W.UßS:
Freitag, den 6. Juni
M 128.
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Fulda, Freitag, 5. Juni.
Das ,Berl. Tagebl.' meldet folgendes Telegramm aus Rom:
„Der .Moniteur de Rome' bestätigt, daß zwischen dem Papst und dem deutschen Kronprinzen ein Briefwechsel stattgefunden habe, bezeichnet jedoch die Mittheilung der ,National-Zeitung' bezüglich des Inhalts desselben nicht als zutreffend".
Das Telegramm leidet an Unklarheit, weil es den Schein erweckt, als ob nur zwischen Papst und Kronzprinzen, nicht aber zwische- Papst und Kaiser ein Briefwechsel stattgefunden habe. Das ,Berl. Tagebl.' ließ in einem jüngsten römischen Telegramm den Moniteur' den letzteren Briefwechsel bestätigen, allerdings stellte sich bei Eintreffen der bezüglichen Nummer des römischen Blattes heraus, daß der Moniteur' damals nur in einer Berliner Korrespondenz von diesem Briefwechsel geredet hatte, daß es sich also nicht um eine eigene Information aus römischer Quelle handelte. Man wird daher gut thun, die Telegramme des ,Berl. Tagebl.' über angebliche Meldungen des Moniteur' mit einigem Vorbehalt aufzunehmen.
— Aus Rom geht vielen größeren katholischen Blättern folgendes Telegramm zu: „Nachdem die preußische Regierung die drei vom Papste für den erzbischöflichen Stuhl in Gnesen-Posen vorgeschla- genen Kandidaten abgelehnt hatte, schlug sie einen neuen Kandidaten vor. Der Vatikan erklärte, der Kandidat sei nicht absolut unmöglich, doch müsse Preußen vorerst erklären, was es für den Frieden thun wolle. Herr v. Schlözer verweigerte dies, indem er vorschützte, die Ledochowski-Frage sei für sich allein zu behandeln. Es trat eine Krisis ein. In den letzten Tagen machte Herr v. Schlözer wiederholte Versuche. Der Vatikan nimmt eine abwartende Stellung ein."
— Die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung" brachte in einer ihrer letzten Nummern an leitender Stelle einen längeren Auszug aus einem mit „G" unterzeichneten Artikel der .Fort nightly Review", der ganz offen ein englisch-russisch-fran- zösisches Bündniß auf Kosten Deutschlands und
55 i£y Penelope.
Nach dem Englischen.
Zwanzigstes Kapttel.
Penelope hörte die Thüre der Halle hinter ihren Besuchern zuschlagen, und all' ihre Stärke, ihre ruhige stolze Faffung verließen sie. Sie warf sich auf ein Sopha und brach in einen Strom von Thränen aus, bis der Gedanke, etwas müffe ge- than werden, sie herausriß aus ihrem Jammer und sie trat an den Tisch, um zwei Telegramme abzufaffen, eines an Algy, das andere an den Sachwalter der Familie, mit der Aufforderung an Beide, sofort zu kommen.
Sie zog die Schelle. Michael trat ein, voll Theilnahme für seine erregte junge Herrin.
„Michael, ich muß an Mister Algy und Mister Marsden telegraphiren. Willst Du dies sogleich auf das Telegraphenamt besorgen?""
„Ich glaube, das ist Alles, was ich heute Abend thun kann.""
„Ja, Miß - John soll sogleich zum Tele- graphenbureau reiten; und Miß, glauben Sie, daß es Betrüger sind?"'
„Ich weiß es nicht, Michael; es sind schreckliche Leute — diese Frau macht mir Furcht.""
„Darf ich Ihnen ein Glas Wein bringen, Miß Penelope"", Sie fehen schrecklich angegriffen aus, und Sie müffen sich doch aufrecht halten, bis Mister Algy kommt.""
