Mittwoch, den 21. Mai
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Erstes Blatt.
O Der Friede zwischen Frankreich und China.
Am 11. Mai 1881 schloß Frankreich den be- ; rühmten Bardovertrag mit dem Bey von Tunis, welcher der tunesischen Expedition ein glückliches : Ende machte und Frankreichs Einfluß in Nordafrika bedeutend vermehrte. Genau drei Jahre später, am 11. Mai 1884 besiegelte der Vertrag zu Tientsin, den Friedensvertrag mit China, einen neuen großen Erfolg der französischen Kolonialpolitik. Daß in Paris großer Jubel herrscht über diesen Triumph der Republik und die Hebung ihres Ansehens nach Außen, ist ebenso selbstverständlich, wie die Thatsache, daß die Stellung Ferry's und des gegenwärtigen Ministeriums durch diesen Erfolg eine außerordentliche Stärkung und Befestigung erfahren hat. Ohne Zweifel wird Ferry diesen günstigen Augenblick auf das Beste ausnutzen, die demnächst irr den Kammern bevorstehende Bestätigung des durch den Tientsiner Vertrag von China anerkannten Vertrages von Hüö wird die geeignete Gelegenheit bieten, Ferry ein glänzendes Vertrauensvotum, und zwar für die gesammte Haltung in der Kolonialpolitik, zu ertherlen. Letzteres würde natürlich die Folge haben, daß, auch bie .Mgdagaskarfmge so oder so beseitigt, oder bis auf gelegene« Zeit verschleppt wird; vielleicht erhält der Ministerpräsident dann auch freie Hand für Egypten, und es wird ihm gewiß nicht an Kühnheit fehlen, um die jetzige Schwächeperiode der englischen Politik gründlich auszubeuten. Dennoch werden auch die begeisterten Freunde Ferry's den nicht zu leugnenden großen Erfolg der Tongking-Unternehmung recht eigentlich derpolitischenWeisheit und den Diplomatenkünsten Ferry's nicht zuschreiben können. Diese allein würden bei dem ganzen abenteuerlichen, unbeständigen System der jüngsten französischen Kolonialpolitik nicht zum Ziele geführt haben, wenn nicht theilweise äußere Umstände mitgewirkt hätten, welche nicht im Machtbereiche der französischen Staatskunst lagen. Es ist zweifellos, daß die jüngste Palastrevolution in Peking das Zustandekommen einer gütlichen Vereinbarung mit Frankreich wesentlich gefördert hat. Vom günstigsten Einfluß auf die Verhandlungen war sodann die mit jenen Vorgängen am Hofe zu Peking im Zusammenhang stehende Abberufung des wenig versöhnlich gesinnten chinesischen Gesandten Marquis Tseng von Paris und seine Ersetzung durch den bisherigen Gesandten Chinas zu Berlin. Dazu kam, daß China, durch die Waffenerfolge der Franzosen in Tongking eingeschüchtert, die äußersten Maßregeln von Seiten Frankreichs fürchten mußte, und von England, seit deffen Mißerfolgen in Egypten, keine Hilfe mehr zu erwarten hatte. Es klingt auch nicht unwahrscheinlich, daß Deutschland mit Rücksicht auf seine sehr in Mitleidenschaft gezogenen Handelsintereffen am Hofe zu Peking seinen Einfluß zu Gunsten einer friedlichen Auseinandersetzung geltend gemacht habe. Endlich war für den Fall eines Krieges Frankreichs mit China selbst eine Störung aller europäischen Handelsbeziehungen zu befürchten, welche dann nothwendig eine Erbitterung aller europäischen Exportstaaten gegen das himmlische Reich zur Folge gehabt hätte. Alle diese Erwägungen konnten es für China nur wünschenswerth erscheinen lassen, daß der Konflikt mit Frankreich ohne einen blutigen Krieg beigelegt würde.
