Dienstag, den 3. Juni
N Geltung.
1884.
Wille unberechenbar sei. Der Volksvertreter bemächtigt sich Unlust am Schaffen - weiß doch Niemand, ob nicht am Ende ein Wort, ein Feder- strich die angestrengteste Arbeit von Wochen und Monaten zu Nichte macht". Daß diese Klage über den einen maßgebenden Willen, dem sich Alles fügen soll, nicht unberechtigt ist, zeigt sich gerade jetzt wieder recht deutlich, wo der Reichskanzler ernstlich den Versuch wagt, nach seiner Liebhaberei eine zukünftige Regierungsmajorität für den Reichstag zu konstruiren. Zu solcher unbedingten Heeresfolge sind natürlich die Mannen vom „festen Thurm" des Centrums nicht zu haben, dazu sind die nationallcheralen „Mannesseelen" im Verein mit den Konservativen erkoren. Es ist bezeichnend, daß grade am Vorabende des hl. Pfingstfestes das reichskanzlerische Organ, die ,Nordd. Allg. Ztg.' offen und unverblümt mit dem feierlichen Appell an die beiden Parteien hervortritt, sich zu gemeinsamer Aktion mit einander zu verbünden. Der Artikel knüpft an eine am 14. Mai von dem konservativen Parteiführer v. Rauchhaupt ge- haltene Wahlrede an, worin dieser das Zusammen- gehen mit den Nationalliberalen ebenso lebhaft begrüßt, wie er den Gedanken einer „konfervativ- klerikalen" Koalition perhorreszirt, Diese Rede
Deutsches Reich.
Fulda, Dienstag, 3. Juni.
V Wenn man die heurigen Pfingstartikel eines Theiles der Presse liest, so könnte man fast zu dem Glauben kommen, wir lebten mitten in einem Paradiese voll Religiosität, Nächstenliebe und Sittsamkeit. Grade in denjenigen Zeitungen, welche sonst Religion und Christenthum nur selten im Munde führen und noch seltener pflegen, findet man gemeiniglich an den großen Feiertagen Festartikel, in denen der moralische und religiöse Ton wie Honigseim dahinfließt, und die seltsam abstechen gegen die frivole, den Leidenschaften schmeichelnde Richtung des unterhaltenden und des Jnseraten- theiles. Solche nach der konventionellen Schablone gearbeitete Festartikel, voll Freude, Glück und Wonne, können aber dennoch nicht die allgemeine unbehagliche Stimmung verdecken, welche thatsächlich im ganzen Reiche herrscht. Die rechte Pfingstfreude fehlt überall, und so kommt es denn auch, daß diejenigen Blätter, welche es ehrlich mit dem Volke meinen, ihren Pfingstbetrachtungen keineswegs eine so rosige Färbung geben. Nicht mit Unrecht mahnt die ,Germania': „Europa steht auf einem Vulkan, wie nie zuvor.... Noch hoffen Viele, mit Polizei, Gericht, Armee die 'Gefahren MÄschwören. Vergebliche •"
und schließt: „Gottes Hand ist nicht verkürzt: auch für die Erneuerung der jetzigen Welt sind die Mittel niedergelegt in seiner vom hl. Geiste erfüllten Kirche." In ähnlichem pessi- mistischem Sinne spricht sich die gesammte katholische Presse aus. Das allgemeine Mißbehagen bezieht sich aber nicht bloß auf die große weltbewegende Frage der Revolution, nein, auch die gesammte politische Entwickelung in unserem Vaterlande bietet ein höchst unerfreuliches Bild. In einem lesens- werthen Artikel sucht die,Franks. Ztg.' den Schlüssel zur Lösung der Frage, woher es kommt, daß nrr- gends Hoffnung und Schaffensfreudigkeit sich kund gibt. Das demokratifche Blatt findet diesen Schlüssel in der Erkenntniß, „daß ein Wille die Geschicke der ganzen Nation bestimmt, und daß dieser
an die Adresse des Centrums nicht sofort mit Freuden begrüßt und acceptirt hat, wird sie nun von dem „Offiziösen" ins Gebet genommen wegen ihres „Doktrinarismus" und ähnlicher Untugenden. Der betr. Mitarbeiter der ,Nordd. Allg. Ztg.' bedauert aber auch bei den Nationalliberalen noch nicht das rechte Verständniß für die Allianz mit den Konservativen zu finden, hofft dabei aber auf den guten Einfluß der „gemüthsweichen" Süddeutschen", die sich viel leichter akkomodiren. Ein erfreulicher Fortschritt ist aber auch bei der sonst so unverbesserlichen ,Nordd.' zu bemerken. Sie meint nämlich mit klugem Vorbehalt, daß „freilich Worte noch keine Thaten sind", und setzt damit dasselbe Mißtrauen in die nationalliberalen Prahlereien und kühnen „Worte", welches der
Sie küßte den kleinen Ring mit überströmender Zärtlichkeit und erröthete selbst darüber und begab sich dann langsam die Treppe hinauf in das Zimmer ihrer Tante.
