Sonnabend, den 15. März
1884
Fuldaer
W
Di« , Fuldaer Zerrung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und 8lnmen' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die vierspaltige Zeil« oder denn Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Sw
Zweites Blatt.
Deutsches Reich.
Fulda, Sonnabend, 15. März.
* Das Centrum hat, theilweise in Verbindung mit den Konservativen, drei wichtige Anträge beim Reichstage eingebracht. Zunächst ist der Antrag auf Ergänzung des §. lOOe der Gewerbeordnung in dem Sinne, daß den außerhalb der Innung stehenden Arbeitgebern das Halten von Lehrlingen untersagt werden kann, jetzt im Reichstage eingetroffen, und zwar von den Abgeordneten Ackermann, Graf v. Hoensbroech, v. Kleist-Retzow, Leuschner (Eisleben), Lohren, Dr. Moufang, Dr. Windthorst, unterstützt von Mitgliedern des Centrums und der Rechten. — Von den genannten Abgeordneten ist ferner folgender Antrag eingebracht worden: Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag ein Gesetz vorzulegen, durch welches aus dem gesummten Gewerbestande, unter angemeffener Betheiligung der Innungen, in den Bundesstaaten, wo sie noch nicht bestehen, Gewerbekammern eingeführt werden. — Endlich hat der Abg. Dr. Reichensperger (Olpe) unterstützt vom Centrum einen Gesetzentwurf vorgelegt, welcher zur Entscheidung über die Appellation gegen die Urtheile der Strafkammern (dieselben sind bisher nicht appellabel) bei allen Landgerichten Berufungskammern bilden will, welchen zugleich die Revision der Sch offenge- richtsurtheile zuzuweisen ist.
* Berlin, 13. März. Dem Reichstag ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Bewilligung von Mitteln zu Zwecken der Marineverwaltung, nunmehr zugegangen. Danach wird der Reichskanzler ermächtigt, zu den aus der Beilage 1 ersichtlichen Beschaffungen und Herstellungen den Betrag von 18,790,000 Mark zu verwenden, die Mittel zur Deckung dieser Summe im Wege des Kredits flüssig zu machen und zu dem Zwecke in dem Nominalbeträge, wie er zur Beschaffung des angegebenen Betrages erforderlich sein wird, eine verzinsliche, nach den Bestimmungen des Gesetzes vom 19. Juni 1868 zu verwaltende Anleihe aufzunehmen und Schatzanweisungen auszugeben. Nach der citirten Beilage sind zu verwenden: zum Bau von 70 Torpedobooten, einschließlich der dazu gehörigen artilleristischen und Torpedo-Armirung, 16,800,000 Mark; zur Herstellung unterseeischer Torpedo-Batterien an der Küste der Ostsee, einschließlich der dazu gehörigen Torpedos, 857,000 Mark; zur Anlage von elektrischer Beleuchtung auf den Werften Kiel und Wilhelmshaven 348.000 Mark; zur Vervollständigung der Kriegs-Bekleidung 785,000 Mark.
* Berlin, 14. März. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' erklärt die von dein hiesigen Korrespondenten des .Standard' wiederholte Behauptung von einem zwischen Deutschland und Oesterreich einerseits und Rußland andererseits in Form identischer Protokolle sehr umfaffender Natur getroffenen Abkommen als eine vollständige Erfindung. Identische Protokolle, von welchen er spreche, existirten nicht. Die Beziehungen der drei Kaiserreiche seien auch ohne Protokolle die besten.
• Kiel, 13. März. Die Korvette „Olga" ist heute Nachmittag 2x/a Uhr in den Hafen eingelaufen und durch Salutschüsse begrüßt worden. Der Kronprinz, die Prinzen Wilhelm und Heinrich landeten mittelst des Kaiserbootes an der Bar« daroffa-Brücke, wo eine Ehrenkompagnie, das Os- s^ierkorps, die Civilbehörden und Vertreter der Stabt ihre Aufstellung hatten. Die zahlreiche
Volksmenge am Hafen und in der Waffer-Allee begrüßte den Prinzen mit lautem Jubel.
• München, 13. März. Der Landtag begann heute die Berathung der Vorlage, betreffend die Aufbesserung der Beamtengehalte. Der Referent beantragt Ablehnung. Der Finanzminister tritt in anderthalbstündiger Rede sehr warm für die Vorlage ein, bezeichnet dieselbe als eine Herzensangelegenheit der Regierung. Die Finanzlage gestatte die Aufbefferung, das Budget würde trotzdem mit einem Ueberschuß abschließen. Die Abnahme der Steuerrückstände und die Zunahme der Sparanlagen bewiesen, daß Bayern im Begriff stehe, die wirthschaftliche Krisis zu überwinden. Seit 1869 sei an Beamtenstellen 1,100,000 Mk. eingespart. Die Negierung wolle nicht ein Almosen für die Beamten, sondern appellire an den Gerechtigkeitsfinn und den Patriotismus, weil durch die Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes ein Schaden für das Vaterland zu befürchten wäre. Die Regierung sei überzeugt, daß das Volk mit der Genehmigung einverstanden sei.
* München, 14. März. Der Landtag lehnte mit 101 gegen 36 Stimmen die Regierungsvorlage, betreff, die Aufbefferung der Beamtengehälter, ab. — Die hiesigen .Neuesten Nachrichten' sind ermächtigt, mitzutheilen, daß Baron v. Stauffenberg weder von seiner in Kaiserslautern aufgestellten Reichstags-Kandidatur etwas weiß, noch gesonnen ist, eine solche anzunehmen.