Wie sehr sich die Gesinnungen der chinesischen Regierung unter dem Drucke der Ereignisse sich geändert haben, zeigt sich am deutlichsten, wenn man die einzelnen Bestimmungen des jetzigen Vertrages mit denen des Bourse'schen vom Jahre
1882 vergleicht. Während hier China als äußerstes Zugeständniß den Franzosen Lao-Koi als Grenzstation für die Schifffahrt auf dem Song-Koi ein- | räumt, öffnet der Vertrag von Tientsin dem französischen Handel die drei Provinzen Pünnam, Kuang-Si und Kuang-Tung. War im Vertrage von Bouroe noch davon die Rede, daß der nördlich vom Rothen Fluß gelegene Theil Tongkings in zwei Zonen getheilt werden sollte, von denen die eine unter der Botmäßigkeit Chinas stehen, die andere der französischen Verwaltung übertragen werden sollte, so erkennt der jetzige Vertrag ausdrücklich den Augustvertrag von Hüo, also das Protektorat Frankreichs über ganz Annam und Tongking an, es ist hier weder von China's Souveränetät noch von seiner Souveränetät über diese beiden Provinzen die Rede, China verpflichtet sich, alle seine Soldaten aus Tongking zurückzuziehen und die zwischen Frankreich und Annam bereits geschloffenen oder noch zu schließenden Verträge zu respek- tiren. China verpflichtet sich ferner, auf der ganzen Grenzlinie zwischen Tongking und dem südlichen China die Freiheit des Waarenverkehrs zwischen Annam und Frankreich einerseits und China andererseits zu gestatten. Zu diesem Zwecke soll ein Handels- und Zollvertrag unter den vortheil- haftesten Bedingungen für den französischen Handel abgeschloffen werden. Bei dem Vertrage liegen augenscheinlich. afle.Vortheile auf Seiten Frankrichs.
Das südliche China, die drei chinesischen Südseeprovinzen, die sich vom Meere bis Birma erstrecken, waren der Schauplatz des furchtbaren Aufstandes der Taipings und der chinesischen Moha- mebmier; sie hängen mit dem nördlichen China nur durch die Wirkung des Bambusrohres und des Schwertes zusammen; die Bevölkerungen sind weit mehr Barbaren, roher, ärmer, aber auch naiver und minder verdorben als im nördlichen China, die Städte und Marktflecken liegen zum Theil noch in Ruinen, denn die letzten Aufstände und die Grausamkeit, mit deifTaipings und Mant- schuleute gegeneiyander wütheten, haben gewirkt, wie der dreißigjährige Krieg in Deutschland. Die eigentlichen Absatzgebiete für europäische Fabrikate sind die chinesischen Nordprovinzen, und auf diese und die Ausschließung der Konkurrenz von den Handelsplätzen an den beiden großen Verkehrsadern ist der Handelsvertrag gemünzt, der den Franzosen „besondere Vortheile" gewähren soll, und gerade über diese Bestimmung macht man sich große Erwartungen für den Absatz von französischen Artikeln.
Unter diesen günstigen Umständen können die Franzosen es leicht verschmerzen, daß die allerdings ungeheueren Kosten der Unternehmung zu ihren Lasten bleiben. China scheint auf die Nichtzahlung einer Kriegsentschädigung das größte Gewicht gelegt zu haben, und diese Bestimmung des Vertrages von Tientsin wird zur Folge haben, daß selbst im günstigsten Falle erst eine spätere französische Generation den eigentlichen Nutzen aus dem vortheilhaften Vertrage ziehen wird. Wenn französische Blätter in igreni ersten Jubelrausche nur von den Vortheilen reden, die der französische Handel aus dem Vertrage und seinen Konsequenzen ziehen würde, so soll damit nur der Nationaleitelkeit geschmeichelt werden. China wird den übrigen befreundeten Nariouen, und vor allem Deutschland, nicht verweigern, was es Frankreich zugestanden hat. Deutschland hat schon jetzt wichtige Verbindungen in Südchina; in derProvinzKuang-Tungexistiren3deutscheKonsulate.
Von außerordentlicher Bedeutung ist' der Abschluß des Vertrages' auch für die christlichen Missionen. Schon bei Beginn der Tongking- Expedition hat der heilige Vater die Zahl der apo
stolischen Vikariate in Tongking von einem auf drei erhöht. Unter dem Schutze der französischen Waffen werden Christenverfolgungen, wie sie in den letzten Monaten in Tongking und Annam vorgekommen sind, unmöglich sein. Bekanntlich ist aus diesem Grunde zur Zeit auch Bischof Freppel in der Pariser Deputirtenkammer energisch für die Expedition eingetreten. Natürlich wird der italienische Gewaltakt gegen die Propaganda jetzt, wo neue Anforderungen an die Hilfsmittel der großen Missionsanstalt herantreten, um so empfindlicher fühlbar werden.
Der französische Katholiken-Kongreß.