Den rothen Vorhang bei Seite schiebend, öffnete sie die Thüre und trat ein. Miß Chartres lag auf einem Sopha neben dem Feuer, ein weißer gestrickter Shawl schlang sich um ihre Schultern, ihre Füße bedeckte ein großes Federkissen.
Ihr Zimmer, das größt' und schönste des Hauses, war sehr komfortabel und mit allen Arten von Luxusgegenständen angefüllt, es hatte drei Fenster nach Süden, um allen Sonnenschein aufzufangen.
Jetzt waren rothe Vorhänge vor die Fenster gezogen, Wachskerzen brannten auf dem Toilettentisch und beleuchteten eine schöne Sammlung feingeschliffener Glasflaschen und einen offen stehenden, mit Silber verzierten Toilettenkasten. Miß Chartres liebte hübsche Sachen und da sie die Hälfte ihres müßigen Lebens in ihrem eignen Zimmer zubrachte, sammelte sie hier Alles, was ihr Behagen oder Wohlgefallen verschaffen konnte.
An einem Fenster stand ein großer Glaskasten mit seltenen Pflanzen — der Duft von Blumen machte ihr Kopfweh. Die grünen Gewächse mit den zarten glänzenden Blättern konnten sie nicht so angreifen. Sammtstühle und Sessel standen überall im Zimmer umher. .Ihr Bett, mit feinen weißen Spitzenbehängen, war Alles, was mensch-
int tqq '„ ttb0eine tevtle uttö'|mitcil* ttt Fuld-^"M^70^Pfg."^würts 1 M. 75 Pfg. ®
Inserate: U Wiederholungen entsprechender Rabatt. ---
weitaus größte Theil der Presse dem aufgefrischten und korrigirten nationalliberalen Programm entgegenbringt. Der ganze offiziöse Wahlplan ist natürlich außer gegen die Freisinnigen gegen die Centrumspartei gerichtet; er ist für ihre Anhänger eine verstärkte Mahnung, auf der Wacht zu stehen und alle Mann auf Deck zu halten. Wenn übrigens durch die Taktik der Regierung das Centrum geradezu gezwungen werden sollte, mit den „Freisinnigen" zu paktiren, so möchte sich das Blättchen sehr gegen Wunsch der Wahlarrangeure wenden können. Darum hat die ,Germania' Recht, wenn sie der ,Nordd.' höhnisch zuruft: „Erst den Bären erlegen, dann wollen wir das Fell kritisiren helfen".
— Wie die ,Voss. Ztg.' hört, liegt der Kron- prinz in letzter Zeit sehr eifrig politischer Arbeit ob und konferirt zu diesein Zwecke fast täglich mit dem Staatssekretär Grafen Hatzfeldt, entweder im kronprinzlichen Palais oder in dessen Dienstwohnung. Mit dem Reichskanzler steht der Kron- prinz in regem schriftlichen, wie telegraphischen Verkehr und Fürst Bismarck selbst ist in Friedrichsruhe unausgesetzt in Staatsgeschäften thätig. Täglich gehen ihm zwei Mal und zwar mit dem Expreßzuge und dem Nachtzuge der Hamburger Bahn die aktuellen Schriftstücke zu und auch der Telegraph zwischen- dem Auswärtigen - Amt und Friedrichsruhe ist in lebhafter Thätigkeit.
