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Sonnabend, den 5. April

1884

Jiilbarr IBB Mltung

Ö Palmsonntag.

Die Kirche feiert am letzten Sonntage vor dem heiligen Osterfeste das Andenken an den feierlichen Einzug Christi in Jerusalem, da das Volk seinen König mit Palmen und Oelzweigen begrüßte und ihm sein „Hosanna dem Sohne Davids" entgegen- rief dasselbe Volk, welches wenige Tage nachher mit'dem Geschrei: „An's Kreuz, an's Kreuz mit ihm, sein Blut komme über uns und unsere Kin- der"' seinen Tod verlangte.

Die kirchliche Palmenweihe und die darauf fol­gende Prozession verknüpft fick in den verschiedenen Ländern und Gegenden mit verschiedenen Volks­gebräuchen, bei welchen aber die eigentliche kirch­liche Feier im Wesentlichen dieselbe bleibt. Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, einen erschöpfen­den Ueberblick über die namentlich in Deutschland sehr mannigfaltig auftretenden Palinsonntaas-Ge- bräuche zu geben, es sollen nur einige besonders sinnige und charakteristische herausgehoben werden. Der „Palmsonntag" oder „Palmlag" hieß ehedem der Blumentag, Blumensonntag, grüner Sonntag. Die Sitte, an diesem Tage in Der Kirche grünende Zweige zu weihen und unter das Volk zu verthei- len, reicht bis in die ersten Jahrhunderte des Chr'istenthums; der Palmsonntag wurde in der mor- genländischen Kirche schon im vierten Jahrhundert gefeiert, vom siebenten Jahrhundert an findet man die Feier auch im Abendlande weit oer». breitet, bis sie schließlich den universellen Cha-

feierlich zu erklären, daß Ihr in alter Liebe, Treue und Verehrung festhaltet an dem Manne, desien von Gott verliehene Hirtenwürde hoch über dem Spruch eines weltlichen Gerichtshofes steht, Einspruch zu erheben gegen eine Politik, die durch geringfügige Erleichterungen jene Zwecke erreichen möchte, die der offene Kulturkampf verfehlte. Folget zu Tausenden unfern Rufe, und legt als Katholiken und Staatsbürger freimüthigeS Zeugniß ab für die Wahrheit, für die durch Königswort und Verfaffung verbürgte Freiheit der Kirche, für Euer gutes altes Recht."

» Berlin, 4. April. Die Großherzogin von Baden, welche wegen der Unpäßlichkeit des Kaisers die auf heute festgesetzte Abreise verschoben hatte, reist nunmehr Sonntag Abend nach Karlsruhe zurück.

* Berlin, 4. April. Der Direktor der zwei- ten Abteilung des Reichspostamts Mießner ist heute Nacht gestorben.

* Berlin, 4. April. Gestern Abend konsti- tuirte sich unter dem Vorsitze des Grafen Behr- Bandelin die Gesellschaft für deutsche Kolonisation zur Begründung deutscher Ackerbau- und Handels­kolonien. , m ■

* Berlin, 4. April. Das Central-Wahl­komitee der nationalliberalen Partei hat sich nunmehr konstituirt. Es besteht aus den Herren Hobrecht (Vorsitzender), v. Benda, v. Cuny, Franke, Gneist, Hawmacher, Dr. Fr, Weber und Dr. Max Weder. Die Geschaftsleitung übernimmt wie bereits gemeldet, Herr Jerusalem, der aus Kaffel nach Berlin übersiedelt.

• Berlin, 4. April. Der berühmte Maler Gustav Richter ist gestorben.

* München, 4. April. Die Kammer stimmte dem Beschluffe des Reichsraths betreffs des Staat»- zuschuffes von 150.000 M. für die Pafing Her- sching-Bahn zu und nahm schließlich das ganze Lokalbahngesetz mit 107 gegen 35 Stimmen an.

