Donnerstag, den 1. Mai
1884.
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O Die staats - «nd kirchenfeindliche Thätigkeit der geheimen Gesellschaften.
(Eine historische Skizze.) n.
Der geistige Vater der ganzen unheilvollen Bewegung war Voltaire. Zwar war es anfangs nicht das französische Königthum, welches er vernichten wollte, — nein, dem Christenthum, der katholischen Kirche galt sein berüchtigtes Wort: äcraaez I’infäme! (vernichtet die Abscheuliche). In England war es, wo Voltaire den Schwur that, das Christenthum zu zerstören. „Wenn zwölf Menschen genügten, dasselbe in die Welt zu setzen, so will ich der Welt schon zeigen, daß Ein Mann genug ist, es zu vernichten". Das sind des Verschwörers eigene Worte.
Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen, und wer das Christenthum vernichten will, der muß auch darnach streben, den 'christlichen Staat zu vernichten. Der französische Staat hatte aber damals noch ein entschieden christliches Gepräge. So kam es, daß die Wogen des Stromes, den Voltaire entfesielt, ihn weit über die anfänglich gesteckten Ufer hinwegrisien. Die Freunde, welche er zur Vernichtung des verhaßten Christen- thums geworben, beherrschten ihn immer mehr und brachten ihn leicht dahin, daß er, der früher mit seiner Verehrung für die Könige prahlte, später ein Feirü) der Könige wie der Priester war. So schreibt er schon im Jahre 1757 an Alembert: „Bewahre mir nur ja das Geheimniß mit den Königen und den Priestern." Da konnte er freilich ohne Sorge sein, dieses Geheimniß wurde von seinen eingeweihten Freunden gerade so treu bewahrt, wie von ihm selbst, und nur daraus erklärt sich, daß er so viele gekrönte Häupter und Fürsten zu den Freunden seines Bundes zählen konnte, vor allem Friedrich den Großen, der sicherlich nicht im Traume daran dachte, zu Gunsten einer philosophischen Republik seine Krone niederzulegen. Also das Christenthum war es, dem in erster Reihe Voltaires Haß und Voltaire's Feindschaft galt,
und das Mittel zu deren Befriedigung war die bereits erwähnte Gesellschaft der Philosophen. Man glaube nur nicht etwa, daß der Name „Philosoph" im Munde Voltaire's und seiner Freunde nichts weiter als einen philosophisch gebildeten Mann bedeutet habe. Man braucht nur der Verschworenen Briefe zu lesen und wird bald von diesem Jrrthum befreit sein. Allerdings war dieser Name sehr gut gewählt, denn er war eine vortreffliche Maske, deren man noch einige Zeit bedurfte, um die dummen und Abergläubigen, wie jene Herren alle gläubigen Christen nannten, zu täuschen und sorglos zu machen.
Es ist wohl selbstverständlich, daß diese Gesell- schäft sich nicht an einem Tage urplötzlich zusammenfand, vielmehr fühlten die ehrenwerthen Freunde sich allmählig immer mehr durch den gemeinsamen Haß und die gemeinsamen Interessen zu einander hingezogen, bis endlich um die Mitte des Jahrhunderts das sie umschlingende Band ein inniges und festes geworden war.
