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1884

Montag den 19. Mai

— Druck und Verlag der Fuldaer Actimorucker.i (Ludwig Lorbach) Fulda.

Verantwortlicher Redakteur Dr. jur, Armin Kausen.

Industriezweiges.

Der deutsche Hauptplatz dieser Fabrikation ist Berlin. Hier werden vornehmlich mittlere und billigere Qualitäten hergestellt. Berlin setzt seine Fabrikate sowohl im Inlands, als auch in anderen europäischen Ländern ab, wie auch von hier aus ein ziemlich bedeutender Export nach Amerika ge- trieben wird. Sächsische und bayrische Fabrikate sieht man auch sehr gern, und werden ganz be­deutende Posten auf den Messen Leipzigs umgesetzt.

Oesterreichs Shawlsabriken liefern auch fehr gute Maaren, und ist als Vorzug dieser Produkte haupt­sächlich zu betonen, daß die Muster frei von allen Extravaganzen sind und daß eigentlich geschmack­lose Dessins von Oesterreich gar nicht in den Han- del kommen. Die dortigen Fabrikate ähneln den orientalischen, neben den französischen, am meisten.

Die britische Industrie, die besonders in Schott- land in der Gegend von Paisley zu Hause ist, fertigt in der Hauptsache die allen wohlbekannten Plaids.

Die Fabrikate anderer Staaten kommen sehr selten auf den großen Weltmarkt, höchstens daß bei großen Ausstellungen einzelne größere Etab- lisiements mit Musterkollektionen vertreten sind.

Schließlich sei hier noch der spanischen Shawl- Jndustrie gedacht. Es werden dort hauptsächlich die sog. Mantas gefertigt, welche dem Spanier zur Bekleidung, zum Schmuck und zum prägen seiner Utensilien unentbehrlich sind. Die Haupt- fabrikationsstätten sind Murzia und Valenzia. Für die nördlichen und hochgelegenen Gegenden werden hauptsächlich Fabrikate aus Streichgarn hergestellt, während in den südlicheren Provinzen ein in grel­len Streifmustern gewebter köperartiger Kamm­garnstoff beliebt ist, der zugleich auch zu Portieren Verwendung findet.

Eine eigentümliche Art der Shawlfabrikation sind die sog. bedruckten Shawls mit meist orten- talischem Blumenschmuck. Von diesen liefert Oester­reich große Posten auf den Markt, die jedoch nicht । tm eigenen Lande Absatz finden. Böhm, Aicha und ! Jungbunzlau sind die Hauptbetriebsstätten.

I Von den sog. Phantasirartikeln, gewebten, ge-

strickten und gehäkelten Gegenständen (Jäckchen, Seelenwärmer, Kinderkonfektionsartikel 2c.) ist Ap olda ein Hanpterzeugungsort. Apoldaer Maare findet stets einen sehr regen Absatz.

Einen bedeutenden Fabrikationszweig endlich bil­den die wollenen Shawls, Tartans, Plaids und ähnlich benannte, aus Kammgarn oder Streichgarn in verschiedensten Qualitäten und Grundbilduvgen, in karrierten, streifigen und Jaguardmustern. Diese Shawls werden in fast allen Ländern Europas angefertigt und bilden für manche einen ansehn­lichen Exportartikel.

einfache Variation der Palme und Winde, und zwar wird die Variation auf eine so überaus ab­wechselnde und glückliche Weise durchgeführt, daß kaum einmal ein Stück dem anderen ähnlich sieht. Ein höchst kunstvolles und ebenso prachtvolles Ge­webe sind Shawlbändchen (Naschieh), welche in Persien als Bordüren für kostbare Gewänder viel­fache Verwendung finden.

