Fuldaer
Mittwoch, den 9. April ® EL# « _
1884,
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Deutsches Reich.
Fulda, Mittwoch, 9. April.
In einem zweifellos offizösen Artikel sucht die .Norddeutsche' das Centrum mit der „freisinnigen Partei" in einen Topf zu werfen. Wir heben daraus folgenden bezeichnenden Pasius hervor:
„Das Obstruktionssystem wird heute von zwei Seiten in offenster Weise betrieben, von dem Centrum in der Hoffnung, die jetzige Regierung noch mürbe zu machen, von dem Fortschritt in der Absicht, während der jetzigen Regierung nichts mehr zu Stande kommen zu lassen, da bei eintretendem Regierungswechsel bessere Chancen für die Bestrebungen der Partei vorhanden sein möchten. Die, wenn auch unausgesprochene, so doch für jeden Fortschrittler maßgebende Parole lautet dahin: Bei Lebzeiten unseres glorreichen Kaisers nur striken, obstruiren und verhindern! Der Fortschritt und das Centrum finden sich also zusammen in dem Streben, die Ausübung der verfassungsmäßigen Rechte der Krone zu verkümmern."
Den Schluß bildet ein Appell an die Wähler. Die fortgesetzte Hereinziehung der Person des Kaisers in die Angriffe gegen das Centrum bestärkt uns in der bereits einmal ausgesprochenen Vermuthung, daß das offiziöse Blatt die edle Aufgabe übernommen hat, die katholische Partei durch Verdächtigungen und Verläumdungen am Hofe zu mißkreditiren. Wahrlich ein ritterliches Ziel! Die .Germania' bemerkt zu dem Artikel mit Recht: „Es ist richtig, daß der Reichstag weniger geleistet hat, als er konnte und sollte, und zwar aus dem höchst einfad en Grunde, weil er nicht mehr beschlußfähig blieb. Da an diesem Mangel an Beschlußfähigkeit auch die Konservativen und Nationalliberalen ihre Mitschuld tragen, so erledigt sich der Vorwurf der Obstruktion von selbst. Das Nebel wurzelt in demZusammentagen des Reichstages mit dem Landtage, und das zu verhüten, istSache derRegierung. Es ist wiederholt von den Offiziösen anerkannt worden, daß die vorzeitige Feststellung des Reichsetats für 1884/85 die Erledigung der diesjährigen Arbeiten wesentlich erleichtert, ja erst ermöglicht habe. Wer hat der Regierung die rechtzeitige Etatsberathung ermöglicht? Das Cenrrum. Und der Dank dafür ist dcr Vorwurf der Obstruktion! Für die Behauptung, daß die Fortschrittler unter
der Regierung des gegenwärtigen Herrschers Obstruktion trieben, überlaffen wir der ,Nordd.' in formeller und materieller Hinsicht die Verantwortlichkeit. Wir erlauben uns bloß die Bemerkung, daß ein ungewöhnliches Maß von Perfidie und — Ungenirtheit dazu gehört, den Namen des Centrums auch mit dieser Denunziation zu verknüpfen."
In einem anderen Artikel tritt die .Nordd.' der Behauptung entgegen, der Bundesrathsbeschluß betreffs der Reichsministerien sei ein großartiger Triumph für die freisinnige Partei, und bemerkt, daß zu dem Vorgehen des Bundesraths ein dringender Anlaß vorhanden gewesen sei. Wenn man die Bestrebungen der sogenannten freisinnigen Partei nicht sofort als dasjenige gekennzeichnet hätte, was sie sind, als den Versuch, die bestehende Verfassung und das monarchische Prinzip zu beseitigen und eine parlamentarische Regierung einzuführen, so würde sich nach kurzer Zeit der Sprachgebrauch herausgebildet haben, wonach das Erstreben von verantwortlichen Reichsministerien und ähnlichen Verfassungsbrüchen als ein ganz natürliches und erlaubtes erschienen wäre. — Die beste Antwort auf dieses Rai- sonnement ist die Erinnerung an jene bekannte, von der Negierung selbst beantragte Aufhebung der wichtigen Verfassungs -Artikel über das Verhältniß des Staates zur Kirche, auf welche die Ausführungen der ,Nordd. Allg. Ztg.' ebensowohl paffen, wie auf die Forderung des freisinnigen Programms. Auch darf man wohl dem Schreiber dieser verfassungstreuen Artikels eine gewiffe noch jüngst gefallene Minister-Aeußerung in's Gedächtniß zurückrufen, welche auf eine geplante Abänderung des Reichstagswahlrechtes (Abschaffung des geheimen Stimmrechts) hinauslief. — Ja, Bauer, das ist ganz etwas Anderes!
