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1884

Montag, den 9. Juni

M 130

Fuldaer

Mmg

Zweites Blatt

% Ei» geheimnisvolles „6".

In dem am 31. Mai ausgegebenen Juniheft der englischen Monatsschrift .Fortnightly Review' (heißt eigentlich „14-tägige Rundschau"), ist ein mit dem Buchstaben „G“ unterzeichneter Artikel über das Verhältniß Englands zn den europäischen Großmächten erschienen, der in der ganzen politischen Welt das größte Aufsehen erregt, weil man in England selbst sofort in dem Premierminister Glad­stone den Verfasier oder wenigstens den Inspirator des Artikels erkennen wollte. Gladstone's Privat­sekretär hat zwar gleich nach dem Erscheinen des Artikels in der .Times' dem letzteren Blatte eine Erklärung zugehen lasten, daß sein Chef den Ar­tikel erst aus der .Times' kennen gelernt habe. Nichtsdestoweniger hält der größte Theil der eng­lischen wie auch der auswärtigen Presse an der Ueberzeugung fest, daß der Artikel ein Werk Glad­stones sei, oder daß er wenigstens die Gedanken Gladstone's so getreu wiedergebe, daß man irgend eine Indiskretion vermuthen muffe. Einige wenige Blätter sind dagegen der Ansicht, daß ein konserva­tiver Gegner des Premiers den Aufsatz in der .Fortnightly Review' verbrochen habe, um durch eine theilweise Karrikirung der Gladstone'schen Zu­kunstspolitik ihn selbst lächerlich und unmöglich zu machen. Welches von diesen Urtheilen das richtige ist, läßt sich natürlich mit absoluter Bestimmtheit nicht feststellen. Gewiß ist aber, daß der Artikel den nach der einen oder anderen Richtung hin be­absichtigten Zweck, Aufsehen zu erregen, vollständig erreicht hat. Die öffentliche Meinung wendet sich namentlich in England selbst und in dem meist interessirten Deutschland mit größtem Jntereffe der Erörterung der in dem Artikel ausgesprochenen Ideen zu, und der Umstand, daß das eigentliche offiziöse Organ unseres auswärtigen Amtes und des Fürsten Bismarck dem geheimnißvollen „G“ bereits viermal an leitender Stelle seine besondere Auf­merksamkeit bewiesen hat, deutet darauf hin, daß der Lenker der deutschen Politik die Meinungs­äußerung der englischen Monatsschrift für mehr hält, als einen rein akademischen politischen Tagrs-Effay. Diese Stellungnahme des reichskanzlerischen Or­gans macht schon an und für sich den Artikel zu einer beachtenswerthen Kundgebung. Die Frage, ob, wie die .Nordd. Allg. Ztg.' fast anzunehmen scheint, Gladstone trotz Der Erklärung seines Pri- vatsekretärs der eigentliche Autor des Artikels ist, oder nicht, ist natürlich immerhin von. größter Wichtigkeit, man kann sie aber vorläufig bei Seite lassen, einestheils weil nur Bermuthungen, aber keine strikten Beweise vorliegen, anderentheils weil bei der großen Wichtigkeit der behandelten Materie von Seiten des englischen Kabinets schon bald ein bestimmtes Dementi erfolgen würde, wenn letzteres wirklich Werth darauf legt und verhütet will, daß man die Ideen des Artikels für die der gegenwärtigen englischen Regierung hält. Daß aber der Artikel sich in seinen wichtigsten Mo­menten mit den wirklichen Anschauungen deckt, wird von Allen angenommen, welche die Gladstone'sche Politik von Anfang an nut Aufmerksamkeit ver­folgt haben. - ' V „,

