M 79.
Sonnabend, den 5. April
Fuldaer
nlung.
1884.
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Psg-, auswärts 1 M. 75 Pfg.
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Erstes Blatt.
Palmsonntag.
Wie so hell die Sonne lacht, Morgenthau liegt auf den Fluren Von des Lenzes holder Pracht Zeigen sich die ersten Spuren.
Schmücken muß die Erde sich, Denn der Friedenskönig naht, Schmücken muß sie festiglich. Dankbar freudig seinen Pfad.
Laßt mit Friedenspalmen zieh'n Jubelnd uns dem Herrn entgegen, Frühlingszweige, zartes Grün Streuet ihm auf allen Wegen.
Heute will er kehren ein Ja in alle Menschenherzen, Glücklich sollen alle sein, Bannen will er ihre Schmerzen.
Wenn vielleicht im Innern ruht Noch ein tiefes, stilles Hassen, Löschen muß er solche Gluth, Nur die Liebe walten lassen.
Liebe ist des Herrn Gebot, Er will uns als Brüder sehen, Die im Glück, wie in der Noth Treulich zu einander stehen.
Hosianna! schallt es laut, Seht den Friedenskönig kommen. Der mit Liebesbanden traut An sich fesselt alle Frommen.
Alinba J-coby.
S Zur kirchenpolitischen Lage in Preußen.
Die letzten Ereignisse in der preußischen Kirchenpolitik schließen die denkbar schärfste Verurtheilung des bei der Regierung so sehr beliebten Systems der diskretionären Gewalt in sich. Die Centrumspartei hat sich von Anfang an auf das Lebhafteste gegen diese diskretionären Befugnisse zur Milverung der kirchlichen Nothstände gesträubt, und wenn die Regierung auch nur im Geringsten hätte bestrebt sein wollen, die schweren Bedenken gegen dieses dem Staalskirchenlhum so nahe verwandte System in etwa abzuschwüchen, so hätte sie die ihr durch Gesetz übertragenen Vollmachten in anderer Weife handhaben müssen, als es faklisch geschehe» ist. Die Zurückweisung von 178 Dispensgesuchen und die durch nichts begründete Weigerung, in der Diözese Gnefen-Posen die jetzt van allen Parteien gleichmäßig verurtheilte Temporalien- Sperre aufznheben, ist geeignet, das Beitrauen in die kirch. apolitische Friedensliebe der Regierung gründlich und vollständig zu erschüttern. Als Rom angesichts des schreienden geistlichen Rothstandes in den preußischen Diözesen auf den nach langen schwierige,) Verhandlungen ertherlien Rath der Bi- schüfe die der Gestaltung der Dispenseinholung sür die nachmaigesetzlichen Priester entgegensiehen- den schwerwiegenden Bedenken hmtansetzte und für dieses eine Mal eine Censur des Kullusministers gestartete, geschah dies nur in der bestiinmten Erwartung, daß es sich lediglich um eine die Friedensgeneigtheit der Kirche dokumentirende äußere Formalität handle, und daß schon bald eine gesetzliche Abänderung der die Priesterausbildung hindernden maigesetzlichen Vorschriften nachfolgen würde. Schon von vorneherein stand fest, daß, selbst wenn alle seil 1873 geweihten jungen Geistlichen rn die preußische Seelsorge eintreten könnten, noch beinahe ein ganzes Drittel der verwaisten Stellen unbesetzt bleiben müßte. Dieser Umstand hätte die Regierung, welche die „Sorge für die Beseitigung des geistlichen Rothstandes" so viel im Munde führte, zu der Erkenntniß bringen müssen, daß sie ohne die graoirendstrn Gründe auch nicht einmal