Die ersten indischen Shawls kamen zu Anfang dieses Jahrhunderts durch ftanzösische Soldaten der egyptischen Armee Napoleons aus dem Oriente nach Frankreich, und zog ihre Schönheit und Eigentümlichkeit mit ungeheurer Schnelle die Auf­merksamkeit des Publikums auf sich, gleichzeitig damit den Nachahmungstrieb der französischen Fa­brikanten anregend. Bei den vollständig anderen Ansprüchen Europas war jedoch die orientalische Technik beizubehalten, und so mußte auf eine andere, unseren Verhältnissen entsprechendere Her- stellungsweise gedacht werden, die durch Anwendung des Lancierverfahrens glücklich gefunden wurde. Man nannte nun die sd imitirten orientalischen Shawls brochirte (gewirkte) Shawls, und sehr bald zeigte es sich, daß hiermit ein ganz bedeuten­der Industriezweig gewonnen worden war. Mit unglaublicher Schnelle fand dieser Fabrikations­zweig Eingang in England, Deutschland und Oesterreich, und jeder der genannten Staaten wett­eiferten in der Vervollkommnung der Maare. Hauptsächlich aber sind es die französischen Fabri- knte, welche, was Feinheit und Dessins der Maare anbetrifft, die erste Stelle einnehmen. Paris, Lyon und Rheims stud die Hauptplätze dieses dortigen

Vermischtes.

'• Frankfurt, 17. Mai. (Der Frank- furter Dombauverein), welcher 1867, um für die Wiederherstellung, künstlerische Vollendung und Freilegung der am 15. August 1867 beschä­digten Wahl- und Krönungskirche lammt Pfarr­thurm zu wirken, gegründet wurde, ist im abge­laufenen Jahre der weiteren Freilegung des Dornes nur wenig näher gekommen. Zwar wurden an der Südseite des Domes zwei Schirmen erworben, aber das Reutlinger'sche Haus ist immer noch nicht in den Besitz des Vereins übergegangen, und ohne dessen Erwerbung ist an eine Erreichung des Zieles, abgesehen von anderen Umständen, nicht zu denken. Dagegen ist es gelungen, in dem verwichenen Geschäftsjahre die künstlerische Aus­schmückung des Domes, resp. die Bemalung des Querschiffes mit den von Profeffor v. Steinle ent­worfenen, auf die Geschichte des Domes bezüglichen Fresken fast zu vollenden.' Mit zu dem Baupro­gramm in diesem Jahre gehört die Fertigstellung der aus dem Jahre 1409 stammenden Marien- kapelle. Der Altar, den Tod Mariä darstellend, ist einer der sehenswerthesten der Kirche. Gleichzeitig wurde im Herbste vorigen Jahres an die künstlerische Ausschmückung des Nordportals, wozu die Stadt einen namhaften Beitrag gegeben, geschritten. Au dem mittleren Pfeiler des Portals steht auf einer reich­verzierten Konsole das Bild der Muttergottes aus weißem Sandstein. Ueber demselben befindet sich als Hauptverzierung des Portals das Radfenster oder die gothische Fensterrosette' auch Katharinen­rad genannt. Die Mitte desselben schmückte eine kleine gemalte Scheibe mit dem Reichsadler, welche bei Beginn der Renovationsarbeiten sorgsam her­ausgenommen und wegen ihres hohen Alters auf­bewahrt wurde, um bei Fertigstellung des Portals an die alte, Jahrhunderte lang eingenommene Stelle zurückversetzt zu werden.

(Das Impromptu.) HerrX. ist fammt seiner Gemahlin beim Minister zur Soiree geladen, welche dieser gelegentlich seiner Erhebung in den Adelsstand gibt und hat ein ziemlich langes Ge­dicht, welches des Ministers Verdienste in den Him­mel hebt, wie er sagt, aus dem Stegreif, vorgetragen. Sein Talent wird von allen Seiten gepriesen, und auch seiner Gattin sagt man darüber Schmeicheleien. Diese, nicht wenig stolz auf die Ehre, die ihr Gatte heute genießt, glaubt, auch seinen Fleiß herausstreichen zu muffen und sagt: „Ja, mein Mann hat gestern den ganzen Tag an dem Impromptu gearbeitet und die ganze Nacht kein Auge zugethan, um es auswendig zu lernen."

(Naturwissenschaftliche Reflexionen.) Herr Bierdimpfl (im Rausch): „Menn jetzt der berühmte Darwin selig nur a einzigsmal mit mir den gut'n Nierensteiner beim Lammwirth versucht hätt', no thät er wisse, daß der Aff' vorn Mensch'n abstammt — net umgekehrt."