In den letzten Tagen hat zu Paris der XIII. französischeKatholiken-Kongreß getagt. Es war eine glänzende Versammlung, die angenehm abstach gegen die in Frankreich leider immer mehr überhand nehmende kirchliche Indifferenz. Viele herrliche Reden wurden gehalten, die wir nicht alle im Einzelnen hervorheben können. Eine besonders reiche Tagesordnung wies der zweite Kongreßtag auf. Zu Beginn derselben erfreute Präsident Chesnelong die Versammlung mit der aus Rom telegraphisch eingetroffenen Mittheilung, daß der heilige Vater den erbetenen Segen von Herzen gern ertheilt, und die erneuten Versicherungen kindlicher Anhänglichkeit und Ergebenheit der französischen Katholiken mit großer Freude und Genugthuung entgegengenommen habe. Die Reihe der Vorträge eröffnete sodann ein Professor an der katholischen Hochschule in Lille über die gedeihliche Entwicklung der dortigen medizinischen Fakultät. Den zweiten Vortrag hielt der Professor an der katholischen Hochschule von Paris, Claudio Janet, über die Freimaurer, deren offene Ziele und geheime Thätig- keit, die sich sowohl auf politischem als sozialem Gebiet in gleich nachtheiliger Weise geltend mache, und nichts Anderes als die gänzliche Zerstörung des Christenthums und die Auflösung des heutigen Gesellschaftslebens bezwecke. Redner beklagt ganz besonders, daß die meisten der hier und in der Provinz bestehenden elsaß-lothringischen Vereine und Gesellschaften — unter angeblich patriotischen Vorwänden — ausschließlich Freimaurerzwecken dienen. Auch die famose „Patriotenliga" sei ein Freimaurer-Institut wie noch so viele ähnliche Gesellschaften, namentlich die Unterrichtsliga. Zur wirksamen Bekämpfung der Freimaurerei empfiehlt Redner die in der päpstlichen Encyklika Humanum genus niedergelegten erhabenen Grundsätze und die Unterstützung der katholischen Presse, welche die Entlarvung und Bekämpfung der Freimaurerei sich zur besonderen Aufgabe mache, sowie hauptsächlich die Rückkehr zu den wahren Grundsätzen des Christenthums, woran sich die Mahnung schließt, bei Einkäufen und Bestellungen nur streng katholische Geschäftsleute zu berücksichtigen, die Maürer hingegen mit solchen Aufträgen sich selbst versorgen zu lassen. Der in Folge der März-Dekrete zurückgetretene Oberstaatsanwalt d'Herbelot unterhielt die Versammlung mit einem interessanten Bericht über den Kate- chismusunterricht, Seitens katholischer Jünglinge und Jungfrauen an solche schulpflichtige katholische Kinder von 6 bis 12 Jahren, welche aus irgend einem Grunde dem pfarramtlichen Religions-Unterricht fern bleiben. — Zu der dritten Versammlung wurde auf ben mit ein« müthiger Begeisterung ausgenommenen Antrag des Präsidenten Chesnelong zunächst die Absendung einer von sä mm t- lichen Mitgliedern unterzeichneten Adresse an den hl. Vater beschlossen, welche den Gefühlen der Ergebenheit gegen den hl. Stuhl Ausdruck gibt, die En- cyclika an die französischen Bischöfe in ehrfurchtsvoller Weise einer Betrachtung unterzieht, nicht minder die gegen die Freimaurerei gerichtete Encyclika hervorhebt und Protest erhebt gegen die Beraubung der Propaganda. Der vierte und letzte Tag des Kongresses, der 17. Mai, brachte eine nicht minder interessante Sitzung, in der u. A. die Bedeutung der katholischen Presse gewürdigt wurde. Msgr Bellouino, Titularbischof von Hieropolis, nahm das Ehren-Präsidium ein und erbaute die Versammlung zum Abschied mit einer tief ergreifenden Ansprache, in welcher er die französischen Katholiken zur Einigkeit und Ausdauer ermahnte. Die vom Präsidenten Chesnelong dem Kongreß zur Annahme unterbreiteten Anträge, Wünsche und Beschlüffe galten der Unterstützung des Peterspsen- nigs, dem Besuch und der Unterstützung armer Haus- und Spital-Kranken, der Förderug kirchlicher Begräbnisse, sowie der Unterstützung der katholischen Mssionen in Afrika. Am 18., also am vergangenen Sonntag unternahm der Kongreß seine Übliche Wallfahrt nach dem Sacre- Coeur auf dem Montmartre, wohnte daselbst einem feierlichen Hochamt mit Predigt bei und besichtigte sodann die großartigen Bauten der in der Entstehung begriffenen Basilika, die seit dem Vorjahre einen gewaltigen Fortschritt aufweist. Abends 7 Uhr fand das übliche Bankett im Hotel Continental statt.