M 124.
Sonnabend, den 31. Mai
Fuldaer
1884.
rn
Di» ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnemmtSpreiS ohne ^ngerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. 50 Pfg., mit d belletristischen Wochenbeilage ,Sterne »NS Blumen' m Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserat«: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; be, Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Erstes Blatt.
Mit dem 1. Juni eröffnen wir ein Mo- nats-Abon-iement zum Abonnementspreise von 50 Pfg. (ohne Bestellgeld). Bestellungen werden von den Postanstalten und den kand- briefträgern, sowie von unseren Stabtboten und in der Expedition entgegengenommen.
G Die Höherbelastung des beweglichen Kapitals.
I.
Fürst Bismarck liebt es von jeher, der politischen Welt zuweilen Ueberraschungen zu bereiten Eine solche Ueberraschung ar außer der dem Bundes- rathe zugegangenen Vorlage über Abänderungen des Zolltarifs vor allem die gleich der letzteren, ohne die geringste vorherige offiziöse Ankündigung von Preußen eingebrachte Novelle zum Reichsstempelsteuer-Gesetz. Es muß auf den ersten Blick auffällig erscheinen, daß diese beiden Vorlagen gerade solche Gegenstände betreffen, welche die Nationalliberalen auf ihren jüngsten großen Parteitagen im theilweisen Widerspruche mit ihrer früheren Stellungnahme als wesentliche Punkte ihres Zukunftsprogramms proklamirt haben. Augenscheinlich hat der Reichskanzler, ebenso wie andere Leute, noch nicht das rechte Vertrauen zu den nationalliberalen Worten; ehe er der Partei seine mächtige Unterstützung bei den Wahlen leiht, will er eine praktische Probe ihrer Gutwilligkeit und ihrer Programmfestigkeit sehen. Daß daher zunächst die sog. „Börsensteuer"-Vorlage in der nationalliberalen Presse mit einer gewiffen Bestürzung und Rathlosigkeit ausgenommen worden ist, kann gar nicht Wunder nehmen. Der national- liberale Prahlhans hatte eben nicht erwartet, daß der Reichskanzler ihm das Aesopische „hic Rhodus, hic salta“ („$ier ist Rhodus, hier springe", d. h. hier beweise deine Kraft, sonst glaubt man nicht, daß du sie besitzest) vorhalten würde. Und alsbald hat sich gezeigt, daß die in Heidelberg, Neustadt und Berlin so einmüthig sich geberdenden Na
tionalliberalen einer praktischen Verwirklichung der Programmphrasen gegenüber keineswegs einig und eines Sinnes sind. Das rheinische Hauptorgan des Nationalliberalismus war vor einigen Tagen geradezu außer sich über den „fast wie Rache aussehenden blinden Haß gegen das Kapital", den „die konservativen und ultramontanen Gesetzesmacher dieser Session" an den Tag legen sollen. Das edle Blatt hatte in seinem Aerger ganz vergeffen, daß die Vorlage nicht von den Konservativen und „Ultramontanen", sondern von der preußischen Regierung ausgegangen, also ohne Zweifel von dem Manne in» spirirt und diktirt ist, den die Herren von der Partei der ,Köln. Ztg/ noch am 18. dieses Monats in Berlin als den „gewaltigen Realpolitiker", als das „ungeheure realpolitftche Genie", als einen „in den letzten Jahrhunderten ganz einzig dastehenden Staatsmann" gepriesen haben. Um nicht diesem „gewaltigen Staatsmanne" selbst den absurden Vorwurf des „lächerlichen und blinden Haffes gegen das Kapital" in's Gesicht zu schleudern, werden die beiden heutigen Majoritälsparteien damit bedacht, welche doch an dem Entwürfe in der vorliegenden Gestalt und im gegenwärtigen Augenblicke ganz unschuldig sind, viel unschuldiger, als die Nationalliberalen, die sich am 18 c. in Berlin den vermeintlich „billigen Scherz" erlaubt haben, die Börsensteuer-Erhöhung in ihr Einheits - Programm aufzunehmen. — Die ,Nationalliberale Korr.' war in ihrem Urtheil weit vorsichtiger, als die ,Köln. Ztg.', welche, wie schon aus den citirten Äußerungen hervorgeht, jeder stärkeren Belastung der Börse und des Kapitals widerstrebt. Das nationalliberale Centralorgan hält allerdings an der Forderung des neuen Programms fest, erklärt eine höhere Besteuerung der Börsengeschäfte für zulässig und erwünscht und wendet sich nur gegen die Einzelheiten und die Ausdehnung des Entwurfes. Diese Haltung ist durchaus korrekt; daß sie aber nicht die der ganzen angeblich „einigen" nationalliberalen Partei ist, ist schon aus dem von der .Kölnischen Zeitung' angeschlagenen Tone herauszufühlen. Andere nationalliberale Blätter sprechen sich ähnlich aus.
