102.
Montag, den 5. Mai
1884.
Fuldaer
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Erstes Blatt
O Die staats- «»d kirchenfeindliche Thätigkeit der geheimen Gesellschaften.
(Eine historische Skizze.) IV.
Also Krieg den Jesuiten, das war die Losung der Philosophen! Das Ziel war nur zu bald er- reicht, und in dem Nachfolger des Königs, der sie aufhob, ist es kund geworden, wie richtig die Philosophen gehandelt hatten, als sie diese Aufhebung so eifrig betrieben.
Es wäre seltsam, wenn die Verschwörer sich nicht des furchtbaren Mittels bedient hätten, welches sie Kraft ihrer geistigen Fähigkeiten so vollständig in der Hand hatten, Ich meine die Presse. Dieses Mittel haben sie redlich benutzt. In den letzten Lebensjahren Voltaire's wurde Frankreich mit einer Fluth von Pamphleten, schlechten Romanen, Bro- schüren überschwemmt, wie nie zuvor. Als man es noch nicht wagte, sie in Frankreich drucken zu lasten, nahm man seine Zuflucht zu holländischen und preußischen Druckereien. Voltaire bat den König von Preußen im Jahre 1767, er möge doch in Berlin einige Buchhändler veranlaßen, gewiffe Bücher zu drucken und zu einem billigen Preise in ganz Europa zu verbreiten. In späterer Zeit brauchte er diese Bitte nicht mehr zu stellen, seit nämlich Herr von Malesherbes vom Ministerium mit der Bücherpolizei beauftragt worden war. „Dies ist der Mann, der die Fesseln der Literatur gebrochen", schreibt Voltaire.
Wie schon bemerkt, bestand eine der Hauptaufgaben des Klubs von Hallbach in dieser Art von Propaganda. Bereits im Jahre 1760 kam Voltaire auf die Idee, systematisch verführerische, unsittliche Schriften im ganzen Lande verbreiten zu lasten. Er schrieb an Helvetius: „So Büchelchen schreibe ich eins nach dein anderen. Natürlich werden dieselben nicht verkauft, sondern vertrauten Leuten übergeben, welche sie unter die Frauen und Kinder vertheilen." Ueberhaupt scheint Helvetius bei dieser Bücherfabrikation eine große Rolle gespielt zu haben, denn Voltaire gibt ihm zu wiederholten Malen darauf bezügliche Winke. Diese Rathschläge wurden denn auch treu befolgt. Als einige Mitglieder des Klubs der Oekonomisten der Regierung den Plan vorgelegt hatten, die Elementarschulen auf dem Lande zu vermehren, um darin die Kinder unentgeltlich zu den verschiedenen Handwerken heranbilden zu lasten, zog der König den Minister Berlin zu Rache, und dieser, ein Feind der Philosophen, ergriff die Gelegenheit, dem Monarchen reinen Wein einzuschenkeil: „Hüten Sie sich, Sire, diese Philosophen zu unterstützen. In Ihrem Königreich ist gar kein Mangel an Freischulen. Die Bücher, welche diese Herren verbreiten, werden die Landleute faul, eitel, irreligiös und rebellisch machen". Ludwig ließ sich überzeugen und gab einen ablehnenden Bescheid. Aber die Bundesbrüder hörten nicht aus mit ihren Bitten, so daß Berlin sich genöthigt sah, dem Könige noch öfters einen längeren Bericht zu erstatten. So erzählte er einmal Folgendes: „Die Kolporteure, welche mit dem Verkauf aufrührerischer Bücher beauftragt sind, kamen, wenn sie das Land besuchten, auch wohl auf unser Schloß. Bei einer solchen Gelegenheit frug ich eines Tages mehrere, die mich besuchten: „Nun, was haben Sie denn da für Bücher? Wahrscheinlich Katechismen, oder Gebetbücher?" Sie fingen an zu lachen und sagten: „Mit solchen Büchern haben wir kein Glück, die Schriften von Voltaire, Diderot und der anderen Philosophen bringen uns mehr ein." „Wie", warf ich ein, „können denn die Bauern so theure
Bücher kaufen?" „O, die sind viel billiger, als Gebetbücher. Wir geben den Band zu 10 Tour- nois und verdienen noch dabei. Diese Bücher kosten uns nichts, wir bekommen sie mit ganzen Ballen, ohne zu wissen, woher. Man verpflichtet uns nur, sie ganz billig zu verkaufen."
