»N 118.
Sonnabend, den 24. Mai
1884.
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Fulda, Sonnabend, 24. Mai.
* Die »Nordd. Allg. Ztg.' scheint in Sachen der Propaganda kein reines Gewissen zu haben. In einer augenscheinlich inspirirten Polemik gegen die .Germania' sucht sie für die Nichteinmischung Deutschlands in den Propaganda-Raub folgende schwache Ausreden geltend zu machen, die zugleich bestimmt scheinen, die Aufregung der italienischen Offiziösen über den jüngsten Artikel zu beschwichtigen:
„Trotz der sachlichen Auseinandersetzung, welche wir in Betreff der Propaganda vor einiger Zeit gegeben haben, fährt die »Germania' fort, sich darüber zu erhitzen und ihre Leser zu Hetzen, daß von deutscher Seite keine diplomatischen Schritte gegen das Erkenntniß des italienischen Kassationshofes geschehen sind, welches gewisse liegende Gründe der Propaganda der Konvertirung in italienische Rente unterwirft. Sie benutzt dazu den Umstand, daß das American College in Rom in Folge einer Reklamation der Regierung der vereinigten Staaten für der Konvertirung nicht unterworfen erklärt worden ist. Um nicht gegen ein so eminent religiöses und moralisches Blatt einen schweren Vorwurf erheben zu müssen, wollen wir sagen, daß die .Germania' schlecht informirt ist. Aus der am 1. d. M. in Washington publizirten amtlichen Korrespondenz über das Amerika» College ergibt sich dies. Die Erzbischöfe Mc. Closkey und Corrigan wandten sich mit Vorstellungen an den Staatssekretär, in denen sie über die Geschichte des genannten Instituts Folgendes vortrugen: Das Kollegium sei im Jahre 1859 gegründet zum Zweck höherem Studien junger Geistlichen aus den Vereinigten Staaten; das amerikanische Bürgerrecht sei Bedingung der Zulassung. Pius IX. habe mit den amerikanischen Bischöfen einen Vertrag geschlossen, durch welchen er die immerwährend« uneittgelillche Benutzung eines der Propaganda gehörigen Gebäudes zusagte, gegen die Verpflichtung der Bischöfe, 50,000 Dollars zur Einrichtung des Instituts zu beschaffen. Es sei nun nicht bloß diese Summe, sondern außerdem ein Betrag von 200,000 Dollars von den amerikanischen Diözesen aufgebracht worden. Diese zur Kenntniß der italienischen Regierung gebrachten Angaben wurden von derselben als richtig anerkannt, und die Minister des Aeußern und der Justiz waren darüber einverstanden, daß das American Kollege schon in seiner Eigenschaft als eine Unterrichtsanstalt nach dem Gesetz vom 6. Juli 1866 von der Konvertirung nicht betroffen werde. Es ist eine der .Germania' würdige Aufgabe, nachzuweisen, daß die Landgüter, Weinberge und anderen pachttragenden Besitzungen der Propaganda, welche der Konvertirung unterworfen sind, gegenüber der deutschen Regierung dieselbe Natur haben, wie das American Kollege gegenüber der amerikanischen."
Die .Germania' macht zu diesem offiziösen Machwerk folgende zutreffende Bemerkungen:
„Die Unterschiede, welche die .Norddeutsche' mit großem Eifer aufspürt, um die mit dem energischen Vorgehen Nordamerika's kontrastirende Unthätigkeit unserer Regierung plausibel zu machen, sind trotz des süffisanten Tones, in welchem sie vorgebracht werden, nicht weit her. Die kirchliche Ordnung in Nordamerika ist bekanntlich neu und deshalb ist auch die Verbindung Nordamerika's mit der Propaganda in ihren verschiedenen Stufen genauer zu übersehen. Die Akten sind noch frisch und manch« Einzelheiten der Beiträge und Rechte der nordamerikanischen Kirche liegen schwarz auf weiß der Oeffentlichkeit vor. Deutschland dagegen ist seit Beginn der Propaganda, also seit dritthalbhundert Jahren, an dieser centralen Anstalt zur Verbreitung des Glaubens betheiligt, seine Beiträge sind mit den Fonds der anderen alten christlichen Nationen zusammengefloffen und seine Söhne haben Platz genommen und ihre Ausbildung und Sendung erhalten in der Pflanzschule für die Missionäre aus allen gläubigen Nationen. Es handelt sich also unter allen Umständen darum, ob ein auch aus deutschem Ursprünge