M 87.
Donnerstag, den 17. April
1884.
Fuldaer
— mit der
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Deutsches Reich.
Fulda, Donnerstag, 17. April.
O Die .Nordd. Allgem. Ztg.' ist wieder sehr fruchtbar in kirchenpolitischen Raisonnements. In dem gestrigen Morgenblatt leistet sie sich nacheinander drei längere Entrcfilets, und zwar über die Dis- pensfrage, über die vierte Resolution des Kölner Katholikentages und über den Einfluß des Kardinals (die ,Nordd.' schreibt absichtlich bloß „Graf") Ledochowski auf die polnische Presse. Auf den ausgedehnten Artikel bezüglich der Dispensfrage werden wir noch weitläufiger zurückkommen, heben daher jetzt nur hervor, daß es sich zunächst um eine kleine Zahlendifferenz iin Vergleich mit Be- rechnungen der .Germania' handelt, in der Hauptsache aber um den Versuch einer Rechtfertigung der Dispenspraxis der Regierung, welche übrigens nach der Kirckengefetznovelle in ihrer Gesammtheit, also durch Staatsministerialbeschluß mit kgl. Genehmigung, die Grundsätze für die Dispensvertheilung festgesetzt habe, so daß also der Kultusminister nicht frei und selbstständig, sondern nach den Beschlüffen der Regierung verfahren habe. Daß diese Ausreden an der Thatsache der Dispensverweigerung und den schlimmen Folgen derselben gar nichts ändern können, liegt auf der Hand. — Bezüglich der vierten Resolution des Katholikentages sagt die ,Nordd.': „Wenn der Katholikentag die Rückkehr des Status quo ante von 1840 wünsche, so werde das bei der Regierung auf keinen Widerstand stoßen. Die Regierung sei zu einer solchen Rückkehr gern bereit, nur die Kurie habe sich dazu stets ablehnend verhalten". Die Resolution spricht auch nicht mit einem Wort von den Zuständen vor 1840, sondern von den Zuständen, „welche ein feierliches Königswort bei der Besitzergreifung der Rheinlande den rheinischen Katholiken verhieß." Der Hinweis wird schon durch diese Verdrehung und Unwahrheit hinfällig. Die Praxis von 1815 bis 1840 entsprach keineswegs dem Zustande, den Preußen bei der Besitzergreifung 1814 am Rheine vorfand. Dann ist aber auch daran zu erinnern, daß seit 1840 alle öffentlichen Verhältnisse sich von Grund aus so sehr verändert
und umgestaltet haben, daß cs geradezu Thorheit wäre, wollte eine Regierung im Ernste für irgend eine große Institution die Zustände vor 1840 in ihrem vollen Umfange wiederherstellen. Wir nehmen ja auch bekanntlich die Worte der ,Nordd.' nicht so ernst; die so schnell erfolgte lahme Antwort auf die 4. Resolution beweist aber unseres Erachtens, daß die Kölner Versammlung mit dieser Resolution einen sehr wunden Punkt getroffen hat, den man nun schleunigst zu verdecken und zu vertuschen sucht.
* Der .Kuryer Poznanski' widerspricht nach einer ihm aus Rom zugehendcn Meldung der Nachricht, daß Kardinal Ledochowski aus das Erz- bisthum Posen-Gnesen resignirt und der Papst die Resignation angenommen habe. Die .Germania' bemerkt dazu kurz: „Die Nachricht stammte aus so zuverlässiger Quelle, daß mir das Dementi des .Kuryer' nicht verstehen". (Vgl. Neueste Dep.)
• Berlin, 16. April. Der .Reichsanzeiger' meldet: Die Kaiserin leidet seit einigen Tagen an einem Erkältungszustande, welcher zwar normal verläuft, derselben jedoch große Schonung auferlegt. _ Es heißt. die Abreise des Kaisers nach Wiesbaden werde am Sonntag Abend erfolgen. — Laut Aushang in den königlichen Theatern ist Hans v. Bülow das Prädikat eines königlichen Hofpianisten entzogen worden.
