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1884.

Sonnabend, den 3. Mai

101.

Fuldaer

eitung

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Deutsches Reich.

Fulda, Sonnabend, 3. Mai.

* Sicherem Vernehmen nach ist die Resignation des Kardinals Ledochowski vollendete Thatsache, und in den Verhandlungen zwischen Rom und Berlin bereits über die Person seines Nachfolgers, Weihbischof Cybichowski von Gnesen, eine Einig­ung erfolgt.

* lieber das (negative) Ergebniß der zweiten Lesung des Sozialistengesetzes in der vorgestrigen Sitzung der Reichstagskommission, welches bei der Schlußabstimmung über den ganzen Entwurf in der durch die Einzelabstimmung modifizirten Fas­sung mit 10 gegen 10 Stimmen abgelehnt wurde, berichtet die ,N. Pr. Ztg.' noch Folgendes: Im Artikel I wurden die Anträge Windthorst gemäß den Beschlüffen erster Lesung mit derselben Mehr­heit — Centrum und Deutsch-Freisinnige — auf­recht erhalten, dann aber die Ergänzung des 2lr» tikels gemäß dem Anträge Windhorst gegen die Stimmen des Centrums abgelehnt, da die Frei­sinnigen ihre prinzipielle Gegnerschaft gegen das ganze Gesetz bekunden wollten, während die Deutsch- konservativen, die Geichspartei und die Rational- liberalen eine Abschwächung des bestehenden Sozia­listengesetzes überhaupt nicht zugestehen. Ebenso wurde der ganze Art. I, Anträge Windthorst, von derselben Mehrheit verworfen. Die Abstimmung über Art. II, die Verlängerung des Sozialistengesetzes nach der Regierungs-Vorlage, ergab dann das Resultat Stimmengleichheit mit 10 gegen 10 Stimmen, auf der einen Seite für den Artikel die Deutsch- konservativen, die Reichspartei, die National­liberalen und die Herren Freiherr v. Hertling und Freiherr v. Landsberg vom Centrum, auf der andern Seite gegen den Artikel der Rest des Centrums und die Deutsch-Freisinnigen. Daran schließt sich die Diskussion über die Resolution I. des Abg. Dr. Windthorst, welcher in nachstehend veränderter Form neu eingebracht wurde: Dem Reichstage rechtzeitig den Entwurf eines Gesetzes vorzulegen, welche» das gemeine Reichsrecht insoweit abändert ober ergänzt, als es dessen bedarf, um den

30 inj Penelope.

Nach dem Englischen.

„Penelope, wir verlieren den ganzen Morgen!" rief Mister Chartres.

„Komm' doch endlich, Liebe."

flknelope schloß und adressirte eilig ihren Brief und behielt ihn in der Hand, al» sie jetzt hinaus in die Halle trat.

„Ich beendigte gerade einen Brief an Algy, Papa. Hoffentlich habe ich Dich nicht warten lassen?"

„Nicht länger, als zwanzig Minuten. Ist es nöthig, so oft an Algy zu schreiben, Penelope?" — während er sie auf das Pferd hob.

Sie erröthete, dann fing fie an zu lachen und mit einer Welt voll Liebe in den lebhaften schönen Augen antwortete sie: „Ich darf doch an Algy- schreiben, nicht wahr, Papa?"

Wer hätte der lieben flehenden Stimme wider­stehen können? Ihr zärtlicher nachsichtiger Vater gewiß nicht.

„So oft Du willst, mein Liebling, wenn es Dich froh und glücklich macht."

Und fort ging es, in der besten Laune, lachend und plaudernd die Allee hinunter.