in einem einzigen Falle die nachgesuchte Dispens verweigern durfte. Und nun beläuft sich die Zahl der abgelehnten Dispensgesuche auf ganze 178, welche sich vielleicht noch bis auf 200 vermehren werden, da, wie osfiziöserseits versichert wird, über 30 Gesuche, die also zu den sehr zweifelhaften gehören müssen, noch Erörterungen statlfinden. Die Verweigerung der Dispense soll keinen anderen Grund haben, als den, daß diese Herren auf nichtdeuischen Universitäten, in Innsbruck oder Rom studirt haben, oder mit anderen Worten, daß sie Jesuitenschüler sind. Die Negierung hat, wie sich aus der Zulaffung des in Innsbruck ausgebildeten Bischofs 0r. Felix Ko rum von Trier und der Beförderung verschiedener anderer Jesuitenschüler ergibt, diesem Grunde bisher nicht eine so hohe prinzipielle Bedeutung beigelegt, so daß man das j tzige apodiktische Verlangen einer Ausbildung auf deulschen Universitäten auch für die zukünftige Regelung der Vorbildungssrage als eine üble Vorbedeutung ansehen muß. Die Zurückweisung der in Rom, im Kollegium Gerinanicum ausgebildeten Priester involvirt übrigens eine direkte Kränkung des Papstes, unter dessen Aufsicht das genannte ausgezeichnete Institut steht. Rur eine Art Gespensterfurcht vor den Jesuiten und allem, was auch nur im Entferntesten mit ihnen zusammenhängt, kann die Erklärung für die kultusministerielle Handhabung des Dispensrechtes abgeben. Denn ^ie-PersülllichkLlen der in Frage, stehenden flmg-n Priester selbst, ihr politisches Vorleben, von dem in den weitaus meisten Fällen gar nicht die Rede sein kann, sind dem Herrn Kultusminister und seinen Räthen so gänzlich fremd und unbekannt, daß sich die Bedenken gegen ihren Eintritt in die Seelsorge nur auf die erwähnten rein theoretischen Erwägungen, nicht etwa auf praktische Erfahrungen und auf Thatsachen gründen könnten. Im Kultusministerium mag man in der bekannten bureau- kratischen Manier die Dispensverweigerung als eine rein geschäftliche Angelegenheit behandeln, im katholischen Volke aber wird man für düse Art der Behandlung kein Verständniß haben. Dem katholischen Volke erscheint jeder Federstrich, der kaltblütig ein Gesuch um Dispensirung von den maigesetzlichen Erfordernden zurückwies, als eine erneute Austreibung eines Priesters aus seinem Vaterlande. Und so werden 178 und noch mehr junge Geistliche den preußischen Boden, auf den sie in der Hoffung auf eine Zulassung zur Seelsorge zum Theil bereits zurückgekehrt waren, trüben Herzens auch fernerhin meiden müsien. Daß diese neueste kirchenpolitische Erfahrung darnach ange- than ist, das Vertrauen der Katholiken in die so oft betonten friedlichen Intentionen der Regierung und in ihre angebliche „Sorge für die Wiederherstellung ein r geordneten Seelsorge" völlig zu untergraben, bedarf keiner weiteren Begründung. Oder sollte die Regierung schon vergessen haben, daß es, von anderen Diözesen abgesehen, speziell in Gnesen-Posen Gebiete von vielen Quadratmeilen gibt, auf denen sich kein einziger Seelsorger befindet, daß z. B. in einer einzigen Posen'schen Pfarrei noch im vorigen Jahre nahezu 200 Seelen ohne Sakramente und ohne geistlichen Trost haben sterben müsien, daß es dort sogar vielfach junge Leute von 20 Jahren gibt, die noch keine Gelegenheit sanden, zum ersteir Male zum Tische des Herrn zu gehen? Die Negierung kennt diese Verhältmsie, und dennoch hat sie gerade für die Diözese Gnesen - Posen vier Siebenteln der Geistlichen die Zulassung zur Seelsorge verweigert.
Wenn man geglaubt hat, für die polnischen Gebietstheile eine besonders harte kirchenpolitische Praxis einführen zu sollen, und weiter darauf gerechnet hat, daß die übrigen preußischen Katho
liken egoistisch genug wären, die der Diözese Gnesen- Posen wiederfahrende Behandlung gering anzuschlagen und die polnischen Katholiken ihrem Schicksale zu überlassen, so wird die jüngste Verhandlung der Interpellation Jazdzewski in dieser falschen Meinung eine gründliche Wandlung geschaffen haben.
