1884
Mittwoch, den 23. April
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Deutsches Reich.
Fulda, Mittwoch, 23. April.
* Zu der gestern unter den „Neuesten Depeschen" mitgetheilten Mittheilung der ,Gazetta uffiziale' bezüglich der angeblichen Unterhaltung v. Keudells mit Depretis bemerkt die .Germania': „Es freut uns zwar, daß die italienische Regierung endlich auch dem Bespiele des Reichskanzlers folgt; aber wir hätten noch lieber gesehen, wenn sie die Erklärung ein wenig weiter ausgedehnt und auch die Frage beantwortet hätte, ob vielleicht Herr Man- cini oder ein anderer Minister oder Staatsmann Klagen der beschriebenen Art gegen Oesterreich erhoben habe. Richt so sehr um die Visitenliste des Herrn Depretis, als um die Beziehungen der drei Mächte handelt es sich".
Die ,Rordd. Allg. Ztg.' knüpft an die Mittheilung der ,Gaz. uffiz.' einen mit kräftigen Proben aus dem bekannten Schimpfwörter-Lexikon gespickten Artikel gegen die .Germania' und ihren Korrespondenten an, dessen Hauptinhalt folgender ist:
„Der von der ,Germania' in ihrer vorgestrigen Nummer angetretene Rückzug decke dieselbe nicht gegen den Vorwurf, daß ihr römischer Korrespondent ihr eine frivole, aus der Luft gegriffene Erfindung aufgebunden habe. Durch den Versuch, für Depretis nunmehr die allgemein italienische Seite und eine andere Person als Depretis zu substituiren, werde die klägliche Blöße mehr gezeigt als gedeckt. Bei dem Beweise, daß überhaupt kein italienischer Minister eine solche Unterredung mit Herrn v. Keudel gehabt, würde immer noch übrig bleiben, offiziöse Vertrauenspersonen bis in die Bedientenkreise hinunter anstatt Depretis und jeden anderen beliebigen Tag an Stelle des 21. März zu setzen. Die »Germania' würde immer dabei bleiben, daß an der Lüge in der Hauptsache Wahrheit sei. Solche Zeitungen seien bei aller Hartnäckigkeit ihrer Betheuerungen nicht ernsthaft zu nehmen".
Die ,Germ.' weist in ihrer Antwort zunächst die Grobheiten der ,Rordd.' zurück und bemerkt sodann noch Folgendes: „Ein Zehntel der hier verbrauchten Dinte hätte hingereicht, um zu erklären, daß von italienischer Seite keine Klagen gegen Oesterreich bei Herrn v. Keudell angebracht seien. Die ,Rordd. Allg. Ztg.' hätte entweder dieses Thema unberührt lassen oder die im Interesse des österreichisch-deutschen Hausfriedens dringend wünschens-
werthe, unzweideutige Erklärung geben sollen. Wir find nicht in der Lage, die Lücke anders auszufüllen, als mit der Hoffnung, daß die italienische Regierung aus diesem Zwischenfalle lernen möge, wie wenig angebracht es sei, mit Zumuthungen, die irgendwie gegen Oesterreich gerichtet sind, sich an Deutschland heranzudrängen. Im Uebrigen haben wir der ,Rordd.' zu bemerken, daß wir nicht naiv genug sind, auf Anzapfungen in Betreff des Namens unseres Gewährsmannes irgendwie einzugehen".
* Ueber das Ausscheiden des Herzogs Paul von Mecklenburg aus der Armee wird der .Magdb. Ztg.' von Berlin geschrieben:
Verschiedene Blätter bringen das Ausscheiden mit dem Aufgebcn seiner Ansprüche auf die Mecklenburgische Thronfolge in Zusammenhang. Wir glauben nicht, daß das Abschiedsgesuch des Herzogs Paul damit in unmittelbarem Zusammenhänge steht. Die Verzichtleistung auf die Thronfolge würde doch in keiner Weise einer ferneren Zugehörigkeit des Herzogs Paul zur preußischen Armee im Wege stehen. Als der eigentliche Grund des Abschieds dürfte vielmehr das von dem Herzog Paul vor seiner Vermählung abgegebene eidliche Versprechen, seine Descendenz in der katholischen Religion erziehen zu lassen, anzusehen sein. Bekanntlich steht noch heute eine von Friedrich Wilhelm IV. seiner Zeit erlassene und von dem jetzigen Kaiser und König erneuerte Kabinetsordre in Kraft, wonach jeder evangelische Offizier, der sich durch eidliches Versprechen vor einem katholischen Priester zur Erziehung seiner Kinder im katholischen Glauben verpflichtet, seines Dienstes entlassen werden soll. Nachdem es nunmehr thatsächlich feststeht, daß Herzog Paul ein solches eidliches Versprechen und zwar ohne Vorwissen seines Vaters und des Familienoberhauptes abgegeben hat, dürfte schon aus diesem Grunde sein ferneres Verbleiben im preußischen Offizier- stande als unzuträglich erschienen fein.
