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M 127.

Donnerstag, den 5. Juni

1884.

Fuldm Ikitung.

54 lqj Penelope.

Miß Chartres seufzte und blickte sich mit großer Befriedigung in dem komfortabeln Zimmer um. Dann ruhten ihre Augen wieder auf Penelope, die die Hände vom Gesicht genommen hatte und mit feuchten Augen ins Feuer starrte.

„Meine liebe Penelope, in einem oder zwei Jahren wirst Du die Dinge ansehen, wie ich."

„Ich hoffe, das werde ich nie," war die leiden­schaftliche Antwort.

„Ob Du es hoffst oder nicht, wird wenig Un­terschied machen. Penelope, als ich ein junges Mädchen war, hatte ich, gerade wie Du, eine ein­fältige, wenn auch romantische Neigung gefaßt. Er war ein junger Marineoffizier."

Penelope schaute auf, um ihrer Tante Liebes­geschichte zu vernehmen, wenn es ihr auch fast un­möglich schien, daß sie eine solche gehabt hatte.

„Aber er war arm," fuhr Miß Chartres fort, „so gab ich ihn auf und habe es nie bedauert."

„Was wurde aus ihm?"

„Ich weiß es nicht. Er war mir später nichts mehr. Du siehst, ich betrachte die Dinge immer von einem vernünftigen Standpunkt aus, Penelope."

„Ja, aber Du bist nicht ich," erwiederte Pene­lope, wieder in das Feuer blickend.

_ Dagegen war nichts zu sagen. Miß Chartres öffnete ihr kostbares Riechfläschchen, tränkte ihr Taschentuch mit Eau-de-Cologne und versuchte einen andern Angriffsplan.

„Darf ich fragen, was Algy denkt von diesem — Geschäft?"

„Algy kennt Mister Daubeny nicht, so kann er sich natürlich auch keine Meinung bilden," erwi­derte Penelope, sehr kurz angebunden.

„Ah, ich denke mir, er trtb Deine einfältige Neigung zu diesem Glücksjäger nicht billigen."

Penelope war aufgestanden, eine heftige Ent­gegnung schwebte auf ihren Lippen, als sich plötz­lich die Thüre öffnete und ihr eignes Mädchen hereinblickte.

„Miß Penelope."

„Was gibt's denn, Hefter?" Sie verließ das Zimmer, Hefter sah aus, al» sei etwas passirt.

„Miß Penelope, ein Herr und eine Dame er­warten Sie im Salon."

„Wer sind sie, Hefter?"

„Ich kenne sie nicht, Miß."

„Gut; ich will hinuntergehen; aber ich kann mir nicht denken, wer des Abends um diese Zeit kommen kann."

Sie eilte die Treppe hinab. Michael kam ihr unten entgegen und sie erschrack, als sie in des alten Mannes Gesicht blickte. Es war wie starr von Schrecken.

„Was ist Dir, Michael? Ist etwas passirt?"

„O meine arme liebe junge Lady! Wenn es wahr ist, Miß, dann wollen wir Gott danken, daß der Herr in seinem Grabe ruht!" rief er hände­ringend aus.

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Deutsches Reich.

Fulda, Donnerstag, 5. Juni.

