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1884

den 9. Juni

M 130

Di« ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementsprers ohne Brrngerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 56 Pfg., - belletristischen Wochenbeilage ,Sterne UN» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg- auswärts 1 M. 75 Pfg.

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Erstes Blatt.

Vermischtes.

*** (Sonst und jetzt.) Vor einigen siebzig Jahren wurde, wie uns Großvater erzählte, die erste Extrapost vom Stapel gelassen. Das ganze Städtchen seiner Hei- math war in fieberhafter Aufregung. Um 12 Uhr Mit­tags^ sollte der Wunderwagen den Ort passiren und nur fünf Minuten Aufenthalt haben zum Pferdewechsel. Der rothnasige dicke Postmeister hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan vor Besorgniß, die Jugend schlief nicht vor Seeligkeit, denn des großen Ereignisses halber „war frei" und singend und scherzend zog die Schule schon um 10 Uhr unter Führung des Lehrers und seiner Gattin zur Pappel-Allee, durch welche die Extrapost rasen mußte. Und wie vorsichtig war diese Gattin! Sie hatte die Waschleine mitgenommen, diese wurde zwischen den Pap­peln ausgespannt als Barriere, hinter welcher die Jugend doch einigermaßen bei 20 Schritt Entfernung sicher sein konnte vor dem Rasen der Postkutsche. Die Postkutsche kam endlich, in Staub gehüllt fuhr sie an den Staunenden vorbei — weg war sie, und die Waschleine lag schlaff und zerrissen auf der Erde; sie war dem Anstürmen der be­geisterten vordrängenden Jugend zum Opfer gefallen, trotz­dem aber — es ist ein wahres Wunder — war auch nicht einer der Bengel übergefahren, trotzdem die Post die Meile in vierzig Minuten durchraste. — Und jetzt? Da steigt man gemächlich die Stufen des Nordbahnhofs zu Paris hinauf und tritt an den Schalter. Wohin? Nach St. Petersburg! ist die trockene Antwort. Man steigt ein in den Blitzzug, der höfliche Diener führt den An­kommenden zu seiner Schlafkabine, er packt bedächtig den bequemen Sausrock aus, zieht ihn an, zündet die Zigarre an, trinkt den bestellten Kaffee, genießt einige Eier dazu, ließt die Zeitung, und ist er damit fertig, so sieht er sich um in den vier Waggons, die sein dahin eilendes Hotel für kurze Zeit abgeben. Ein Korridor vor den Schlaf­kabinen, belegt mit weichen Teppichen, mit Spiegeln an den Hinterwänden, großen Scheiben an der Seite führt zum Salon. Man glaubt kaum, daß ein Wagen ein so prächtig Gemach enthalten könne! Fauteuil reiht sich an Fauteuil zu beiden Seiten, ein elegantes Kanapee steht im Hintergrund, zwei Kronleuchter hängen von der Decke herab und auf dem Büffet brodelt und siedet das Wasser im Samowar zum Thee. Die Gesellschaft ist in lebhafter Unterhaltung, so lebhaft, daß einige Herren das Herren­zimmer, einige Damen das Damenzimmer daneben auf­suchen, um in stiller Beschaulichkeit den Wechsel des vor­übereilenden Panoramas zu genießen. Wie weich die Polster sind, wie geschmackvoll die Wahl der mattgetönten Farben, wie rein und frisch die Lust bei der nicht merk­baren Ventilation! Und daneben das Speisezimmer in reichstem französischen Geschmack, die Tafeln gedeckt, ge­

schmückt mit blitzendem Silberzeug, mit kostbaren Krpstallen! Dann aber dahinter die Küche mit allem Nothwendigen, und dieses Nothwendige den nur denkbar kleinsten Raum beanspruchend. Schließlich die Gepäckkammer und — ein Badezimmer! So wird man bald von Paris über Metz, Kassel, Berlin, St. Petersburg reifen mit dem Blitzzug, der vor einigen Tagen in Berlin auf dem Schlesischen Bahnhof zu sehen war. Derselbe ist in München erbaut, in St. Rouen dekorirt und Eigenthum der Internationalen Eisenbahn-Schlafwagen-Gesellschaft. Die Zusammengehö­rigkeit der Begriffe Strapaze und Reise hat hier aufgehört zu existiren.

,** (Abgetrumpft). Im Wartesaal einer kleinen Bahnstation harrt eine Schaar Angetrunkener des ankommenden Zuges und moquirt sich über einen Studenten, der, ungeduldig auf und abgehend, mitunter vor dem Spiegel stehen bleibt. Endlich ruft der Lauteste von ihnen: „No Sie, g'fallens Ihne denn gar so gut, daß Sie sich von allen Seiten betrachten?" „Ich möchte nur", erwiderte der Angeredete gelassen, „von Zeit zu Zeit einen anständigen Menschen sehen".