Fassen wir zunächst den Inhalt des G-Artckels der .Fortnightly Review' kurz zusammen. Was besagt er im Wesentlichen? —: England ist heute vor allem eine Kolonialmacht und die kolonialen und kommerziellen Jntereffen kommen für uns (Eng­land) stets zuerst in Frage. England will allerdings auch eine europäische Macht bleiben. Heute ist Deutsch­land der Schiedsrichter Europas, wie einst Frankreich und vordem England. England hat in den euro­

geworden wegen der unglücklichen Gestaltung der egyp- tischen Unternehmung. England bleibt trotzdem den Gläubigern Egyptens, denen das unglückliche Land nicht mehr gerecht werden kann, für die Herstellung der Ordnung verantwortlich, die englischen Machtmittel reichen aber nicht aus, um Egypten ganz in Verwaltung zu nehmen und gleichzeitig die Gläubiger Egyptens zum Verzicht auf einen Theil ihrer Ansprüche zu vermögen. Gladstone und sein»- Anhänger unter den englischen Staatsmännskir haben daher folgen­den Plan ersonnen: England soll an Frankreich jedes geforderte Zugeständniß bezüglich Egyptens machen, auf diese Weise soll die Mitwirkung Frank­reichs bei der Herabsetzung der europäischen Gläu­bigerrechte erkauft werden, welche dann bei den übrigen Großmächten keine Schwierigkeiten finden dürfte. Man will wissen, Frankreichs Preis für diese Kooperation sei die Beschränkung der englischen ' Okkupation auf einen bestimmten und nicht mehr langen Zeitraum, ferner die. Einrichtung einer Finanzkontrole sämmtlicher, als Gläubiger Egyptens in einem erbeblichen Maße betheiligten Nationen. Träte das Ministerium Gladston mit diesen großen Zugeständnissen ganz ohne Weiteres an die Oeffent- lichkeit, so würde sich in England ein Sturm der Entrüstung erheben. Deshalb muß die so dünkel­hafte, und doch so schwache und lenksame sogen, „öffentliche Meinung" des Landes vorerst präpa- ritt werden. Und diese vorbereitende Arbeit halten wir für den eigentlichen Zweck des Auffatzes der .Fortnightly-Review'.

Einen weiteren Zweck können wir vorläufig hinter dem Sensationsartikel nicht herausfinden. Daß Gladstone, mag er noch so wenig Sympa­thie für Deutschland und den Fürsten Bismarck haben, im Ernste beabsichtigen sollte, mit Frank­reich und Rußland einen Bund zu schließen gegen Deutschland-Oesterreich, scheint uns vor der Hand noch widerfinnig zu sein, insbesondere da die Be­ziehungen Rußlands zu Deutschland zur Zeit sehr gute sind. England müße auch seine Würde und sein Ehrgefühl ganz eingebüßt haben, wenn es wirklich zu Rußland und Frankreich sagen wollte: .Ich will Euch in Allem folgsam und willfährig sein, haltet nur mit mir zusammen'. Wenn aber wirklich das englisch-französisch-russische Bündniß im Gegensatz zu dem deutsch-österreichischen zur vollendeten Thatsache werden sollte, so würden wir Deutsche uns, wenn auch mit Bedauern, darein zu finden wiffen.

es Reich.

ABerlin. 8. Juni. Der nationalliberale Freudenrausch der letzten Wochen hatte schon durch die Einbringung des Stempelsteuerentwurfs (vulgo Börsensteuergesetz) und die Zolltarifvorlage eine erhebliche Abkühlung erfahren. Nun macht ein auf die Köpfe der Nationalliberalen niederprasieln- der Platzregen der hochoffiziösen .Norddeutschen' dem Jubel erst recht ein Ende. Wir hatten ganz richtig vermuthet, als wir die Stempelsteuernovelle als einen vorsichtigen Fühler der bekannten maß­gebenden Stelle bezeichneten, der die Willfährig­keit der Nationalliberalen auf eine praktische Probe stellen sollte. Die Herren haben die Probe nicht bestanden, denn sie haben sich bei der Kritik des Entwurfes nicht auf die auch von anderen Par­teien getadelte Überschreitung des eigentlichen Zie­les der Börsenbesteuerung beschränkt, sondern die Börsensteuer selbst nicht gutgeheißen, die sie doch auf ihren Parteitagen (die,Nordd.' nennt sie sehr despektirlich: „Fraktionskonventikel") als Aushänge­schild und Lockspeise für das profanum vulgus verwandt hatten. Ebenso verhält es sich mit der Schutzzollvorlage, denn wenn die Nationalliberalen