Ob die Behauptung richtig ist, daß Herzog Paul das Versprechen ohne Vorwiffen seines Vaters abgegeben hat, müssen wir bezweifeln. Jedenfalls deuten die eigenthümlichen Maßnahmen, welche bei der Geburt des ersten Kindes getroffen worden, darauf hin, daß der damals noch regierende Vater zu jener Zeit sehr wohl von dem Versprechen wußte. Die Kritik dieser Dinge besorgt der Leser wohl selbst.
* Berlin, 22. April. Der .Börsenzeitung' zufolge hätte Mommsen bestimmt erklärt, ein Reichstagsmandat nicht wieder anzunehmen.
Oesterreich«Ungarn.
• Wien, 22. April. Beim Kaiser fand gestern ein Diner statt, an welchem der Erzherzog Albrecht, der deutsche Botschafter, der Kriegsminister, die Mitglieder der deutschen Botschaft, sowie die Mitglieder der Deputation des ostpreußischen Grenadier-Regiments theilnahmen.
* Wien, 22. April. Die Mädchenmörder Schenk und Schlossarek wurden heute justifizirt. Beide waren zerknirscht und reuig. Schlossarek hielt ein Rosenbouquet, das seine Frau ihm schickte, in den Händen und rief: „Verzeiht liebe Christen! Ist Keiner da, der mir flucht? Gott verzeihe meine schweren Sünden und schütze meine Frau!" In sieben Minuten mar sein Leben entwichen. Schenk, anfangs gefaßt, zitterte furchtbar bei der Entblößung seines Oberkörpers. Er rief dem Seelsorger blos zu: „Grüßen Sie meine Frau!" Sein Todeskampf währte drei Minuten. Die Justizsoldaten knieten betend nieder. Der Seelsorger hielt eine Ansprache, in welcher er den Reumuth und die Büßfertigkeit der Deliquenten konstatirte.
England.
* London, 21. April. Die Konferenz der Großmächte bezweckt, wie die ,Pall Mall Gazette' bestätigt, die Zustimmung der Signatarmächte des Liquidationsvertrages zu einer Abänderung des Liquidationsgesetzes zu erlangen, um die egyptische Regierung in Stand zu setzen, ihren dringenden Verpflichtungen nachzukommen.
* London, 21. April. Unterhaus. Gladstone erklärte, die Verbindung mit Shendy sei durch feindliche Stämme unterbrochen. Betreffs der Einschließung Berbers bestehen ernstliche Befürchtungen. Berichte Gordons besagen, daß dieser von feindlichen Stämmen umgeben sei, aber reichliche Vor- räthe besitze und augenblicklich keine Gefahr befürchte. Gladstone bemerkte ferner, er habe vor den Ferien erklärt, daß die Regierung in der Finanzfrage zu einem wichtigen Entschluffe gekommen sei, aber noch nichts unternehmen könne, bevor mit den Mächten eine Verständigung stattgefunden; dieser Erklärung habe er nichts Wesentliches hinzuzufügen.
22 mi Penelope.
Nach dem Englischen.
„Es thut mir leid, daß ich Sie erschreckte", sagte Doktor Ferguson eintretend und begrüßte erst Mary dann Nelly, deren Hand er einen Augenblick in der seinen hielt.
„Ich begegnete Alan und sagte ihm, ich wolle Sie nach Haus begleiten."
„Sehr angenehm", sagte Nelly gleichgültig „Ich will mich auch gleich nach meinen Sachen umsehen; es ist schon spät."