Endlich ließ Ludwig sich überzeugen; er erkannte die Gefahr, welche dem Throne drohte und ergriff einige unbedeutende Maßregeln. Aber es war bereits zu spät. Der Feind hatte alle wichtigen Posten besetzt, er war riesenstark..
Einen Beweis für die Frechheit, mit der die Verschwörer ihr Unwesen trieben, liefert folgendes Ereigniß: Bourdon, der oberste Polizeibeamte in Lissieux, hatte einen solchen Menschen, der aufrührerische Schriften verbreitete, in's Gefängniß führen lasten. Kaltblütig erkundigte sich der Verhaftete, wie lange es wohl dauern würde, bis auf einen Brief, den er nach Paris senden wolle, Antwort erfolgt sei. Als man ihm das gesagt hatte, versicherte er mit derselben Ruhe: „Nun, bis dahin werden Sie Befehl haben, mich und meine Bücher freizugeben." Der Befehl kam in der That an dem bestimmten Tage.
So wurden die Gesetze gehandhabt in dem Lande eines Königs, der über mehr als 200,000 Bajonette verfügte. Ist das wohl möglich ohne den ausgedehntesten Verrath, ohne eine weitverzweigte Verschwörung? — Ludwig starb denn auch, wie fast alle Schriftsteller berichten, in der traurigen Ueberzeugung, daß sich die Krone seines Enkels nicht werde halten lasten. Zu großem Unglücke für Frankreich war der nächste Kronerbe, der treffliche Dauphin, bereits im Jahre 1765 gestorben, und es bestieg nun der schwächliche Ludwig XVI. den wankenden Thron.
Die Philosophen jubelten, die Stunde des Sieges kam immer näher. Der erste Schritt, den der neue König that, war der, neue Minister zu ernennen. Diese Aenderung im Ministerium bedeutete aber durchaus keine Aenderung in der den Verschwörungs-Gesellschaften gegenüber inne zu haltenden Politik. Alsbald berichtete Voltaire an den gekrönten Freund in Berlin: „Ich weiß nicht, ob unser junger Köng in Dero Fußstapfen eintreten wird, aber das weiß ich, daß er nur Philosophen zu Ministern gewählt hat;" und im folgenden Jahre schreibt Friedrich zurück: „Ich stelle mir Ludwig vor, wie ein von Wölfen umgebenes Lamm, er wird sehr glücklich sein, wenn er ihnen entrinnt." Die Minister waren fast alle Voltaire's persönliche Freunde. In Bezug auf Turyot schrieb dieser an Alembert! „Wenn Du mehrere Weise von dieser Gattung in Deiner Sekte hast, so zittere ich der Infamen wegen, in einer so schönen Gesellschaft ist es um sie geschehen." Zwar wurden im Laufe der nächsten Jahre einige Minister wieder entlasten, aber ebenso gesinnungstüchtige traten an ihre Stelle.
Unaufhaltsam ging die revolutionäre Bewegung vorwärts, wenn auch ihre geistigen Urheber Voltaire und Alembert längst gestorben waren. Die staatsgefährlichen Bestrebungen der Philosophen traten allmählich so deutlich hervor, daß selbst Friedrich dem Großen die Augen aufgingen. In feinen „Todtengesprächen" lesen wir: „Die En- cyklopädisten reformiren alle Negierungen. Frankreich soll, wenn es nach ihrem Wunsche geht, ein republikanischer Staat werden, an desten Spitze ein Geoineter steht." Nachdem er sie noch näher cha- rakterisirt hat, räth er den Königen, „diese gefährlichen Narren in Zellen einzusperren, damit sie dort für die Narren, ihre Brüder, Gesetze machen könnten, oder auch, ihnen eine Provinz zur Regierung zu übergeben, welche man empfindlich strafen wolle." Aber die Einsicht kam auch bei ihm zu spät. Es hatte sich bereits die Einigung der Phi
losophen mit den fortgeschrittensten Graden der Freimaurerordens allmählich vollzogen, eine Einigung, aus der der Jakobinerklub hervorging. Die Sophisten bedurften zur Durchführung ihrer Pläne der Piken und Dolche, sie bedurften großer Massen, welche bereit waren, auf einen gegebenen Wink gegen die Armee der Ordnung zu marschiren.