Mister Chartres hatte ein freundliches Wort und ein Lächeln für jeden Mann, für jede Frau denen sie auf ihrem Wege begegneten. Er war der große Grundbesitzer der Grafschaft. Die Castle Chartres' Besitzungen dehnten sich viele Meilen

Staat und die Gesellschaft nachhaltig und dauernd vor den besonderen Gefahren zu schützen, bereit zeitweilige Abwehr bas vorgenannte außerorbent- liche Gesetz bezweckt hat. Auch biese Resolution würbe mit allen gegen bie Stimmen des Centrums > abgelehnt. Die Kommission wirb schriftlichen Be­richt erstatten, mit besten Abfassung ber Abg. Frhr. v. Hertling betraut ist. Im Uebrigen wird auf eine Erklärung des Abg. Dr. Windthorst in der gestrigen Sitzung hingewiesen, welche dahin ging, daß sich die Centrumspartei durch ihre in ber Kommission eingebrachten Anträge unb bort ihrer­seits stattgehabten Abstimmungen für bie Plenar- verhanblung in keiner Weise gebunden erachte, viel­mehr für diese sich vollständig freie Hand Vorbe­halten müsse.

* Der Bundesrath hielt gestern Nachmittag um 2 Uhr eine Plenarsitzung von kurzer Dauer. Vorlagen, betreffend die Aenderung der Bestimm­ungen des Eisenbahnbetriebsreglements in Bezug auf den Transport von gasförmiger Kohlensäure, ferner den Entwurf einer Verordnung über die Ver­gütung für Dienstreisen der Marinebeamten zwischen Kiel und Friedrichsort, sowie endlich ein Antrag Sachsens, betreffend die Abänderung des Etats der Zollverwaltungskosten für das Königreich Sach­sen wurden den Ausschüssen überwiesen. — Zur Verhandlung standen sodann mündliche Ausschuß­berichte über den Antrag Sachsens, betreffend den Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung der Malz- und Gewichtsordnung und über eine Ein­gabe wegen zwangsweiser Versetzung eines Regie« rungsrathes Geigel zu Kolmar in den Ruhestand.

• Me Verhandlungen des Buitdesrathsausschüsse über den Zollanschluß von Bremen gestal­ten sich für die Angelegenheit bis jetzt recht günstig. Es ist, laut der ,Nat.-Ztg.', das Bestreben un­verkennbar, einen Ausgleich herbeizuführen und den Anforderungen Bremens möglichst zu entsprechen. Die Hauptschwierigkeit bildet nach wie vor die Freihafenanlage, welche Bremen als unerläßlich bezeichnet. Die erwähnten diesbezüglichen kom­missarischen Vorbesprechungen, woran Kommissare Preußens, Oldenburgs und Bayerns theilnehmen

nach jeder Seite hin aus, und fast Jeder, der ihnen begegnete, gehörte zu seinen Pächtern. Er war ein gütiger nachsichtiger Herr, immer bereit an den Freuden und Leiden seiner Untergebenen Antheil zu nehmen, und demgemäß wurde er auch geliebt und verehrt.

„Ich muß nach diesen Hütten dort unten sehen, Penelope", sagte er, als sie weiter ritten. „Sie liegen zu tief, wenn wir nichts dafür thun, können wir int Herbst ein Fieber hier haben. Ich muß morgen mit Burns darüber sprechen."

Es war ein herrlicher Morgen, ein leichtes bal­samisches Lüftchen wehte über die Wiesen, und das hohe Gras beugte sich und schwankte, wie die Wo­gen der See; es war ein Tag, an dem man es als ein Glück empfand zu leben, Gesundheit und hei­tern Sinn zu haben und in tiefen Zügen die frische, mit dem Geruch des reichen, sommerlichen Grüns angefüllte Luft einzuathmen.

„Wer ist das, Papa?" fragte Penelope, mit der Reitpeitsche auf die Gestalt eines Mannes, eine kurze Strecke vor ihnen, deutend.

Er zeichnete fleißig in das Skizzenbuch, das er auf den Knieen liegen hatte, und vor ihm lag auf einem umgefallenen, mit Moos überzogenen Baum­stamm ein kleines zerlumptes Kind schlafend, und eines der nackten, braunen Aermchen um den Hals eines Hundes schlingend, dessen rauhes Fell die kleinen Fingerchen packten.