Nelly ging an Doktor Ferguson's Seite nach Haus und plauderte heiter mit ihm. Er war ungewöhnlich schweigsam und die Unterhaltung wurde sehr einseitig geführt. Endlich rief Nelly aus:
„Warum sprechen Sie nicht? Sie sind sehr schweigsam heute Abend."
„Meinen Sie?" fragte er.
„Ja, Sie überlassen alles Plaudern mir allein und ^cden kein Wort. Denken Sie über einen wichtigen Fall nach?" — und muthwillig blickte sie im Mondschein zu ihm auf.
„Ich denke über meinen eigenen Fall nach", erwiderte er, „wenn man diesen wichtig nennen mag."
„Ihren eigenen Fall! Sind Sie krank?"
„Nicht krank", erwiderte er, ein wenig lachend. „Aber trotzdem ist es mein eigener Fall."
„Ich kann Sie heute Abend nicht verstehen", erklärte Nelly kopsschüttelnd.
„Können Sie mich überhaupt je verstehen?" fragte er, sich herabbeugend, um ihre Antwort zu vernehmen. „Ich möchte wiffen, Nelly, ob es überhaupt je zwei Personen in der Welt gab, die einander ganz verstanden? Ich bezweifle es."
„Ich ebenfalls. Ich bezweifle ob sich die Menschen oft selbst ganz verstehen."
Sie gingen jetzt die kleine Dorfstraße hinab, ihre eigenen Fußtritte waren der einzige Laut, der die Stille der Nacht unterbrach. Doktor Ferguson blickte an die Fenster feiner eigenen Wohnung hinauf, die in der heißen Sommernacht weit geöffnet waren. Ein Licht brannte auf dem Tisch und ein leichter Lustzug bewegte die weißen Gardinen hin und her.
„Ich beabsichtige sie bald aufzugeben", sagte er. „Wirklich?" fragte Nelly.
Sein Ton war bedeutungsvoller als seine Worte, aber es siel ihm nichts ein, was er hätte sagen können und scherzend gingen sie den steilen, nach Crayfell führenden Weg hinauf, sie hatten die dunkelen Berge, deren Spitzen sich klar und scharf gegen den Himmel abzeichneten, gerade vor sich. An einer Seite des Wegs lief eine niedere Mauer hin, darunter lag ein kleines Thal, an dessen Mündung ein hübsches Haus mit vielen Giebeln und sonderbaren kleinen Fenstern erbaut war.
Doktor Ferguson kannte jeden Zoll dieses kleinen Platzes mit seinen hübschen kleinen Grasplätzen und seinem Blumenflor. Er hatte mit Interesse
das Wachsen der blühenden Kletterpflanzen und der Rosen beobachtet, welche die Seite des Hauses bedeckte, denn er hoffte eines Tages selbst in diesem Haus zu wohnen und mit eigener Hand diese Rosen um das Fenster zu ziehen, während Nelly ihm zulächelte — ein hübsches häusliches Gemälde.
Ein kleiner Fluß rieselte durch den Garten seines Daradieses — ein kleiner plätschernder Fluß, der plaudernd und singend über die braunen Steine hüpfte und selbst an den heißen Sommertagen nicht austrocknete. Wie ein silberner Streisen sah er jetzt aus, wo der Mond seine Oberfläche beschien, als er plätschernd dahinfloß. Doktor Ferguson führte Nelly an die niedere Mauer und blickte aus die kleine Villa hinab.
„Das Haus ist zu vermiethen," sagte er jetzt.
„Wirklich?" sagte Nelly, die dem Plätschern des kleinen Flusses lauschte. Warum kam ihr in diesem Augenblick die Erinnerung an einen Tag im vergangenen Jahre? An derselben Mauer hatte sie mit Algy Chartres gesessen. Sie erinnerte sich an jedes Wort, das er an diesem Tage gesprochen und bewahrte es auf — sie dachte oft darüber nach mit einem Gefühl, das halb freudig, aber doch dem Schmerze nahe verwandt war. Während sie sich jetzt einen Augenblick mit Doktor Ferguson an die niedere Mauer lehnte, gedachte sie dieses Tages und der Mond beschien ein sehr ernstes gedankenvolles Gesicht mit traurig blickenden Augen.
(Fortsetzung folgt.)