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1884

Fuldser

Mittwoch, den 2. April

8

inj Penelope.

Nach dem Englischen.

Was England Noch thut.

Die auswärtige Politik bereitet gegenwärtig England eine Verlegenheit nach der anderen. Der Mangel einer geordneten und ausreichenden Hee- resmacht für den Landkrieg zwingt England in seinen auswärtigen Verwickelungen eine Zurückhal­tung und Vorsicht auf, die zu dein glänzenden Nimbus seiner Weltstellung in einem sehr miß­lichen Verhältniß steht. In früheren Zeiten würde die Nachricht von der Eroberung Merws durch die Russen einen Wuthausbruch der öffentlichen Mei­nung in England hervorgerufen haben. Damals beobachteten die Engländer mit Argwohn und Eifer­sucht jede, auch die kleinste Annäherung der Russen an ihr indisches Reich. Und heute, wo die Russen nicht etwa noch am Kaspischen Meere und am Aralsee stehen, sondern schon bis an die Grenzen Afghanistans vorgedrungen sind und in Central- asien festen Fuß "fassen, sind die Erörterungen der englischen Presse über die fortwährende Eroberungs­politik Rußlands in Asien so matt und schwäch­lich wie möglich.' Man würde übrigens fehl gehen, wollte man annehmen, daß die Engländer heute den russischen Vorspiegelungen Glauben schenken, die da lauten, die russische Politik sei wie die englische nur darauf gerichtet, die Macht, den Einfluß und die civilisatorische Mffsion unter einander freundschaftlich zu theilen, Rußland habe auch Merv überhaupt nicht erobert, sondern die Turkmenen ‘ hätten sich freiwillig unterworfen, u. s. w. Die Zurückhaltung der Engländer gegen­über diesem neuesten russischen Gewaltstreich in Asien ist eine gewungene. Die Eroberung Merws war ein direkter Wortbruch der russischen Negie­rung, welche unzählige Male versichert hat, daß sie nicht daran dächte, sich Merws zu bemächtigen. Dieser neueste Wortbruch ist schlimmer, als alle früheren und muß nothwendig das Mißtrauen aller einsichtigen englischen Politiker auf das Höchste steigern. Weßhalb aber nun die schwächliche Hal­tung der Presse gegenüber diesem erbärmlichen Streich? Die Antwort ist leicht: Die Englän- der bellen nicht, weil sie nicht beißen können.

Thränen standen in Nelly's Augen, denn in Kenneth's Stimme lag eine schmerzliche Bitterkeit, die ihrem Herzen wehe that. Langsam und trau­rig ging sie zurück nach dem Speisezimmer, aus dem fröhliche Stimmen ihr entgegen tönten.

„Donald, Kenneth verlangt nach Dir", sagte sie eintretend, denn sie wußte, daß seine Gegen­wart den Kranken am Besten ausheitern könne, sein kindliches, muthwilliges Geplauder ihm immer wohl that.

Donald sprang vom Stuhl auf und eilte aus dem Zimmer, so rasch ihn seine Beinchen tragen wollten. Wie alle Uebrigen der Familie, fühlte auch er, daß man Kenneth zum Ersatz für das, was er verloren, ganz besonders viel Liebe und Aufmerksamkeit entgegenbringen müffe.

Die Post war endlich angekommen und hatte Nelly einen Brief von Douglas gebracht — den­selben, den er in Castle Chartres nach seiner Unter» reduna mit Algy geschrieben.

Freudig erregt las Nelly den Brief laut vor, in welchem Douglas eine vergnügte Beschreibung seines Besuches in Castle Chartres gab.

„Miß Chartres", schrieb er, „ist das Ebenbild ihres schönen BcuderS, ihre Züge haben den lieb­lichsten Ausdruck, den ich je gesehen; und sie scheint ebenso gut und edel, als sie schön ist."

