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Fuldaer

1884.

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Deutsches Reich.

Fulda, Freitag, 30. Mai.

* Der Moniteur de Rome' meldet laut einem Telegramm des ,Berl. Tagebl.': Nach dem Be­such des deutschen Kronprinzen im Vatikan habe ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wil­helm und demPapst stattgefunden. Das Blatt versichert ferner, Preußen habe die vom Vatikan als Kandidaten für den erzbischöflichen Stuhl zu Posen aufgestellten Prälaten Prinz Radziwill, Li- kowski und Cybichowski abgelehnt. In Bestätigung der Meldung des Moniteur' läßt sich die,Kreuz- ztg.' aus Rom melden: „Papst Leo schrieb im Januar nach dem Besuch des Kronprinzen an den Kaiser und Se. Majestät antwortete bald darauf durch ein Handschreiben. Beide Briefe sollen nur der Austausch von Höflichkeitsformen gewesen sein."

— Die National liberalen haben schon übergenug Aerger an dem neuen Börsenfleuer-Ent- wurf. Uud nun kommt noch die gestern veröffent­lichte Novelle zum Zolltarif hinzu, die ihnen ebenfalls gegen die Haare geht. Die ,Nat.-lib. Korr.' klagt folgendermaßen:

„Besonders dringend sind diese Abänderungen auf keinen Fall, und darum muß es sehr überraschen, daß die Regierung gerade den jetzigen Zeitpunkt einer überlasteten zu Ende drängenden Session für geeignet hält, noch ein­mal die schwere Frage der Zollpolitik vor den Reichstag zu bringen. Was erwartet man denn noch Alles von dieser Mitte Juni wieder zusammentretenden Session? Zu dem schon überreichen Arbeitsstoff ist in den letzten Tagen die Ankündigung der Börsen- und Zuckersteuer­reform und jetzt einer großen Zolltarifnovelle hinzu­gekommen! Der Reichstag kann doch nicht bis in den September hinein tagen. Die Einbringuug dieser Vorlage ist um so schwerer begreiflich, als sich die Regierung in der Zollfrage von dem gegenwärtigen Reichstag bereits wiederholt schwere Niederlagen geholt hat. Der jetzige

50 ury Penelope.

Nach dem Englischen.

Achtzehntes Kapitel.

In Castle Chartres waren die Rouleaux wieder ausgezogen. Mister Chartres lag neben seinem Weibe in der Familiengruft. Der arme Rufus, das tapfere alte Jagdpferd, der unwiffentlich seines Herrn Tod verschuldet hatte, lag auch in seinem Grabe, ge­rade da, wo er gefallen war, und die Welt hatte ihn schon fast vergeffen.

Neben seinem Grabe stand Penelope mit weißem kummervollem Antlitz, mit Augen, die vom vielen Weinen trüb geworden.

„Algy, hier ist die Stelle, wo Papa abgeworfen wurde."

Die Wintersonne, die gerade auf ihr schwarzes Kleid fiel, ließ ihr Geficht noch bleicher erscheinen. Algy ergriff traurig ihre Hand.

„Komm weg von hier. — Es ist zu traurig, zu schmerzlich."

Ein Schauder ging durch Penelope, ihre Thrä- nen fielen auf die braune Erde von Rufus' Grab.

„Ja, komm weg," hauchte sie — „o komm, Algy."

Sie hatte auf dem Damme deutlich die lange Spur von dem Huf eines Roffes gesehen. Es waren jetzt sechs Wochen seit dem Unfall vergangen, aber Rufus' Fußtritte waren immer noch sichtbar.

„Algy," sagte Penelope, als sie so langsam heimwärts gingen, „ich erhielt gestern einen Brief von Mister Daubeny."