•*• (Zum Sekundärbahn-Betrieb). Von dem Städtchen H. nach dem Städtchen D. führt seit Kurzem eine schmalspurige Sekundärbahn. In der Regel pflegt der im ersteren Städtchen stationirte Landbriefträger auf den ihn auf seiner Route treffenden Frühzug aufzuspringen und bis zum nächsten Dorfe mitzufahren. Eines Tages unter­läßt dies der Briefträger zum großen Erstaunen des Lokomotivführers, der ihm in Folge dessen zuruft: „Nu, Gevatter, willst de heute nich' ruf­steigen?" — „Nee", antwortet der Briefträger, „heute nich; heute hab' ich eilig".

(Nur Rohrmann). In der Haupt- und Residenzstadt des kleinen Fürstenthums X. existirt seit vielen Jahren eine Großhandlung unter der Firnia: Fuchs & Rohrmann. Ein Sohn des Mit­inhabers Rohrmann ist Lieutenant in dem in der fraglichen Residenzstadt garnisonirenden Bataillon geworden und stellt sich herkömmlicher Weise Sere- nissimo vor. „Lieutenant Rohrmann?" fragen huldreichst Durchlaucht; „also wohl ein Sohn von Fuchs & Rohrmann?" „Nein, Durchlaucht", re- plizirt der in Achtung stehende Lieutenant, „nur von Rohrmann".

Programm

für die

XXXI. Etllkralvrrsammllmg der Katholiken Deutschlands in Amberg.

Sonntag, den 31. August,

Empfang der Gäste bei deren Ankunft an der Bahn durch die beauftragten Mitglieder des Kvmitee's.

Abends 8 Uhr: Begrüßung in der Turnhalle. Musi­kalische Vorträge.

Montag, den 1 September,

Morgens 8 Uhr: Hochamt in der Pfarrkirche St. Martin. Festzug zum Versammlungslokal (Marianischer Saal).

Vormittags 10 Uhr: Erste geschlossene Generalver­sammlung daselbst.

Nachmittags 2>/z Uhr: Sitzung der Ausschüffe in den angewiesenen Lokalen im Maltesergebäude.

Nachmittags 5 Uhr: Erste öffentliche Generalver­sammlung in der Georgskirche.

Abends 81/» Uhr: Gesellige Unterhaltung nach noch näher bekannt zu gebendem Programm.

Dienstag, den 3. September,

Morgens 8 Uhr: Requiem in der Pfarrkirche für die verstorbenen Mitglieder früherer General-Versammlungen.

Vormittags 91/» Uhr: Zweite geschlossene General- Versammlung.

Nachmittags 2t/, Uhr: Sitzung der Ausschüsse.

Nachmittags 4 Uhr: General-Versammlung der deut­schen Vincentiusvereine im Vincentinum.

Nachmittags 5 Uhr: Zweite öffentliche General- Versammlung.

Abends 81/2 Uhr: Gesellige Zusammenkünfte nach noch näher bekannt zu gebendem Programm.

Mittwoch, den 3. September,

Morgens 7 Uhr: Votiv-Prozession zum Mariahilsberge und Amt nach der Intention Papst Leo XIII. Darnach Frühstück im Freien unter den Linden.

Vormittags IO1/2 Uhr: Ausschußsitzungen.

Vormittags II1/2 Uhr: Dritte geschlossene General- Versammlung.

Nachmittags 3 Uhr: Ausschußsitzung.

Nachmittags 5 Uhr: Dritte öffentliche General- Versammlung.

Abends 81/2 Uhr: Gesellige Unterhaltung nach noch näher bekannt zu gebendem Programm.

Donnerstag, den 4. September,

Morgens 7 Uhr: Heilige Messe in der Pfarrkirche (Intention für den Bonifatiusverein).

Morgens 8 Uhr: Ausschußsitzungen.

Vormittags 9 Uhr: Vierte geschlossene General- Versammlung.

Vormittags 11 Uhr: Vierte ösfentliche General- Versammlung.

Nachmittags 2 Uhr: Fest-Bankett.

55 tnj Penelope.

Nach dem Englischen. Einundzwanzigstes Kapitel.

Es war vorüber. Der Zweifel, die quälende Ungewißheit hatten ihr Ende erreicht; Castle Chartres war für Algy verloren. Weiß wie der Tod kam er zu Penelope und schloß sie in seine Slritic.

