Montag, den 26. Mai"
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I — Mit welcher Unwissenheit manche Korrespondenten ihr Metier erfüllen, dafür liefert ein Berliner Korrespondent des .Rhein. Kur.' einen Beleg. Der Mann bezeichnet es als eine „juristisch ganz interessante Frage", ob der deutsche Kaiser oder der König von Sachsen zur Begnadigung Kras- zewski's befugt sei. Eine Frage kann das nur für Ignoranten, nicht für Juristen fein, denn der § 484 der Strafprozeßordnung bestimmt klipp und klar: „In Sachen, in denen das Reichsgericht in erster Instanz erkannt hat, steht das Begnadigungsrecht dem Kaiser zu".
— Am Donnerstag ist in Dresden ein Parteitag der Freisinnigen abgehalten worden, über den Folgendes berichtet wird. Die öffentliche Versammlung war stark besucht. Der Abg. Barth kennzeichnete die Sozialreform und erging sich in einer scharfen Kritik des nationalliberalen Parteitags. Abg. Munckel besprach das „Recht auf Arbeit" und die Rechte des Reichstags. Beide Redner fanden anhaltenden Beifall. Eine anerkennende Aeußerung Barth's über Eugen Richters Thätigkeit erzielte rauschenden Applaus. Der Parteitag zählte 150 Theilnehiner, das Statut wurde als ganzes angenommen.
* Berlin, 24. Mai. Der Kaiser empfing heute Vormittag den Besuch des Kronprinzen, welcher zuvor die kombinirte Garde-Jnfanterie-Bri- gäbe Hierselbst besichtigte und heute Abend zu den Vermählungsfeierlichkeiten nach Rumpenheim ab- zureisen gedenkt. Sodann fand in Gegenwart der' kronprinzlichen Familie die Grundsteinlegung zu der neuen englischen Kirche statt.
* Berlin, 24. Mai. Der Kronprinz ist heute Abend mittelst Extrazug nach Rumpenheim abgereist.
* Berlin, 24. Mai. Die Aktiengesetz-Kommis- si on des Reichstages erledigte heute die erste Lesung aller aus dem dritten Titel noch restirenden Artikel. Die Bestimmung des Art. 185 b, wonach der Reservefonds nicht blos zur Kapitalsergänzung, sondern auch zur Ausgleichung der Dividende sollte dienen können, wurde gestrichen. Zu Art. 241 wurde ein Antrag angenommen, wonach Aktionäre, welche die Ernennung von Liquidatoren durch Richter beantragen, bereits 6 Monate im Besitze ihrer Aktien sein müssen. Alles Uebrige wurde im Wesentlichen unverändert genehmigt. ,
* Berlin, 24. Mai. Die Aktiengesetz - Kommission I
i strich auf Antrag des Abg. Meyer (Halle) Alinea 3 des ' Artikels 173, so daß die Ausstellung von Aktien nur auf Inhaber zulässig ist. Alinea 2 des Artikels 181 wurde mit dem Anträge Porsch angenommen, wonach das darin zum Nachtheil der Privatgläubiger eines ausscheidenden, persönlich haftenden Gesellschafters konstituirte Privileg von 5 Jahren auf 3 Jahre beschränkt wird. Artikel 181 a bis 185 wurden unverändert, Artikel 186 bis 201 mit den zum dritten Titel bereits früher beschlossenen Aen- derungen angenommen.
* Berlin, 23. Mai. Die Unfallkommission setzte die zweite Lesung der Paragraphen 18 und 19 (Bildung des Reservefonds) für morgen aus und erledigte die übrigen Paragraphen bis § 77 gemäß dem zwischen den Vertretern des Centrums und der Konservativen getroffenen Kompromisse und stellte dementsprechend in § 33 die Reichsgarantie wieder her.
* Berlin, 24. Mai. In Abgeordnetenkreisen verbreitete sich gestern plötzlich das Gerücht von einer schweren Erkrankung Windthorst's, Manche sprachen sogar von seinem Ableben. Das Gerücht trat mit solcher Bestimmtheit auf, daß die in der Unfall- und Aktienkommission versammelten Mitglieder des Centrums sofort unter Vorsitz des Freiherrn v. Franckenstein zusammentraten. Der Chefredakteur der .Germania', Legationsrath a. D. Dr. v. Kehler, sandte eine telegraphische Anfrage nach Hannover, wo Windthorst in seiner Villa die Pfingstserien zu verleben gedachte, denn über das Unwohlsein Windthorst's war man seit einigen Tagen unterrichtet. In später Nachmittagsstunde langte in Berlin die Antwort ein: Dr. Windthorst befindet sich wohl und munter.