• Ka.lsruhe, 4. April. Der Landtag be­willigte sämmtliche Positionen des Gesetzentwurfs für die Verbefferung des Landstraßennetzes. Auf die Pctition von 400 Pforzheimer Fabrikanten, ratter erhielt, den sie noch heute hat. Dort, wo die Palme heimisch ist, nahm und nimmt man wirkliche Palmenzweige zu der Weihe, in anderen Ländern ersetzt man sie je nach den Gegenden durch Zweige von Bucbsbaum, Oliven, Weiden, Silber­pappeln und Haselnußsträuchern, welche Blätter oder Knospen haben, und überträgt auf sie die Benennung „Palmen". Diejenigen Gelehrten, welche das christ­liche Palmenfest auf einen vorchristlichen Ursprung zu- rücksuhren wollen, verdienen aus naheliegenden Gründen gar keine Widerlegung, denn wem der im alten Indien zur Feier des Frühlingsanfanges üblich gewesene Efelsritt und das Tragen von Palmzweigen als Symbol des Sieges über den vernichteten Winter als Ursprung näher zu liegen scheint, als der biblische Einzug Chrrsti in Jeru­salem, der ja unter ganz denselben äußerlichen Um­ständen statlgefunden hat, mit einem solchen „Ge­lehrten" ist nicht zu streiten. Der Palmsonntag wird in katholischen Gegenden, besonders auf dem platten Lande, vielfach als Naturfest, als Früh­lingsanfang gefeiert, aber über diesem abgeleiteten Charakter der Feier steht unverrückbar die malte Idee des Gedächtnisses an Christi Einzug in Je- rusalem.

Die unzertrennliche Verbindung mit knospen­dem, sprießendem Grün, mit den ersten Kindern des Lenzes verleiht dem ganzen Feste einen gewis­sen warmen Frühlingshauch, und so sind auch die verschiedenen eigenartigen Nationalgebräuche meist

Zweites Blatt.

Deutsches Reich.

Fulda, Sonnabend, 5. April.

* In Köln wird am Ostermontage eine große Katholikenversammlung stattfinden, welche zu der gegenwärtigen Lage im Kulturkampf Stel­lung nehmen wird. Der von dem Komitee er­laßene lesenswerthe Aufruf zur Theilnahme an dieser Versammlung hat folgenden Wortlaut:

„Katholiken des Rheinlandes! Am 31. März sind es zehn Jahre geworden, seit wiederum ein Erzbischof von Köln, wie einst Clemens August, der Gewalt weichend, der Freiheit beraubt wurde. Mehr als sechs Monate hindurch hat er mit Ver­brechern unter demselben Dache geweilt, länger als acht Jahre schon ißt er das Brod der Verbann­ung, weil er gehandelt hat, wie ein katholischer Bischof handeln mußte. Ein über das andere Mal ist die Hoffnung, ihn wieder in unserer Mitte zu sehen getäuscht worden. Uns versagt mvn, was man unseren Brüdern in Münster und Limburg gewährte, und in der schroffsten Form hat der Kul­tusminister die Erklärung abgegeben, kein Mitglied bes gegenwärtigen Kabinets werde die Rückberuf­ung unseres hochw. Herrn Erzbischofs unterzeichnen. Die preußische Regierung hat den Muth gehabt, den Kulturkampf zu beginnen, der so furchtbare Verwüstungen und himmelschreiende Skandale im^ Gefolge hatte; ihn zu beendigen fehlt chr anscher- nend Der Wille oder die Kraft. Sre rechnet, wo wir unser Recht fordern; sie verlangt Zugeständ- niffe nachdem sie uns alles genommen; nirgendwo «in 'großer, wirklich staatsmännischer Entschluß, überall die Politik der kleinen Mittel; mit wach- fenber Deutlichkeit zeigt sich das Bestreben, den Kulturkampf versumpfen zu laffen. Angesichts dieser Zustände laden wir Euch ein zu einer GroßenKatholikeu-Versammlung, welche am Ostermontage, Nachmittags 2^/, Uhr, im Gro­ßen Gürzenich-Saale zu Köln staltfinden, wird. Sie soll Euch Gelegenheit bieten, vor aller Welt

die Regierung möge im Bundesrathe darauf hin­wirken, daß das Gesetz, betr. Regelung des Fein- gehalts der Goldwaaren nicht in Kraft trete, so­weit auf Goldwaaren bezüglich, beschließt die Kammer auf Dringlichkeit und empfehlende Ueber- Weisung ohne Nöthigung zum Vorgehen in be­stimmter Richtung. Das Haus vertagt sich bis zum 22. April.