Penelope, wir sind ruinirt! O Himmel, jetzt kann ich niemals Nelly heirathen!" stöhnte er.

Und jetzt sah Penelope, wie sehr ihr Bruder Douglas Graham's Schwester liebte.

„Und denken zu müssen", fuhr er mit leiden­schaftlicher Heftigkeit fort, „daß dieser Bursche hier leben, daß all' das Meinige nun ihm gehören wird, — einem so gewöhnlichen, ungebildeten Men­schen, der die Taktlosigkeit hat, über mich zu triumphiren, Pen! Es ist genug, um einen Mann zu einem verzweifelten Schritt zu treiben!"

„Ist es ganz entschieden, Algy?" fragte sie mit bebenden Lippen, ihre Arme fest um ihn schlingend und traurig in sein Gesicht blickend, das von dem ersten heftigen Schmerz der bitt ent Enttäuschung verdüstert war.

„Ja, es ist Alles entschieden. Onkel Jack war einfältig genug, diese gewöhnliche Schauspielerin zu heirathen, aber dann machte ihm sein Gewissen Vorwürfe und er ließ sie schwören, nie hierherzu­kommen und das Besitzthum zu beanspruchen so lange Papa am Leben fei. Es scheint, daß sie

überall ihre Spione hatten und im Augenblick wo sie seinen Tod erfuhren, kamen sie von New- Dork herüber. O Penelope, es ist fast zu hart", — den Kopf auf die Schulter seiner Schwester sinken lassend — „den einen Tag ein reicher Mann zu sein und den nächsten ein Bettler. Ich wünschte, ich wäre tobt!"

„O Algy, mein Lieber, sprich nicht so!" schluchzte Penelope. „Es ist sehr hart, aber Du wirst ar­beiten, um Nelly's willen".

Sie hatte die richtige Seite berührt. Er beugte sich herab und küßte sie.

„Nein, nein; die kleine Nelly ist für mich ver­loren. Und wie furchtbar hart ist es für mich, das Regiment zu verlassen" — hier brach seine Stimme. „Diese Leute wollen unverzüglich Castle Chartres in Beschlag nehmen, sie sagen: wir hätten sie schon lange genug draußen gehalten".

„Algy" flüsterte Penelope, einen Brief aus der Tasche ziehend, „lies dies;" und während er las, verbarg sie ihr Gesicht in beiden Händen.

Es war Eoerard Daubeny's Antwort an Pene­lope. Er hatte die Maske abgeworfen, und es war eine seiner würdige Produktion.

Er sprach von ihrem thörichten Verhältniß, das natürlich letzt zu Ende sei, da er nicht daran denken könne, sie zu bitten, die Entbehrungen eines Künst­lerlebens mit ihm zu theilen. Er sei zu arm, um zu heirathen, hoffe aber, sie würden immer Freunde bleiben und so weiter.

„Schurke!" kam es leise und zornig von Algy's Lippen. „Ich wollte, ich könnte hinter ihn rücken, ich würde ihm seinen Standpunkt klar machen. Du grämst Dich doch nicht, Pen, um einen solchen Burschen?" und er blickte ihr liebevoll in die Augen.

Sie erhob stolz ihr Haupt.

„Grämen? Nein. Ich habe zuviel Stolz, um dies zu thun."

„Arm.- kleine Pen, es ist hart für Dich. Ach, der gute alte Douglas würde nie einen solchen Brief geschrieben haben!"

Penelope blickte zu ihrem Bruder auf und sagte ruhig und mit fester Stimme:

„Algy, mein Lieber, wir wollen nie wieder da­rüber sprechen. Die Sache soll vergessen sein."

„Gott sei Dank, si^ liebte ihn nicht!" dachte Algy; und er erfuhr nie, welches Weh ihr dieser Brief bereitet hatte, noch was sie durchgemacht, ehe es ihr gelungen, Eoerard Daubeny als einen Unwürdigen für immer aus ihrem Herzen zu rei- ßen. Jetzt war er ihr Nichts mehr, der Zauber war gebrochen, ihre Liebe konnte nie mehr aufleben.

Wenn Penelope Tausende zu ihrer Verfügung gehabt hätte, so würde selbst Eoerard Daubeny gewußt haben, daß für ihn Alles verloren, wenn er ihr Gesicht hätte sehen können, als sie zum letztenmal auf seine Photographie blickte, ehe sie dieselbe in das Feuer schleuderte, wo sie zu Asche verbrannte.

(Forffetzung folgt.)