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M 75.

Dienstag, den 1. April

1884.

Bestellungen auf die .Fuldaer Zeitung6 für beginnende II. Quartal 1884 wolle man bei der nächsten Postanstalt, bei den Land' briesträgern, bei unseren Sladtboten oder in der Expedition baldigst machen.

heutige 1. April ist ein merkwürdiger Tag: erstens beginnt an demselben das Etatsjahr, und die neuen Steuerzetteln dürfen ihre unwillkommenen Besuche abstatten; zweitens spielen die Menschen allerhand Schabernack einander, und drittens wurde Fürst Bismarck an diesem Tage vor so und so mel Jahren in die Welt und in den April geschickt. Dafür hat er sich gerächt und später auch so man­chen, besonders die Franzosen, in den Aprrl ge­schickt. Unser Kanzler, über den nach 100 Jahren die Sekundaner Aufsätze schreiben werden, 'st em Greis geworden, wenigstens in der äußern Erschei­nung; in Stirn, Wangen und Hals haben die Jahre mit respektlosem Griffel Furchen gezogen, und das silberweiße Haar am Hinterkopfe erinnert durch seine melancholische Jsolirtheit daran, daß die obere Etage auch einstmals bewaldet gewesen, aber der innere Kanzler hat sich verjüngt, und Riesenpläne wälzen sich in buntem Durcheinander in der hohen Denkerstirn herum; diese Pläne gel­ten dem Frieden Europas und dem Wohle Deutschlands. Der Fürst, unleugbar eine gigan- tische Erscheinung in der Weltgeschichte, blickt auf ein Leben reich an Erfolgen in der äußern Politik und arm an Liebe und an Erfolgen in der innern Politik zurück; es gab eine Zeit vor 17 und vor 13 Jahren, da jubelte ganz Deutschland dem Gra­fen Bismarck und dem neuen Reichskanzler zu; da nannten alle mit Stolz und Begeisterung seinen Namen; heute ist das anders geworden. Warum? Haben die Deutschen sich geändert, sind sie undank­bar geworben? .... Auch wir gratulrren dem Kanzler mit dem Wunsche, daß fein 71. Geburts- tag der letzte sei, den er nicht in Frieden nut der deutschen Nation und nicht in Frieden nut der Kirche begehe, und dann möge er noch recht lange leben. In seiner Hand liegt es, Deutschland das zu geben, was ihm noch fehlt. Er hat an dem Tage, als unser Kaiser sein 88. Lebensjahr antrat, mit dem amerikanischen Botschafter S a r g e n t fried­lich an einem Tische gefesien, und die beiden Her­ren waren bisher doch nichts weniger als gute Freunde; wird er auch noch mit anderen Leuten, die er als seine Widersacher zu betrachten sich an- gewöhnt, denen er „Herrschaftsgelüste" zum Vor­wurf macht, einstmals friedlich Brod brechen.

gehörte freilich die Voraussetzung dazu, daß der leitende Staatsmann die Erkenntmß in sich auf­nimmt, daß die katholische Kirche nicht unter dem Staate stehe, sondern als freie und gleichberechtigte Gehülfin mit ihm arbeiten will und daß diese Mit- hülfe auch wesentlich dazu dient, die Sozialrefor­men durchzuführen und revolutionäre Unbotmäßig- keilen niederzuhalten. Aber fo lange der Kanzler diese Hülfe zurückweist und an Ideen festhält, die sich mit dem wahren Wesen und der Aufgabe der Kirche absolut nicht decken, ist an die Wiederher- stelluug des innern Friedens und an die Beilegung eines Kampfes, der seit Jahren schon allseitig ver- urtheilt worden, nicht zu denken. Die Katholiken sind mit Gewalt in den Pessimismus hineingetrie- ben worden; sie legen allen Gerüchten, mögen sie lauten wie sie wollen, nicht den mindesten Werth bei; sie sehen in Gedanken an den, der in der kirchenpolitischen Frage das entscheidende Wort zu sprechen hat, hoffnungslos in die Zukunft und ver­trauen nur auf den, der die Herzen der Großen dieser Erde wie Wafferbäche lenkt und der über allen diplomatischen Schachzügen steht.

* Einem Telegramm der .Franks. Zlg.' zufolge unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß Bismarck seinen Rücktritt von seinen preußischen Minister­stellungen beantragt hat. Nur die Entscheidung des Kaisers steht noch aus, feine Zustimmung wird aber als sicher angenommen. In dem ersten Mi- nisterrathe nach seiner Rückkehr aus Fnedrichsruh

Deutsches Reich.

