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1884.

M 114.

Fuldaer igl Jätung.

Montag, den 19. Mai

Di» »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen" in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

# Das Recht auf Arbeit.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck sprach in seiner großen Rede am 9. Mai bei Gelegenheit der Sozialistengesetzdebatte über mancherlei Dinge, und es konnte nicht überraschen, daß er auch für die Sozialdemokraten, d. h. nicht für die parlamenta­rischen Führer, sondern mehr für das „Volk" ein geflügeltes Wort als lockende Bescheerung bereit hatte. Die staatssozialistischen Reformpläne des Reichskanzlers waren ja auch bisher dazu bestimmt, den sozialistischen Bestrebungen, soweit sie über­haupt realisirbar sind, eine Konkurrenz zu machen, die, weil sie statt der Phrasen greifbare Resultate auf­weisen soll, die unzufriedenenArbeiterhaufen allmählig den Händen der Demagogen entreißen könnte. Sosehr die Grundideen der bisherigen sozialen Bismarck'schen Reformpläne gut zu heißen sind (für die Aus­führung und das Detail bleibt natürlich eine ein- gehende Prüfung und Kritik vorbehalten), um so unangenehmer berührte das geflügelte Wort, welches der Kanzler am 9. Mai in die Debatte warf. Das „Recht auf Arbeit" zuproklamiren, ist für einen Staatsmann von der politischen Bedeutung und von dem internationalen Einfluß und Ansehen des Fürsten Bismarck, ein gewagter Schritt. Mochte auch der Reichskanzler die Bedeutung seines Aus­spruches dadurch einigermaßen abschwächen, daß er den Satz mit den Bestimmungen des preu­ßischen Landrechtes in Verbindung brachte und so seine Tragweite wesentlich einschränkte, im­merhin blieb die Thatsache bestehen, daß er eine der ersten Forderungen der Sozialisten in der diesen geläufigen Form vor versammeltem Reichstage offen proklamirte, und zwar bei einer Debatte, in der es sich grade um die Lehren und Bestrebungen der Sozialisten sich handelte. Die sozialdemokratischen Abgeordneten haben den Reichskanzler schon gleich bei jener Gelegenheit nicht darüber in Zweifel gelassen, daß ihnen dieses Schlagwort sehr angenehm in die Ohren klang, und daß ste auch Kapital daraus schlagen würden.

Die sozialdemokratischen Mitglieder des Reichs­tages haben denn auch kaum zwei Tage hingehen lassen, und schon brachten sie, unterstützt von den Abg. Köhl und Lenzmann, im Reichstage einen Antrag ein, den Bundesrath zu ersuchen, „er möge dem Reichstag unverzüglich einen Gesetzentwurf vorlegen, durch welchen das in der Reichstagsrede des 9. Mai von dem Herrn Reichskanzler prokla­mirte Recht aus Arbeit zur Verwirklichung ge­langt". Die Herren wollen den mächtigen Lenker des deutschen Reiches ohne Zeitverlust beim Wort nehmen. Sie rufen ihm gleichsam zu: Wenn du denn das „Recht auf Arbeit" als eine gerechte und billige Forderung des arbeitenden Standes ansiehst, so zögere nicht länger, deinen ganzen Ein­fluß zur Realisirung dieses Rechtes geltend zu machen! Es scheint fast so, als ob der Antrag der Regierung doch nicht so ganz gelegen käme; wenigstens ist der hochoffiziösen ,Rordd. Allg. Ztg.' mit ungewöhnlicher Beschleunigung ein Artikel zu­gegangen, welcher den Aerger über den sozialdemo­kratischen Coup nur schlecht verhehlt und die An­tragsteller offen mit denselben Waffen angreift, welche diese nicht ohne Geschick gegen die Regie­rung geführt haben. Der Antrag läßt eben zwischen den Zeilen durchblicken, daß die Sozialdemökraten und ihre Freunde kein rechtes Vertrauen in die reichs- kanzlerische Forderung setzen, daß sie dieselbe lediglich für ein Agitationsmanöver halten. Deshalb wollen sie sofort volle Klarheit, deshalb begehren sie un- verzüglkche Verwirklichung der Phrase, unverzüg­liche Verwandlung der Worte in Brod. Weigert sich die Regierung dessen, — und daß der Reichs­tag sich zur gesetzlichen Realisirung des Rechtes auf Arbeit bereitfinden lassen sollte, ist eine pure Unmöglichkeit —, so haben die Sozialdemokraten ein neues wirksames Mittel, um den Arbeitern vorzuhalten, man habe für sie nur wohlfeile Ver­sprechungen, aber keine Thaten.

