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1884

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Fulda, Mittwoch, 16. April.

* Der schon lange vorhergesehene förmliche Ver­zicht des Kardinals Ledochowski auf sein ErzbiSthum Gnesen-Posen ist nunmehr er­folgt. Die ,Schles. Volksztg.' brachte die erste Nachricht von diesem neuesten kirchenpolitischen Er- eigniß, dieselbe wird nunmehr von Rom aus in bestimmtester Weise bestätigt. Die ,Germ.' be­merkt zu diesem Beweise der Friedensliebe Roms u. A. Folgendes:

„Es ist ein großes, sehr großes Opfer, welches der hl. Stuhl und der Herr Erzbischof im In- tereffe des Friedens bringen, indem auf die hei­ligen und unantastbaren Rechte verzichtet wird, welche dem Oberhirten an seiner Diözese zustehen, indem das geheimnißvolle Band gelöst wird, wel­ches ihn mit seinen Gläubigen verbindet, indem die Gefühle des Hirten wie der mit treuer Liebe ihm anhangenden Heerde zurückgesetzt werden ge­genüber dem Streben, die Roth des Kulturkam­pfes zu lindern und sein Ende zu beschleunigen, soweit es auf kirchlicher Seite möglich und erlaubt ist. Das Opfer ist so groß, daß wir nicht glauben dürfen, der hl. Vater habe in dasselbe gewilligt, ohne gewiffe Garantien des Erfolges erhalten zu haben.....

Kardinal Ledochowski, den die Offiziösen stets in der perfidesten Weise als „Friedensstörer" ver­leumdet haben, war stets bereit, seine Person der Sache zum Opfer zu bringen. Wenn er nicht eher die Resignation eingereicht hat, so war der Grund, daß der heilige Stuhl den Verzicht erst zulaffen konnte, wenn die zu erwartenden heilsamen Wirkungen der Größe dieses Opfers an persön­lichem und kirchlichem Recht entsprachen. Es wird sich nun zeigen müsien, ob der Staat, der die Friedensliebe so laut im Munde führt, das Ent­gegenkommen der Kirche zu würdigen und zu recht­fertigen vermag. Unser Vertrauen zu der sogen. Friedensliebe der Gegner ist ein minimale». Wenn wir trotzdem an diesen bedeutsamen Schritt neue Hoffnungen knüpfen, so gründen sich dieselben nicht auf den guten Willen der andern Seite, sondern allein auf die Umsicht, Weisheit und Festigkeit des heiligen Stuhles, welcher wir rückhaltlos in jeder Hinsicht vertrauen dürfen. Dieses Vertrauen wird auch allein die Herzen der Katholiken des Erzbisthums trösten, welche einen Oberhirten ver­lieren mußten, deffen Amtsführung eine wahrhaft apostolische, über alles Lob erhabene war."

Die Neuregelung der Diözesanregierung in Gnesen-Posen ist zur Zeit nur durch die Er­nennung eines neuen Erzbischofs möglich. Die Vollmachten des Juligesetzes, welches durch die Dispens vom kirchlich unzulässigen Eide der Bis- thumsoerweser die Einsetzung eines Bisthumsver« wesers ermöglicht hätte, sind bekanntlich am 31. März erloschen.

* Zu den jüngsten Nachrichten über eine preußi- sche Ministerkrisis und die damit zusammenhängenden Kombinationen über Neubesetzung vakanter Mi­nisterstühle nimmt nunmehr die ,Nordd. Allgem. Ztg.' in einem inspirirten Artikel das Wort. Das offiziöse Blatt stellt sich an, als seien die Mit­theilungen über „Friktionen" im Ministerium nichts als leere Gerüchte gewesen, während die Sache augenscheinlich so liegt, daß die allerdings zu Tage getretenen Differenzen jetzt wieder beigelegt sind. In dem fraglichen Artikel bezeichnet die .Nordd. Allgem. Ztg.' die Meldungen der Blätter über Verhandlungen mit Miquel wegen deffen Eintritts in das Ministerium als ausnahmslos auf Erfindung beruhend, ebenso wie die sonstigen Lückenbüßer über Ministerkrisen. Es sei weder eine Vakanz, noch eine neu zu schaffende