* Berlin, 16. April. Der Kaiser empfing Vormittags eine Deputation des ostpreußischen Grenadierregiments Nr. 3, welche sich Abends nach Wien begibt, um dem Erzherzog Albrecht die Glückwünsche des Regiments zu dessen 25jährigem Jubiläum als Chef des Regiments darzubringen. Hierauf arbeitete der Kaiser mit dem Chef des Civilkabinets und empfing alsdann den Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin, welcher sich zu längerem Aufenthalt nach Petersburg begibt. Nachmittags machte der Kaiser eine Ausfahrt.
* Berlin, 16. April. Der Vize-Präsident des Staatsministeriums, Minister des Innern v. Putt- kamer, wird, wie die .Post' hört, Anfang der kommenden Woche von seiner Reise nach dem Süden wieder in Berlin eintreffen.
* Berlin, 16. April. Der .Reichsanzeiger schreibt: Unter den 52 Preisbewerbungen für die Bebauung der Museumsinsel erhielten Preise von je 5000 Mark vier Entwürfe, und zwar von Alfred Hauschild in Dresden, Fritz Wolff in Berlin, Edgar Giesenberg in Berlin und Professor Raschdorf und Baumeister Raschdorf in Berlin. Außerdem wurden, dem Vorschläge des Preisgerichts entsprechend, sechs andere Entwürfe angekauft, darunter einer von Prof. Oskar Sommer in Frankfurt a. M.
* Bonn, 15. April. Das Amtsgericht hat die wegen Publikation der Einladung zur Kölner Katholikenversammlung erfolgte Beschlagnahme hiesigerBlätterwieder aufgehoben. In dem bezüglichen Beschluß heißt es: „Das Reichs-Preß- gesetz gestattet in § 23 die.Beschlagnahme von Druckschriften ohne richterliche Anordnung nur in den dort näher angegebenen Fällen, namentlich aber auch in dem dort hervorgehobenen Falle des § 130 des Str.-G.-B.; von diesen Ausnahmefällen liegt hier aber keiner vor und der von der königlichen Staatsanwaltschaft Hierselbst in ihrem Anträge auf Bestätigung der vorläufigen Beschlagnahme hervorgehobene § 131 ist dort nirgends erwähnt. Die vorliegende vorläufige Beschlagnahme ermangelt daher nach dem, was hier vorgelegt worden, der gesetzlichen Grundlage und mußte folgeweise aufgehoben werden."
* Münster, 15. April. Unser Hochwürdigster Herr Bischof hat den Senior des Domkapitels, Herrn Domkapitular und Regens Wilhelm Cramer zum Domdechant und den zur Zeit zu Mainz als Pfarrer fungirenden Diözesanpriester Herrn Grafen Maximilian von Galen, Dr. theol. und Geheimen Kämmerer Sr. Heiligkeit des Papstes, zum Domkapitular an der hiesigen Kathedrale ernannt. Der neue Domdechant soll auch zum Weihbischof ausersehen sein. Durch die Einführung desselben als Domdechant wird abermals eine Domherrnstelle vakant werden.
Frankreich.
* Paris, 15. April. Ein Telegramm aus Honghoa vom 12. d. M. meldet: Millot ist heute
17 iry Penelope.
Nach dem Englischen.
Douglas begann von seiner Heimath zu erzäh- len. Penelope saß auf einem niedern Stuhl und blickte zu ihm auf, während er sprach, ihr Gesicht wurde traurig, als er von Kenneth, dem armen Kranken erzählte.
„Und muß er immer so bleiben? Könnte nicht ein geschickter Arzt etwas für ihn thun?"
Douglas schüttelte dcn Kopf.
„Ich fürchte, nein. Wir hatten schon die geschicktesten Aerzte für ihn. Meine Mutter grämt sich schrecklich um ihn. Der arme Junge selbst erträgt es geduldig."
„Ärmer Kenneth, wie traurig!"
Penelope's Augen wurden nachdenklich. Douglas legte zärtlich seine Hand auf ihr schönes Haar.
„Es gibt schlimmeren Kummer, als den von Kenneth, Penelope."
„Ich kenne keinen," erwiederte sie. „Armer Knabe, nie wieder gehen zu können!"
„Ja, aber es ist ein Kummer, den der Himmel gesandt, ohne Stachel, eine Prüfung, ein Kreuz, das getragen muß werden. Kenneth kennt keine Reue, keine Gewissensbiffe. Er ruinirt nicht selbst sein Leben, wie ich andere Menschen habe thun sehen; er wurde nie verrathen, wie es andern passirte; er hat nie geliebt und wurde betrogen. Penelope, ich denke es mir als das Härteste, von Jemand, den man liebt, betrogen zu werden."
Sie legte seinen Worten keinen besonderen Werth bei, obschon sein Ton ernst war; aber in spätem Jahren dachte Penelope oft mit Schmerz an diese Worte, deren Bitterkeit sie ganz erfassen konnte.
An dem traulichen Kaminfeuer sitzend, mit dem Mann, den sie liebte, an ihrer Seite, war sie nur für einen Augenblick traurig über seine feierlichen Worte und dann lächelte sie ihn an und sagte:
„Du mußt an unserm letzten Abend nicht so traurig sprechen, Douglas."
• •
*
Das Diner war vorüber; Tante Chartres und Penelope hatten sich in das Wohnzimmer begeben und sehr bald erhob sich auch Algy, um ihnen zu folgen und sagte im Vorbeigehen zu Douglas:
„Heraus jetzt damit, alter Junge!"
Und Douglas lächelte ihm zu — dem armen gutmü- thigm Algy, der Niemandes Feind war, als seineigner.
Mister Chartres war in prächtiger Laune. Er war den ganzen Tag mit den Hunden draußen gewesen, die Treibjagd war herrlich von Statten gegangen und sie hatten ihren Fuchs getödtet. Rufus, sein Lieblingspferd, hatte Alles und noch mehr gethan, was man von einem Pferde erwar- ven konnte, und es war jetzt ein Hochgenuß, die verschiedenen Ereignisse beim Wein zu besprechen, ton Anfang bis zu Ende, ohne die kleinlichsten Einzelheiten zu vergessen.
„Die beste Treibjagd der Saison, Graham! Ich wünschte, Sie wären heute dabei gewesen."
Aber für Douglas, obschon selbst eifriger Sportsmann, waren die Vergnügungen der Jagd Nichts im Vergleich zu der Wichtigkeit des Gegenstandes, der im Augenblick all' seine Gedanken beschäftigte, und Mister Chartres wurde aus seinen Jagdträumereien plötzlich durch Douglas'Rede aufgeschrcckt —
„Mister Chartres, ich möchte mit Ihnen sprechen — ich habe Ihnen etwas zu sagen, ehe ich morgen abreise." Und dann, auf gerade offene Weise, bat er ihn um die Hand seiner Tochter.
„Gott stehe mir bei I" rief Mister Chartres, mit der Hand durch sein graues Haar fahrend und Douglas anstarrend. „Bei'm Himmel, dies nimmt mir förmlich den Athem! Geben Sie mir Zeit, Graham - ich kann es noch nicht fassen. Sie wollen meine kleine Penelope heirathen?"
„Ja, wenn Sie Ihre Einwilligung dazu geben."
„Mein Gott, ich meine, es sei erst gestern ge- wesen, daß ich ihre Mutter heirathete", sagte Mister Chartres sinnend. „Und Penelope gleicht ihr sehr." Dann wandte er sich um. „Kommen Sie her, Graham, blicken Sie mir gerade in's Gesicht — so. Ja, man kann Ihnen vertrauen — Sie haben ehrliche Augen. Ich habe Sie gern, Graham — wirklich recht gern; nur wünsche ich, Sie hätten fHi nicht in Penelope verliebt."
Douglas konnte diesen Wunsch nicht theilen. Er hielt Mister Chartres forschenden Blick mit ernstem Gesicht aus; aber gerade dieser ruhige Ernst gefiel dem Vater Penelope's. (Forts, folgt).