Der sozialdemokratische Antrag ist, von diesem Gesichtspunkte betrachtet, recht klug und fein aus­gedacht und berechnet. Und gerade weil die An­tragsteller eine wunde Stelle getroffen haben, ge- räth der offiziöse Mitarbeiter der,Rordd." so sehr

in Harnisch über diese Leute, denen es, wie er nicht mit Unrecht meint, nur darauf ankomme, die Regierung zu diskreditiren. Sodann greift der Artikel in Ermangelung anderer Vertyeidig- ungs- und Angriffsmittel zu folgender wirklich naiver Widerrede: „Wenn sie wirklich die Wahr­nehmung der Interessen des Arbeiters im Auge gehabt hätten, so wäre es ihre Pflicht gewesen, schleunigst ihrerseits den gewünschten Entwurf auf­zustellen und einzubringen, da es sich ihrem An­träge nach um ein „unverzüglich" zu befriedigen­des Bedürfniß handelt." Dem Ganzen wird noch die Krone aufgesetzt durch die weitere Bemerkung: „daß ein aus der Mitte des Reichstages hervor­gegangener Gesetzentwurf über das Recht auf Ar­beit seitens des Bundesrathes und an Aller­höchster Stelle die gebührende Berück­sichtigung gefunden haben würde, darüber konnten die Antragsteller nicht im Zweifel sein." Wahrlich ein gefährliches Spiel mit Worten, wenn nicht die,Nordd.', sobald es sich um die Verwirk­lichung ihrer Versprechen und Versicherungen han­delt, stets wieder in den unerreichbaren Kreis der bloßen Pindterffchen Verantwortlichkeit zurückträte. Jedoch weiß Jedermann sehr wohl, wessen Ge­danken in jenem Artikel zum Ausdruck gekommen sind. —

Könnten nun die Sozialdemokraten der,Rordd." nicht mit gleicher Münze heimzahlen und ihrerseits erklären: Wenn der Reichskanzler so klar einsieht, daß die arbeitende Bevölkerung wirklich ein Recht auf Arbeit hat, weshalb hat er nicht schon längst dafür gesorgt, daß die Regierung mit einem ent­sprechenden Gesetz hervorgetreten ist, weshalb hat er ein so wesentliches Schutzmittel gegen die Un­zufriedenheit der arbeitenden Klassen und die Be­strebungen der Sozialisten so lange unbenutzt ge­lassen? Und weshalb hat er selbst nicht sofort schon am 10. Mai im Bundesrathe die Anregung zu einem solchen Gesetze gegeben, besonders wenn der Bundesrath und die Allerhöchste Stelle geneigt sind, der Frage die „gebührende Berücksichtigung" zu schenken? Man sieht aus diesem Beispiel, wie mißlich es oft sein kann, Schlagworte und Pa-

41 try Penelope.

Rach dem Englischen.

Mister Chartres trat jetzt in das Haus hinein, denn der Regen siel in Strömen und es fing an kühl zu werden.

Droben in ihrem eigenen Zimmer stand Pene­lope am offenen Fenster, ihr durchnäßtes Kleid schmiegte fick fest an die bebende Gestalt, der Regen schlug ihr in's Gesicht, aber geduldig, wenn auch mit thränenden Augen, blickte sie hinaus über die Bäume hinweg, um einen Blick zu erhaschen auf den Nachtzug, der Everhard Daubeny von Castle Chartres entführte. Ja, da kam er, wie ein Blitz durch die Dunkelheit fahrend. Sie konnte die er­leuchteten Wagen sehen und hätte gern gewußt, welcher den Geliebten barg, und ob auch dieser sich nach ihrem erleuchteten Fenster umsah.