Die maßgebenden Parteigrößen werden aber gewiß lebhaft bedauern, daß gerade sie die Frage der Börsensteuer-Erhöhung aufis Neue auf die Tagesordnung gebracht habens So lange diese Parole nur den Zweck hatte, die Wähler des Mittelstandes der Partei geneigter zu machen, überhaupt Sympathieen zu wecken für den bevorstehenden Wahlkampf, so lange man ferner darauf rechnete, daß die Regierung selbst eine Höherbelastung der Börse im Ernste nicht betreiben werde, war das neue Schlagwort des Programms ein sehr wohlfeiles. Nun aber, wo aus den Worten Thaten werden sollen, fängt's bedenklich zu hapern an. Wir sind überzeugt, daß von den nationalliberalen Wortführern selbst diejenigen, welche sich jetzt in der Presse für die Grundidee des Entwurfes, die eigentliche Börsensteuer, aussprechen nno nur die Ausdehnung desselben auf Waarengeschäste ?.c. verwerfen, im Grunde ihres Herzens darauf vertrauen, daß schließlich doch die ganze Vorlage scheitern und es dann auch diesmal bei den billigen Worten fein Bewenden haben werde.
Daß die „freisinnige" Partei, die eigentliche Börfenpartei, den Gesetzentwurf mit allen Mitteln bekämpfen würde, war nicht anders zu erwarten. Dabei ergeht sich aber die „freisinnige" Preffe in solchen Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen, daß man die Urheber der wüthenden Artikel saft bemitleiden könnte. Die ,Berl. Ztg.' spricht von der „Habgier junkerlicher Raubgesellen" und ähnlichem Blödsinn, und die ganze Rotte der freisinnigen Parteiblätter faselt von einem unausbleiblichen gewaltigen Niedergang des ganzen Handels und der Industrie, vorn Ruin der deutschen Börse, als ob die Abgabe von baaren 20 Pfg. für je 1000 Mark Umschlag auch nur ein einziges Börsengeschäft verhindern würde. — Die konservative Presse heißt den Entwurf willkommen, der ja nur eine Weiterentwickelung der seinerzeit aus ihrer Mitte beantragten Börsensteuervorlage ist. Nichtsdestoweniger machen die Hauptorgane der Partei, u. A. die ,Kreuzzeitung' und der ,Reichsbote', einzelne Bedenken gegen die Vorlage geltend, denen wir uns, wie wir weiter unten sehen werden, im Großen und Ganzen anschließen müssen.
51 inj Penelope.
Nach dem Englischen.
„Ich würde Dich, wenn möglich, noch inniger lieben als jetzt," antwortete er ungestüm. „O, Penelope, höre, wie ich Dich vom ersten Augenblick an geliebt habe! Tag um Tag kämpfte ich mit mir selbst und versuchte von Dir zu gehen; aber ich konnte nicht — Du hieltest mich gefangen — aber o. mein Liebling, wie wünschte ich, Du wärest arm, daß ich für Dich arbeiten und Dir die Wahr- heit meiner Worte beweisen könnte! Wie würde ich ringen und kämpfen, um meine Gattin in Sammt und Seite kleiden zu können! Penelope, bann würdest Du nicht an meiner Siebe zweifeln."
