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1884

Freitag, beit 16. Mai

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Fuldaer

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Ley Penelope.

Nach dem Englischen.

für an gezeigt, die Erwartung auszusprechen, daß in Folge der Betheiligung des Herrn von Ben­nigsen an dem Berliner Parteitage die Rücksicht auf die gegenwärtigen positiven Aufgaben der po­litischen Thätigkeit „im Gegensätze zu den Phrasen" zu ihrem Rechte kommen werde. Wen n wirklich Herr von Bennigsen den Berliner Partei­tag als Führer der Partei wieder verlaßen sollte, so muß sich, glauben wir, in der Folge in den Anschauungen, welche die Herren von Heidelberg und Neustadt der Partei oktropiren wollen, noch manche Aenderung vollziehen. Greifen wir dies­mal nur zwei Punkte heraus: Die Stellungnahme der Partei zu den Freisinnigen und die Frage der Erhöhung der Getreidezölle. Was die Entschlie­ßung über die Wahlverbindung und Wahlver­wandtschaft anbelangt, so tritt hier schon ein of­fener Widerspruch zwischen den Heidelbergern und der nationalliberalen Parteileitung zu Tage. Wäh­rend die letztere erklärt, daß sie daran festhalte, den Kampf zwischen nationalliberalen und deutsch­freisinnigen Kandidaten, wo es nur möglich sei, zu vermeiden und diesen Standpunkt z. B. in Braunschweig lebhaft vertritt, wissen die süddeut­schen Herren nicht laut und eifrig genug gegen die „Freisinnigen" zu wettern und ihre Partei­freunde zu ermuntern, gegen diese Partei „ent­schieden Front zu machen". Und wie sollte auch das natim alliberale Werk sich fernerhin der Gunst und Unterstützung jener bekannten hohen Gönner im Amt und in der Press; erfreuen können, wenn die Partei nicht die Freisinnigen ausrotten helfen will, wie Gift wib Unkraut. — Bezüglich der Getreide­zölle hatte sich bekanntlich Herr Miquel dahin ge­äußert, die Partei habe nachträglich eingesehen, daß diese Zölle doch nicht so schlimme Folgen gehabt hätten, wie sie anfangs vermuthet. Mit dieser Miquel'schen Anerkennung des gegenwärtigen Status allein waren aber — und zwar sagen wir diesmal: mit Recht — viele süddeutsche Gesinnungsgenossen nicht zu­frieden, sie wollen vielmehr eine beträchtliche Er­höhung der Getreidezölle, die sie denn auch in Stuttgart, in Karlsruhe und in München in öffent­licher Kammersitzung lebhaft verfochten haben. Uns,

Bild aus ihrer Erinnerung, ihrem Herzen ent­schwunden war, bis sie plötzlich zu der Ueberzeugung erwachte, daß ein anderer Mann dessen Stelle eingenommen — daß die Stunden, die sie im Atelier zubrachten, die glücklichsten des ganzen Tages für sie waren. Und wie liebte er sie — so stürmisch, so leidenschaftlich, wie nur eine Frau wünschen konnte, geliebt zu werden!

Doch die Erinnerung an die mondhelle Nacht, als sie Douglas Lebewohl gesagt, verließ sie nie­mals und warf einen Schatten auf ihr Glück das ernste Gesicht ihres Verlobten schien sie überall vorwurfsvoll anzubiicken.

Der Klang von Hustritten ließ sich in der Allee hören. Penelope erröthete heftig, als der Blick ihres Vaters sie am Fenster entdeckte. Wie wenig ahnte er von der Scene, die sich am Morgen im Atelier abgespielt — wie wenig die Gedanken seiner Tochter, der er jetzt zärtlich eine Kußhand zuwarf.

Später am Abend, im sanften träumerischen Dämmerlicht, saß sie am Piano und sang. Die Fenster waren weit geöffnet, draußen regte sich kein Lüftchen; große Sommermotten schwebten herein und versengten ihre Flügel an der Flamme der Wachskerzen.

„Arme, einfältige Dinger!" sagte Penelope, eines der verbrannten Thierchen aufhebend, nm es in den kühlen, duftenden Garten zu legen.