So lange nur in den mit einer staatlich anerkannten bischöflichen Verwaltung versehenen Diözesen die Gehaltssperre aufgehoben worden war, und die Negierung die völlige Preisgebung des Sperr- aesetzes ablehnte, konnte man glauben, daß die Regierung die Aufhebung der Sperre von einer Wiederbesetzung des bischöflichen Stuhles abhängig machen wolle. Nachdem aber einmal in der verwaisten Diözese Köln das bisherige System durchbrochen war, und nur noch Gnesen-Posen in der Sperre blieb, außerdem auch in allerkürzester Frist die diskretionäre Befugniß der Regierung erlosch, war es ganz selbstverständlich, daß die Polen, unterstützt vom Centrum, die Regierung um Auskunft über die beliebte Sonderstellung Gnesen-PosenS ersuchten. Wenn die ,Prov. Korresp.' in dem in diesem Blatte bereits erörterten Artikel die Interpellation Jazdzewski als eine freventliche Provokation, als eine „Wiederanfachung der ersterbenden Gluth des kirchlichen Haders" darzuftellen versucht, so liegt darin nur eine für den „beschränkten Un- terthanenverstand" berechnete Verdrehung der That- . sacke» oder vielleicht- auch eine allerdings ungeschickte Maskirung der in gewissen Kreisen herrschenden Empfindung, daß man einen schlimmen politischen Fehler gemacht hat. Auch die Betonung des „versöhnlichen Verhaltens" der Regierung sowie des „Mangels an sonstigen Klagepunkten" können wir nur als eine Beleidigung des Fassungsvermögens der Leser der ,Prov.-Korresp.' ansehen. Die oben erörterten Dispensverweigerungen für 178 junge Geistliche, das vor wenigen Wochen ausgesprochene „Niemals" das Herrn v. Goßler gegenüber dem Verlangen einer Rückverufung der Erzbischöfe von Köln u. Gnesen-Posen, die Weigerung, das von allen Parteien veruitheilte Sperrgesetz gänzlich aufzuheben, und endlich die schroffe Ablehnung der Beseitigung der Sperre für Gnesen-Posen, alle diese Maßnahmen haben dafür gesorgt, daß es dem Centrum und den Katholiken an Klagepuukten leider nicht mangelt. Wenn aber auch nichts weiter vorläge, als die kalte rücksichtslose Antwort der Staatsregierung auf die Interpellation, das durch den Mund des Herrn von Goßler erklärte schroffe „Nein" und „Warum? Darum!", so wüide das völlig genügen, um die allerdings auch nicht zarte Entgegnung der Medner vom Centrum und von den Polen zu rechtfertigen. In keinem anderen konstitutionellem Staate wäre eine solche Aniwort auf die Anfrage einer angesehenen, mächtigen Fraktion der Volksvertretung möglich gewejen. Sonst pflegen die Minister eine ablehnende Antwort zu motiöiren oder wenigstens den Versuch dazu zu machen, — aber die Antwort: die Regierung lehnt es ab, Gründe für ihre Entscheidung auzu- geben, ist man doch wohl nur in einem absolutistisch regierten Staate zu Horen gewohnt. Wenn der Abg. Dr. Windthoist demgegenüber erklärte: Die Partei wird sich diese Worte merken und schon Gelegenheit finden, im Land- und Reichstage eine ähnliche Sprache zu sühren, so war das die gebührende Abfertigung der autokratlfchen Erklärung der Slaatsregierung. Wenn die Regierung nicht mehr soviel Respekt vor dem Centrum hat, daß sie auf eine offizielle Auflage die gebührende Antwort ertheilt, so wird es Sache des Centrums sein, sich diesen Respekt zu erzwingen, die Regierung zu nöthigen, mit dem Centrum als einem wichtigen politischen Faktor zu rechnen. Die Ge-