„Hurrah!" rief Allan in knabenhaftem Jubel.

afrikanische Küste des Rothen Meeres zu sichern und dies soll nach der Meinung der .Times' und anderer einflußreicher Blätter nur dadurch zu er­möglichen sein, daß England das Protektorat über Egypten übernehme. Die Regierung schien anfangs geneigt zu fein, an der richtigen Auffaffung fest zu halten, wonach die Türkei der Oberherr Egyp­tens ist, und daher den Plan zu unterstützen, die Hafenplätze am Rothen Meere durch türkische Trup- pen besetzen zu lassen. Auch jetzt schweben mit der Türkei Unterhandlungen über die Zukunft Suakims, welches eine türkische Besatzung erhalten soll. Wir bezweifeln sehr, daß diese Verhandlun­gen ernst gemeint sind, wittern vielmehr einen feinen diplomatischen Schachzug Englands dahinter. Die heutige englische Politik sieht auf ein Haar jener ähnlich, die England mit so viel Erfolg in Egypten betrieben. Es handelt sich darum, den Sudan gleich dem Pharaonenlande durch eine Reihe anscheinend gut gemeinter Maßregeln so zu zersetzen, daß die englische Herrschaft schließlich wie die Rettung aus der Noth aussieht. Aus diesem Grunde läßt sich das Kabinet durch die Kette der Ereignisse in kluger Weise zu allen jenen Maßregeln fast zwingen, die der gesunde Menschenverstand vor Wochen als un­ausbleiblich hinstellte. Anfangs wollte es nur die Besatzungen von Tokar und Sinkat retten; dann die Stadt Suakim schützen, dann den Osman'- schen Anhang zerstreuen, augenblicklich die Straße von Suakim nach Berber eröffnen, und ist das letztere erst geschehen, so bleibt als letzter Schritt nur die. Absendung eines Hülfskorps auf dieser Straße nach Berber und Khärtum übrig. Ist dieses erst in Khartum angelangt, so wird es ebensowenig wieder herauskommen, wie das eng­lische Heer bis jetzt aus Egypten herausgekommen ist. Diese ganze Situation berechtigt aber zu dem Schluffe, daß England, wenn es seinen Wor­ten und Plänen im Auslande den uöthigen Nach­druck verleihen will, an eine Reorganisation seiner Landmacht Herangehen muß. Eine längere Fort­setzung der Baumwollpolitik wird und muß das Prestige der britischen Macht empfindlich schävigen.

durchlebte im Geiste nochmals die drei glücklichsten Wochen ihres Lebens, die ihr so vollständiges Glück für die Zukunft versprochen und nun für immer dahin waren. Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem goldenen Augustabend, als sie von dem vollen Lichte der untergehenden Sonne be- leuchtet, am Thore gestanden, um die Ankunft ihres Bruders, der mit Algy Chartres kommen wollte, zu erwarten. Donald's warmes Händchen war in dem ihrigen, seine blauen Augen strengten sich an, zuerst den großen Soldaten-Bruder, der dem kleinen Mann wie ein König oorkam, zu ent­decken. Nelly dachte jetzt an diesen Abend, wie sie endlich Douglas in der Ferne erblickt hatte und die schlanke graziöse Gestalt Algy's an seiner Seite, wie Donald ihnen mit einem Freudenschrei entgegengesprungen, um dann auf den schultern seines großen Bruders im Triumph nach Haus m reiten; während sie sich scheu und verlegen bei dem Näherkommen des schönen Fremden in das Haus zurückgezogen und am Theetisch beschäftigt hatte, wo Algy ihr süßes, eröthendes Gesichtchen zum ersten Male gesehen.

„Steine Schwester", sagte Douglas mit einem Ton liebenden Stolzes. Und N lly legte ihre Hand in die Algy's und erhob schüchtern ihre Augen zu seinem Gesicht mit dem zutraulichen Blick eines Kindes — denn dieses einfache schottische Mädchen war noch ein Kind.