Everard Taubeny stand neben ihr und blickte aus die verbrannte Motte, die auf ihrer weißenHand lag.

Nationalliberales.

Der großen Manifestation der vereinigten „Frei­sinnigen" ist gleichsam als Gegengift die prunkende und sich spreizende, spektakulöse Aktion der wieder neubelebten Nationalliberalen gefolgt. Der be­kannte Arzt, der vor versammelter Volksvertretung und nicht minder nachdrücklich in seinem freiwilli- gen Leiborgan die nationalliberale Medizin als Mittel gegen das Umsichgreifen der freisinnigen Agitation empfahl und verordnete, hatte dabei keine schlechte Diagnose gemacht; aber dennoch ist es recht fraglich, ob fein Mittel auch d i e Wir­kung haben wird, welche seinen persönlichen Zwecken förderlich wäre. Die aus ihrem Halbschlafe auf­gerüttelten Nationalliberalen werden ohne Zweifel bei den nächsten Wahlen den Freisinnigen mehr zu schaffen machen, als sie ohne das erlösende Wort des Herrn und Meisters vermocht hätten; aber letzterer könnte sich in seinem Kalkül über die effektiven eigenen Erfolge der Nationalliberalen, über ihre zukünftige Mission als selbstständige Regierungspartei ganz ungeheuer täuschen. Trotz aller schönen Deklamationen von Einigkeit und festem Zusammenhalten aller „nationalen staats­erhaltenden Elemente" in Süd und Nord wird es sich zunächst noch erst zu beweisen haben, ob denn wirklich alle jene Leute, die eingestandener Maßen bisher in ihren Anschauungen über die wichtigsten politischen Fragen gar weit auseinander» l , gingen, unter dem- Einflüsse des so viel gepriesenen "‘'•„neuen Ideals" einträchtig zusammenstehen und zusammenhalten werden. Der am nächsten Sonntag stattfindende große Berliner Parteitag wird viel­leicht schon einen Zipfel von dem Schleier der Geheim­nisse der nationalliberalen Einigkeit lüsten; viel­leicht gelingt es auch noch einmal, die Meinungs­verschiedenheiten vor der großen Welt geschickt zu verbergen. Daß aber besonders in dem Verhält» niß zwischen Süd und Nord nicht Alles so ist, wie es sein sollte, läßt sich gar nicht läugnen, die norddeutschen Nationalliberalen zeigen sich schon äußerlich um ein gut Theil nüchterner und kälter, als ihre in idealen Träumen schwelgenden süddeut­schen Genossen. Hält doch die ,Nat.»Ztg.' es geradezu

Penelope sah in diesem Augenblick nicht glücklich aus, obschon ihr Geliebter neben ihr stand und ihr immer und immer wieder sagte, wie er sie liebe. Kalt und bleich, mit abgewandtem Gesicht, hörte sie seinen Worten zu. Warum kam ihr in diesem Augenblick die Erinnerung an ein anderes Gesicht, an eine andere Stimme? „Douglas, Douglas!" Sie hätte seinen Namen beinahe laut hinausgeschrieen, 'als sie sich ihn so lebhaft vor- stellte, und mit einem plötzlichen Schmerzensausruf entzog sie Everard ihre Hand.

„Lassen Sie mich gehen, bitte" - ihre Stimme bebte.

„Warum?" fragte er, ihre andere Hand er­greifend und sie flehend anblickend. „Penelope, Sie haben mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne gemacht; sind Sie nicht auch glücklich? Blicken Sie mich an und sagen Sie es mir."

Ihre Hand ruhte in der seinen; sie wandte sich um. Der Blick, der jetzt auf Everard fiel, oer» rieth, daß Douglas Graham vergessen sei.

, „Noch eine kurze Zeit muß es unser Geheimniß bleiben", bat er — „unser eignes süßes Geheim­niß, mein Liebling."

