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1884

Mittwoch, den 21. Mai tlEEL?? „

Zweites Blatt

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O Der große nationalliberale Parteitag.

Die „große Thal" von Berlin, der ersehnte Schlußakt der nationalliberalen Selbstbelebungs­versuche und die Besiegelung der Freundschaft zwischen den „nationalen" Elementen in Süd und Nord ist glücklich überstanden, und die Partei­genossen wetteifern in überschwenglichen Lobprei­sungen des bedeutungsvollen Ereignisses, welches sich am 18. Tage des Wonnemondes in der Haupt­stadt an der Spree vollzogen hat. An den nüch­ternen, ruhigen Beobachter dieser mit allen Mitteln und Vorbereitungen bestens inszenirten Leistungs­probe des in der Wiedergenesung begriffenen Na- tionalliberalismus, tritt nun die Aufgabe heran, aus dem glänzenden Beiwerk und dem prangenden äußeren Flitter der zur Jnaugurirung der neuen Aera der nationalliberalen deutschen Partei ge­haltenen Reden den eigentlichen Kern heraus­zuschälen und aus dem Zusammenhang des Ganzen die Deutung zu finden für das, was sich wirklich und mit nachhaltigem Erfolg in Berlin im Saale des Architektenhauses ereignet hat.

Es war, — das muß auch vom politischen Gegner anerkannt werden —, eine glänzende Ver­sammlung, ein achtunggebietendes Stelldichein, wel­ches über fünfhundert Delegirte der nationallibe­ralen Partei sich in Berlin gegeben hatten. Be­merkenswerth vor allem war die Versammlung auch durch die Anwesenheit dLs anerkamULrwaßen hervorragendsten der ehemaligen nationalliberalen Parteigrößen, des Herrn Rud. vonBennigsen, welcher nach kurzer Zurückgezogenheit nunmehr wieder in den politischen Kampf und die parla­mentarische Thätigkeit eintreten will. Das Auf­treten des Herrn von Bennigsen darf nach allem, was man heute in Bezug auf die zukünftige Ge­staltung der Partei und ihres Einsiuffes voraus­sehen kann, immerhin als ein wichtiges Ereigniß bezeichnet werden. Dennoch würde der Name und das Prestige des Herrn von Bennigsen auch nicht im Entferntesten hinreichen, um die Parteigenossen

im weiten Reiche zu neuer Thatkraft und neuem Vertrauen auf eine beffere Zukunft der Partei aufzumuntern. Sollte dies überhaupt in dem Maße möglich sein, wie die Herren es sich träu­men , so könnte man die belebende Zauberkraft nicht in dem Namen Bennigsen, sondern in dem Namen des Mannes finden, deffen Preis und Ruhm, deffen Lobeserhebung und — man möchte fast sagen — Vergötterung beinahe die ganze umfangreiche Antrittsrede des Herrn von Bennigsen gewidmet war. „St8marck" war das Wort, wel­ches die Versammlung elektrisirte, Bismarck 'der Genius, der mit geheimnißvoller Kraft die Geister ermuthigte, der Name „Bismarck" war geradezu das Alpha und Omega der „staatsmännischen" Kraftproduktion, die in Berlin zum Besten gegeben wurde. Aus allen den Reden war nur zu deutlich zwischen den Zeilen herauszulesen, daß die Partei steht und fällt mit ihrer Anhänglichkeit an den Reichskanzler, an den Mann, der bei Aufrichtung des deutschen Reiches der Partei zu Ansehen und Einfluß verhalf, und der sich auch nicht scheute, sie zu gelegener Zeit „an die Wand zu drücken" und ihre Mannen zu dezimiren. Zu dieser Er­wägung trat nun auch noch die Pflicht einer nahe­liegenden Dankbarkeit für die indirekte Unterstützung, die Fürst Bismarck eben erst durch seine unver­blümten offiziellen und offiziösen Liebeserklärungen der Partei hat zu Theil werden lassen. Die Rede des Herrn Rudolf von Bennigsen leistete an über­schwänglichen Lobeserhebungen des Reichskanzlers wirklich das Menschenmögliche. Man merkt die Absicht — und muß fast unwillkürlich lächeln über diese sonderbare Schweifwedelei. Soweit wir den Kanzler beurtheilen können, wird selbst er, wenn er mit sich und seinen Gedanken allein ist, diese Beräucherungsmanie der nationalliberalen Herren unwiderstehlich komisch finden. Das Uebertriebene liegt schon im Ausdruck. Der „gewaltige Real­politiker", das „ungeheure realpolitische Genie", ein „Staatsmann und Realpolitiker, wie es keinen in den europäischen Staaten in den letzten Jahr­hunderten gegeben hat", das sind byzantinische Schmeicheleien, die in ihrer Uebertreibung nur das