„Laß uns leise um den Heckenzaun gehen, Papa,

sollen, werden am nächsten Montag beginnen und wahrscheinlich eine Information an Ort und Stelle später nöthig machen. Der Reichszuschuß für den Zollanschluß von Bremen würde die Höhe von 15 Millionen kaum übersteigen.

• Berlin, 1. Mai. Die Aktiengesetzkommission lehnte die von Bessert zu Artikel 209 f (Hergang bei Gründungen) beantragte Fassung ab, nahm die Fassung der Regierungsvorlage mit einem An­trag Uechtritz, der sachlich mit den Anträgen Bei- serts identisch ist, an, ingleichen ein Amendement Pasch, wonach bei Betheiligung des Vorstandes oder Aufsichtsraths an einer Gründung durch be­sondere Revisoren, welche die Handelskammer be­stellt, Nachprüfung vorzunehmen seien. Der zu­rückgestellte Artikel 209 e, sowie der Rest des Ar­tikels 209 c wurden in der Fassung der Regie­rungsvorlage genehmigt.

• Berlin, 1. Mai. Der Bundesrath hat heute eine Sitzung abgehalten. Zu erwähnen ist, daß nach den Beschlüssen der Ausschüsse der säch­sische Antrag wegen Abänderung der Maß- und Gewichtsordnung angenommen wurde. Die Vor­besprechungen wegen des Zollanschlusses Bremens beginnen nächste Woche. Seitens des Bundesraths nehmen an denselben Kommissäre Preußens, Baierns und Oldenburgs Theil. Man glaubt in bethei- ligten Kreisen, daß eine Verständigung sehr schnell erzielt werden wird, so daß, wenn der Reichstag nicht aufgelöst wird, die Vorlage noch in dieser Session zur Erledigung kommen könnte. Der Beitrag, den das Reich an Bremen zu den Kosten des Zollanschlusses leisten wird, wird etwa 15 Millionen Mark betragen.

* Berlin, 2. Mai. Das Reichstagskomitee für die Ueberschwemmlen hat heute über den Rest der Gelder im Betrage von 3200 Mark zu Gun­sten Danzig's verfügt. (F. I.)

• Berlin, 2. Mai. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' erblickt in einer Besprechung des Instituts der Doppelmandate für den Reichstag und die Landtage und der Nachtheile derselben für das Reich und die einzelnen Bundesstaaten in der In­kompatibilität der Mandate allein noch keine aus-

damit wir nicht das Kind aufwecken und das Ge­mälde verderben."

Mister Chartres zog die Zügel an und sie such­ten langsam auf die andere Seite des Weges zu gelangen.

Das Kind, das seine rosige Wange wider das smaragdfarbene Moos drückte, erwachte nicht. Die Sonne schien hernieder auf feine zerlumpten Klei­der und fein wirres, ungekämmtes Haar. Armes, verlassenes Kind, es schlief so fest, als ob es auf den weichsten Kissen läge und der häßliche Hund hielt treue Wache bei seinem kleinen Schützling.

„Weich' hübsches Bild!" sagte Penelope, auf das schlafende Kind blickend. „Ich möchte wissen, wer es hier zurückgelassen."

„Höchst wahrscheinlich irgend ein wandernder Kesselflicker, meine Liebe."

Der Künstler erhob gleichgültig den Kopf von seiner Arbeit, als sie vorübergingen.

„Welch' hübsches Gesicht!" rief Mister Chartres. „Wer mag der junge Mann fein?"

Unter dem Schatten einer großen Ulme am Wege sitzend und von dem. schlafenden Kinde eine Skizze entwerfend, hatte der Fremde — ein dunkler, schlanker, junger Mann mit schön gemeißelten Zü­gen und großen dunkeln Augen — gerade nur rasch einen Blick auf Mister Chartres und feine Tochter geworfen und dann weiter gearbeitet. Er trug einen langen dunkeln Schnurrbart und war ganz in Grau gekleidet; fein Hut lag neben ihm,