päischen Verwickelungen bisher zu viel Antheil ge­nommen, dieselbe können uns nur in soweit küm­mern, als unsere großen Reichsintereffen (also namentlich die Kolonien) in Frage kommen. Wir brauchen daher nicht mehr so viel Rücksicht auf Deutschland und den Fürsten Bismarck zu nehmen, denn letzterer ist zwar höflich und artig, auch zu­weilen zuvorkommend gegen uns, aber nur aus selbstsüchtigen Gründen. „Er hat thatsächlich unsere Ehrlichkeit zum Besten gehabt, um uns für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen zu laffen", heißt es in dem Artikel wörtlich. Wir haben mit Deutschland und auch mit Oesterreich kein direktes gemeinschaftliches Jntereffe, als die Erhaltung des Friedens. Für diese wollen wir auch fernerhin mitwirken. Mit Frankreich und Rußland haben wir eine weit größere Jntereffengemeinschast, als mit Deutschland und Oesterreich und dem uns gleichgültigen Italien. Mit Frankreich und Ruß­land haben wir intime und mannigfaltige Be­ziehungen, und zwar hauptsächlich in Asien und Afrika. Frankreich ist in der ganzen Welt unser Konkurrent, Rußland steht unseren asiatischen Be- sitzungen nahe, es könnte sogar dem indischen Reiche gefährlich werden. Darum müffen wir un­bedingt die friedlichen Beziehungen zu Frankreich und Rußland zu erhalten suchen, wir müffen uns mit beiden befreunden. — Soweit der sehr klare Gedankengang des Artikels, deffen Fixirung wir für wichtiger halten, als die wörtliche Wiedergabe des vielfach mit nebensächlichen Exkursionen ausge­statteten Artikels. Als wesentlich bleibt noch her­vorzuheben, daß der Artikel auch eine direkte An­knüpfung an die egyptischen Wirren erhält und betont, daß England sich gegenwärtig halten müsse, wie auch Frankreich in dem Nilthal Jntereffen habe, die mit dem Wachsen seines Kolonialreiches noch zunehmen würden.

In diesem Hinweis auf die egyptische Frage scheint uns der Angelpunkt der ganzen Manifestation zu liegen. Auf die Frage: Wozu soll das Ganze dienen, weshalb sollte Gladstone auf Kosten einer Erkaltung der Beziehungen zu Deutschland-Oester­reich eine Annäherung gerade an Frankreich suchen, das England üb erall in den Kolonien als Rivale gegen- übersteht? haben wir folgende Antwort: Vergegen­wärtige man sich den Gang der egyptischen Ver­wickelungen! Als im Jahre 1881 in Egypten die Bewegung gegen den englischen und französischen Einfluß eine drohende Gestalt annahm, machte Gambetta dem Ministerium Gladstone den Vor­schlag, England und Frankreich sollten allein, ohne irgend welche Mitwirkung der übrigen europäischen Mächte, die Differenzen schlichten. Gladstone fürchtete einen Konflikt mit den Großmächten und lehnte den Vorschlag ab. Darauf trat die Konferenz zu Konstantinopel zusammen; man erklärte in erster Linie die Pforte für berechtigt, die Ordnung in Egypten herzustellen. Die Pforte verstand sich zu keinem bestimmten Entschluffe, und als England schließlich erklärte, es wolle allein in Egypten vor­gehen, ließen die übrigen Mächte au^en Vorgang Deutschlands das englische Kabinet gewMe*, ohne hestimmte>Stell^ba für ode^wHek M-englische 3nterwbtioW ?tiNWneu, Nun' Orderte England FranXeich^ur Mitwirkung auf, das damalige Mi- nifterim» Freycinet war auch bereit dazu, der Plan scheiterte aber an der Opposition der dem Ministerium feindlichen Gambettisten, indem diese die geforderten Kredite verweigerten. Frankreich wurde so aus den egyptischen Angelegenheiten ganz herausgedrängt, und, England übernahm allein die Regelung der egyptischen Differenzen. Wie jämmerlich der Erfolg war, ist bekannt, wer brauchen keine weitere Silbe darüber zu verlieren, denn heute ist England und sein erster Minister ja fast zum Spott

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