Aber wie anders war es. Mister Daubeny lag behaglich auf dem weichen Sitz eines Rauchkoupo's erster Klasse ausgestreckt, von Decken und Zeitungen umgeben nnd wendete nicht ein einzigesmal die Augen in der Richtung nach Castle Chartres, obwohl er wußte, daß Penelope mit schwerem Herzen auf den in der Dunkelheit rasch vorbeieilenden Zug wartete, daß sich zwei weiße Arme sehnsuchtsvoll nach ihm ausstreckten, und daß sie ihr Herz an ihn verloren hatte.

Ihre Liebe war ihm Nichts — nur das Mittel, seinen Zweck zu erreichen. Ein Lächeln des Mäd- *.en§, das in weiter Ferne mit Sehnsucht seiner dachte,

war ihm mehr, als die Liebe und Verehrung irgend einer andern lebenden Frau. Der Ton ihrer Stimme, der Druck ihrer Hand machte sein Herz heftiger pochen, sie allein liebte er mit aller Gluth seiner Seele.

Und doch glaubte Penelope, daß sie und nur sie allein sein Ideal, seine erste wahre und einzige Liebe sei — so hatte er ihr gesagt, als sie zu­sammen unter den rauschenden Tannen gestanden, an jenem unvergeßlichen Sommernachmittag. Dort hatte.er ihre Hand ergriffen und mit einem zärt­lichen Blick in ihre schönen Augen gesprochen:

„Du bist das erste und einzige Weib, das ich jemals geliebt."

Und als er in sie gedrungen, hatte sie ihm mit heißen Wangen und bebender Stimme die Geschichte von Douglas erzählt und er hatte ihre Hand nur um so zärtlicher gedrückt nnd dabei gesagt:

„Also habe ich den größeren Sieg errungen, denn ich habe einen Andern entthront und Dich für mich erobert".

Und sie, in seligem Vertrauen, hatte jedes Wort geglaubt und sich für das glücklichste Geschöpf unter der Sonne gehalten.

* * •

Am Tage nach Mister Daubeny's Abreise kam Algy in Castle Chartres an. Es regnete in Strö­men, aber doch traf er Penelope nicht im Hause.

,,Wo ist Penelope, «Tante Chartres? fragte er, seine große Gestalt über das Sopha beugend und

mit seinem goldenen Schnurrbärtchen gerade nur seiner Tante Stirn berührend.

„Du bist ganz naß, Algernon", sagte sie gräm­lich, mit dem Taschentuch über ihre Stirn fahrend. „Warum kamst Du mit diesem großen naffen Rock herein?"

„Meine Sehnsucht Dich zu sehen, Tante, brachte mich her, und hier bin ich nun. Aber wo ist Penelope? Ich möchte ihr dies geben".

Und er hielt ihr ein liebliches Bouquet von herrlichen weißen Treibhausblumen hin, die zarten Blüthen untermischt mit Frauenhaar.

Miß Chartres blickte es voll Abscheu an.

„Stephanotis — thue es weg, Algernon; es überwältigt mich. Für Jemand, der an nervösem Kopfschmerz leidet — "

„Wird alles Hübsche zum förmlichen Abscheu", vollendete Algy das Zimmer verlassend.

In demselben Augenblick trat Tom ein und war nicht wenig bestürzt, sich so unerwartet Auge in Auge mit seinem alten Feind zu finden.

„Bestie!" rief Algy. „Wenn ich an nervösem Kopfschmerz litte, würdest Du bald Deinen Ab­schied erhalten. Beunruhige Dich nicht, Tante Chartres — diesmal ist er sicher".

Ohne des Regens zu achten, war Penelope in einem Zustand ruheloser Aufregung durch die nassen Wälder gewandert und begegnete jetzt Algy in der Halle. Er küßte sie und rief mit seinem fröhlichen, knabenhaften Lachen: