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M, 100. Freitag, den 2. Mai

Jfiilbarr

1884.

— mit der

Bit ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis

belletristischen Wochenbeilage .Sterne UNS Blume«' in Fulda 1 Mk. 70 PsS-, Auswärts 1 M. iS Psg.

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O Die staats- ««d kirchenfeindliche Thätigkeit der geheimen Gesellschaften.

(Eine historische Skizze).

III.

Ein nicht minder wichtiges Zeugniß für die Existenz der Philosophengesellschaft finden wir in dem Briefe des berühmten Lord Oxford, bekannt unter dem Namen Horace Walpole, an den Feld­marschall Conway (1765, 28. Okt.). Walpole schreibt:

„Der Dauphin hat nur noch einige Tage zu leben. Die Aussicht seines Todes erfüllt die Philosophen mit großer Freude, denn sie fürchten seine Parteinahme für die Jesuiten. Es scheint Ihnen gewiß seltsam, daß ich in einer politischen Depesche von Philosophen spreche. Wiffen Sie auch, was dies Wort bedeutet? Es bezeichnet Leute, welch« unter dem Vorwande, den Katholizismus zu be­kämpfen, theils die Zerstörung jeder Religion, theils die Zerstörung der monarchischen Gewalt anstreben. Sie werden auch fragen, wie ich in den 6 Wochen meines Hierseins das alles erfahren konnte. Nun, in den 3 ersten Wochen habe ich überall Besuche gemacht und von nichts Anderem als davon sprechen hören. In den letzten 3 Wochen habe ich zu Hause Besuche empfangen und sehr eingehende Unterredungen mit Personen gehabt, von denen einige die erwähnten Gesinnungen haben, andere nicht, welche alle überzeugt waren, daß etwas Wahres an der Sache ist. So warm besonders zwei junge Offiziere bei mir, welche mir in der Hitze der Rede mehr offenbarten, als ich durch lang« Untersuchungm hätte erfahren können".

Man wird vielleicht fragen: Wie kam e» denn, daß die staatlichen Autoritäten nichts von alledem merkten, was so offen vor aller Welt sich abspielte, wie kam es. daß kein Generaladvokat die offenkun­digen Verschwörer in Anklagezustand versetzte? Die Antwort ist sehr leicht. Fast alle Diejenigen, deren Pflicht es war, für die bedrohte Monarchie einzu­treten, waren in den Netzen des Geheimbundes, fie waren entweder entschieden für seine Zwecke gewon­nen, oder sie wurden von ihm hinter's Licht ge­führt und sahen leider nur zu spät ihren bekla- genSwerthen Jrrthum ein ; alsdann waren sie meist zu feige, ihm entgegenzutreten. Dennoch fehlte es nicht an Männern, welche kühn ihre warnende Stimme erhoben und die Unterdrückung der Ver­schwörung forderten. So erhob im Parlament zu Paris der Generalvikar Rsguier im Jahre 1770

29 U2J Penelope.

Nach dem Englischen.

Doktor Ferguson bemühte sich unterdeffen, sich glauben zu machen, daß er die Liebe zu Nelly glücklich bekämpft habe; daß sein Herz nicht mehr poche, wenn Kenneth einen Brief in Nelly's Hand­schrift erhielt; daß er sich nicht sehne, den Inhalt zu erfahren, und das eine kleine Sätzchen zu er­blicken, das ihm einen Gruß sandte; daß er nicht oft mit Trauer an da» hübsche Häuschen denke und sich Nelly's Gesicht zwischen den Rosen nach ihm ausschauend, ausmale.

„Doktor Ferguson," sagte Kenneth eines Abends, als sie im Mondschein auf der Veranda saßen, warum sehen Sie so traurig aus?"

„Sehe ich traurig aus?" fragte er mit einem raschen Blick auf den Knaben.

„Ja, ich habe Sie seit den letzten 5 Minuten beobachtet — Sie sehen schrecklich traurig aus."

Alick antwortete nicht sogleich; mit festgeschlos­senen Lippen blickte er hinauf in den bleichen silber­nen Mond; dann ließ er seine Hand auf Kenneth's Schulter fallen.

„Soll ich Dir den Grund sagen, Kenneth?"