Während seines Aufenthaltes in Ferner, trat Voltaire mit Alembert nnd Diderot in enge Verbindung und gewann an ihnen unschätzbare Bundesgenossen. Von nun an wird sein Briefwechsel mit diesen beiden Männern, sowie mit anderen hervorragenden Gesinnungsgenossen täglich reger. Gegen das Jahr 1760 muß der Bund schon fest gegründet gewesen sein; alle Briefe Voltaires aus dieser Zeit weisen darauf hin. Die Verschworenen geben ihm deu Ehrentitel Patriarch; sie nennen sich die wahren Gläubigen; es bestehen für bestimmte Zwecke Unterabtheilungen, Sekten genannt, einzelnen Mitgliedern sind spezielle Aufgaben zugewiesen, so Alembert die Verführung der Jugend. Die gemeinsame Parole ist: ecrasez I’infäme. Alle Verschworenen führen den gemeinsamen Namen caconac; die Einzelnen haben Spitznamen, so heißt Friedrich der Große du Luc, Alembert Protagoras oder Bertrand, Diderot Plato oder Touplat. Man muß sich die Gesellschaft nicht vorstellen wie eine Freimaurerloge, welche an bestimmten Tagen ihre Sitzungen hält und aus Leuten besteht, die im Uebrigen ganz
ruhig ihrer bürgerlichen Beschäftigung obliegen. Diese Verbindung war ganz anderer Natur. Dar waren Leute, welche die Revolution zu ihrem Lebensberufe gemacht hatten, meistens räumlich getrennt, aber durch glühenden Haß der Kirche innig verbunden, nicht durch geschriebene Statuten, sondern durch mündliche Abrede zu demselben Zwecke vereint. Voltaire aber erscheint unbedingt als ihr Herr und Meister. Er ermahnt, ja er tadelt seine Genossen und fordert sie zu immer eifrigerer Arbeit auf. „Die Geheimnisse", schreibt er ihnen, „dürfen unter keiner Bedingung offenbar werden. Mit unsichtbaren Dolchen müssen wir das Ungeheuer durchbohren; unter tausend verdoppelten Schlägen muß es fallen. Bringt die Infame außer Fassung, sagt kühn, was ihr auf dem Herzen habt, schlaget, aber verberget eure Hand, und ihr werdet unbesieglich sein. Ich empfehle euch die Infame." — Immer klarer treten die Absichten der Verschwörer hervor, ihre Sprache wird immer zügelloser und frecher. Fast der ganze Hof Ludwig XV. ist in ihrer Gewalt, der Graf Argenson und der Herzog von Choiseul gehören ihrem Bunde an, die Pompadour ist ihre Freundin. Tas Netz um den König wird immer fester gezogen. Von der Vorbereitung geht es immer mehr zur That. Schon traten die späteren Führer aus dem Dunkel hervor, Necker, Turyot, Brienne, Mi- rabeau. Es bildete sich in der Gesellschaft ein Untersystem, welches die praktische Leitung der Verschwörung übernahm; es war dies der sog. Klub der Oeko« nomiflen oder Klub von Hallbach. — Wenige Tage nach den blutigen Ereignissen des 5. und 6. Oktober 1789 — ich greife hier ungefähr 25 Jahre vor — fand bei dem Herrn von Angevilliers ein Diner statt, zu dem auch Leroy, ein Mitglied dieses Klubs, geladen war. Wie begreiflich, kam man auch auf die jüngsten Ereignisse zu sprechen, und einer der Anwesenden, dem die Verbindung Leroy's mit den „Philosophen" bekannt war, sagte: „Ja, das ist das Werk der „Philosophen". Bestürzt fuhr Leroy auf und rief: „Ach, ich wußte es nur zu gut, ich werde sterben vor Gram und Gewissensbissen!" und als man ihn frug, wie er denn
28 utj Penelope.
Nach dem Englischen.
„Ich weiß es nicht. Ich bin gern in diesem Haus — alles erinnert mich so an meine liebe Pathin."
„Ja, aber Sie sollten munter sein und muntere Menschen um sich haben, anstatt über Ihren Kummer zu brüten und melancholisch zu werden."
„Doktor Ferguson," sagte Mary traurig, „Sie wissen nicht, was es heißt, so dazustehen wie ich, ohne Eltern, ohne Verwandte, die mich liebten, die Interesse für mich hätten. Können Sie sich wundern, daß ich manchmal melancholisch bin?"