* Minister v. Puttkamer ist, wie der .Staatsanzeiger' mittheilt, nach der Schweiz und Italien abgereist. Das ist das neueste und immerhin ziemlich auffällige Symptom zur Beurtheilung der Ministerkrisis, und es wird, da andere Anhaltspunkte für den Verlauf dieses sich im Geheimen abspielenden Vorganges nicht vorliegen,
13 iry Penelope.
Rach dem Englischen.
Es war ein kalter, aber sonniger Morgen. Miß Farnham saß am Kamin, wie immer im Winter, in schwarzen Sammt gekleidet. Im Sommer trug sie schwarze Seide, im Winter Sammt, niemals einen anderen Stoff, Hals« und Aermelaufschläge waren mit kostbaren alten Spitzen besetzt. Die alte Dame sah sehr stolz und stattlich aus, als sie so, die Hände im Schooß gefaltet, in ihrem Armstuhl saß und mit ihren lebhaften dunklen Augen starr in das Feuer blickte.
Mary Montgomery saß am Tische mit einer Stickerei beschäftigt, ihr dunkles Haar war aus dem feinen bleichen Gesicht zurückgestrichen und am Hinterkopf in einem Knoten befestigt. Sre trug em violettes Caschmirkleid, feine weise Krausen schmiegten sich um ihren Hals und fielen weit auf ihre kleinen weißen Hände hervor.
Das Zimmer war mit indischen Merkwürdigkeiten und allen möglichen sonstigen Raritäten angefüllt. Wo sie gesammelt worden, wäre schwer zu sagen gewesen, aber da standen sie auf Tischen und Konsols, unter Glaskästen und auf geschnitzten Postamenten, bei jeder Wendung dem Blick des Auges begegnend.
Ermüdet beständig in das Feuer zu starren, betrachtete Miß Farnham jetzt für eine Weile Mary's Profil und sagte dann plölich:
„Du siehst schlecht aus, mein Kind, und auch ich fühle mich nicht recht wohl. Wir müssen den Doktor kommen lasten, um nach uns zu sehen."
In Mary's bleiche Wangen stieg eine glühende Röthe.
„Ich bin ganz wohl — wirklich ganz wohl."
„Aber ich bin krank", sagte Miß Farnham entschieden, und ich wünsche meinen ärztlichen Rath- geber heute zum Diner bei mir zu sehen. Reiche mir Tinte und Papier, Kind, und spreche Nichts."
Auf das dickste Billet-Papier mit ihrem Monogramm in roth und gold, schrieb Miß Farnham jetzt in kühnen deutlichen Zügen:
„Miß Farnham wünscht Herrn Doktor Fergu- son's Gesellschaft zum Diner auf heute Abend um 7 Vs, Uhr."
„Das wird ihn bringen", sagte sie. „Mary zieh die Schelle an."
Und das Billet wurde unverzüglich einem Diener zur Besorgung übergeben.
Mary Montgomery verwandte an diesem Abend ganz ungewöhnliche Sorgfalt auf ihre Toilette und sah wirklich auch sehr hübsch und lieblich aus, als sie in das Wohnzimmer eintrat, wo Miß Farnham in ihren schleppenden schwarzen Sammt- gewändern, mit den blitzenden Diamanten sich bereits eingefunden.
