der unzufriedenen und unglücklichen Menschen bedeutend vermindern und die zahlreichen Fälle von Trunksucht, Irrsinn, Verbrechen aller Art und Selbstmord würden sicher abnehmen.
Es liegt also sehr viel in den Händen des Gewerbsmannes selbst, sollen, die Zeiten besser werden. Es heißt nur daran arbeiten und, wenn im Handwerke Selbstachtung und Zuversicht, wo sie noch bestehen, erhalten und gestärkt, und wo sie fehlen, gepflanzt und gepflegt werden, dann wird das Handwerk auch wieder einen güldenen Boden bekommen.
Napoleon sagte zu seinen Soldaten: „Jeder von euch trägt den Marschallstab im Tornister". In ähnlicher Weise könnte man den Lehrlingen zurufen: „Jeder von euch kann Großindustrieller und Fabrikherr werden, habt nur Kopf und Hand und Herz dazu und rührt euch gehörig!"
Daß dies kein leerer Wahn ist, daß aus armen Gesellen bedeutende und reiche Fabrikherren geworden, lehren uns Tausende von Beispielen, und daß Niemand davon ausgeschlosien ist, danken wir der Gewerbefreiheit.
Der kleine Handwerker hat aber die Großindustrie nicht als bösen Feind anzusehen, sondern theils als Bundesgenossen, theils als die höhere ihm selbst zugängliche Rangstufe des eignen Berufs. Nur muß er sich sorgsam hüten, jener diejenigen Gebiete streitig machen zu wollen, in welchen sie ihm naturgemäß überlegen ist. —
Wir stehen wieder vor dem Zeitabschnitte, an welchem Tausende von Knaben ins praktische Le en übertreten, und daher dieser Mahnruf. Mögen die Eltern ja strenge Prüfung halten, damit von den erwachsenen Söhnen ihnen nicht der Vorwurf gemacht werde: „Ihr Eltern seid an meinem traurigen Schicksale schuld; hättet ihr mich nicht zu diesem Berufe gezwungen".
Den neuen Lehrlingen aber möge noch besonders für spätere Zeiten, für ihr ferneres Wohl und Fortkommen bringend ans Herz gelegt werden, daß Fleiß, Nüchternheit, Ausdauer, rasche Anwendung der zweckmäßigsten Werkzeuge, gute Maschinen und Arbeitsmethoden, strenge Gewissenhaftigkeit, sowohl in der Wahl des Materials, als auch in der Ausführung der Arbeit und besonder« in der Innehaltung des Ablieferungstermins, Unterlassen des Wirthshausbesuches während der Arbeitszeit und Strenge gegen sich selbst, damit, wenn sie einmal selbst Meister geworden, Gesellen und Lehrlinge ein gutes Vorbild haben, die besten Mittel sind, das Handwerk wieder zu heben. Dann erst wird das Sprichwort wieder wahr werden: „Handwerk trägt einen goldenen Boden".
Den gegenwärtigen Meistern aber möchte man zurufen: „Aendert euch selbst, so werden sich auch die Zeiten ändern!"
Wenn von dem Gesagten aber nur einige Köm- chen auf guten Boden fallen und Früchte tragen, so wird der Erntesegen ein tausendfacher sein. Das walte Gott! E. W.
„Sie sehen Ihrem Bruder sehr ähnlich", sagte Hauptmann Graham, doch als die Worte seine Lippen verlassen, dachte er, daß Algy's Züge doch lange nici t so schön und belebt seien, wie die seiner Schwester, wenn sie lächelte. Penelope antwortete:
„Ja, man findet allgemein, daß wir sehr einander gleichen."
„Wo ist Tante Chartres?" warf Algy ein, der mit sichtlicher Befriedigung sein hübsches Gesicht im Spiegel betrachtete — natürlich nur, um, wie die Herren immer sagen, zu sehen, ob seine Halsbinde in Ordnung sei.
„Tante Chartres ist droben, sie hat Kopfweh", erwiderte Penelope. Algy erhob seine Hände.
„Graham, hast Du je von einem Kopfweh gehört, das eine Lebenszeit dauert?"
„Ich muß gestehen, nein", war die lächelnde Antwort.
„Warte, bis Du meine Tante gesehen hast; so lange ich denken kann — und das sind ungefähr 20 Jahre — hat sie ihr Kopfweh. Dieses Kopfweh gehört zu meinen frühesten Erinnerungen und dauert immer noch fort."
„Hören Sie nicht auf ihn, Hauptmann Graham", lachte Penelope. „Es ist Alles Unsinn. Hast Du Papa gesehen, Algy?"
„Nein, als wir Deinen bezaubernden Gesang hörten, traten wir sofort hier ein. Wo ist Papa?"