» Meiningen, 4. April. Nach amtlichen Notizen erhielt"bei der R eiwstagsersatzwahl Witte 8306 und Viereck 4839 Stimmen, um giltig waren 106 Stimmen.

Oesterreich - Ungarn.

- Wien, 3. April. Das Abgeordnetenhaus nahm die Branntweinsteuervorlage an und ver­tagte sich bis zum 25. April,

* Wie», 4. April. Die ornithologische Aus- stellung wurde heute vom Ackerbauminister eröffnet. Der Kronprinz und die Kronprinzessin besichtigten die Ausstellung.

* Pest, 4. April. Das Unterhaus wies den Antrag Mocsary's wegen Bestrafung der Angreifer auf den Abgeordneten Hermann an den Justiz- Ausschuß.

• Pest, 4. April. Im Tisza-Eszlarer Prozeß erkannte der oberste Gerichtshof auf Freisprechung sämmtlicher Angeklagten.

Frankreich. ....

• Paris, 3. April. In der Kammer wurde dieFinanzkonvention mit Tunis besprochen. Ferry, antwortend auf den Einwand Delafose S, erklärte, durch die Konvention werde die inter­nationale Finanzkonvention beseitigt, welche das Haupthinderniß der Reformen sei. Die Ausländer behielten indeß gewiße Immunitäten. Betreffs der Verträge zwischen Tunis und den ausländischen Staaten trete dos französische Protektorat in die­selben bis zur Abänderung oder Aufhebung der« selben ein. Die Konvention wird mit 322 gegen 164 Stimmen angenommen, desgleichen ein vom Ministerium acceptirter Zusatzartikel, wonach der Bey von Tunis ohne Zustimmung des Parlaments keine neue Anleihe kontrahiren kann.

durch anheimelnde sinnreiche Beziehungen zum Na- turleben ausgezeichnet. In verschiedenen deutschen Gegenden, insbesondere in Nordtyrol findet am Palmsonntag nach der Palmweihe auch die öster­liche Felderweihe statt. Nach dem Mittageßen zieht Alt und Jung auf die Fluren zur Weihe der Gemarkung. Ein Theil der Vormittags in der Kirche gew-ihren Palmzweige und Palmbäume wird an den Marksteinen in die Felder gesteckt zur Abwendung von Flurschäden, und um den Segen des Himmels auf die Früchte der Erde h rabzu- rufen. Daß die Palmzweige über den Thüren der Wohnhäuser, rote auf dem Lande an Scheuern, Ställen u. s. w. angebracht werden, ist eine al­lenthalben bekannte und geübte schöne Sitte, deren fromme Intention die Verhütung von Feuers­brunst und Viehseuchen, sowie von jedem HauS- und Familienunglück ist. Am Mittel- und Nieder- rhein findet man in vielen Familien den iinnigen Brauch, daß am Ostersonntag der Hausherr mit einem Palmenzweige einige Tropfen Weihwasser in die Mittagssuppe träufeln läßt. Eine solche Vermischung von Oster- und Palmsonntagsge­bräuchen liegt auch in der n. a. im Fuldaischen beobachteten Verwendung der gefärbten Ostereier am Palmsonntage, eine Sitte, die übrigens mehr und mehr schwindet, indem das Volk es vorzieht, sich mit Ostereiern vorwiegend am Osterfeste selbst

■ zu belustigen. — Am Niederrhein herrscht von Al­ters her der tiefempfundene Brauch, die geweihten