Gegentheil von dem bewirken, was sie bezwecken. Eine solche Sprache mag in einer Wählerversamm­lung vor erregungsbedürftigen Parteiphilistern und politischen Böotiern und im Munde einer klein­städtischen oder dörflichen Parteigröße noch hin­gehen, aber in einer Assemblee der Auserlesenen der Partei ist eine solche Sprache unpaffend und lächerlich. Vielleicht hat sie aber auch irgend einen speziellen Zweck, der in seiner Wichtigkeit über solch' kleine Bedenken hinweghilft. Und die­ser letztere Fall liegt hier vor. Was wir am Sonntag in Berlin sich abspielen sahen, unter den Auspizien des Namens „Bismarck" und mit einer Huldigungsfeier des großen Staatsmannes, das war nichts anderes, als die Gründung oder, wenn man will, die Neugründung einer „Partei Bis­marck", einer Partei, die kein anderes Ziel kennt, als die Pläne des Reichskanzlers ausführen zu helfen, die gegenwärtigen wie die zukünftigen, und die in dem kommenden Wahlkampfe mit aller Be­stimmtheit auf die volle Unterstützung des mit reichen und mannigfachen Hilfsmitteln ausgestat­teten „mächtigen ersten deutschen Staatsmannes" rechnet. — Man wird im nationalliberalen Lager dieser Auffaffung widersprechen, man wird Hin­weisen auf die Betheuerungen Hobrechts, Bennig­sens u. A. bezüglich der absoluten Selbststän­digkeit der Partei, bezüglich ihrer. Stellung zu der Reichsverfaffung, an deren Rechten nicht gerüttelt werden solle, und aus die wiederholte Bemerkung, daß man die großen sozialpolitischen Pläne unter­stützen werde vorbehaltlich der Prüfung im Einzelnen. Das klingt ja alles recht hübsch, aber wenn man damit die Ausführungen Bennigsen's betreffs der Reichsverfassung u. s. w. vergleicht, welcher die Nationalliberalen auf Wunsch des „ge­waltigen Realpolitikers" zum Dasein verhülfen hätten, ohne dabei auf diese oder jene hervor­tretenden Bedenken Rücksicht zu nehmen, so merkt man gleich, aus welcher Ecke der Wind pfeift. Man ist zu Allem bereit, aber man hält sich ein Hinterthürchen offen für den Fall, daß der Reichs­kanzler sich vielleicht nicht dankbar genug erzeigen sollte für die nationalliberale Hilfe. Die Minister-

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44 try Penelope.

Nach dem Englischen.

Sechszehntes Kapitel.

„Ich glaube Du schliefst noch keine 5 Minuten vergangene Nacht, Penelope," sagte Algy am nächsten Morgen, als seine Schwester bleich und überwacht zum Frühstück herunterkam. „Komm', der Morgen ist hübsch, wir wollen einen Spaziergang machen."

Früher oder später mußten ihre Bekenntnisse ja doch abgelegt werden, Douglas mußte es erfahren und die schwierige Mission es ihm mitzutheilen, würde Algy zufallen.

So gab denn Penelope mit müder Stimme ihre Bereitwilligkeit zu erkennen und wünschte nur, es sei schon Alles überstanden.