„Sie vergessen," sagte er, und sein Gesicht wurde so traurig wie das ihrige, „daß ich ebenfalls allein in der Welt stehe und Ihnen kann ich es sagen, das ist's, was mich weg von hier treibt. Unter allen Menschen kann ich am besten fühlen, wie es Ihnen zu Muthe ist."
„Ach, aber Männer können doch in der Welt herum kommen! Wir Frauen können das nicht und müssen einsam und traurig zu Haus sitzen."
Sein gewöhnlich so lebhaftes, freundliches Gesicht war sehr nachdenkend. Er erhob sich jetzt um zu gehen.
„Ich muß nun Lebewohl sagen. Es wird lange dauern, bis wir einander wieder treffen. Ich hoffe, Sie werden dann wieder besser und kräftiger aussehen."
Mary streckte ihm mechanisch ihre Hand hin; er ergriff sie und hielt sie fest.
„Wir müssen immer Freunde bleiben," sagte er. „Um der theuern Hingeschiedenen willen müssen Sie versuchen, wieder heiterer zu werden, nicht wahr?" — Er blickte freundlich aber ernst in ihr immer mehr erbleichendes Gesichtchen.
„Leben Sie wohl," sagte sie mit ruhiger, hoffnungsloser Stimme.
„Leben Sie wohl, Mary — Gott segne Sie!"
Vielleicht bemerkte er nicht, daß er sie bei ihrem Taufnamen genannt hatte, als er ihre Hand ergriff und in ihre Augen blickte.
Dann hörte Mary ihn weggehen, die Thüre schließen, und seine Schritte auf dem Kiesweg weiter und weiter sich entfernen. Die Dämmerung verbarg ihr Antlitz, als sie sich in ihren großen Armstuhl zurücklehnte, die Hände in den Schooß sinken ließ und sich ihren Gedanken hingab, die immer wieder zu der einen Thatsache zurückkehrten, daß Doktor Ferguson gesagt habe, es gehe ihm wie ihr, er habe Niemand, der ihn liebe.
Jetzt kam Miß Carlton herein, gefolgt von dem Hausmeister mit Lichtern.
„Mary, meine Liebe," sagte sie feierlich, „Sie muffen etwas thun."
Sie saß Mary gegenüber, ihr Kopfputz zitierte in der Erregung des Augenblicks.
„Was muß ich thun?" fragte Mary müde.'
„Meine Liebe, ich begegnete diesem netten Dok
tor Ferguson, gerade als ich von meinem kleinen Spaziergange zurückkam; er ging mit mir bis an's Thor und sprach von Dir."
„Von mir?" sagte Mary.
„Ja — und höre, was er so nett und ernsthaft sagte — er sagte, Du würdest Deine Gesundheit einbüßen, wenn Du so viel Deinen Gedanken nach- hängst und Du würdest trostlos — nein, nicht so — wie war doch nur das Wort? Du meine Güte und er sagte es zwei oder drei Mal, daß Du kränklich werden würdest — ja das ist's — wenn Du Dich Deinem Kummer um die liebe Miß Farnham zu sehr überließest, und er sagte, Du müßtest Dich mit etwas beschäftigen."
„Mit was denn?" erkundigte sich Mary traurig.
„Er sagte, Mary, daß, indem Du Anderen Gutes thätest, Du Dir selbst Nutzen brächtest — daß Dir ein Reichthum beschieden sei, mit dem Du vielen Anderen Freude bereiten könntest."
Mary seufzte, gab aber keine Antwort. Miß Carlton fuhr fort:
„Er nimmt jetzt diesen armen Mister Kenneth mit nach Deutschland, das nennt man Anderen Gutes thun."
„Ja, aber ich kann Niemand nach Deutschland führen."
„Richtig; aber Sie könnten doch etwas thun" ; und schweigend arbeiteten Miß Carlton's Stricknadeln weiter. Sie hatte ihre Rede gehalten und Mary ging auf Nichts ein; aber von diesem Tage