Stellung in Aussicht. Der Reichskanzler habe Miquel bei dessen letzter Anwesenheit in Berlin zu sehen gewünscht, den Wunsch aber nicht ver­wirklichen können, weil Miquel vor Empfang der Einladung Berlin bereits verlaffen gehabt habe. Ein solcher Wunsch habe bei seinen von jeher guten Beziehungen mit Miquel an sich nichts Auf- fälliges und ehrlicher Weise könnten daraus keine Schlüffe auf Ministerkrisen und Ministerzukunft gezogen werden. Bismarck könne sowohl um Mi- quel'L Persönlichkeit Willen, wie wegen seiner her­vorragenden Stellung in einer angesehenen Frak­tion und wegen seiner Eigenschaft als „Consul dirigens“ einer so bedeutenden Stadt wie Frank­furt das Bedürfniß nach geselligem persönlichen Verkehr mit Miquel haben, ohne daß man daraus auf eine Ministerkrisis und auf Verhandlungen über Neubesetzung nicht vakanter Stellen schließen dürfe.

* Berlin, 15. April. Der Kaiser nahm heute Vormittag Vorträge und eine große Reihe militärischer Meldungen entgegen und empfing den Erbprinzen von Meiningen, welcher sich vor An­tritt eines dreimonatlichen Urlaubs vom Kaiser verabschiedete. Nachmittags konferirte der Kaiser mit dem Admiralitätschef Caprivi und arbeitete dann mit dem General Albedyll.

* Berlin, 15. April. Heber die neue russische Eisenbahn-Anleihe sagt die ,Nordd. Allgem. Ztg.': Nichts charakterisire die gründliche Verän­derung der gefammteit her r

fischen Politik so deutlich, als daß die Kunde von einer großen russischen Finanzoperation, welche vor wenigen Jahren eine tiefgehende Beunruhigung verursacht hätte, heute als ein weiterer Schritt zur Konsolidirung der inneren Verhältniffe des Czarenreiches mit vertrauensvoller Zuversicht aus­genommen werde. Die wesentlichste Verstärkung erhalte dieser Eindruck dadurch, daß unter den Kontrahenten der Anleihe die SeehandlungS-Sozietät in Berlin mit in erster Reihe stehe.

* Berlin, 13. April. Die .Norddeutsche Allg. Ztg.' kommt in einer Frankfurter Korrespondenz auf die Reichstagsrede des Abgeordneten Sonnemann in Betreff Verlängerung de» Sozialistengesetzes zurück und bespricht die von Sonnemann erwähnten Gerüchte über die provokatorische Thätigkeit des bekannten Zeugen Horsch und der Frankfurter Polizei. Sie behauptet, Sonnemann habe die Gerüchte ohne genügende Prüfung wiedergegeben, der wahre Sachverhalt, wie er durch das Reichsgericht fest­gestellt worden, sei folgender: Horsch ist allerdings ein Art von Agent, Kronzeuge, oder wie man sonst diese für jede Polizei zur Aufdeckung schwerer Verbrechen geradezu unentbehrliche Klaffe von Leuten nennen will, gewesen und hat vor einigen Jahren in dieser Eigenschaft der Polizei­behörde einen Theil derjenigen Nachrichten zugetragen, welche demnächst wesentlich zur Ueberführung des Sozial­demokraten Breuder und Genossen wegen Hochverraths ge­dient haben. Eine Anstiftung zu verbrecherischen Hand­lungen ist aber, weder seitens des Horsch, noch viel weni­ger seitens des hiesigen (Frankfurter) Polizei-Präsidiums erfolgt Eine solche Anstiftung würde auch, wenigstens so­weit die Behörde in Frage kommt, nicht bloß als eine Pflichtverletzung schwerster Art — da die Polizei die Auf­gabe hat, Verbrechen zu verhüten, nicht: sie heroorzurufen — sondern auch geradezu als eine Handlungsweise sich charakterisiren, wie solche von Behörden doch nicht so ohne Weiteres vorausgesetzt werden sollte; so lange doch wenig­stens nicht, bis man handgreifliche Beweise in der Hand hat."

* Berlin, 13. April. Die von der Korvette „Sophie" von der Westküste Südafrikas mitgebrachten drei Gei­seln, die Minister des Negerkönigs Lawson, Neger Albert Wilson, deffen 18jähriger Sohn Peter Wilson, und der Mulatte Robert Gomez, sollen, wie verlautet, mittelst des Kanonenbootes „Möwe", welches Mitte dieses Monats die Reise nach Südamerika antritt, wieder ihrem Vaterlande zugeführt werden. Die Neger, denen hier ein Dolmetscher beigegeben ist, haben sich bei Allem, was man ihnen an Sehenswürdigkeiten gezeigt, sehr wißbegierig und von i leichtem Begriffsvermögen gezeigt. Aber mit der niedrigen ■ Temperatur, welche sie hier angetroffen, haben sie sich ' wenig befreunden können. Einen bemerkenswerlhen Ein­druck hat das Verhältniß zwischen Vater und Sohn, dem alten und jungen Wilson, gemacht. Das überaus respekt­