„Ich vermuthe, daß er sich zum Diner ankleidet, und Du würdest es am Besten ebenfalls jetzt
8 Die Auerhahvjagd.
Wenn die März- und Aprilsonne ini stillen Walde die Knospen springen und die jungen Blättchen sprießen läßt, wenn der Rasen sich mit frischem Grün bedeckt, dann beginnt auch in der Geflügelwelt des Waldes ein regeres Leben. Da streichen die Schnepfen über Lichtungen und niederes Gesträuch, da spillt der Birkhahn in jüngeren Schlägen und balzt der Auerhahn im tiefstillen Nadelwalde.
„Horch! hörst du das leise Klipp und Klapp, Es trägt's der Wind wohl auf und ab, Horch! jetzt der Hauptschlag! nun voran! Das Schleifen schließt sich deutlich bran!"
Das Auerwild ist dort, wo es überhaupt vorkommt, verhältnißmäßig noch ziemlich zahlreich, weil doch etwas mehr als der Besitz einer verrosteten Schrotflinte dazu gehört, den balzenden Urhahn, das stolze Gefieder des Urwaldes, zu erlegen. Seine Heimath, der dunkle Nadelwald, sein einsames Leben und sein Tod im Entzücken der Liebe ist noch von dem poetischen Dufte des altechten, edlen Waidwerks umhaucht, den zu kosten keinem gestickten Krautschützen und keinem billigen Sonntagsjäger vergönnt ist.
Der Auerhahn liebt die Morgenröthe. Mit scharfem Gesicht und Gehör lauscht er auf das Rascheln int Laube, auf jedes knickende Reis, und wer nicht wie ein Fuchs zu schleichen versteht, hört nur den raschen, rauschenden Schlag der zur Flucht gewandten Flügel. Nur zur Balzzeit, wenn den schlanken Zweigen der Biike das erste Grün entquillt, bei dem ersten Schimmer des dämmernden Morgens bis kurz vor Sonnenaufgang mag es dem rechten Jäger gelingen, ihn in seiner vollen Schönheit zu belauschen.
Der Auerhahn gibt an Größe dem Truthahn nichts nach. Sein schwarzes, mit wässerigen Zeichnungen durchschossenes Gefieder schimmert an der Brust in grünlichem Stahlglanz; aus dem schiefergrauen Kopfe leuchtet das Auge in einem Kranze rother Warzen; ein schwarzer Kehtbart und der kecke stolze Gang vollenden die stattliche Erschei- nung. Nicht ganz mit Unrecht nennt man ihn in Ungarn den wilden Pfau. Der Urhahn ist, wie schon gesagt, ein einsamer, ein äußerst scheuer Vogel. In den Gebirgsforsten, da, wo die Felsen sich dunkler zusammendrängen, und der Nebel über sumpfigen Weiden und dunkeln Föhren ruht, sucht er mit großer Vorliebe seine Weide. Dort treibt er auch beim Beginn des Frühlings seine vielberühmten Liebesspiele. Auf feinem alten, alljährlich aufgesuchten Stammbaume steht er auf einem hervorragenden Aste mit hängenden Flügeln, gesträubten Gtflügel, mit geblähter Kehle und aufgerichtetem Federbart, fächert der Schwanz, schleift die Flügel, dreht sich auf den befiederten Ständern, verdreht wie berauscht die Augen und läßt den schnalzenden, wetzenden Lockruf (Balzen) erschallen. Aus der übervollen Brust seufzt er in immer rascheren Tönen: „Döll, Tüll, — Dökl, Dökl!" An dieses „Schnalzen" (oder Schnackeln, Knacken)
thun. Hauptmann Graham's Zimmer ist neben dem Deinigen, Algy, und ich hoffe — zu dem Gast gewendet — Sie werden Alles komfortabel finden".
„Daran zweifle ich nicht im Geringsten", erwiderte er mit einer Verbeugung gegen seine schöne Wirlhin.
„Dann komm' also jetzt, Graham", rief Algy — „nur leg unten an der Treppe Deine Stiefel ab. Du hast keine Ahnung, wie jeder Fußtritt Tante Chartre's Kopfweh verschlimmert".
„Algy. sei doch nicht so albern!"
Aber Penelope's Augen sprühten vor Muth- willen. Tante Chartres Kopfweh war sichtlich ein wichtiges Familienereigniß.
Ein Rauschen von Seide, ein Duft von Pat- chouli, und hinter einem großen grauen Kater, der mit hocherhobenem Kopf und langsamem, gemessenem Schritte einherstolzirte, betrat Miß Chartres das Zimmer, mit einem Fächer in der einen und einer Riechflasche in der andern Hand.
Sie war in schwarze Seide gekleidet, ein rother Crepeshawl schlang sich um ihre Schultern. Ihr Gesicht trug den Ausdruck beständigen Leidens, ob wirklichen oder eingebildeten, war nicht zu untersuchen — denn es gereichte Miß Chartres zum Vergnügen, sich für krank zu halten, und wenn man sie reizen wollte, brauchte man nur zu sagen, daß sie gut aussähe.