Reichstag hat eine entschiedene Mehrheit, die auf dem Standpunkt der „ehrlichen Probe" steht, Verschärfung des Schutzzollsystems aber sind bisher abgewiesen worden, und die bezüglichen Vorschläge haben nur die Gegner ermun­tert, ihrerseits an dem bestehenden Tarif in freihändlerischer Richtung zu rütteln. Wenn nicht ganz dringende Uebel- stände vorliegen, muß aufs Ernstlichste gewünscht werden, daß die Ruhe und Stetigkeit unserer Zollpolitik nicht alle Augenblick gestört wird".

Es scheint, daß auch die Ruhe und Stetigkeit der Nationalliberalen alle Augenblicke gestört wird.

— Wie die ,Voff. Ztg.' berichtet, gehen bereits die Anfragen bei den für den Staatsrath in Aussicht genommenen Persönlichkeiten um. So­bald die Antworten eingegangen sind, soll die Publikation der Ernennungen sowie der bereits vollzogenen königlichen Ordre erfolgen.

* Berlin, 29. Mai. Die große Frühjahrs­parade der Berliner und Spandauer Gardetruppen- auf dem Tempelhofer Felde verlief aufs Glänzendste. Der Kaiser zu Pferde, vom Kronprinzen, den Prinzen Wilhelm und Heinrich gefolgt, welchen die Kronprinzessin, die Großherzoginnen von Baden und Mecklenburg, sowie die Prinzessinnen des könig­lichen Hauses zu Wagen sich anschlossen, ritt zu­nächst die Front der in zwei Treffen aufgestellten Truppen ab, und ließ dieselben hierauf zweimal an sich vorbeimarschiren. Die Parade wurde vom General Oppell, das zweite Treffen (Kavallerie, Artillerie und Train) vom General Winterfeld kommandirt). In der glänzenden Suite des Kaisers befanden sich österreichische, russische, französische, italienische, englische, türkische und spanische Offiziere. Auf der Hin- und Rückfahrt wurde der Kaiser von den zu beiden Seiten des langen Weges in dichten Massen versammelten Volksmengen mit stürmischen Jubelrufen begrüßt. — Heute Nach­mittag, 4 Uhr, findet Parade-Diner im könig­lichen Schlosse statt, zu welchem 400 Einladungen ergangen sind, worunter außer den Mitglie­dern des königlichen Hauses die landsässigen Fürstlichkeiten, die Hofchargen, Minister, Militär­bevollmächtigten, die Vormittags in der Parade gestandenen Generale, Stabsoffiziere, sowie die morgen in Parade stehenden Offiziere, sowie viele andere Personen von Diftinction. Die Tafel-

Algy's Gesicht verfinsterte sich augenblicklich.

„Nun, und was schrieb er?" fragte er kurz, mit großem Mißvergnügen beobachtend, wie das Blut in seiner Schwester bleiche Wangen stieg.

„Er schreibt sehr nett, Algy."

„Natürlich scheint es Dir so. Fahre fort".

Penelope's Augen füllten sich mit Thränen.

„So meinte ich es nicht; er schrieb über Papa."

Sie sprach sehr leise. Algy war gerührt, und es that ihm leid, unfreundlich gewesen zu sein. Er legte seine Hand auf ihre Schulter.

„Du und ich, wir sind jetzt einander Alles, Penelope. Weine nicht; ich wollte Dir nicht wehe thun. Nun also, was schrieb er, Liebste?"

„Er sprach von — von unserer — Verlobung", stammelte Penelope.

Algy's Züge verfinsterten sich von Neuem.

„Hättest Du doch nur niemals diesen Menschen gesehen!" rief er leidenschaftlich. „Wir wissen doch gerade gar nichts über ihn. Er wußte, daß Du Geld hättest —"

„O halt ein!". rief sie flehend. „Algy, so ist er nicht."

„Vermuthlich will er Dich jetzt unverzüglich hei- rathen?"

„Nicht unverzüglich, aber im Sommer, weil er dann seiner Kunst wegen nach Italien geht."