„Ich zweifle auch jetzt nicht daran," murmelte Re leise und glücklich, in seine funkelnden Augen blickend, den ernsten Tönen seiner Stimme lauschend.
©Derart) Daubeny blickte sich in dem großen prächtig möblirten Salon um. Seine Augen wanderten von einem Gegenstand zum anderen — von den Gemälden an den Wänden zu den kostbaren Zierrathen und seltenen alten Porzellanfiguren. Große Spiegel zierten die Wände, Goldfische schwammen lustig in einer Krystallglocke in einer der Fensternischen. An dem einen Ende des langen Zimmers stand das große Piano, das Penelope seit dem Tove ihres Vaters nicht mehr berührt hatte. Dann blickte er auf das schöne Mädchen an seiner Seite und als sie lächelnd ihre Augen zu ihm erhob, ergriff er ihre Hand und
sagte mit einem Anflug wirklichen Gefühls in seiner Stimme:
„Es ist zu eigennützig von mir, Dich von Deinem herrlichen Heim wegzunehmen. Stelle Dir vor, Du müßtest in einem dumpfen kleinen Hause wohnen mit nur einem einzigen Wohnzimmer und meinem Atelier. Du würdest Dir wie ein seltener wilder Vogel vorkommen, den man eingefangen und in einen Käfig gesperrt hat. O, meine Siebe, das Opfer wäre zu groß! Ich kann es nicht an» nehmen!"
Sein eigenes Gesicht im Spiegel erblickend, war er erfreut über die Tiefe der Seidenfchaft, die ihm darauf auszudrücken gelungen.
„Du vergißt," fugte Penelope mit feuchten Augen und vor Glück bebender Stimme, „daß ich für uns Beide genug habe."
„Richtig, Geliebte, das hatte ich vergessen."
Es lag nicht in Everard Daubeny's Natur, die Existenz von 20,000 Pfund zu vergessen. Viel wahrscheinlicher war es, daß er die schöne Besitzerin dieses — für ihn — unermeßlichen Reichthums vergaß. ES war ihm ganz leicht um's Herz bei der Aussicht, so viel Geld ausgeben zu können. Nur etwas trübte ihm die Freude, daß er Penelope zu ihren Tausenden nehmen mußte. Ach, wenn nur Alice sie hätte, bann wäre sein Glück vollstänbig!"
„Jetzt muß ich aber wirklich Tante Chartres wissen lassen, baß Du da bist."
Er zog seine Uhr heraus.
„Nein, thue es nicht. Ich habe nur noch ein paar Minuten Zeit und diese sind zu kostbar, um sie mit anderen zu theilen. Ich muß gleich gehen."
„O, kannst Du nicht den Abend hier bleiben ?"
„Es geht wirklich nicht. Kö.nte ich es doch nur möglich machen! Gib mir diese Blumen, ich möchte sie mit mir nehmen" — er legte seine Hard auf bas kleine jerbrüdte Veilchensträuschen in ihrem Gürtel.
Glühenbe Röthe färbte ihre Wangen. Erst ein Jahr zuvor hatte sie Douglas Veilchen gegeben; sie sah im Geiste fein ernstes zärtliches Antlitz vor sich. Sie hielt bie Veilchen fest und schlug die Augen nieder.
„Nein, diese nicht, sie sind ganz verwelkt. Ich will Dir eine Blume im Gewächshaus holen. Komm!"
Vielleicht deutete er ihr heißes Erröthen richtig.
„Wie Du willst", sagte er; „nur würde ich diese Veilchen, die Du den ganzen Tag getragen, vorziehen."
Penelop- zerdrückte die Blumen in ihrer Hand und sagte: „Du magst jede andere Blume haben, nur diese nicht."
„Er Hatte zu viel Takt, um nach dem „warum" zu fragen und erwiderte nur:
„Und natürlich möchte ich gerade nur das eine Ding, bas ich nicht haben kann."
„Man kann nicht immer Alles haben", sagte Penelope, in bas GewäckshauS emtretenb.
„In Dir habe ich Alles", sagte er, „mehr brauche ich nicht." (Fortsetzung folgt.)