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1884

Sonnabend, den 12. April

Fuldaer

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Erstes Blatt.

* Schachzüge.

Seitdem Fürst Bismarck nach Berlin zurückgekehrt ist, macht sich in einem Theile der inneren Politik des deutschen Reiches wie Preußens eine seit langem nicht mehr beobachtete Lebendigkeit und Schaffens­lust bemerkbar. Der Kanzler hat jüngst im Reichs­tage nicht umsonst erklärt, daß er einen großen Tbatendrang in sich verspüre. Die damals gleich­zeitig gemachte Andeutung, daß er den Reichs, kanzler „kleiner machen" wolle, hat inzwischen ihre Lösung gefunden. Fürst Bismarck hat, wie auch früher schon einmal, den Kaiser ersucht, ihn von dem Vorsitze im preußischen Ministerium zu ent­binden. Es gibt wohl Niemanden in Deutsch­land, der nach den bisherigen Erfahrungen diese Bitte so auffaffen wird, wie sie formell lautet, der mit anderen Worten glauben könnte, daß Fürst Bismarck sich seines Einfluffes und seiner autori­tativen Stellung in Preußen begeben und die Leitung der preußischen Politik anderen Händen überlassen wolle. So lange Fürst Bismarck Reichs­kanzler ist und als solcher die Initiativanträge Preußens als Haupthandhabe für seine eigenen Pläne im Reiche unumgänglich nöth^g hat, so lange außer­dem der Kaiser in dem Fürsten Bismarck seinen hoch über allen anderen stehenden Rathgeber und Freund verehrt, wird von einem „Kleinermachen" des Für­sten in Bezug auf seine Mitwirkung in preußischen Angelegenheiten im Ernste nicht die Rede sein können. Ob dennoch eine nominelle Aenderung in der Präsidialbesetzung des Ministeriums bevor­steht, oder ob der Antrag, wie schon vorher ein­mal, nur gestellt worden ist, um abermals das entscheidende „Niemals" des Kaisers und Königs zu provoziren und dadurch die Stellung Bismarcks i gegenüber den übrigen preußischen Ministern und gegenüber dem Landtage und Volke auf's Neue zu be­festigen, vermögen wir noch nicht zu bestimmen.

Mag die königliche Antwort ausfallen, wie sie wolle, sie wird gewiß keine wirkliche „Verkleine­rung", sondern eher eine „Verstärkung" des Reichs-

15 iry Penelope.

Nach dem Englischen.

Ein paar Stunden später stand Penelope im vollen Ballstaat im Wohnzimmer; ihr weißseidenes Kleid, mit weißem luftigen Tüll bedeckt, fiel in reichen Falten an ihrer schlanken Gestalt herab; sie trug ein Perlenhalsband und Bracelets, und eine Perlenschnur schlang sich durch ihre schönen Locken. Sie senkte die Augen, als Douglas in das Zimmer trat.

„Mein Liebling, wie schön Du aussiehst!' flü­sterte er, als sie für ein paar Minuten allein waren, und seine Worte zauberten ein glückliches Lächeln auf ihr Gesicht.

Dann trat Algy ein, er sah schön und nobel aus.

„Du siehst prächtig aus, Penelope!" rief er be- wundernd aus. „Tritt hervor — laß Dich be- trachten. Du hast eine ganz besonders schöne Toilette gemacht, heute Abend!"

„Ist Papa bereit, Algy? Wir werden 1 Stunde bis Woodlands zu fahren haben, wie Du weißt."

„Es ist noch Zeit genug; Du kannst es nicht erwarten, Eroberungen zu machen. Wenn Ihr Frauen darauf ausgeht, dann geht es uns armen Män­nern schlimm!"

Penelope lachte und erröthete, als ihre Augen für einen Augenblick dem Blick Hauptmann Gra- ham's begegneten.

