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1884.

Dienstag, den 20. Mai

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Fulda, Dienstag, 20. Mai.

* Die dilatorische Behandlung der Kirchenpolitik wird, so schreibt die,Germania', nach den Erklärungen des Herrn v. Goßler vom Sonnabend fortgesetzt werden. Diebeiden vor­zugsweise kulturkämpferischen Parteien der Natio­nalliberalen und Freikonservativen unterstützen die Regierung in dieser Zauderpolitik positiv, indem sie ihr allein die Initiative überlassen zu wollen erklären. Die Konservativen, mit Ausnahme eines Dutzend christlicher und muthiger Männer, schließen sich thatsächlich dieser Unterstützung an, indem sie jetzt wiederum, wie schon beim Antrag Reichensperger auf Wiederherstellung der Verfas­sungs-Artikel, ihre eigene frühere Resolution Alt­haus sachlich abmindern, oder ihr den Charakter einer Mahnung nehmen. Und die Freisinnigen erklären zwar!, jeder auch von anderer Seite ausgehenden Initiative zur organischen Revision der Maigesetze in ihren, Sinne näher tre­ten zu wollen, sehen sich aber selbst auch nicht veranlaßt, die im Antrag Windthorst liegende Mahnung an die Regierung zur Beschleuni­gung des kirchlichen Friedenswerkes zu unterstützen. So standen Centrum, Polen und wenige Konser­vative auf der einen, alle übrigen Parteien, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen, auf der anderen Seite, und der Antrag Windthorst siel, allerdings nur mit beinahe drei Fünftel der Stim­men gegen mehr als zwei Fünftel. Gegenüber den überwältigenden Mehrheiten, mit denen die Kul- turkampfgesetze vor zehn Jahren angenommen wurden, ist dieses Stimmenverhältniß, so bemerkt die ,Germ.' weiter mit Recht, immerhin ein bedeu­tender Fortschritt zum Bessern. Und da die Frei­sinnigen schon jetzt erklären ließen, sie würden im Reichstage auch wieder der Beseitigung des Expa- triirungsgesetzes zustimmen, so ist gegen dieses exorbitante Gesetz dort sogar die Mehrheit wie­der sicher, mögen auch die übrigen Parteien thun, was sie wollen. Aber die Regierung wird wohl auch im Reichstage wieder schweigen, wie

bei der früheren Berathung des Expatriirungs- gesetzes, und wird die wiederum durchdringende Willensmeinung des Reichstages auf die endliche Beseitigung dieser maßlosen, in keinem zivilisirten Lande bestehenden Gewaltmaßregel von Neuem durchkreuzen. Sie wird dadurch aber auch von Neuem beweisen, daß diese Regierung keine B e- rechtigung hat, Ausnahmemaßregeln gegen die Sozialisten zu verlangen. Denn eine Regierung, welche gegen die konservativste und sittlichendste Macht der Welt, die katholische Kirche, Maßregeln bestehen läßt, welche die stärksten Maßregeln des Sozialisten-Gesetzes an Schärfe weit überschreiten, eine Regierung, welche diese harten Maßregeln aufrecht erhält zur Durchsetzung möglichster Staats- omnipotenz auf kirchlichem Gebiete, hat kein Recht, die von den Sozialdemokraten geforderte Staats- omnipotenz auf wirthschaftlichem Gebiete — und darin besteht ja das Grunddogma der deutschen Sozialdemokratie — zu bekämpfen, sogar mit Aus­nahmemaßregeln zu bekämpfen, und sie verwirrt fort und fort die Auffassungen des Volkes, so lange über Bischöfen und Geistlichen stärkere Aus­nahmemaßregeln angedroht bleiben, als gegenüber den Sozialdemokraten.

— Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bringt in Sachen des „Rechts auf Arbeit" folgende abwiegelnde Erklärung:

„Die Worte des Herrn Reichskanzlers in seiner Rede vom 9. d. Mts. „Ja, ich erkenne ein Recht auf Arbeit unbedingt an", sind nicht blos in Preußen als Grundsatz im Allgemeinen Landrecht proklamirt, son­dern bildeten in England schon vor 253 Jahren den Fundamentalgrundsatz des großen Armenge- setzes der Königin Elisabeth Wir finden dieses Gesetz sehr eingehend dargestellt in den ältesten Ausgaben von Rud. Gneist's „Das heutige englische Verfassungs- und Ver­waltungsrecht. Berlin 1857." II. Haupttheil. 8. Kap. S. 638, et sequ. Der erste Grundsatz erkennt jenes Recht auf Arbeit an, sein Inhalt lautet: „Jeder Arme muß entweder mit Arbeit versehen, oder unterstützt wer­den". Dieser Grundsatz ist nicht blos für Rothstände fest­gestellt, wie sie durch Mißernten, Handelskrisen, Geschäfts­stockungen rc. entstehen und ganze Arbeiterkategorieen vor­übergehend brodlos machen, sondern faßt die alltäglichen, gewöhnlichen Zustände ins Auge und soll vorbeugend wirken, nämlich das Vagabondiren, Stehlen, überhaupt straffällige Vergehen nach Möglichkeit verhüten oder seltener

machen. Sogleich hinter jenem Grundsatz finden wir einen zweiten des Inhalts: „Arbeitsfähige, welche die ihnen zu­gewiesene Arbeit nicht übernehmen, sollen in ein Ar­beitshaus oder Gefängniß transportirt werden". Hier­nach steht dem Arbeitsfähigen, welcher keine Arbeit hat, zwar das Recht zu, von der Gemeinde, zu welcher er ge­hört, Arbeit zu fordern, aber die Gemeinde ist nicht ver­pflichtet, ihm eine besondere technische Arbeit (Handwerk) anzuweisen, welche er vielleicht erlernt hat, sondern ihn lediglich als Arbeitskraft, sei es durch Ausbessern der Wege, Steinklopfen, Holzhauen rc. zu verwenden und den dafür angemessenen Lohn zu gewähren, oder Verpflegung. Diese beiden Grundsätze sind nützlich für beide Theile: für den Arbeiter, indem sie ihn gegen Hunger schützen, für die Ge­meinde, indem sie für die Gewährung einer bescheidenen Verpflegung eine Arbeitskraft verwerthen. Praktisch und faktisch sucht sich der Arbeiter sehr bald eine ihm mehr zu­sagende Arbeit. Diese Grundsätze sind in dem neuen eng­lischen Armengesetz von 1834 nicht geändert, sie stehen seit 1601, mithin 253 Jahre in Kraft, ohne daß sich aus ihnen sozialdemokratische Parteien ober Revolutionen ent­wickelt haben. Im Gegentheil, sie haben deren Entstehung verhütet. Wenn die hitzige Phantasie eines Louis Blanc aus jenem „Recht auf Arbeit" etwas ganz Anderes gemacht hat, nämlich „die Organisation der Arbeit resp. von Ar­beitswerkstätten für ganz Frankreich", so ist doch jener verständige und nützliche Grundsatz für solche unverständige Worte nicht verantwortlich zu machen, sondern es ist nur die französische Nation zu beklagen, daß sie jenen seit Jahr­hunderten bestehenden nützlichen Grundsatz so thöricht ver­drehen ließ".

— Die ,Voss. Ztg.' schreibt: „Es ist wiederholt schon die Rede davon gewesen, Fürst Maximilian von Thurn und Taxis, jüngerer Bruder der Gemahlin des Prinzen Friedrich von Hohenzollern, werbe um die zweite i Tochter des Kronprinzen­paares, Prinzessin Viktoria, doch zweifelte mau, daß der Kaiser zu einer Vermählung einer Prin­zessin des preußischen Königshauses mit einem Fürsten katholischer Konfession seine Zustimmung geben werde. Der jetzige Aufenthalt des Fürsten Maximilian scheint auf längere Dauer bemessen zu sein, da er eigene Equipagen und Pferde nach­kommen läßt; und da man weiß, daß er ein be­vorzugter Liebling des Kaiserpaares und der kron- prinzlichen Familie ist, so neigt man neuerdings doch der Ansicht zu, daß das Verlöbniß zu Stande kommen werde. Der Fürst vollendet am 24. Juni sein 22. Lebensjahr, während die Prinzessin Vik­toria im April 18 Jahre alt geworden ist".

43 iQj Penelope.

Nach dem Englischen.

„Was ich meine?" fragte Algy, ei, Du gefällst mir nicht übel! Sieh', Pen, dies sendet Dir Douglas" — ihr das Bouquet hinreichend.