„Hm, hm! Er wird noch viel malen, wenn er die Erbin geheirathet hat! Und Du hast, ohne mich zu berathen, den Tag bestimmt, Penelope?"

musik führt die Kapelle des Gardefüsilier-Regi­ments aus. Abends wohnen die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften der Galavorstellung im Opern­bause bei. Das Befinden des Kaisers nach der Parade ist recht befriedigend.

* Berlin, 29. Mai. Die Großherzogin von Baden ist heute Morgen gegen 8 Uhr hier einge­troffen.

* Karlsruhe, 29. Mai. (Landtag.) Eine Inter pellation des Abg. Kiefer, nämlich welche Kenntniß die die Regierung von der Absicht habe, auf Reichskosten einen Kanal von Ludwigshafen nach Straßburg zu bauen, und welche Stellung die Regierung im Falle der Einbringung eines bezüglichen Entwurfs im Bundes- rathe einnehmen würde, beantwortete Staatsminister Tur­ban folgendermaßen: Die Frage sei noch offen und ein Antrag auf Bewilligung von Reichsmitteln im Bundes- rathe bisher nicht eingebracht. Die badische Regierung erblicke in dem projektirten Kanal kein allgemeines Reichs­interesse und würde demnach sich für die Bewilligung nicht erklären können. Der Bundesrath habe seinerzeit bei Be­willigung von 125,000 Mk. im elsaß-lothringischen Etat für die Vorarbeiten erklärt, daß damit nicht präjudizirt werden solle, aus welchen Mitteln der Kanal eventuell zu erbauen sei.

* Baden-Baden, 29. Mai. Die Czarin, die Königin von Dänemark, die Prinzessin von Wales, die Großfürstinnen Katharina und Helene von Rußland, Prinz Waldemar von Dänemark sind heute Nachmittag zum Besuch der Kaiserin von Deutschland hier eingetroffen; die Herrschaften wurden am Bahnhofe von den Behörden em­pfangen.

* Darmstadt, 29. Mai. Staatsminister von Starck wurde in den Ruhestand versetzt; Staatsrath Finger übernimmt dessen Funktionen.

Oesterreich - Ungarn.

* Wien, 29. Mai. Der Kaiser ist heute Mor­gen von Pest hier eingetroffen. Der Fürst von Bulgarien ist hier heute früh inkognito von Darm­stadt angelangt und reift nach kurzem Aufenthalt nach Sofia weiter.

* Pest, 28. Mai. Der Anarchist Ruß wurde in dem Preßprozeffe zu sechsmonatlichem Gefäng- niß und 200 Gulden Geldbuße verurtheilt; der­selbe meldete sofort die Nichtigkeitsbeschwerde an.

„Nein." — Ihre Stimme bebte vor Entrüstung. „Ich schrieb ihm, daß ich jetzt an nichts Anderes, als an unfern Verlust denken könne."

Algy runzelte die Stirn und drehte sein Bärtchen.

„Es gefällt , mir nicht, Penelope — alles Vor- urtheil bei Seite setzend, es gefällt mir nicht. Er hat sich in der ganzen Sache nicht nobel benom­men. So lange der liebe, alte Regent lebte, wagte er es nie hervorzutreten, jetzt, wo er nicht mehr ist, macht er sich bei und möchte Dich so ohne Weiteres heirathen."

Keine Antwort kam von der traurigen schmalen Gestalt an seiner Seite.

„Penelope", sagte er, sich ein wenig herabbeu­gend, um ihre Antwort zu vernehmen, „wie, wenn ich es nun nicht erlauben würde?"

Ein voller Blick aus den braunen Augen seiner Schwester traf ihn.

„Ich will ihn prüfen," sagte sie, „und für mich selbst urtbeilen."

„Thue es; ich bin ziemlich sicher, daß er zu denen gehört, die, wenn man sie wiegt, zu leicht befunden werden."

Eoerard gewogen und zu leicht befunden! Un­möglich!

Penelope wußte, es wäre vergeblich, Algy's Uederzeugung umzustoßen, so schwieg sie denn, hielt aber immer noch an ihrer Meinung fest.