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JV1 105.

Donnerstag, den 8. Mai

1884.

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Das Papstthum und die Mächte.

Unter dieser Ueberschrift erhält die .Essener Volksztg.' aus Rom, Anfang Mai, folgende inter­essante Miltheilungen: Obgleich der.Gaulois' ver­sicherte, die Verhandlungen zwischen Berlin und Rom feien abermals vollständig abgebrochen und seinen Lesern die Fabel von der Beleidigung des Kaisers und des Kronprinzen durch die Encyklika Leo XIII aufgewärmt servirt, sind die Verhand­lungen zwischen Preußen und dem Vatikan gleich­wohl im vollen Flusse. Vor ungefähr 3 Wochen ließ der Papst Herrn von Schlözer zu sich kommen, um persönlich die so wichtige Frage Ledo- chowski mit ihm zu besprechen. Leo XIII er­klärte, die Kirche könne das schwere Opfer der De­mission des genannten Kirchenfürsten nur dann bringen, wenn die preußische Regierung auf zwei Bedingungen eingehe: 1) daß der zum Nachfolger bestimmte Kandidat eine beim polnischen Klerus und Volk angesehene Persönlichkeit fei; 2) daß die preußische Regierung die Gesetze, welche die Vor­bildung des Klerus betroffen, revidire. Herr v. Schlözer erklärte, daß er seine Regierung von den Absichten des apostolischen Stuhles in Kenntniß setzen werde und glaube, daß sie geneigt fei, eine geeignete Persönlichkeit in Vorschlag zu bringen; es liege ja auch im Interesse der Regierung selbst, einen Bischof in Posen-Gnesen aus

Klerus und Volk Einfluß besitze und in Rom so­wohl wie in Berlin angesehen fei, weil sonst ja die Lage dieselbe bleibe. Die Antwort der preu­ßischen Regierung auf die Depesche des Herrn v. Schlözer traf einige Tage später hier ein. Doch sagt man, daß der von der Regierung vorgeschla- gene Kandidat von Posen-Gnesen vom apostolischen Stuhle nicht angenommen werden konnte. Im All­gemeinen ist man hier sehr pessimistisch angehaucht und geneigt, von der Logik der Thatsachen Besse­rung der Verhältnisse zu erwarten. Seit der unhöflichen Antwort des Herrn von Goßler auf die Interpellation Jadzewski ist ein vollständi­ger Umschwung der Beurtheilung der kirchen- politischen Lage in Preußen hier eingetreten. — Seit dem Ausgang des Propaganda-Pro­

zesses sind die Beziehungen zwischen Rom und Frankreich in ein besseres Stadium getreten. In Folge der Beraubung des aposto­lischen Stuhles durch die italienische Regierung ist der Papst für das Werk der Missionen größten- theils auf Frankreich angewiesen. Die Propaganda- Kongregation hat darum, so oft Schwierigkeiten ausbrachen, ihren Einfluß geltend gemacht, einen Bruch zwischen der französischen Regierung und dem Vatikan zu verhindern. Als der Nuntius von Paris letzthin vom Papste empfangen wurde, hat Leo XIII ihm nahegelegt, dahin zu wirken, daß die Bischöfe mit der Regierung möglichst alle Konflikte vermieden. Dieser Umstand beweist, wie wichtig die Berufung der französischen Bischöfe nach Paris zur Besprechung mit dem dortigen Nuntius ist. Man meldet von dort die Ankunft der Bischöfe von Orleans, Mans, Grenoble, Rouen, Kambray u. A. Auch die plötzliche Ankunft des Erzbischofs von Autun und des Msgr. d'Hulst hier in Rom ist im nämlichen Lichte zu betrachten. Es ist daher erklärlich, wenn in hiesigen diplo­matischen Kreisen die Verstimmung gegen Italien wegen der Beraubung der Propaganda groß ist, weil der Einfluß Frankreichs bedeutend dadurch wächst. Die Verstimmung ist um so größer, weil die Frage der Abreise des Papstes mit der obenbe« ^Mw^^WEM^mWnhanae steht. - Was England betnfft,io ya8e ich guten GriickV' anzunehmen, daß die Frage der Wiederherstellung einer englischen Legation beim apostolischen Stuhle ihrer günstigen Lösung entgegengeht. Das Plai- doyer, welches Mr. Brady in der .Fortneigthy Review' veröffentlicht hat, ist in dieser Hinsicht sehr bedeutungsvoll. Es gilt als der erste Versuch, die öffentliche Meinung Englands in dieser Be­ziehung umzustimmen. In der That hat die hohe Diplomatie davon Kenntniß genommen und die Frage ist gegenwärtig lebhaft ventilirt. Nach Aeußerungen,' welche Herr Errington gemacht ha­ben soll, wünscht Lord Gladstone deren ernstliche Erwägung. Zur Beurtheilung der Lage möge auch die höchst interessante Bemerkung des Herrn v. Mohrenheim, gewesenen russischen Botschafters '