Fulda, Dienstag, 1. April.

* Der Verl auf der Verhandlung en üb er die Interpellation Jazdzewski veranlaßt die .Germania6 zu folgenden bemerkenswerthen Aeußerungen:

In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses ist es dem 6errn Kultusminister gelungen, die Keime des Vertrauens auf friedliche Absichten der Regierung gründlich zu zerstör en Er brachte das in wenigen Sätzen fertig, die nicht allein im Inhalt, sondern auch in der Form von ausgesuchter, wohl über­legter Schroffheit waren. Auf die Anfrage des Abg. v. Fazdzewski, ob denn nicht nach der Aufhebung der Sverre in allen andern Diözesen auch für Griesen-Posen diese Maßregel beschlossen werden solle und, verneinenden Falls, welche Gründe diese Ablehnung veranlaßten, gab der Kultusminister die kurze und eisig kalte Erklärung : ad i) Nein; ad 2) die Angabe der Gründe wird verwer- aert Als die Regierung auf eine Anfrage, bereit Berech­nung selbst extrem-kulturkämpferische Blätter anerkennen, die denkbar schroffste Antwort redigirte, mußte sie sich doch sagen daß diese brüske Abweisung nicht nur die polnischen Katholiken, sondern die Katholiken des ganzen preußischen Staates auf das Tiefste verletzen unb empören mufc. Bei der nachfolgenden Besprechung der Interpellation gab der Abg. v. Stablewski der wohlbeqründeten Entrüstung einen beredten Ausdruck. 16m folgten unter dem lebhaftesten Beifall des Eentrums inb der Polen die Abgg. v. Schor! em er-Alst und Windthorst, von denen der Erste besonders in ein­gehender und packender Weise das Ungerechte und politisch Unkluge des Vorgehens gegen die polnischen Mitbürger darleqte, während Abg. Windthorst sich vorzugsweise mit den Konsequenzen befaßte, welche aus dieser provo- citenben Haltung ber Regierung für bte allgemeine nrchen- politische Situation sich ergeben. Wenn es der Zweck ber Regierung war, bie Gemüther ber Katholiken abermals zu erregen, bie etwa zu Vertrauensseligkeit netgenben m das alte Mißtrauen zurückzuscheuchen, den Eindruck, welchen hier und da die Vertuschung gewiffer Rüthen des Kultur­kampfes herbeiführt, zu paralisiren und dem ganzen katho­lischen Volke abermals recht zum Bewußtsein zu bringen, daß wir noch mitten im Kampfe stehen — bann, aber auch nur bann hat bie Regierung ihren Zweck in der ausgiebigsten Weise erreicht. Ober glaubte etwa der Kultusminister durch ein recht schroffes Auftreten den Interessen der Regierung zu dienen? Wem wollte man denn imponiren? Bei den Polen wird der Effekt nur der sein, daß die extremen Elemente Hochwasser bekommen. Und was die Katholiken im Ganzen angeht, so hat eine zehnjährige Erfahrung doch hinlänglich gezeigt, daß sogar nicht einmal die schärfsten Handlungen sie er­schrecken, geschweige denn ein scharf stilisirtes Sätzchen. 6err v Goßler hat für das Centrum einen kurzen und außerordentlich kräftigen Wahlaufruf geschrieben, mit welchem man die etwaigen lässigen Elemente erfolgreich aufrütteln kann. Oder glaubte man gar, durch ein solches Satzgefüge in Rom Eindruck machen zu können? Der Abg Windthorst legte in treffsicher Weife dar, daß es doch zu naiv wäre, der im Kampfe mit den feindlichen Mächten so vieler Jahrhunderte gestählten Kurie mit solchen Mittelchen imponiren zu wollen, und daß die Folgerungen, welche man aus den Vorgängen ziehen müsse, zu der Ueber- zeugung führen, daß mit Konzessionen von den preußischen Kulturkämpfern nichts zu erreichen ist. Was bleibt denn nun Übrig zur Erklärung des Vorgehens der Regierung? Man darf doch nicht annehmen, daß sie bie wichtigsten Geschäfte des Landes nach Maßgabe persönlicher Gefühle und Stimmungen abmacht, ohne sich über bte politischen Folgen eine Rechnung aufzumachen. Da bliebe also nur die Annahme Übrig, daß die Regierung den kulturkampfe- rischen Liberalen einen Gefallen erroeifen und sich bereit gnädige Unterstützung für bie Folge roieber sichern wollte Sollte Achilles-Bennigsen durch diese Haltung noch nicht versöhnt werden, dann hätten wir uns am Ende noch auf eine weitere Serie solcher Liebenswürdigkeiten gefaßt zu machen Wie man sich auch das Vorgehen der Regierung »u erklären suchen mag, jedenfalls werden wir für unfern Theil sorgen, daß wir nicht zu denen gehören, welche sich in den April schicken laffen." ..