Diese Masten lieferte ihnen der Freimaurer- Orden, welcher in den der Revolution vorhergehenden Jahren sich unverkennbar zu einem Kampfe rüstete, dessen Ziel man damals noch nicht kannte. Ganz Frankreich war mit einem Netz von Logen überspannt; der Groß-Orient in Paris hatte die äußere Leitung des ganzen Bundes. Schon gegen das Jahr 1770 begann dieses Centralkomitee seine Vorbereitungen. Ein Maurerbruder, welcher rechtzeitig erkannte, welche Ziele sein Orden anstrebe, erzählt Folgendes: „Gegen Ende des Jahres 1770 empfing die Loge, deren Meister ich war, vom Groß-Orient einen Brief, welcher nur den einge« weihten Brüdern vorgelegt werden sollte. Er war bereits durch verschiedene Logen gegangen, hatte aber erst drei Unterschriften erhalten. Durch diesen Brief wurden wir nämlich aufgefordert, treu dem von uns geleisteten Eide beim ersten Rufe uns zu erheben, um die Insel Malta und alle Güter wiederzuerwerben, welche den Ahnen unseres Ordens gehört hatten. Ich weigerte mich, zu unterschreiben, und die Loge folgte meinem Beispiele." Es liegt auf der Hand, daß dieser Brief nur ein Fühler war, den das Centralkomitee ausstreckte, um zu erforschen, wie viele Brüder ihm wohl blindlings folgen würden. Die Eroberung von Malta war selbstredend reiner Unsinn, aber die Eingeweihten erkannten wohl den tiefen Sinn dieser Worte. Das Resultat befriedigte nicht, man war also Möthigt, wirksamere Maßregeln zu ergreifen. Drei Jahre später wurden deshalb De- putirte des Komitee's in alle Logen gesandt, um die Brüder an ihren Eid zu erinnern, sie aufzuwiegeln und ihnen anzukündigen, daß es endlich Zeit sei, der Tyrannei ein Ende zu machen.
M Trunkenheit strafbar.
Soll Trunkenheit bestraft werden? In England, Frankreich, Schweden und anderen Ländern hat der Gesetzgeber diese Frage längst bejaht; in Deutschland hat er sich bisher dazu noch nicht entschließen können, wenn auch einzelne der das Reich ausmachenden Staaten, das ehemalige Königreich Hannover z. B., Trunkenheitsstrafen kennen mochten. Mit dem Erlöschen der früheren Mäßigkeitsagitation ist offenbar selbst diese anscheinend nur von dem Pflichtbewußtsein der Staatsgewalt abhängige, des Vereins-Antriebes nicht bedürfende Einschränkung der Trunkenheit außer Acht geblieben. Vor drei Jahren besann die Reichsregierung sich wieder darauf. Aber noch fehlte nur Vereins- Nachhilfe, und so blieb der damals eingebrachte Strafgesetzentwurf unabgeschlosten liegen. Der Vorstand des „Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" hat sie nun aber durch eine Sachverständigenkommission wieder ausgenommen. So wahr ist es, daß von ernstlicher, ausdauernder Vereinsthätigkeit jeder Fortschritt auf diesem Felde abhängt.
Dies heißt nun noch nicht soviel, wie daß die Strafwürdigkeit der Trunkenheit von vornherein eine ausgemachte Sache wäre; es heißt nur: die Frage muß ernstlich und allgemein überlegt werden, damit eine klare, feste, öffentliche Meinung sich bilde, auf welche der Gesetzgeber bei feinem etwaigen^Vorgehen sich stützen kann. Die, welche zuerst im neuen Deutschen Reich auf Bestrafung der Trunkenheit drangen, meinten es freilich