V Am kommenden Montag wird in der Haupt­stadt des deutschen Reiches eine denkwürdige Feier stattfinden: Die Grundsteinlegung des neuen Reichstagsgebäudes. Das Fest­programm ist nunmehr definitiv festgesetzt und in seinen Hauptmomenten gestern bereits mitgetheilt worden. Dasselbe kann daher als bekannt voraus­gesetzt werden. In unterrichteten Kreisen hält man die Möglichkeit nicht für ausgeschloffen, daß der Kaiser schließlich doch noch der Feier fern bleiben werde, insbesondere, wenn sich die Wit- terungsverhältniffe ungünstig gestalten sollten. Ein solcher Fall wäre natürlich schon um des Charak­ters der Feier willen zu bedauern; selbstredend würde, wenn nicht eine Verlegung stattfinden könnte, eine Stellvertretung des Kronprinzen er- folgen. Der Gesundheitszustand des 87jäh- rigen Monarchen war in der letzten Zeit häufig gestört durch die Einwirkungen des Nierenleidens, an dem der hohe Patient krankt, und welches bei seinem Alter auch nicht mehr gehoben werden kann. Namentlich nach körperlichen Anstrengungen, wie z. B. Abhaltung einer Parade, bei der Kaiser Wilhelm stets äußerlich recht kräftig und in fester Haltung erscheint, tritt gleich nachher eine Ermat­tung und Abspannung der Kräfte ein, welche be­sondere Schonung erheischt. Es ist nicht unbe­merkt geblieben, daß gerade in der letzten Zeft mit einer peinlichen Sorgfalt vom ,W. T. B.' Bulletins über die tägliche Beschäftigung des Kai­sers, die entgegengenommenen Vorträge und Be­suche u. s. w. in die Welt gesandt worden sind. Man will damit wirksam allen Gerüchten über eine Kräfteabnahme des Kaisers entgegentreten. Auf die Dauer wird es aber auch dem großen Publikum nicht verschwiegen bfeiben können, daß trotz dieser äußerlichen Zeichen eines gewiffen Wohl­befindens die Gesundheit des Kaisers immer mehr abnimmt. Von wohlinformirter Seite wurde dieser Tage versichert, daß es in der letzten Zeit einige Male vorgekommen sei, daß der Kaiser beim Vor­

lesen oder bei der Anhörung von Vorträgen auf einige Minuten eingeschlummert sei. Alles dieses sind Umstände, welche bei einem 87er gar nicht Wunder nehmen können, aber das deutsche Volk und nament- der Berliner lebt nun einmal in der eigenthümli- chen Vorstellung, als ob der hohe Monarch sich einer ewigen Jugend erfreue. Man möge diese Andeutungen nicht als eine „Sensationsnachricht" auffassen, und überhaupt nicht so, als ob in nächster Zeit eine traurige Katastrophe zu befürchten sei. Wir konstatiren nur die Thatsache, daß es mit den Kräften und der Gesundheit des Kaisers bergab geht. Hiermit stehen auch ohne Zweifel gewisse Gerüchte im Zusammenhang, wonach eine „theil- weise Uebertragung der Regierungsgeschäfte auf den Kronprinzen" in irgend einer Form geplant fei. Wir können aber vorläufig in diesen Ge­rüchten noch nichts weiter erblicken, als eine un­klare und übertriebene Darstellung der schon seit langer Zeit aufgetretenen Versionen betr. eine Theilnahme des Kronprinzen an der Thätigkeit des wiederzuerrichtenden Staatsrathes. Nun­mehr soll der Eintritt des Thronerben in den Staatsrath eine vollendete Thatsache sein. Wie verlautet, hat der Kaiser bereits die Kabinetsordre unterzeichnet, durch welche der Kronprinz zum Vorsitzenden und der Fürst Bismarck zu beffen Stellvertreter in diesem Posten berufen wird. Die Konstituirung des Staatsrathes und die Ernennung der übrigen Mitglieder fott trotzdem noch einige Zeit auf sich warten kaffen. Wir können uns, wie schon oftmals bemerkt, vom Staatsrathe nicht viel versprechen, er wird nur eine Erschwerung unserer ohnehin schon so oft nutz­los arbeitenden Gesetzesmaschine werden, und, wenn wirklich Bismarck aus dem Ministerium ausscheidet und im Staatsrath eine so einflußreiche Stellung erlangt, so werden die Komplikationen bald mit den Ministern, bald mit dem Landtage, bald im Staatsrathe selbst gar kein Ende nehmen. — Und kehren wir nun zurück zu dem, wovon wir aus­gegangen sind, zur Grundsteinlegung des Reichs- tagsgebäudes. Seltsamer Weise begegnet dieser feierliche Akt nicht der großen Theilnahme in der

Presse, die er eigentlich verdiente. Woran liegt die Schuld? Lediglich an der allgemeinen Unlust an der ganzen parlamentarischen Thätigkeit, die doch gar zu oft pro nihilo ist. Während die Of­fiziösen den „Parlamentarismus" bekämpfen, baut man ihm ein neues schönes Haus. Auch eine Ironie des Schicksals! Möchte doch der äuße­ren Pracht auch der innere Werth und Einfluß der Volksvertretung entsprechen!

