen. „Und Pen, wenn ich an Tante Chartres' Gesicht denke, könnte ich mich aus- schütten vor Lachen."
Und Penelope war so froh, den düstern, klein- müthigen Ausdruck, wenn auch nur für einen Augenblick, von feinen Zügen verschwinden zu sehen, daß sie zu ihm hintrat, ihn küßte und sich bemühte mit
saßen sie denn nicht nur zwischen 2, sondern sogar zwischen 3 Stühlen, und trotz aller Anstrengungen konnte es dem Herrn Abg. Hobrecht nicht gelingen, die gehässige Stellung seiner Partei vor der geradezu erdrückenden Mehrheit der Gegner des Gesetzes zu rechtfertigen. Herr Dr. Windthorst, welcher ebenso wie Dr. Neichensperger (Crefeld), Schröder (Lippstadt) und Dr. von Jazdzewski mit großem Geschick und schlagenden Gründen für den Antrag eintrat, hatte wohl Recht, als er die katholische Presse er- suchte, die Rede des nationalliberalen Wortführers im vollständigen Wortlaut abzudrucken. Das Volk muß erfahren, wie die wahre Gesinnung jener Leute beschaffen ist, die, wenn es ihnen gerade paßt, auch vor einigen Programmphrasen vom kirchlichen Frieden nicht zurückschrecken. Herr Hobrecht sprach u. A. den sonderbaren Satz aus, er kenne kein milderes, kein humaneres Mittel, als die Geistlichen aus dem Gebiete zu entfernen, in dem ihre Thätigkeit für friedenstörend und aufreizend gehalte» wird. Wunderliche Milde und Huinanität das! Herr Hobrecht wurde denn auch für diese neue Theorie besonders von dem Abg. Eugen Richter mit beißendem Spott übergossen, und es mag den Nationalliberalen um ihre große Zukunft doch bange geworden sein, als lauter Beifall und Heiterkeit von allen Seiten die satirifchen Bemerkungen Richters begleitete. Sonst gehen die National- liberalen stets um den Kulturkampf herum, wie die Katze um den heißen Brei, aber hier handelte es sich um eine bestimmte Stellungnahme, hier hals kein Mundspitzen, hier mußte gepfiffen werden! Man hätte die Herren um die tragikomische Rolle, die sie spielten, fast bemitleiden können. Für die Wahlen haben sie übrigens gestern höchst brauchbares Material geliefert, nicht nur durch den herrlichen Satz von der „Humanität" der Orts- und Landesverweisung und durch ihre Abstimmung, sondern auch durch den weiteren von dem Abg. Ackermann aufgestellten Wahlspruch, daß man der Regierung ein Gesetz, welches sie nicht entbehren zu können behaupte, nicht vorenthalten dürfe. Das ist ja weiter nichts, als die offene Proklamirung des „beschränkten Unterthanenverstandes". Herr Blum
Harcourt Chartres blickte herab auf ihr bleiches, trauriges Gesicht und errieth ihre Gedanken
,Es thut Ihnen leid, von hier wegzugehen? fragte er; und mit leiser schmerzlicher Stimme antwortete sie: „Ja".
„Bleiben Sie", sagte er rasch. „Ihr Gesicht ist das einzige, das ich gern zum zweitenmale sehe. Ich mache mir Nichts daraus, Sie zu heirathen; ich--"
Er hielt inne bei dem Blick tiefsten Abscheues, mit dem Penelope ihn betrachtete, und feige wie er war, hätie er sie schlagen können, daß sie ihm so unverhohlen zeigte, wie sehr sie ihn verachte. Sein Gesicht wurde todtenbleich vor Erregung.
„Dann gehen Sie!" rief er und betrachtete den stolzen Mund, der sich zu keiner Antwort herabließ, die Augen, die ihm einen vernichtenden Blick zuwarfen, ehe Penelope sich abwandte und ihn gänzlich niedergefchmettert und gedehmüthigt verließ.
„Ich werde es Sie fühlen lassen!" sagte er und in den Stall zurückkehrend, ließ er Captain satteln, stieg auf und ritt die Allee hinunter auf den Grasplatz und Penelope sah von ihren Fenstern aus mit Schmerz und Entrüstung, welche rohe Behandlung er ihrem Liebling angedeihen ließ. Das Ron- leaux herunterlassend, warf sie sich aus ihr Bett und weinte und schluchzte.
Plötzlich hörte Penelope Algy's Stimme unten auf der Terrasse: „Gut gemacht, Captain!'
Und hinausblickend sah Penelope Captam rei-
Mit hocherhobenem Haupte schritt Penelope in stolzem Schweigen rasch weiter; ihr Herz pochte heftig und vergebens sah sie sich nach Algy um. Harcourt Chartres hielt gleichen Schritt mit ihr. Mit blitzenden Augen wandte^ sie sich zu ihm.
Warum folgen Sie mir?"
"Weil dieser Platz mein gehört und ich gehen kann, wo ich will", antwortete er, ferne Fassung verlierend. „Und Sie brauchen nicht gar so stolz zu fein - das Blättchen hat sich gedreht - ^hr Herr Bruder, der feine Gentleman, der mich meder- stoßen wollte, weil ick sagte, Sie feien eine Schönheit, wird jetzt für fein Brod arbeiten müssen Nur fein verwünschter Stolz trug die Schuld daran, daß ich so hart mit ihm verfuhr. Wenn Sie keine Frau wären, könnte ich Sie schlagen, so sehr reizt mich Ihr jammervolles Aussehen .
„Ich hätte nicht gedacht, daß Ihnen Skrupel dieser Art kämen", erroieberte Penelope hochmuthlg mit blitzenden Augen. , ■
Sie glauben nicht, daß ich Sie gern habe , sagte er, „aber trotzdem ist es so; und wenn ich der Herr hier bin, soll es Ihnen schon zu gut kommen, darauf können sie sich verlassen .
Penelope blickte auf die Sonne, die durch die Bäume schimmerte. Sie sahen las ^Haus ietzt gerade vor sich und bei diesem Anblick sullten Thränen ihre Augen, sie dachte daran, daß |te es nie wieder sehen würde.
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