(Das Glas „zu viel"). Gast (hitzig): „Herr Witth, Sie haben mir ein Glas zu viel gerechnet!" — Wirth: „Entschuldigen Sie, es ist ganz richtig, denn Sie haben auch ein Glas zu viel getrunken".

Erstes Blatt. ;

E. W. Die Shawlfabrikation. *)

Bis noch vor wenig Jahren war der Shawl, welcher aus dem Oriente zu uns herübergekommen ist, ein bei dem weiblichen Geschlechte sehr belieb­tes Kleidungsstück. Seit einiger Zeit jedoch ist sein Gebrauch durch die allmächtige Mode aus den großen Städten vollständig verdrängt worden, und es werden jetzt die von der Konfektion ge­lieferten, geschmackvollen und preiswürdigen Mäntel, Mantillen und andere ähnliche Umhängsel mit be­sonderer Vorliebe getragen. Nur in der Provinz hat sich der Gebrauch des Shawls noch immer gehalten und in manchen Gegenden und Gesell­schaftsklassen ist der Konsum ein sehr bedeutender, so daß dieser Industriezweig, wenn auch nicht mehr in dem früheren Maße, so doch immer noch ein ganz ansehnlicher zu nennen ist.

Die Shawlfabrikation ist, vermöge der mannig­fachen Variationen, welche sie in der Mahl des Materials, der Komposition der Muster und An­wendung von technischen Vorrichtungen dem In­dustriellen gestattet, eine äußerst interessante, die Tracht nicht nur eine höchst kleidsame, sondern auch eine ebenso praktische, und es ist zu wünschen und zu hoffen, daß sie recht bald wieder durch erhöhte Nachfrage und Konsum an Ausdehnung gewänne.

Betrchs der Schönheit der Fabrikate und künst­lichen Herstellung stehen unbestritten die orienta- lischen Shawls oben an. Die Wiege des Teppichs ist auch die Wiege des Shawls, und die Farben- pracht der ersteren wiederholt sich auf den letzteren bei jedem Stück. Seit uralten Zeiten fabrizirt man diese beiden in der Herstellungsweise ver­wandten Gegenstände in Indien und Persien, und beide bilden in Europa gern gesehene und höchst beliebte Luxusgegenstände. Die Herstellung dort geschieht in der primitivsten Weise auf einfachen Webstühlen durch Einflechten der sehr verschieden aefärbten Schußfäden mittelst kleiner Schützen in die Kette, an denen sie figuriren sollen. Selbst- verständlich ist diese Arbeit eine furchtbar zeit­raubende. In der Regel arbeiten mehrere Weber neben einander, oder der Shawl wird in einzelnen Theilen gefertigt und später durch Zusammennähen zu einem Ganzen vereinigt. Die Weberei selbst wird in der Hauptsache von den weiblichen Thei- len der dortigen Bevölkerung besorgt. Das In- einandernähen der einzelnen Webtheile geschieht durch besonders darauf eingelernte Personen, die sogenannten „Rufuger", welche bann eme solche Fertigkeit erlangen, daß es fast unmöglich ist, die einzelnen Theile von einander zu unterscheiden. Ein Hauptvorzug der orientalischen Shawlsabn- kation besteht, wie bereits erwähnt, m der außer- ordentlichen Schönheit der Maare und ferner tn der Solidität und Feinheit der.Arbeit. Das Ma- terial besteht aus den feinsten, von einheimischen Ziegen stammenden Haaren. Das Feuer und die Solidität der Farben sind ebenso bestechend, wie die Schönheit der durch Jahrtausende alte Tra­dition ausgebildeten Muster. Das Hauptproduk­tionsgebiet des orientalischen Shawls ist Indien und vornehmlich die Gegend von Kaschmir und Lahore ^wo die sogenannte Kaschmirziege den vor- trefflichen Rohstoff liefert. Die persischen Fabrikate stehen den indischen an Güte sehr nahe und fahrt- nrt man dort die besten Shawls in Kirman, während mittlere und geringere Maare in Mesch- beb und dessen Umgebung angefertigt wird. Für Persien gibt das Flaumhaar der Margusziege den vorzüglichen Stoff zur Herstellung der Shawls. Als Gcundmuster besteht seit Jahrhunderten die

*) Nachdruck verboten.__