Hsl^ai.^ "V der Jungfernhaide unweit Saatwinkel hatten sich gestern in früher Morgenstunde gegen 3000 Sozialdemokraten ein Rendezvous gegeben, angeblich um über diejenigen Abgeordneten der deutsch-freisinnigen Partei, welche für die Verlängerung des Sozialistengesetzes gestimmt, zu Gericht zu sitzen. Die Behörden hatten indessen von diesem Meeting unter freiem Himmel Wind bekommen und schleunigst wurden Gendarmerie- Mannschaften aus den beiden Kreisen Osthavelland und Niederbarnim aufgeboten und nach dem Ver- fammlungsort beordert, woselbst sofort die Auflösung des Meetings erfolgte. Es mag dabei nicht ganz friedlich hergegangen sein, denn die Gendarmen sahen sich genöthigt, 13 Verhaftungen vorzu-
Deutsches Reich.
Fulda, Montag, 26. Mai.
* Die Presse beschäftigt sich gegenwärtig in hervorragender Weise mit dem neuen Börsensteuer- Entwurf. Die .Germania' führt aus, daß der Entwurf auf beiden Flügeln des Reichstags Befriedigung Hervorrufen wird, „sowohl bei den entschiedenen Gegnern der Börse, welche eine energische Besteuerung wünschen, als auch bei dem Fortschritt und den Sezessionisten, welche der Sympathie und der Unterstützung aller Geldmänner bei den nächsten Wahlen um so sicherer sein können, je energischer sie den Entwurf bekämpfen". — Die.Kreuzzeitung' begrüßt den Entwurf, welcher den früheren konservativen Anträgen entspreche, mit Zustimmung und bemerkt, es könne ja allen Parteien nur erwünscht sein, daß sie noch Gelegenheit haben, vor den Wahlen sich zu dieser Frage auszusprechen. — Nachdem die National liberalen sich für eine höhere Börsensteuer engagirt haben, durfte man wohl erwarten, daß die ,Nat.-lib. Korr.' dem neuen Börsensteuer-Entwurf gegenüber einen sympathischen Standpunkt einnehmen werde. Es wird aber diesem Organ augenscheinlich schwer, sich in die neuen Pflichten hineinzufinden; es hält sich in seinem Urtheile über den Entwurf diplomatisch re» servirt, aber zwischen den Zeilen sieht der alte liberale Geist hervor, der von einer ernstlichen Besteuerung der guten Freunde an der Börse nichts wissen will. — Die ,Nat.-Ztg.' bemerkt, daß die schwächste Seite des Entwurfes wieder die steuer- polizeiliche sei, die einen hohen Grad von Eindringen in die Privatverhältnisse und große Belästigungen mit sich führe. — Die ,Voff. Ztg.' meint, der Entwurf mache den Eindruck, als sei die Vermehrung der Einnahmen Haupt- und die Regelung des Gegenstandes Nebenzweck.
— Der ,Staats-Anzeiger' veröffentlicht folgenden königl. Erlaß vom 15. April:
Auf Ihren gemeinschaftlichen Bericht vom 12. April d. I., will Ich dem Deutschen Offizier-Verein zu Berlin auf Grund des anliegenden Status vom 15. Dezember 1883 die Rechte einer juristischen Person verleihen.
Gegengezeichnet von den Ministern des Innern, der Justiz und des Krieges.
46 lqj Penelope.
Nach dem Englischen.
Noch einen Tag Aufschub! Penelope athmete erleichtert auf. Sie fürchtete dieses Zusammentreffen mit Douglas. All' ihr Muth verließ sie, wenn sie daran dachte — und doch früher oder später mußte es fein. Und wie — ach wie sollte sie es ihm mittheilen.