in London und jetzigen Botschafters in Paris, bienen, „daß die englische Regierung genöthigt sei, direkte und permanente Verbindungen mit dem Vatikan zu haben, um die irische Frage definitiv regeln zu können." Errington hat vor Kurzem einem meiner Frepnde erklärt, er gehe nächstens mit guten Hoffnungen nach London. - Die Be­ziehungen zwischen Rußland und dem aposto­lischen Stuhle scheinen nach und nach sich friedlich gestalten zu wollen. Die Wiederherstellung der russischen Legation ist nur noch eine Frage der Zeit. Wenn die diesbezüglichen Verhandlungen noch zu keinem desinitiven Abschluß geführt haben, so kommt das daher, daß vorerst gewisse religiös- politische Verhältnisse in Polen geordnet fein müssen. Sodann aber besteht eine Hauptschwierigkeit in der Meinungsverschiedenheit, die zwischen dem Ministe­rium des Aeußern und des Innern obwaltet. Herr v. Giers, dem persönlich die Aufrechterhaltung der Beziehungen zum apostolischen Stuhle zu danken ist, wünscht schleunige Lösung der religiösen Frage in Rußland mit Hilfe des Vatikans, wogegen Herr von Tolstoi die religiösen Verhältnisse gelöst wissen will, ohne ein formelles Abkommen mit dem Vati­kan zu treffen. Doch ist anzunehmen, daß die Ver­hältnisse dem Herrn von Giers zu Hilfe kommen und seine Absichten unterstützen werden. Die Ab­sicht des Kaisers, ivelcher persönlich im guten Ein- vemchMn mit bem Oberhaupts der katholischen Kirche zu stehen wünscht, wird wesentlich dazu bei­tragen, den Intentionen des Herrn Giers zum Siege zu verhelfen. — Das Zustandekommen des Ministeriums Canovas hat Spanien in intimere Beziehungen zum Vatikan gebracht. Vieles ist der Einsicht und dem maßvollen Takte des Nuntius von Madrid, Msgr. Rampolla, zu verdanken, der nicht nur bei der Regierung sehr beliebt ist, son­dern auch bei dem hl Vater in hoher Gunst steht. Im Vatikan hegte man die Hoffnung, daß Spanien bei der Beraubung der Propaganda entschieden für die Vertheidigung der Rechte des apostolischen Stuhles eintreten werde. Daß die spanische Re­gierung dies unterlies, war ein um so schwererer Fehler, als es feststeht, daß mehrere Mächte sich

33 Penelope.

Nach dem Englischen.

Er blickte sie überrascht an. Um einen ster­benden Säugling meinen, wenn man noch für sechs andere zu arbeiten hatte! Das ging über seine Begriffe. Er zog seine Börse heraus, bezahlte fein Logis und dann entfernte sich Mistreß Grey, nicht ohne nochmalige thränenvolle Andeutung auf das Bild des Bady's.