stammendes Vermögen mit seiner Bestimmung auch für deutsche Missionäre auf irgend welchen Schutz der deutschen Regierung Anspruch hat. Die deutschen Protestanten haben ihre Missions-Gesellschaften im Lande, oder betheiligen sich auch ihrerseits an auswärtigen prrtestantischen Gesellschaften. Wird die Regierung die Missionsgelder deutscher Protestanten und die von ihnen ausgegangenen deutschen Missionäre nicht in geeigneten Fällen schützen? Dann aber hat das Gleiche doch wohl zu gelten wenigstens in sofern die deuffchen Katholiken bei den Angelegenheiten der Propaganda betheiligt sind, durch welche ihr idealer Antheil an der Aufgabe der Welt-Mission vermittelt wird. Sollte hier nicht einer der Fälle vorliegen, wo der Fürst Bismarck stfin Wort von dem Papst- thum als einer „einheimischen Institution" wahr zu machen hätte? Dieses Wort ist doch noch sehr jung, es fiel erst im laufenden Dezennium! Und stehen nicht ferner auch einige Diaspora-Gebiete Deutschlands selbst bei dem Mangel einer alten hierarchischen Ordnung direkt unter der Verwaltung der Propaganda? Und neben diesen besonderen Gründen für Deutschlands Jntereffe an Bestand, Besitz und Unabhängigkeit der Propaganda, gelten denn gar keine idealen Gründe in Deutschland mehr, die doch z. B. dem altehrwürdigen Benediktiner - Sitze Monte-Kassino gegenüber der Bedrohung durch Italien den Schutz der halben Welt gebracht haben? Gelten nichts die Gründe der öffentlichen Moral und Rechtsüberzeugung, die wir, ehe wir den Artikel der ,Nordd.' kannten, m deip vorstehenden Leitartikel zum Ausdruck gebracht haben?"
— Die .Nordd. Allgem. Ztg.' führt bezüglich einer ganzen Reihe von der .Vossischen Zeitung' ! angeführten Fälle, wo die Regierung den vom Ab
geordnetenhause an sie gerichteten Aufforderungen, gegen Beamte einzuschreiten, nachgekommen ist, aus daß alle diese Fälle den Tenor der Verfaffung nicht ändern und das Recht des Königs nicht vermindern könne. Die Nachgiebigkeit der Minister, damit nützliche Gesetze nicht an der Verstimmung der Gesetzgeber scheiterten, könne dem Könige niemals das Recht verkümmern, die gesetzmäßigen und verfas- sungd>äßigen Rechte der Krone zu wahren. Dergleichen Nachgiebigkeiten führten bei dem ununterbrochenen Vorwärtsstreben nach Herrschaft, welches den Parteien eigen ist, allmählich dahin, daß scheinbar gleichgiltige Konzessionen in der Form als Basis für Rechtsdeduktionen benutzt werden, um auf dem Gebiete des Artikels 45 der Verfaffung, welcher die vollziehende Gewalt dem Könige reser- virt, Eroberungen zu machen.
— Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt: Mit dem Verlauf des hier abgehaltenen Parteitages der Nationalliberalen könnten Alle, denen die Förderung der öffentlichen Angelegenheiten im nationalen Sinne am Herzen liegt, recht wohl zufrieden sein. Die Nachwirkungen der Heidelberger Erklärung seien noch lange nicht abgeschlossen, weil jene Erklärung, außerhalb der preußischen Parteikämpf' stehend, auch einen befreienden Einfluß auf diese zu üben geeignet sei.
* Berlin, 23. Mai. Der Kaiser arbeitete Mittags mit dem Militärkabinet und empfing im Beisein des Staatsministers Grafen Hatzfeld in besonderer Audienz den seitherigen argentinischen Gesandten Caue zur Ueberreichung seines Abberufungsschreibens und danach dessen Nachfolger Dr. Carlos Calvo zur Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens, später unternahm der Kaiser eine Spazierfahrt. Morgen früh 11 Uhr findet die feierliche Grundsteinlegung der englischen Kirche im Monbijou-Garten im Beisein der kronprinzlichen Familie statt. — Der Kronprinz besichtigte heute früh auf dem Bornstädter Felde die erste Garde- Jnfanteriebrigade. Der Besichtigung wohnten die Kronprinzessin, Prinzessin Wilhelm, Erbprinzessin von Meiningen und Prinzessin Viktoria bei.
* Berlin, 23. Mai. Die dem Bundesrathe vorge- I legte Novelle zum Reichsstempelgesetz unterwirft
45
iry Penelope.
Nach dem Englischen.
„Großer Gott, Penelope, sprichst Du im Emst?" fragte Algy.