„Es sind die schönsten, die er auftreiben konnte, der gute Junge. Er stand mit den Lerchen auf, heute Morgen, Pen — er ist schrecklich für Dich eingenommen — und er trug mir auf, Dir seine innigsten Grüße auszurichten. Als er mir die Blumen brachte, sagte er: ich wählte sie ganz weiß, so refll und herrlich wie sie selbst. Was ist Dir plötzlich?" rief Algy erschrocken, als er sah, wie die Blumen in der Hand seiner Schwester zitterten und Thränen auf die reinen weißen Blu­men herabrannen. „Liebe Penelope, warum weinst Du?"

„Er würde das nie gesagt haben, wenn er Alles wüßte!" schluchzte Penelope in großer Erregung und eilte weg, Algy in großer Verwirrung zurück­lassend. s.

„Hm, hm!" brummte er vor sich hin. „Was bedeutet dies? Zum Henker, ich kann es nicht verstehen! Penelope gehörte doch nie zu dieser Art Mädchen".

Zu welcher Art Mädchen er meinte, war ihm selbst nicht klar, so ging er denn in sein eigenes Zimmer, um bei einer Cigarre über die Sache nachzudenken.

Daß Penelope in Thränen ausbrach, weil ihr

Douglas mit zärtlichen Worten ein Bouquet ge­sandt, und daß er diese Worte nicht gesprochen hätte, wenn er Alles wüßte, ging über Algy's Begriffe, so dachte er denn über das Problem nicht weiter nach, sondern ging hinaus und be­sichtigte die Stallungen, was weit mehr nach sei­nem Geschmack war, als die Ursache von Pene- lope's Thränen ausfindig zu machen.

Beim Diner sah Penelope bleich und sehr un­glücklich aus und schien Algy's Blicke zu ver­meiden; scheinbar tief in Gedanken verloren, mit träumerischen, sehnsüchtigen Augen saß sie da und überließ ihrem Bruder allein die Unterhaltung mit ihrem Vater.

„Sieh nicht so traurig aus, mein Liebling", sagte Letzterer zärtlich, als er sie beim Gutenacht- sagen in seine Arme schloß. „Du wirst ihn ja eines Tages ganz besitzen. Heute Abend hast du nicht einmal gelacht. Ich kann mein Kind nicht unglücklich sehen".

,Lch bin nicht unglücklich, Papa," erklärte sie, sein Gesicht mit Küssen bedeckend und sich liebevoll an ihn schmiegend. Sie wußte, daß sie ihn betrog, und hinterging und suchte durch gesteigerte Zärt­lichkeit ihren Betrug gut zu machen und ihr Ge­wissen zu beruhigen.

„Das ist recht, mein Herz. Du grämst dich doch nicht, weil — "

„Nein Papa" — voll Scham und Verwirrung barg sie ihr Antlitz an seine Brust.

Sie sehnte sich darnach, ihm Alles zu gestehen, aber ihre Lippen waren versiegelt. Sie hatte Everard versprochen, die Sache vor ihrem Vater noch geheim zu halten — und doch, wie schwer war es, ihn so grausam zu betrügen!

„Papa, Papa, ich brauche Niemanden — ich brauche nur dich!"

„Du kleines Närrchen, ich glaube, die Botschaft, die du Algy an einen gewissen Jemand mitgiebst, wird wohl anders lauten".

Und wie anders lautete sie! Penelopes Herz wurde immer schwerer, sie wünschte fast, Everard Daubeny nie gesehen zu haben, als sie daran dachte, welcher Ausdruck über Douglas' Züge gehen würde bei der Nachricht, daß sie nicht mehr rein und schön sei wie die Blumen, denen er sie ver­glichen, sondern falsch und treulos.

Den ganzen nächsten Tag vermied sie absichtlich ein Alleinsein mit Algy, was ihr nicht schwer fiel, da er gleich nach dem Frühstück mit der Flinte und den Hunden auf die Hühnerjagd ging und erst zur Dinerzeit wieder erschien.

Da er reiche Beute heimgebracht, war er sehr zuftieden mit sich selbst. Penelope hörte ruhig ■ seinem Geplauder zu, wurde aber feuerroth, als er ausrief:

„Ich wünschte, Douglas wäre hier — du auch, Penelope?"

Und derselbe erschreckte Blick kam wieder in ihre Augen. Algy's sorgloses, hübsches Gesicht