— lieber das von uns bereits gemeldete Pro­jekt einer Ausdehnung der Berwaltungs- reform auf die Provinz Hessen-Nassau ist die ,F. Ztg.' in der Sage Folgendes zu berichten: „Die Vorarbeiten sind bereits seit längerer Zeit int Gange, haben aber seither zu einem Ergebniß nicht geführt. Der Grund liegt vornehmlich darin, daß sofort bei der ersten grundlegenden Frage sich eine starke Divergenz der Anschauung ergab. Man konnte sich nicht darüber einigen, ob das in Rede stehende Territorium als eine oder als zwei Provinzen organifirt werden solle. Zuneigung besteht zwischen den Bewohnern dcS ehemaligen Herzvgthums Nassau und den An­gehörigen des ehemaligen KurfürstenthumS Hessen nur in geringem Maße, auch, wie zugeständen werden muß, sehr geringes oder besser gar kein gemeinschaftliches Interesse. Der Besitz einesteils der nassauischen Landesbank-, andererseits des Landes-Kreditkaffenfonds, deren Erträgnisse man sich gegenfeitig nicht gönnt, macht eine Vereinigung noch schwieriger. In Wiesbaden ist man eifrig bemüht, eine Theilung in zwei Provinzen herbei­zuführen — schon weil es dann zwei Ober-Präsi­dentenstellen gibt. Für Frankfurt dürfte es noch verfrüht fein, Stellung zu nehmen. Auch dort wird man aber Anschluß an eine Provinz Nassau als das Wünschenswerthere ansehen müssen. Wenn, wie in Wiesbaden behauptet wird, direkter Ver­kehr von dort nach Kassel überhaupt nicht besteht, so läßt sich auch nicht leugnen, daß der Weg von Frankfurt nach der ehemaligen Hauptstadt des KurfürstenthumS Hessen sehr weit ist, noch weiter freilich unter Umständen der von dort nach Frankfurt. Die angekündigte Reise des Ministers

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„Michael, sag' es mir — was ist es?" — eine namenlose Angst machte ihre Wangen erbleichen.

Der alte Mann brach in Thränen aus.

„Der Himmel stehe Ihnen bei, Miß, Sie werden es bald erfahren."

„Sag es mir sogleich!" sagte sie. „Was e» auch sei, ich muß es sogleich wissen!

„O Miß, Sie wissen doch, Mister Jack starb in Amerika! Seine Frau und sein Sohn sind drin­nen im Salon!"

„O Michael, es ist nicht wahr!"

„Ich fürchte doch, Miß. Der junge Mann ist ein Abbild von Mister Jack. Um Gottes Willen fassen Sie sich, liebe Miß. Vielleicht sind es Be­trüger, die den Versuch machen wollen, Mister Algy Castle Chartres zu entreißen. Wir hörten doch nie davon, daß Mister Jack verheirathet sei."

Penelope raffte sich auf und deutete auf die Salonthüre.

„Natürlich sind es Betrüger. Oeffne die Thür, Michael."

Er that es, und sie trat ein, kalt stolz und bleich in ihren düstern Gewändern, um den Leuten gegen­über zu treten, die sich für Frau und Sohn ihres Onkels Jack ausgaben. Als Penelope in den Sa­lon eintrat, erhoben sie sich, einen prüfenden Blick auf das stolze junge.Mädchen werfend, das sich nur kalt verneigte.

Penelope sah eine große Frau vor sich — keine Dame, darüber war sie sofort im Klaren — auf