„Ick denke, ich kenne ihn." Kenneth's träume­rische Augen hefteten sich mit ihrem alten gedan­kenvollen Ausdruck auf Alick's Gesicht. Der kranke Knabe in Crayfell hatte die HerzenSgeheiinniffe von mehr als einer Person seiner Umgebung errathen. Er lehnte seine Wange an die Hand des Doktors,

folgende Klage: „Es hat sich in Mitten unter uns eine gottlose und verwegene Sekte erhoben; siehst falsche Weisheit mit dem Namen der Philosophie geziert. Mit einer Hand hat sie den Thron er­schüttert, mit der andern wollte sie den Altar um­stürzen. Die Revolution ist vorbereitet; ihre Pro­selyten haben sich stets gemehrt;, ihre Grundsätze sind überall verbreitet. Die Regierung möge zit­tern, daß sie in ihrem Schooße eine solche Sekte von Ungläubigen duldet, welche unter dem Vor­wande, die Völker zu erleuchten, darnach zu stre­ben scheint, sie zur Empörung zu veranlassen."

Doch es war zu spät. Der Feind war bereits eine Riesenmacht. Er beherrschte den französischen Hof und das Parlament und hatte an fast allen europäischen Höfen seine Freunde. Am 23. No­vember 1770 konnte Voltaire an Alembert trium- phirend schreiben: „Wir haben für uns Katharina von Rußland, den König von Preußen, den König von Dänemark, den König von Schweden, ferner viele deutsche Fürsten." Auch der deutsche Kaiser war gewonnen. Voltaire schreibt an Alembert: „Höre eine wichtige Neuigkeit, Grimm versichert mir, daß der Kaiser unter den Unsrigen sei." Da» war am 28. Oktober 1769. Einen Monat später schreibt der Patriarch an den König von Preußen: „Sie haben mir auch geschmeichelt, daß der Kaiser auf dem Wege des Verderbens wäre. Das ist in der That eine schöne Ernte für die Philosophie." „Es gibt keinen deutschen Fürsten, btt nicht Philosoph sei", schrieb,derselbe wohl mit gewaltiger Uebertreibung schon im Jahre 1766 an den Grafen von Argental. Es braucht wohl nicht nochmals darauf hingewiesen zu werden, daß alle diese Fürsten in der sogenannten Philosophie nur ein Mittel sahen, die verhaßte Kirche aus der Welt zu schaffen, während sie selbst von den eingeweihten Brüdern mit den größten Schmei­cheleien überhäuft wurden. Begreiflicherweise war es diesen Letzteren nun leicht, die gekrönten Häup­ter in Sicherheit zu wiegen; und auch dann noch, als bereits der Sturm gegen die bestehende staatliche Ordnung entfesselt war, hatten sie durch ihre Brü­der in den verschiedenen Ministerien und in den

die noch auf seiner Schulter ruhte. „Darf ich aus­sprechen, was ich meine?"

„Gewiß, was sollte ich dagegen haben, mein Lieber?"

„Nun denn, ich denke, Sie liebten Nelly und wurden nicht wiedergeliebt. Sind Sie böse auf mich, Doktor Ferguson'?" — denn der Druck der Hand auf seiner Schulter wurde plötzlich stärker.

„Nein, Kenneth, nein; aber da Du so viel er- riethest, kannst Du mir auch den Grund sagen, warum.Nelly meine Liebe nicht erwiderte?"

Er sprach mit bitterem Ernst. Kenneth antwor­tete traurig:

„Ich kann ihn nur errathen; ich habe kein Recht, Nelly's Geheimnisse auszuplaudern und mag mich schließlich auch irren."

„Nein, Du hast Recht; sie kann nie die Meine werden. Kenneth, Du bist nur ein Knabe und ich spreche, als wärest Du ein Mann. Mögest Du nie er­fahren, was es heißt, so zu fühlen, wie ich eben fühle!"

Kenneth erhob sein schmales knabenhaftes Gesicht­chen, seine großen ernsten Augen senkten sich in die seines Freundes.

„Sie werden es überwinden und wieder lieben — ich habe von solchen Sachen gelesen."