„Ja" — antwortete sie mit leiser deutlicher Stimme.
Er setzte sich nieder und blickte sie an, während ein erregter, ärgerlicher Ausdruck sich über feine Züge verbreitete:
„Und Du willst damit sagen, daß Du den besten, edelsten Mann, den jemals die Sonne beschien, für diesen Maler, diesen herumziehenden Abenteurer aufgibst?"
„Diesen herumziehenden Abenteurer!" — Pene- lope's Wangen glühten. „Er ist ein Gentleman so gut wie Du!" sagte sie leidenschaftlich.
„Gentleman! Eine hübsche Sorte! Kommt in das Haus eines Mannes und stiehlt das Herz seiner Tochter unter dem Vorwand ihr Portrait zu malen. Hätte ich ihn nur früher ausgefunden!"
Vor Erregung zitternd, hielt Algy inne und schaute auf Penelope, die stolz und trotzig vor sich hinblickte.
„Ich dachte nie, daß Du in Bezug auf den armen Douglas Deine Meinung geändert, aber, bei Jupiter, Penelope, ich stellte es mir nicht halb so schlimm vor! Und darf ich fragen, was der Regent dazu spricht?"
„Er weiß noch Nichts davon," hauchte Penelope. „O Algy, versprich, daß Du ihm Nichts sagst!"
„Darüber fei beruhigt. Ich mische mich nicht in Eure Sachen. Nur soll mir Dein Maler nicht in den Weg treten."
Algy Chartres war sehr erzürnt und wurde es noch mehr, wenn er an Douglas dachte. Bittere Worte fielen zwischen Bruder und Schwester — Worte, die besser ungesagt geblieben wären. Penelope brach zuletzt in Thränen aus und nun that es Algy leid, so barsch gesprochen zu haben. Aber die Worte ließen sich nicht mehr zurücknehmen und Penelope konnte feine bitteren Reden über Everard Daubeny nicht vergeffen. Als er jetzt einzulenken suchte, schenkte sie ihm nur halbes Gehör.
„Weine nicht so, Liebe — ich kann es wirklich nicht sehen. Es ist eine verteufelt böse Geschichte, aber vielleicht wird doch noch Alles gut. Ich hoffe von Herzen, daß, da Du einmal Deinen Sinn ändern konntest, Du es noch einmal thun wirst. Pen, mein Liebling, könntest Du nicht diesen Andern vergeßen und Dich wieder Douglas zuwenden? Du weißt nicht, wie er Dich liebt?"
In seinem Eifer für Douglas sprach Algy in vollem Ernst, seine Stimme bebte, als er feiner Schwester Hand ergriff und noch einen letzten Versuch wagte:
„Penelope, es wird ihm das Herz brechen. Er liebt Dich, wie nur wenige Männer Heben können. Du hattest ihn doch früher gern, nicht wahr mein Herz?"
Sie erhob ihr thränenüberströmtes Antlitz zu ihm.
„Algy, ich wünschte, ich wäre tobt. Er kann nicht — er darf mich nicht so lieben. Du wirst ihm Alles mittheilen, nicht wahr Algy?"
„Ich? Nein! Glaubst Du, ich würde meinem besten Freund einen solchen Schlag versetzen. Ich sage Dir, lieber würde ich ihn mit einer Kugel durchbohren, als daß ich ihm diese Nachricht mittheilte".
Mit schwerem Seufzer ließ sie ihren Kopf wieder auf feine Schulter sinken.
„Du mußt es ihm selbst sagen", fuhr Algy ernst fort — „ich würde es für 1000 Pfund nicht thun".
Langsam erhob sich Penelope und wandelte tiefgebeugt heimwärts. Algy folgte ihr nicht — er war zu böse, um ruhig plaudern zu können. Wenn Penelope so einfältig fein wollte, konnte er es nicht ändern; aber es war zu fchlimm, daß Douglas darunter leiden sollte.
Ohne seine Stellung zu ändern, blieb er noch lange in der heißen Sonne sitzen und grübelte über das Gehörte nach.
„Jetzt hab' ich's!" rief er endlich aufspringend. Eine brillante Idee war ihm gekommen — er wollte Douglas nach Castle Chartres einladen, scheinbar mit der Aussicht auf die Rebhühnerjagd ; aber er hoffte, daß Penelope durch die Macht feiner Persönlichkeit gezwungen, bald wieder die alte Siebe für ihn fühlen werde.
„Es ist ein sehr einfacher Plan - ich wundere mich, daß ich nicht früher schon daran gedacht," sagte Algy selbstzufrieden vor sich hin.