Oesterreichs predigt, und als deffen Autor man in England selbst wie auch im Auslande sofort den Premierminister Gladstone selbst bezeichnete, und erwähnt dabei einleitend, daß Herr Gladstone die ihm von der, Tim es" wegen der Unterschrift und aus inneren Gründen zugeschriebene Autorschaft des Artikels abgelehnt habe, woran sie folgende Bemerkung knüpft: „Kann danach dem Artikel nicht der Charakter einer Staatsschrift beigelegt werden, wie von der .Times' geschehen war. so ist er entweder eine Indiskretion oder eine Mystifikation. und die Frage, wer die erstere begangen oder die letztere verübt habe, dürfte die Publizistik in England und vielleicht auch anderwärts noch einige Zeit beschäftigen.""
Die ,Nordd. Allg. Ztg." schreibt aber offenbar dem G-Artikel mehr Bedeutung zu, als die einer Mystifikation, indem sie in ihrem gestrigen Morgenblatt auch den Kommentar der .Times" zu demselben bringt, der sich abfällig über den Artikel äußert, weil er nicht angibt, bei welchem Punkte die Entwickelung der Beziehungen zu Rußland und Frankreich einer besonderen Stimmung würde Platz machen müffen und durchaus orakelhaft sei. Seltsamerweise hat die .Nordd." kein Wort der Beur- theilung für die Kritik der ,Times". Daß aber das Organ des Kanzlers den Artikel äußerst ernst nimmt, geht daraus hervor, daß dasselhe sich an der Spitze des gestrigen Abendblattes wiederum mit dem Artikel beschäftigt, und zwar durch Gegen- Überstellung einer Beleuchtung der ,St. James Gazette" und der ,Pall Mall Gazette". Wir kommen auf den G-Artikel noch weitläufiger zurück.
— Die ,Franks. Ztg." verzeichnet das Gerücht, daß der Reichstag eine Sommerpause machen und dann im Herbst zu einer Nachsession zu- fammentreten soll. — Das Blatt hält es für sehr gut denkbar, daß die Regierung, um wirklich die Börsensteuer, die Zolltarif-Novelle und vielleicht noch ein oder das andere Projekt, das sie im Stillen nährt, zur Durchberathung zu bringen, zu einer Herbstsession greift. Ohne diese Absicht scheint der .Franks. Ztg." eigentlich der plötzliche Eifer in der Ausarbeitung neuer Vorlagen kaum verständ-
„Nein, ich brauche keinen Wein. Nimm die Telegramme, es ist von der größten Wichtigkeit, daß sie heute Abend» noch besorgt werden; und Michael, laß die Dienerschaft nicht plaudern.""
„Nein, Miß; sie wiffen noch gar nichts davon. Aber verlieren Sie den Muth nicht, Miß Penelope; sehr wahrscheinlich wird Mister Marsden, der Sachwalter, hinter ihre Schliche kommen und heraussinden, daß Alles ein Jrrthum ist.""
„Ich hoffe es, Michael," erroieberte Penelope müde und verließ das Zimmer, um langsam wieder hinauf zur Miß Chartres zu gehen. Das Gefühl, daß es kein Jrrthum, daß es nur zu wahr sei, wurde jeden Augenblick stärker in ihr — sie zweifelte nicht mehr, daß dies wirklich Onkel Jacks Frau und Sohn feien, die gekommen um Algy Castle Chartres zu entreißen.
„Und doch, o, es kann nicht wahr fein!" wiederholte sie sich immer und immer wieder und lehnte sich an das Treppengeländer, um ihre Fassung nieder zu erlangen, ehe sie hineinging um ihrer Tante die Nackricht mitzutheilen.
Miß Chartres erfreute sich gerade an einem kleinen Souper, bestehend in kaltem Wildpret mit Gelee und Portwein, als Penelope eintrat und ein paar Minuten schweigend vor dem Kamin stehen blieb. Sie schauderte und wärmte ihre kalten Hände an der Glnth.
Tante Chartres hatte den Teller im Schooß und fütterte sich und Tom abwechselnd mit zier
lich, denn daß der Reichstag nicht im August zusammenzuhalten sei, um Börsensteuer und Zolltarif zu berathen, könne nach den bisherigen Erfahrungen für ausgemacht gelten.