„Ach, die Sachen, von denen wir lesen, Kenneth, kommen nie im wirklichen Sieben vor. Aber jetzt, mein lieber Junge, sprechen wir von etwas An­derem; Du und das Mondlicht zusammen haben heute Abend einen Narren aus mir gemacht."

Armeen Einfluß genug, ein energisches Eintreten der europäischen Monarchen für Ludwig XVI zu verhindern. Jedenfalls boten die königlichen Na­men eine treffliche Verteidigungswaffe gegen jede Anklage wegen staatsgefährlicher Absichten.

Unter dem Schutze so hoher Gönner konnten die Verschwörer sicher und furchtlos an dem Werke der Zerstörung arbeiten. Wie schnell es aber auch vorwärts ging, Voltaire ging es noch immer nicht schnell genug. Immer wieder mahnte er zu rastloser Arbeit, zu unerniüdlichem Streben. „O meine Philosophen", schreibt er an Alembert, „wir müssen marschiren wie eine makedonische Phalanx. Mögen die Philosophen eine solche Bruderschaft bilden, wie die Freimaurer; mögen sie sich gegen­seitig unterstützen nnd bisweilen zusammenkommen. Aber Jeder vergißt die erste der Pflichten, welche darin besteht, die Infame zu vernichten. Ach, die ersten Gläubigen sind eifriger als 'wir. Gott wird uns segnen, wenn wir einig sind".

Sein Mahnruf erscholl nicht vergebens. Lang­sam, aber sicher wurden die Minen gegraben, um das alte Frankreich in die Lust zu sprengen. Als das vorzüglichste Mittel dazu betrachtete man die Entsittlichung der höheren Stände, in der ganz richtigen Ueberzeugung, daß ein sittenloses Geschlecht keine Treue gegen den angestammten König kennt, daß ein charakterloser Mann gar leicht ein willen­loses Werkzeug wird in der Hand kühner Ver­schwörer. Als Beweis für diese systematische Ent- fittlichungdes Volkes führen wir nur die berüch­tigte Encyklopädie an. Dieses Werk ist aus Betrei­ben der Philosophengesellschast entstanden und voll­ständig von Mitgliedern derselben verfaßt. Diderot und Alembert leiteten die Arbeiten. Voltaire schreibt an Alembert: „Während das Parlament sich mit den Bischöfen herumzankt, werden die Philosophen leichtes Spiel haben. Du, mein Bruder, wirst Muße haben, die Encyklopädie mit solchen Wahr­heiten auszuschmücken, die man vor 20 Jahren noch nicht hätte aussprechen dürfen", und an Damilaville: „Ich wollte, wir hätten ein gute» Buch, welches die Infame für immer vernichtete, ich setze alle Hoffnung auf die Encyklopädie". Ein

11. Kapitel.

Castle Chartres war zur Sommerzeit, wenn die mächtigen, alten Bäume in ihrem üppigen grünen Schmuck gekleidet waren, in seiner größten Pracht. Ueber den herrlichen Wäldern und Thä- lem wölbte sich ein wolkenloser Himmel. Eines Morgens wurden schon in aller Frühe die Pferde vorgeführt; Mister Chartres liebte es in diesem angenehmen Sommerwetter, mit seiner Tochter nach dem Frühstück einen Spazierritt zu machen durch die grünen Auen und blühenden Felder.

Er stand, leise vor sich hinpfeifend auf den Stufen und wartete auf Penelope. Es hatte wäh­rend der Nacht geregnet und die Luft war rein und frisch. Die Regentropfen hingen noch auf dem Gras und glitzerten auf den Rosen, die ein leichtes Lüstchen hin- und herbewegte.

„Penelope, Penelope!" — „Ich komme, Papa."

Penelope war in dem Bibliothekzimmer — das Zimmer, in dem erst vor wenigen Monaten Doug­las Lebewohl gesagt - und sie dachte an ihn während sie hastig an einem Brief schrieb, der mit „mein lieber Algy" begann.

Sie war schon im Reitamug, ihr liebliches Ge­sicht beugte sich über den Brief, ein glückliches Lächeln spielte um ihren Mund — ein schönes, herrliches Frauenbilv, das, wie der stolze Vater dachte, jeden Tag noch schöner und gewinnender wurde, und in seinem Herzen hielt er seinen Lieb­ling einer besseren Heirath würdig. So beabsich-