Es war ein lieblicher Tag, der Himmel klar und wolkenlos, und die Blätter der Bäume schim­merten wie rothes Gold im herbstlichen Sonnen­schein. Castle Chartres hinter sich laffend, wan­derten die Geschwister durch die Felder, über schmale Stege durch Zäune und Hecken bis zu dem kleinen Fluß, der sich wie ein silbernes Band durch die Felder schlängelte.

Dies war ein Lieblingsplätzchen aus ihrer Kin­derzeit. Welch' glückliche Tage waren es gewesen, als Algy und Penelope, zwei kleine, blondhaarige Kinder, die ihrer Wärterin oder Gouvernante ent­liefen, hier am Ufer spielten, kleine Fischchen fingen oder mit bloßen Füßen durch das frische Wasser

wateten, singend und jubelnd, die braunen Augen funkelnd vor kindlichem Uebermulh.

Welch' verschiedener Ausdruck sprach jetzt aus Penelope's Augen, als sie an Algy's Seite saß und in das klare Wasser hinabblickte. Sie war glücklich, so sagte sie sich selbst, und doch mit wel­cher Sehnsucht dachte, sie jener schönen sorglosen Tage. Auch Algy, der schöne junge Offizier, er­innerte sich nicht ohne Wehmuth der glücklichen Zeit, wo noch kein Stoß unbezahlter Rechnungen seinen Frieden trüben konnte. Er fühlte sich sehr unbehaglich; Penelope sprach nicht, und er wagte sie nicht anzusehen aus Furcht, Thränen in ihren Augen zu entdecken. So zündete er sich denn eine frische Cigarre an und streckte sich seiner ganzen Länge nach am Ufer aus, geduldig wartend, daß Penelope die Unterhaltung beginne. Endlich wandte sie sich langsam um und blickte auf ihn herab — keine Thränen — kein Beben der Stimme ver- riethen ihre innere Erregung.

„Algy, ich kann niemals Douglas Graham's Gattin werden."

„Du kannst nicht Douglas' Gattin werden! Und warum nickt?" rief Algy, aufspringend und mit weitaufgeriffenen Augen Penelope anstarrend.

„Weil ich ihn nicht liebe."

„Unsinn, Penelope! Vor kaum vier Monaten liebtest Du ihn doch!"

„Damals schon, aber jetzt nicht mehr." Sie war nahe daran, ihre Selbstbeherrschung zu ver­

lieren; die Hände, die fest verschlungen in ihrem Schooße ruhten, zitterten. Algy warf seine Ci­garre weg.

„Aber, Penelope, ich begreife Dich nicht. Glaubst Du, er liebe Dich nicht genug? Weil, als — — "

„O nein, nein!" unterbrach sie ihn. „Das ist es nicht."

„Ei, zum Henker, was ist es denn? Weine nicht, sei vernünftig. Komm, ich wette darum, da steckt irgend ein Unsinn dahinter; aber ich gebe Dir mein Ehrenwort, Penelope, Douglas denkt Tag und Nacht an nichts Anderes als an Dich."

Penelope verbarg ihr Gesicht in den Händen.

„Wenn er es doch nicht thäte! — o, wenn Du mir gesagt hättest, er liebte mich nicht mehr!"

„Um des Himmelswillen, Penelope, erkläre Dich deutlicher. Ich zählte Dich doch nie zu den Mädchen, die ohne Grund ihres Liebhabers überdrüssig werden."

„Aber ich habe einen Grund!" rief Penelope mit leiser, schluchzender Stimme.

Algy begann in großer Verwirrung sein^Bärt- chen zu drehen und beobachtete dabei sei' Schwe­ster, die mit aller Mühe die aufsteigenden Thränen zurückzudrängen suchte. Jetzt schlang er seinen Arm um sie.

„Was ist Dir, meine Liebe. Du pflegtest mir doch sonst Alles zu sagen."

„Alg"y — ihre thränenden Augen zu ihm er­hebend — „Du glaubst doch nicht, daß er sich sehr darüber grämen wird, nicht wahr?"