Algy blickte sie Beide an, und seine Miene wurde

kanzlers zur Folge haben. Wie sollte auch der Mann, deffen Namen man heute schon der Kürze halber mit der Reichsregierung geradezu zu iden- tifiziren pflegt, ein verständliches Jntereffe daran haben können, seinen Einfluß in dem mächtigsten und bisher immer tonangebenden Bundesstaate zu vermindern? — Im preußischen Staatsministerium scheinen übrigens in jüngster Zeit ganz erhebliche Meinungsverschiedenheiten hervorgetreten zu sein, die nicht zum Mindesten dem kirchenpolitischen Gebiete angehören sollen. Ueber den eigentlichen Charakter dieser Differenzen sind die widersprechendsten Ge­rüchte laut geworden, und zwar soweit, daß Bis­marck nach einer Version zu größeren, nach einer andern Version zu geringeren Konzessionen gegen Rom und die Katholiken geneigt sein soll, als einige seiner preußischen Ministerkollegen. Der plötzlich unternommene Spaziergang des Herrn von Puttkamer nach der Schweiz und Italien wirft auf die Ministerkrisis ein neues eigenthüm- liches Licht, und da v. Puttkamer noch jüngst bei Gelegenheit des Stöcker'schen Antrages zur Hebung des kirchlichen Nothstandes in den größeren Städten als Abgeordneter entgegen dem von Herrn v. Goßler motivirten Votum der Regierung dem Stö­cker'schen Anträge zugestimmt hat, so scheint uns über die kirchenpolitischen Velleitäten der maßgebendenFak- toren im Ministerium kein Zweifel mehr zu bestehen.

Während es so im preußischen Ministerium „kri­selt", vollziehen sich auch im Reiche Dinge, die man vor wenigen Wochen noch nicht ahnen konnte. Man sollte nach den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts kaum seinen Augen trauen, wenn man vernimmt, daß auf den einer Anregung Sach­sens folgenden Antrag Preußens der Bundesrath in einer förmlichen und feierlichen Erklärung gegen die von der freisinnigen Partei ausgehenden cen- tralistischen Bestrebungen Front macht und den par« tikularistischen und föderalistischen Charakter des Reiches als ein unantastbares sine qua non des Fortbestandes des Reiches proklamirt. Wie sich doch die Zeiten ändern, und mit ihnen die Menschen! Es ist noch nicht so lange her, da führte Fürst Bismarck lebhafte Klage über die partikularistischen Tendenzen

ernst. Als sie durch die Halle gingen, ergriff er Douglas beim Arm.

„Irre ich mich, alter Junge? Hast Du mir meine Schwester gestohlen?"

Douglas wandte sich und blickte ihm voll in das Gesicht, seine Augen strahlten vor Glück.

„Du hast recht, Algy."

„Der Himmel weiß, Douglas, daß ich sie keinem Manne lieber geben würde, als Dir." Dann fügte er bitter bei: „es hängt immer Vieles von den Umständen ab, glaube ich."

Douglas drückte seinen Arm an sich.

„Muth, alter Junge; es steht Alles bei Dir."

Penelope hatte vielleicht noch nie auf einem Ball so viel Vergnügen gefunden, wie auf dem heutigen. Sie fühlte sich" so vollständig glücklich — der Vorgeschmack deffen, was von nun an ihr Leben sein sollte, mit Douglas an ihrer Seite, dem edlen, starkmüthigen Douglas.

Viele fragten an diesem Abend, wer das schöne Mädchen mit den dunkelen Augen sei — viele Augen folgten ihrer graziösen Gestalt im Tanz.