* Die bekannten „Schnitzel und Spane" reib« men dem 1. April nachstehende launige, aber nichts desto weniger sehr berechtigte Ausführungen: Der

vor 14 Tagen hat Bismarck zum ersten Male diese seine Absicht ausgesprochen, die so überraschend kam, daß die Urtheile der Minister über Zweck und Tragweite derselben erheblich differirten. Auch jetzt noch herrschen wertgehende Meinungsverschie­denheiten über die Bedeutung dieser Schritte des Reichskanzlers. Vielfach ist man der Meinung, daß der Rücktritt nicht von langer Dauer fern werde. Daß Differenzen mit Puttkamer für den Entschluß Bismarck's mit bestimmend waren, wird allgemein angenommen.

* Berlin, 31. März. Der Kronprinz wird morgen Abend nach London abreisen, um der Bei­setzung des Herzogs von Albany beizuwohnen.

* Berlin, 31. März. In einem Schreiben des Oberpräsidenten Dr. Achenbach an den Stadt­verordnetenvorsteher Straßmann wird bei 300 Mk. Strafe untersagt, den Antrag Singer wegen einer Petition um Vermehrung der Zahl der Abgeord­neten Berlins auf die Tagesordnung zu setzen.

• München, 31. März. Die Abgeordneten- kammer genehmigte die von den Reichsräthen in den Etat eingestellte Professur der Anatomie in Würzburg und die von Marquardsen beantragte Erbauung von Baracken für Pockenkranke in Er­langen. Bei Berathung des Forftetats erklärte der Finanzminister, daß die Negierung bei dem Bun- desrathe für die Erhöhung der Holzzölle eintreten werde. . ,

* München, 31. März. Die Kammer nahm mit 102 gegen 25 Stimmen die von uns seiner Zeit in einem besonderen Leitartikel abfällig be­sprochenen Keßler'schen Ehebeschränkungsanträge in der verstümmelten Fassung, welche die Reichsraths­kammer beschloßen hatte, an.

Frankreich.

* Paris, 31. März. Der Strike in Anzin dauert fort. Gestern wurden zwei Häuser, welche von Grubenarbeitern aus Wallers bewohnt werden, die die Arbeit wieder ausgenommen, in Brand gesteckt und brannten vollständig nieder.

England.

• London, 31. März. Die Beisetzung der Leiche des Herzogs von Albany erfolgt am Sonn­abend im Mausoleum zu Frogmore. Suakun er- hält eine Garnison von zwei Bataillonen der egyp- tischen Armee unter englischen Offizieren, und außerdem wird ein englisches Kriegsschiff m Suakun stationirt werden.

Italien.

• Rom, 31. März. Die Kammer soll am Donnerstag zusammentreten und die Session vis Anfangs Mai verlängert werden. Einer der ersten Akte des Ministeriums wird die Ernennung der Unterstaatssekcetäre an Stelle der Geneialsekretäre 1ei»‘ 9tom 30. März. Das Ministerium hat sich nunmehr konstituirt und wird noch heute Abend den Eid leisten. Als neue Mitglieder treten in dasselbe ein: Brin (Marine), Coppmo (Unterricht), Grimaldi (Ackerbau) und Ferraccic sJustiz) Depretis, Mancini, Maglram, Genala und Ferrero bleiben auf ihren bisherigen Posten.

Spanien«

* Madrid, 31. März. Das Dekret betreffend die Auflösung der Kortes erscheint am Dienstag. Die Wahlen finden am 27. April statt.

Griechenland.

• Athen, 29. März. Der Ministerpräsident Trikupis hat der Karniner einen Gesetzentwurf, be­treffend die Revision des allgemeinen Tarifs vor­gelegt. — Die hier verbreiteten Gerüchte über Un­ruhen auf Kreta werden für unbegründet erklärt.

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