— Es besteht, wie der .Hannov. Cour.' meldet, die Absicht, versuchsweise einambulantesEisen- bahnbureau auf den Güterzügen ähnlich der fahrenden Postbureaux einzurichten, welche unterwegs die Expedition vorzunehmen haben. Diese neue Einrichtung hat den Zweck, eine schnellere Güterbeförderung herbeizuführen, da über die Langsamkeit der letzteren, namentlich was Stückgüter anlangt, seitens des Handelsstandes Klage geführt sein soll. Deshalb wird man hauptsächlich das Augenmerk darauf richten, daß das fahrende Eisenbahnbureau auf den einzelnen Stationen bei Ankunft der Züge sofort die aufgelieferten Stückgüter übernimmt, um solche mit demselben Zuge weiter
1 zu transportiren.
licher Erfindungsgeist und geschickte Tapezierer thun konnten, um ein Bett behaglich zu machen, und sah mit seinen weichen spitzenbesetzten Kissen sehr zur Ruhe einladend aus. Miß Chartres liebte ihr großes, warmes, prächtig möblirteS Zimmer, wo sie, sich pflegend und verzärtelnd, ihre meiste Zeit zubrachte, wohin ihr Doktor kam, ihren Puls fühlte, sie mit leichtem Geplauder unterhielt, sein Honorar einsackte und sich dann großartig und würdevoll verabschiedete, zufrieden mit sich und der Welt, am meisten aber mit ferner einträglichen Patientin, der nicht das Geringste fehlte, die nur in der Einbildung krank war.
Miß Chartres war in den dritten Band eines interessanten Romans vertieft, als Penelope eintrat. Auf einem Tischchen neben ihr stand ein kleines, rothes, vergoldetes Kaffeeservice und eine Lampe mit rosenfarbigem Schirm, die ein zartes warmes Licht über Alles warf. Tom lag auf einem weißen molligen Teppich vor dem Feuer, um üch von den Strapazen des Diners zu er- hclen und schnurrte behaglich vor sich hin. Der Wind heulte in den Bäumen und schüttelte die kahlen Aeste, aber in dieses Gemach konnte kein Lüftchen dringen und Tom und feine Herrin waren so glücklich, als vollkommenes Behagen, Freisein von Sorge und Trägheit sie machen konnte. Penelope nahm in einem der Sessel Platz.
„Es thut mir leid, daß Du Dich heute Abend nicht wohl fühlst, Tante Chanres." (Forts, f.)
52 uy Penelope.
Nach dem Englischen.
Neunzehntes Kapitel.
Penelope dinirle allein an diesem Abend. Tante Chartres hatte ihr Diner in ihr eigenes Zimmer beordert, da sie sich im Ostwind eine Erkältung zu- gezogen habe und zu unwohl sei, um t ernnterzn« kommen. So saß denn Penelope ganz allein, traurig und verlassen in dem großen Speisezimmer und blickte wehmüthig auf ihres Vaters leeren Platz am Tische. r , f.
„Sie nehmen gar nichts, Miß,' sagte der alte weißhaarige Hausmeister, der schon viele Jahre in der Familie war und sich diese Bemerkung erlauben durfte. , _
„Danke, Michael, aber ich kann mcht essen - ich bin so verlassen."
„Ja, ja, Miß," erwiederte der alte Mann und machte' sich' rasch an dem Nebentische etwas zu schaffen, um die traurigen Augen seiner jungen Herri - nicht sehen zu rnüffen, denn der treue alte Diener betrauerte ja selbst so sehr den gütigen Herrn, den er verloren.
Das Licht schien voll auf die einsame, schwarzgekleidete Gestalt, die allein an dem langen Tische saß, die Augen auf den klein n Türkisenring an ihrem Finger geheftet. Thränen glänzten an ihren Wimpern; auf ihren Zügen ruhte ein halb lächelnder, halb nachdenklicher Ausdruck, der sich in einen glücklichen verwandelte bei dem Gedanken an Everard.