Penelope saß in ihrem eigenen Zimmer am i offenen Fenster, sie stützte den Kopf auf ihre Hand, in ihren Augen standen Thräuen. Sie überdachte „och einmal Alles — wie Tag für Tag Douglas'

die wir stets für die Erhöhung der Getreidezölle im Interesse der schwer barniederliegenden Land- wirthschast eingetreten, kann diese Stellungnahme der Nationalliberalen gewiß ganz recht sein; aber was sagen die nordischen Genossen dazu? Mit dem Heidelberger Programm mag diese Forderung zu rechtfertigen sein, aber mit dem Berliner national­liberalen Parteiprogramm von 1881 niemals. Und doch hieß es ja, man wolle an dem letzteren Programm keine Silbe ändern. Schon nach diesen kurzen Andeutungen — wie die norddeutschen Koryphäen über die zu erhöhenden Kornzölle denken, werden wir ja bald hören können — muß es fast komisch berühren, wenn gewisse Blätter glauben machen wollen, zwischen den Berlinern und den Süddeutschen herrsche die schönste Ein­tracht und Harmonie, und Bennigsen sei nur durch süße Schmeicheltöne nach Berlin gelockt worden, um dem Programm von Heidelberg und Neustadt seine Sanktion zu ertheilen. Abgesehen von allem Anderen, scheint uns Bennigsen trotz des vielleicht in der Ferne winkenden Ministerportefeuilles nicht der Mann dazu, um sich von der süddeutschen Initiative aans faßon in's Schlepptau nehmen zu lassen.'

Ein sehr rühriges nationalliberqles Blatt, das .Frankfurter Journal' verbreitet sich in einer seiner jüngsten Nummern über das „neue Ideal der Nationalliberalen". Der Anfang des Ar­tikels ist so interessant und charakteristisch, daß wir ihn wörtlich hersetzen wollen:

mag sich wohl in den letzten Wochen mancher, kritisch angelegte und kühl denkende deutsche Politiker ver­wundert gefragt haben: wie kommt es denn, daß in die Gemüther der halb mißmuthigen, halb verzagten Mitglie­der der nationalliberalen Partei seit der Heidelberger Kundgebung plötzlich brennender Kampfesmuth und stür­mische Begeisterung eingezogen ist? Die Antwort, welche wir auf diese Frage zu geben haben, ist eine sehr kurze, sie lautet: weil sich die Nationalliberalen in den Dienst einer neuen und großen Idee gestellt haben. Die Idee der sozialen Reformthätigkeit ist es, welche unsere mittleren Volksschichten wieder zu neuer, politischer Thätigkeit, zu neuem Eifer im Kampfe für die höchsten Güter des Vaterlandes anstachelt".

In diesem phrasenhaften Tone geht es weiter, und wird für die nationalliberale Partei mit großem Pathos der Anspruch erhoben, für die Folge „die

„Einfältige Dinger? Ja, aber schließlich sind wir doch Alle nur Motten."

„Wie so? Ich verstehe Sie nicht."

Er beugte sich herab und flüsterte: „Auch ich verbrannte meine Flügel, und doch blieb ich in Castle Chartres, obschon ich dachte, Sie würden mich von sich stoßen und mich meinem Schicksal überlassen, gerade wie Sie es jetzt mit dieser armen Motte machen."

Sie lächelte, als sie jetzt in Hellem Erglühen zu ihm aufblickte.

„Das ist ein verbrauchter Vergleich — und vielleicht waren auch Ihre Flügel gar nicht so ver­brannt, als Sie glaubten."

Er gab seine Antwort mit leiser, ernster Stimme. Hoch erröthend wandte sie sich dem Piano zu.

„Was soll ich fingen? Wählen Sie."

Er fing an in den Noten zu blättern und die Titel der Lieder zu lesen.

„Was ist dies? Ein Liebeslied? Ist es hübsch?" Penelope's Gesicht senkte sich tief herab. Sie antwortete leise: „Ja, es ist sehr hübsch."

„Dann singen Sie es" — und er legte es auf- geschlagen vor sie hin.

Daß er auch unter allen Liedern gerade dieses wählen mußte, dieses eine, das sie in den alten Tagen, als sie noch Douglas angehörte, so geliebt hatte! Ihr Her; pochte stürmisch, die Thränen fliegen in ihre Augen.

„Nicht dieses Lied, bitte — lieber irgend ein anderes". Ihre Stimme bebte.

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