Herrlich ging am andern Morgen die Sonne Über den Bäumen auf. Der Sommer schien sich dieses Jahr nicht trennen zu können und doch begann die Erde schon ihren herbstlichen Schmuck anzulegen. Algy fuhr mit dem Daycart an den Bahnhof, um Douglas abzuholen. Er probirte einen neuen Fuchs, dessen feuriges Temperament seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, so daß auf der Fahrt nach Castle Chartres nur wenig gesprochen wurde.
„Ist er nicht vollkommen?" fragte Algy seinen Freund, als sie dahin sausten.
„Ein prächtiges Thier", erwiderte Douglas. „Was reitet Penelope eben?"
„An Stelle von Sultan? Der Regent hat ihr ein anderes Reitpferd angeschafft, aber seit meinem Hiersein war sie noch nicht draußen. Ho ho — langsam, mein Bursche" — als der Fuchs in einen förmlichen Galopp verfiel. „Du wirst Penelope im Salon finden", sagte Algy hastig, als sie vor der Halle anfuhren; „Du kennst den Weg."
Die Sonnenstrahlen sanden ihren Weg durch
die Fenster des Salons und beleuchteten Penelope, die das Antlitz in den Kissen verborgen, auf dem Sopha lag. Douglas Graham stand daneben und blickte ernst und ruhig auf sie herab.
Als glücklicher Mann war er zehn Minuten vorher in das Zimmer getreten; wenige abgebrochene Worte von den bleichen Lippen einer Frau hatten fein Lebensglück für immer zerstört. Schweigend, mit festgeschloffenen Lippen betrachtete er sie, ihr schönes gebeugtes Haupt, ihre schlanke, vor heftigem Schluchzen bebende Gestalt.
„Penelope", sagte er sehr sanft, seine Hand auf ihr Haar legend, „weinen Sie um mich?"
„Sprechen Sie nicht in diesem Tone zu mir, Douglas," rief sie unter Weinen — „ich kann es nicht ertragen."
„Wie sollte ich anders sprechen?" fragte dieselbe, gütige Stimme. „Sie haben mir kein Unrecht gethan; ich habe kein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen; es stand Ihnen frei zu wählen. Penelope, Sie glauben doch, daß ich nur Ihr eigenes Glück wünsche?"
„O, sagen Sie, daß Sie sich Nichts daraus machen, daß es Sie nicht schmerzt!" rief Penelope schluchzend, ohne den Kopf zu erheben, denn sie fürchtete den ernsten vorwurfsvollen Blick seiner Augen.
„Nicht schmerzt!" Hätte Penelope in sein Gesicht geblickt, würde sie nie ein solches Verlangen gestellt haben. Nicht schmerzen, wenn doch sein
ganzes Herz erbebte bei dem Gedanken, daß er ihre Liebe verloren!
Er wurde bleich, als sie dies sagte und wandte sich ab. Penelope lag ein paar Minuten unbeweglich, bis sie das Schweigen nicht mehr ertragen konnte. Sie setzte sich auf und blickte ihn durch ihre Thränen an. Sie war an diesem Morgen ganz in weiß gekleidet; ihr feines Battistkleid zierten schöne Stickereien und das schwarze Sammt- band um den Hals war mit einer kleinen silbernen Brache befestigt.
Jetzt wandte sich Douglas wieder um. Ihre Augen begegneten sich; und als sie in seinem Blick den verzweifelten Kummer las, den feine Lippen nicht aussprechen wollten, verbarg sie ihr Gesicht von Neuem, denn sie konnte den stummen Vorwurf dieser ernsten Augen nicht ertragen.
Ihr Arbeitskästchen stand offen auf dem Tische. Douglas nahm eine kleine Scheere daraus, beugte sich herab und schnitt eine ihrer goldenen Locken ab.
„Leben Sie wohl, Penelope," flüsterte Douglas. „Denken Sie nicht mehr an mich — aber wenn Sie je einen Freund nöthig haben, erinnern Sie sich an Douglas Graham, der Sie einst liebte."
Ihre kalte Hand lag in der feinigen. Noch einmal blickte er in ihr Gesicht, noch einmal hörte er ihre Stimme.
„Douglas, können Sie mir vergeben?"
„Ich habe Nichts zu vergeben. Der Himmel lasse Sie glücklich werden!"