Und, oh mein Gott! welche Tage folgten jetzt

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Die schon vorhandenen inneren und äußeren Schwierigkeiten sind gerade schlimm genug, so daß man vor neuen Verwickelungen eine ver­zweifelte Angst hegen muß. England wird aber auf die Dauer mit dieser verderblichen Kriegsscheu und mit der Baumwollpolitik, deren es sich seit dem Krimkriege befleißigt, brechen müssen, wenn es dem unaufhaltsamen Vordringen Rußlands gegen­über seine Weltstellung wahren, wenn es sein indisches Reich behaupten will. Eine Verstärkung der ungenügenden Landmacht und eine Reorgani­sation des kleinen Söldnerheeres, aus dem jährlich einige 7000 Mann entlaufen, ist nachgerade zu einer Grundbedingung der gedeihlichen Weiterent- wickelung der englischen Politik und des ferneren Ansehens der britischen Handels- und Weltmacht geworden. Die Nothwendigkeit einer besseren Hee- resorgamsation hat sich ja auch wieder in den egyp- tischen Wirren bewiesen und zeigt sich noch fortgesetzt in dem Sudan-Kriege, wenn man diese lahmen und kraftlosen sporadischen Plänkeleien zwischen den eng­lischen Truppen und den Eingeborenen einen „Krieg" nennen will. Gordon, der die egyptischen Be­satzungen im Sudan entsetzen sollte, ist gegenwärtig in Khartum von den Aufständischen eingeschloffen, und England,ist nicht einmal in der Sage, ihm alsogleich einen Entsatz zu verschaffen. Die eben erst eingetroffene Nachricht von der schmählichen Nie­derlage und Flucht der Truppen bei einem von Gordon am 11. März gemachten Ausfallsversuche ist geeignet, die Situation Gordons in das dü­sterste Licht zu stellen. Die Schwierigkeiten der Lage im Sudan sind zur Zeit keineswegs ge­ring anzuschlagen, und während so bie, militä­rischen Bewegungen noch nicht abgeschlossen sind, klopfen schon wieder neue politische Verwickelungen. an der Thür des britischen Kabinets. Die Frage, was mit Egypten geschehen soll, wird immer bren­nender. Bekanntlich hat die englische Regierung oft genug erklärt, daß sie an eine Einverleibung oder an eine dauernde Herrschaft in Egypten gar nicht denke, daß sie vielmehr ihre Truppen zurückziehen würde, fobald die Ordnung wiederhergestellt sei. Jedoch muß England darauf bedacht bleiben, die „Douglas ist endlich gefangen! Welch ein Spaß! Der ernste alte Douglas! Lies weiter, Nelly. Sagt er noch mehr über feine Göttin?"

„Nein", sagte Nelly lachend. „Setze Dir Nichts in den Kopf, Allan."

Aber sie beendigte ihren Brief mit einer teilten Enttäuschung auf dem jugendlichen Gesichtchen; das Postskriptum, das ihr mehr war als der ganze übrige Inhalt des Briefes zufammengenommen, enthielt nur wenige Worte — „Algy läßt sich Euch Allen freundlich empfehlen." Nelly las dies noch mehrmals an diesem Tage.

Am Abend saß sie träumerisch und nachdenkend beim Kamin, ihre Augen blickten in das Feyer mit einem Ausdruck, als ob ihre Gedanken in weiter Ferne weilten. Das Haupt war gebeugt, die Hände lagen im Schooß, diese emsigen, kleinen braunen Hände, die fo selten müßig waren. Mistreß Graham war von sehr zarter Gesundheit, darum lag die ganze Last der Haushaltung auf Nelly's jugendlichen Schultern; vom Morgen bis zum Abend schwebte ihre kleine Gestalt im Hause umher, neben­bei lehrte sie auch noch den kleinen Donald lesen und führte mit einem Wort ein thätiges, nützliches Leben. $

Aber an diesem Nachmittag war ne allem ; die Kualen waren ausgegangen, ihre Slutter saß bei KennM, der sich unwohler als gewöhnlich fühlte und zum Änfstehen keine Lust bezeigte, und in der Dämmerung setzte sich Nelly an's Kamin und