Der Entschluß, Doktor Ferguson zu vergesten, fiel Mary schwer, aber wie unendlich viel schwerer war es, ihn auszuführen! Niemand errieth
an Deutungen und Vermuthungen desselben nicht fehlen. Die Einen, welche Puttkamer's Sturz für nahe bevorstehend halten, werden glauben, daß er jetzt schon die übliche Reise aller aus Gesundheitsrücksichten zurücktretenden Minister unternommen hat. Die Anderen werden aus dieser Erholungsreise schließen, daß Herr v. Puttkamer persönlich von. der Ministerkrisis nicht berührt wird. Das Eine dürfte aus der Reise hervorgehen, daß in den nächsten Tagen eine Entscheidung nicht zu erwarten ist. — Die Ansicht, daß eine Reaktivirung des Staatsrathes bevorstehe, erhält sich und wird von glaubwürdiger Seite unterstützt. UW ■
* Zu dem Gerüchte, Oberbürgermeister Dr. Miquel von Frankfurt sei zum Ministerkandidaten ausersehen, bemerkt jetzt die .Franks. Ztg.': „Herr Dr. Miquel wird sich vorerst noch mit der Ehre begnügen müssen, regierter Bürgermeister der Provinzialstadt Frankfurt zu fein und von Zeit zu Zeit als Arzt an das Krankenbett des Nationalliberalismus gerufen zu werden, um demselben eine Programmlatwerge zu verschreiben, denn — die Herren v. Puttkamer und v. Goßler sind ganz gesund und frei von jeder Infektion durch den Demissionspilz (bacillus carcellarius). Oder mit anderen Worten: Hinter dem Vorsatz des Kanzlers, sich selbst kleiner zu machen, steckt keinerlei Absicht, diese Operation auch an Anderen zu vollziehen, denn — so versichert die ,Nordd. Allg. Ztg.', bekanntlich eine treffliche Gedankenleserin, wenn Fürst Bismarck in Frage kommt — „sein Entschluß, den bisherigen Wirkungskreis und die bisherige Geschäftslast einzuschränken, ist in keiner Weise das Ergebniß einer politischen Verstimmung oder einer Ministerkrisis, ober irgend welcher politischen Berechnung, sondern lediglich das Ergebniß der Nothwendigkeit ober — wenn man will — ber Befürchtung, sonst in kurzer Zeit auf jede Thätigkeit verzichten zu muffen." Und so möge man sich beim ruhig in das Nothwendige schicken, wozu wir auch die Thatsache rechnen, daß ausnahmsweise einmal der ,Nordd. Allg. Ztg.' Glauben geschenkt wird."
* Berlin, 8. April. Der Kaiser hatte eine
ihren inneren Kampf, das bleiche Gesicht war ein bischen ernster wie gewöhnlich — das war Alles, denn er durfte ja um keinen Preis etwas merken.
Trotz Allem beorderte Miß Farnham den Doktor so oft wie nur je, nach dem rothen Haus. Ihr eigener Wille war Gesetz. Ihre goldenen Guineen fanden, trotz häufiger entrüsteter Weigerungen des Doktors ihren Weg in seine Tasche und in seinen goldenen Träumen brachte ihn jede Guinee nur einen Tag näher zu der Zeit, wo er Nelly Graham als sein Weib heimsühren würde.
Miß Farnham errieth sein Geheimniß; ihrem Scharfblick blieb überhaupt wenig verborgen. Eine» Tages sprach sie ganz offen mit ihm:
„Doktor, meinen Sie nicht, wenn Sie eine Person ihr ganzes Leben damit zubringen sähen, eine große Dummheit zu begehen, es sei Ihre Pflicht, ihr die Augen zu öffnen?"
„Gewiß", sagte er, ohne Ahnung von dem, was kommen würde.
„Ganz schön; ich wußte, Sie würden mir beistimmen. Jetzt möchte ich etwas Ernstes mit Ihnen besprechen."
Alick verbeugte sich schweigend, seine freundlichen grauen Augen blickten sie erwartungsvoll an.
„Sie sind ein Narr", sagte sie.
„Danke", erwiderte er ungerührt — „Sie haben mir das früher schon oft gesagt."
„Ja, aber ich meine, ein größerer Narr, als ich je für möglich gehalten."