volle Benehmen des jungen Peter, der wie die übrigen englisch, französisch und spanisch spricht, gegen seinen Vater hat ihn Anfangs für einen Diener des Letzteren erscheinen taffen. Er ist seinem Vater fteiwillig in die Gefangen­schaft gefolgt, welche nur so lange dauern wird, bis der Negerkönig Lawson die ihm auferlegte Strafe von 30,000 Mark bezahlt haben wird.

• Neustadt, 14. April. Der Parteitag der Nationalliberalen war stark besucht, be­sonders aus der Pfalz. Nach einer Charakteristik der Trennung des Liberalismus spricht Miquel sein Bedauern über die Sezession aus. Das Heidel­berger Programm berühre nur die brennenden Fragen; in der Zoll- und Wirthschaftspolitik sei Ruhe eingetreten, die Partei acceptire lieber das gegenwärtige System, als fortwährende Schwan­kungen. Redner polemisirte gegen die „Ultramon- tonen" und Agrarier, ist jedoch für Getreidezölle, weil die Landwirthschaft wie die Industrie zu schützen sind. Der steigende Wohlstand sei dem mobilen Kapital zu Gute gekommen, dort sei eine höhere Besteuerung empfehlenswerth, insbesondere für den Zucker und den Branntwein. Die Reichsminister­frage sei Nebensache, die Entwicklung des Reichs­gedankens müsse im Einklang mit den Einzelstaatell erfolgen. Redner tritt für die Rechte des Parla­ments und für die geheime Wahl ein, bekämpft aber fortschrittliche Bestrebungen in Bezug auf das Militärwesen und die Gegnerschaft der freisinnigen Partei gegen die Sozialreform des Kanzlers. Er schließt, indem er der Hoffnung Ausdruck gibt,

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nähern werden, und mit einem Hoch auf die So­zialreform. Bankdirektor Eckhard aus Mannheim gibt ein Bild der Entwicklung der deutschen Frage und der Gründung des Reiches, indem er vom Standpunkte der badischen Liberalen Bismarcks Verdienste hervorhebt. Der Reichstags-Abgeord­nete Buhl aus Deidesheim hält eine kurze An­sprache. Nachdem noch einige Berichte aus ver­schiedenen Gegenden vorgetragen worden, schloß die Versammlung.

Gesterreich - Ungarn.

* Pest, 13. April. Wie der .Nemzet' meldet, betragen die ungarischen Staatseinnahmen im 1. Quartal 1884 2«/,g Millionen Gulden mehr als in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Mehreinnahmen zeigen sich bei den direkten Steuern, den Verzehrungssteuern und der Tabaksregie.

* Der „Ochsenkrieg" zwischen Ungarn und Oesterreich, über den wir in der Nummer von Sonn­abend, 1. Blatt, einen besonderen Leitartikel brach­ten, hat nunmehr bereite sein Ende erreicht. Die .Wiener Politische Korrespondenz' veröffentlicht einen Ministerialerlaß, durch welchen die Verordnung der niederösterreichischen Statthalterei, betreffend die Vieheinfuhr aus Ungarn, aufgehoben wird, da die­selbe durch die beruhigenden Aufklärungen Ungarns in Betreff der Handhabung der Veterinärpolizei gegenstandslos geworden sei. Ter vom 11. batirte Erlaß des Ministeriums des Innern lautet, wie folgt: „Der Erlaß der k. k. niederösterreichischen Statthalterei vom 30. v. M., Z. 15522, betreffend den Schlachtviehverkehr zwischen Ungarn und Nieder­österreich, hat zu Verhandlungen mit der königlich ungarischen Regierung Anlaß gegeben. Nachdem die österreichische Regierung von Seite der könig­lich ungarischen Regierung Aufklärungen erhielt, welche darüber beruhigen, daß in Ungarn die veteri­när-polizeilichen Gesetze und Vorschriften im Allge­meinen und auch gegenüber bestehenden und neuen Märkten der Art gehandhabt werden, daß die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder durch die Einschleppung von Threrseucheu aus Ungarn nicht gefährdet sind, wird der abgezogene Erlaß der Statthalterei gegenstandslos und hat es daher