* Berlin, 5.Juni. Der Kaiser empfing heute den Besuch des aus Marienbad zurückgekehrten Prinzen Friedrich Karl und fuhr Mittags mit der Großherzogin von Baden nach Potsdam, um einer Einladung der kronprinzlichea Herrschaften zum Diner im neuen Palais zu folgen.
* Berlin, 5. Juni. Durch die Ernennung des Grafen Wilhelm v. Bismarck zum Geheimen Regierungs-Rath und vortragenden Rath im Staatsministerium ist die Zahl von drei vortragenden Räthen dieser Behörde wieder 'erreicht, nachdem Geheimer Ober-Regierungs-Rath von Wangenheim dem Vernehmen nach aus dem Staatsdienste geschieden ist. Graf Bismarck hat die dritte Stelle erhalten, während Geheimer Ober-Regierungs- Rath von Kunowsky und Geheimer Regierungs- Rath von Tepper-Laski die beiden ersten Stellen einnehmen. Wer an Stelle des Grafen Bismarck zum ständigen Hilfsarbeiter in der Reichskanzlei, bekanntlich einer etatsmäßigen Stelle, ernannt wird, darüber verlautet noch nichts. — Die Buu- desrathsausschüsse für Handel und Verkehr, Zölle und Verbrauchssteuern und für Rechnungswesen treten am Freitag zusammen, um über die drei Vorlagen betr. Abänderung des Zolltarifs, Novelle zum Reichsstempelgesetz und Reform der Zuckerbesteuerung zu berathen. Als Referent für die Stempelgesetznovelle fungirt der badische Bundesrathsbevollmächtigte Frhr. v. Marschall, als Referent der Zuckersteuervorlage der Bundesraths« bevollmächtigte für Sachsen-Weimar, Staatsrath Dr. He er wart. Dem Vernehmen nach ist dem Bundesrathe eine Denkschrift, die Novelle zum Stempelgesetz betreffend, zugegangen.
* Berlin, 4.Juni. Aus dem Programm der Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes heben wir noch folgende Einzelheiten hervor: Die Geistlichen nehmen zwischen dem Podest der Abgeordneten und der vor demselben gelegenen Kanzel Platz. Bei dem Herannahen des Kaisers bläst die Musik eine Fanfare; sobald der Kaiser vor dem Pavillon erscheint, nähert sich der Reichskanzler dem Kaiser und
licheu Biffen. Der Doktor sagte ihr immer, sie bedürfe vieler Nahrung und sie hielt sich buchstäblich an seine Verordnungen.
Penelope blickte unter ihren nassen Augenwimpern hervor auf ihre Tante uud dachte: „Was wird sie thun, wenn der Schlag kommt?" Als Miß Chartres den Ausdruck in ben Zügen ihrer Nichte gewahr würbe, hörte sie vor Schrecken auf zu essen unb Tom machte sich ihre Überraschung zu Nutze, streckte feine Pfote aus und erwischte auch richtig ein zierliches Stückchen für sich allein.
„Tante Chartres", sagte Penelope das Eis brechend, „hörtest Du je, daß Onkel Jack verhei- rathet war?"
„Penelope, Du willst doch nicht sagen —"
„Es waren heute Abend zwei Leute da", fuhr Penelope ruhig fort, die sich für feine Frau und feinen Sohn ausgaben."
„Was!" Tante Chartres sprang von ihrem Sopha auf, ihr Antlitz wurde kreideweiß. „Seine Frau und fein Sohn! Weißt Du. was dies in sich einschließt, Penelope?" schrie sie entsetzt.
„Ruin", sagte Penelope langsam und mit Nachdruck. „Armer Algy! Wenn es wahr ist, wird er Castle Chartres verlieren."
Miß Chartres brach in krampfhaftes Schluchzen aus.
„Was können wir thun? Penelope bleibe nicht so unbeweglich stehen — etwas muß gethan werden."
„Ich habe an Algy und Mister Marsden tele-