Mit schelmischem Augenblinzeln ging ihr Algy
schließt sich der Hauptschlag „Glock, Glock", einem prallenden Zungenklatsch gleichend, und endiqt in dem „Schleifen" : „Hedehedebe, hedehedehe", ähnlich dem Wetzen der Sense, welches einige Sekunden anhält. Während des Hauptschlages streckt der Auerhahn den Kopf in die Höhe, schlägt mit dem Schwänze ein Rad und wird so toll, daß der Jäger ihn .leicht zu schießen vermag, wenn er es verstanden hat, während des Schleifens von Stamm zu Stamm anzuspringen und starr und regungslos in der schwierigsten Stellung auszuharren, so lange der Auerhahn im „Schleifen" aussetzt. Während de« etwa 2-3 Sekunden andauernden Schleifens schließt sich durch das krampfhaft weite Aufsperren de« Schnabels der Gehörgang, und ist in Folge dff « der Hahn vollständig taub, so zwar, daß er selbst einen Fehlschuß in diesem Momente gänzlich überhört, und diese Augenblicke muß der Jä er benutzen, um durch je 2—3 Sprünge den Hahn auf Schußweite anzuspringen. Bemerkt aber der Hahn auch nur das geringste Geräusch, so streicht er ab und ist für diesen Tag dem Jäger verloren. Hat man ihn aber erspäht, und ist der Schuß geglückt, dann ist es wohl lustig, wenn er fallend hinunterrauscht durch die Aeste und Zweige, und schwer zu Boden plutnpt, wenn man ihn hat, den acht, oft sogar zwölf Pfund schweren Vogel, und wenn der erste Morgenstrahl ihn beschauen läßt als einen vollwichtigen alten Pechhahn. Die Balzzeit ist die einzige Zeit, in der es dem Jäger gelingen kann, des sonst nie zu überlistenden Vogel« habhaft zu werden.
Das Auerwild ist in Deutschlands Gauen nicht so gar selten, wie man vielfach annimmt. In den Wäldern Kurhessens ist der edle Vogel noch sehr zahlreich vertreten, und in jedem Frühjahr wird manches herrliche Exemplar erbeutet. Besonder« die im Allgemeinen an Wild nicht viel bietende Fuldaer Gegend steht mit ihrem Reickthum em Auerwild obenan. Durch schonende pflegliche Behandlung und durch systematische Vertilgung de« Raubzeuges ist der Auerwildsiand dort in den letzten Jahren so gehoben worden, daß in den zunächst liegenden Forstrevieren, namentlich Bimbachs ferner Giesel, Kämmerzell, Thiergarten und Neuhof alljährlich einige zwanzig Hähne geschossen werden können. Bekannt ist ja auch der gute Auerwildstand in dem von Sr. Kgl. Hoheit dem Landgrafen von Hessen gepachteten Jagdreviere int Nonnen« rober Forst unb beim Schlosse Adolfseck. Die Auerhähne in Kurhessen verfehlen beim auch nicht, eine gewaltige Zugkraft auf bie Liebhaber bet interessanten edlen Jagd von nah und fern aus« zuüben. Prinz Wilhelm von Preußen hat vor einigen Jahren in der Oberförsterei Kämmerzell einen Auerhahn erlegt, Staatssekretär Stephan wiederholt in Bimbach, gleiches Glück hatten auch noch manche andere hohe Gäste aus weiter Ferne. In Baiern kommt das Auerwild f st allenthalben längs des Alpengebirges vor, nach der Ebene zu, und so weit das Hochholz hinaus
entgegen, als sie in das Zimmer trat, beugte sich zu ihr herab und küßte ihre Stirne. Dann sagte er, einen Schritt zurücktretend: —
„Wie wohl Du aussiehst, Tante Cbartres!"
„Wohl, mein lieber Algernon? — Ich bin eben erst aufgestanden und fühle mich entsetzlich krank und nervös; hätte ich gewußt, daß Du kämest, würde ich mein Zimmer nicht verlassen haben. Unb biei ist oermuthlich Dein Freunb, Hauptmann Graham? Wie geht es Ihnen?" — ihm bie Hand schüttelnb. „Algernon scheint vergessen zu haben Sie vorzustellen Ich fürchte, Sie werben Castle Chartres sehr langweilig finben. Ich bin nur eine arme Kranke, selten wohl aufgelegt zu Scherz unb Heiterkeit, aber wir wollen unser Bestes thun, um Sie zu unterhalten;" unb erschöpft burch biefe lange Rede, sank Miß Chartres in einen Sessel und schloß mit ber Miene gebulbiger Resignation ihre großen braunen Augen.
„Holla, Tom, bist Du auch noch am Leben?" rief Algy, nach bem würdevoll aussehenden Kater haschend. „Er sieht aber auf alle Fälle gut aus, Tante."
„Algernon"! sagte Miß Chartres strenge, während Tom speiend unb miauenb entfloh.
Miß Chartres nahm seufzenb ihre Zuflucht zu ihrem Fächer; Penelope brach in Lachen aus, in bas Hauptmann Graham mit einstimmte, benn in einer eiligen Flucht hatte ber Kater all feine angenommene Würbe außer Acht gelassen.
(Fortsetzung folgt.)