Mister Taubeny war allein; den ganzen langen heißen Sommernachmittag faß er sinnend da, mit ernster nachdenklicher Miene. Dann ging er an feine Mappe, nahm ein Porträt heraus und blickte es lange an. Es war das Gesicht eines jungen Mädchens, mit treuen Augen, die ihn anblickten. Er erhob das Bild zu seinen Lippen und küßte es zärtlich, leise vor sich hinmurmelnd:

„Selbst Du, mein Liebling, mußt, wenn nöthig, meinem Ehrgeiz geopfert werden."

Und zwischen das Gesicht auf dem Bild und sein eignes drängte sich ein anderes mit goldenem Haar, braunen Augen — das Gesicht von Pene­lope Chartres.

Wehe Euch, Ihr armen, treuen blauen Augen! WM Euere Eignerin doch Everard Daubeny nie begegnet.

* * •

Weit entfernt, am Strande des Meeres, faß ein blauäugiges blondes Mädchen und blickte träu­merisch auf einen Brief, den es in der Hand hielt. 1

Ein süßes Lächeln lag auf ihren Lippen, Liebe und Hoffnung sprach aus den blauen Augen — denselben wahren treuen Augen, die von dem Por­trät Everard Daubeny angeblickt hatten. Vor zwei Monaten hatte er an ihrer Seite gesessen, ihre Hand in der seinen gehalten und ihr mit leiser zärtlicher Stimme gesagt, daß er sie liebe, wie er nie zuvor in seinem Leben geliebt, daß sie ihm Alles in Allem sei und daß er, wenn sie sich auch jetzt, wo sie Beide mittellos wären, trennen müßten, doch wieder zu ihr zurückkäme. Und sie saß am Meeresufer und dachte an feine Worte, ein liebliches Lächeln spielte um ihren Mund, die salzige Brise brachte ihr schönes Haar in Ver­wirrung.

Everard Daubeny's Geliebte wußte, daß auf manches Blatt Papier in seinem Skizzenbuch ihr Antlitz mit jedem nur möglichen Ausdruck von seiner Hand gezeichnet war, um ihn zu trösten, wie er sagte, wenn er in der Ferne weile; aber die blauen Augen, die über die weite See hinaus­blickten, wurden feucht, denn Briefe waren doch nur ein armseliger Ersatz für die wirkliche, lebende Gegenwart des Geliebten.

„Everard, Everard, ich will geduldig sein — nur bleibe mir treu," murmelte sie, feurige Kusse auf seinen Brief drückend; den sie fest in der Hand hielt.

Armes Mädchen — arme glückliche Träumerin, hätte sie doch wissen können, daß in diesem Augen­

blick Everard's Lippen einen Kuß, fast einen Ab­schiedskuß auf ihr Porträt drückten, und er mit der ihr so theuern Stimme dabei sprach: „Selbst Du, mein Liebling, mußt, wenn nöthig, meinem Ehrgeize geopfert werden."

Sein Ehrgeiz! Er wollte es sich kaum selbst zugestehen, welche Pläne derselbe in seinem Hirn hervorrief, als er so allein in seinem Zimmer saß und die Sonne heiß durch die Fenster-Gardinen hereinschien. Er beugte sich über sein Skizzenbuch herab und wieder traf fein Auge das Porträt, worunter „Alice" geschrieben stand.

Mit inniger Liebe haftete fein Blick einen Augen­blick aus dem jugendlichen Gesicht; dann drehte er hastig das Blatt um und das angefangene Por­trät von Mistreß Grey's Baby lag vor ihm.

Er war nicht in der Stimmung, es jetzt zu vollenden, und doch schien ihn das winzige Kin­dergesichtchen mit den traurigen dunkeln Augen fast vorwurfsvoll anzublicken. Mit einem unge­duldigen Ausruf zerriß er das unvollendete Bild in mehrere Stücke und warf diese auf den Ka­minrost. Er hatte jetzt an andere Sachen zu denken, als Porträts von kränklichen Baby's zu zeichnen. Um die Zeit zu tobten, hatte er es an einem regnerischen Nachmittag angefangen und Mistreß Grey zum Präsent versprochen, um sie an ihr Baby zu erinnern, wenn es starb.

Sein Skizzenbuch bei Seite legend, ging er in sein Schlafzimmer, das sehr nett und rein und