Mit stolzem Lächeln blickte Mister Chartres seiner Tochter nach, in ihrem strahlenden Antlitz schien er Penelope's Mutter wieder aufleben zu sehen, diese andere Penelope, die er so unbeschreiblich geliebt hatte und nicht vergessen konnte, obschon seine Haare jetzt grau waren. In seinem treuen einfachen Herzen bat er oft den Himmel, ihn bald

im Bundesrathe, und jeder ehrliche Politiker wird zugeben, daß man von Niemanden mehr als von Nreußen und seinem leitenden Staatsmanne cen- tralisirende, den bundesstaatlichen Charakter des Reiches immer mehr verwischende Bestrebungen be­fürchtet hat. Wir faffen deshalb auch als den eigentlichen Schwerpunkt der bundesräthlichen Er­klärung lediglich und allein die Zurückweisung eines Reichsministeriums auf, die Begründung scheint uns mehr nebensächlich zu sein; höchst wahrschein­lich soll der Grundgedanke den preußischen, die Motivirung den übrigen bundesräthlichen Inten­tionen gerecht werden. Daß Fürst Bismarck der Idee eines verantwortlichen Reichsministeriums ab­hold ist, versteht sich ganz von selbst, so lange er für seine Person, wenn auch nicht nach dem Buch­staben der Verfassung, so doch tatsächlich alle die Machtvollkommenheiten in sich vereinigt, die bei einem verantwortlichen Reichsministerium auf viele Köpfe vertheilt werden müßten. Auch würde ja, so lange Bismarck im Reiche die erste Stelle ein­nimmt, ein Kreis von verantwortlichen Ministern dem Gewaltigen gegenüber kaum weniger abhän­gig dastehen, als heute die Staatssekretäre der ver­schiedenen Reichsabtheilungen. Andererseits ist es klar genug, daß die Förderung der „freisinnigen" Partei sich keineswegs gegen die Rechte des Bun- desrathes richtet, sondern lediglich und allein gegen die Person Bismarcks, der den Freisinnigen und auch anderen Leuten allmählich gar zu übermäch­tig erscheint.

Schier sonderbar berührt übrigens die pathe­tische Hervorhebung der Unantastbarkeit der auf feierlichen Verträgen beruhenden Reichsverfaffung, und noch sonderbarer die Worte des über Bismarcks Gedanken stets gut informirten offiziösen Mitar­beiters der ,Nordd. Allgem. Ztg.', welcher das Er­streben von verantwortlichen Reichsministerien zu den „Verfassungsbrüchen" rechnet.

Daß es sehr wohl angeht, auf gesetzmäßigem Wege, ohne Verfaffungsbruch, Artikel der Verfas­sung abzuändern oder zu beseitigen, lehrt zunächst der Artikel 76 der Reichsverfaffung, welcher lautet: „Abänderungen der Verfaffung erfolgen im

wieder mit seiner geliebten Gattin im Himmel zu vereinigen.

Penelope schwebte glückstrahlend an Douglas Arm im Tanze vorbei. Sie lächelte ihrem Vater zu, und er erwiederte ihr Lächeln.

„Ich werde morgen mit Deinem Vater sprechen", sagte Douglas, während sie ihren Weg durch die Tanzenden suchten.

Und Penelope erröthete in ihrem Liebesglück. Die Gegenwart war ihr hinreichend, sie konnte noch nicht an die Zukunft denken.

Algy tanzte viel, war aber nicht in guter Laune an diesem Abend. Er blickte mit einem fast eifer­süchtigen Stirnrunzeln auf Douglas uud Penelope und murmelte wild zwischen den festgeschloffenen Lippen, daß es „zu hart" sei. Er sah gründlich verstimmt und gelangweilt aus.

„Ich möchte gerade an Nelly schreiben, ohne ihn darum zu fragen. Die liebe kleine Nelly! sie würde mich nehmen, wie ich bin. Und die Falte auf seiner Stirne vertiefte sich noch.

Er dachte an den Stoß unbezahlter Rechnungen und an das hübsche Taschengeld, das er von sei­nem Vater erhielt, das aber nie ausreichen wollte. Manche Zehnpfundnote wanderte aus Penelope's Kaffe in die Algy's und ging den Weg der übrigen.

Er that nichts Unrechtes; er war sehr beliebt in seinem Regiment und hatte nie in seinem Le­ben sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht. Er war nur ein unverbesserlicher Ver