* Karlsruhe, 14. März. Bei Berathung des Kultusetats entspann sich eine kirchenpolitische Generaldebatte. Lender und andere von der katholischen Volkspartei erkennen die Loyalität der badischen Regierung gegen die Kirche an, plaidiren jedoch für weitere Ausbildung der bestehenden Gesetzgebung nach den Wünschen der katholischen Volkspartei, um den kirchenpolitischen Frieden dauernd zu machen. Sie stellen Anträge in Aussicht. Kiefer tritt für den Fortbestand der jetzigen Gesetze ein und versucht die liberale Gesetzgebung zu rechtfertigen, besonders das Altkatholikengesetz. Minister Nokk ver- theidigt die Stellung der Regierung.
* Straßburg, 14. März. Die elfte Session des Landesausschusses wurde heute durch Staatssekretär v. Hoffmann auf Grund eines kai- erlichen Erlaffes geschlossen.
Frankreich.
* Paris, 13. März. Eine Depesche aus Hanoy meldet: Die Kolonne Negrier's rückte gestern Abend 6 Uhr in Bacninh ein. Die durch die Umgehungsbewegungen entmuthigten Chinesen räumten alle Positionen und flohen auf der Straße nach Thaing« huien unter großen Verlusten. Die Franzosen hatten siebenzig Verwundete und fanden auf der Citadelle eine Batterie Krupp'scher Geschütze und zahlreiche Munition vor.
England.
• London, 14. März. Gladstone befindet sich nach gut vollbrachter Nacht heute viel bester.
Italien.
• Rom, 14. März. Der frühere Minister Sella ist heute Nacht gestorben.
Spanien.
* Madrid, 14. März. Castelar machte den Vorschlag einer Koalition der republikanischen Partei mit der monarchisch-liberalen, den Vorschlag wurde aber vielfach ablehnend ausgenommen. Die allgemeine politische Situation wird von den Organen der Regierung unausgesetzt als befriedigend bezeichnet. Das Finanzministeriuin ist mit den Vorarbeiten zur Beseitigung des Defizits beschäftigt, das unter der Amtsführung Sagasta's eingetreten ist.
Schweden und Norwegen.
* Christiania, 13. März. In der Reichs' gerichtssitzung gegen den Staatsminister Kjerulf war der Angeklagte anwesend. Der Defensor pro- duzirte ein Schreiben von der Vereinigung der Linken des Storthings, worin dieselbe die Auslieferung ihres Verhandlungsprotokolls verweigerte. Der Defensor protestirte dagegen Namens der Fortschrittspartei und entfernte sich mit dem Angeklagten. Der Ankläger beantragte Kjerulf seines Amtes als Staatsminister und Mitglied des königlichen Rathes für verlustig zu erklären. Die Votirung fängt Montag an.
Rußland.
* Petersburg, 14. März. Der .Regierungs- Anzeiger' veröffentlicht die Ernennung des Ministerpräsidenten in Cetinje, Kojander, zum diplomatischen Agenten in Bulgarien.
Türkei.
* Konstantinopel, 14. März. Der Pforte ist ein Protest der Tabakhändler gegen die zwischen Egypten und Griechenland wegen Lieferung griechischen Tabaks abgeschlossene Vereinbarung zugegangen. In dem Proteste wird ausgeführt, daß die Vereinbarung den türkisch-egyptischen Verträgen zuwiderlaufe.
* Kairo, 13. März. Die diplomatischen Agenten Frankreichs und Italiens stellten heute dem Ministerium des Aeußeren eine identische Note zu, welche die Auszahlung der Entschädigungen für die bei dem Bombardement in Alexandrien stattgehab- tett Brände verlangt. — Die telegraphische Verbindung zwischen Shendi und Khartum ist wieder unterbrochen.
Aus dem Sudan.
* London, 13. März. Die Depeschen der Abendblätter aus Suakim konstatiren, daß das englische Truppenkorps in zwei Karres staffelförmig gegen Osman Digma vorrückte. Das erste Karre wurde kurz nach Verlaffen Zarevas von starken Abtheilungen Aufständischer ungestüm angegriffen. Die Aufständischen wurden unter großen Verlusten zurückgeworfen, gingen jedoch aufs Neue zunt Angriff vor. Der Kampf war ein äußerst erbitterter. Die Araber, welche weder sich zucückziehen noch sich ergeben wollten, wurden fast sämmtlich niedergemacht. Das zweite Kairo erlitt eine ernste Schlappe und verlor sämmtliche Mitrailleusen. Die Geschütze wurden nach zweistündigem erbittertem Kampfe wiedergewonnen. Das erste Karr« bemächtigte sich hierauf des Lagers Osmans.
* London, 14. März. Aus Suakim wird untermgestrigen gemeldet: Die englischen Truppen werden morgen nach Suakim zurückkehren, die Feindseligkeiten sind als beendet anzusehen. Der Verlust des Feindes wird auf 4000 Todte und 6000 Verwundete geschätzt.
• Kairo, 14. März. Die Verluste der Engländer bei der gestrigen Schlacht bestehen, soweit bekannt, in 100 Todten und 150 Verwundeten; diejenigen des Feindes in 4300 Todten und mehreren Tausend Verwundeten. Die Dörfer Hanoi, Tarnay und Tainanieb sind niedergebrannt. Osman Digma hat sich in die Berge zurückgezogen. Die englischen Truppen kehren schleunigst nach Suakim zurück.
Amerika.
• Washington, 13. März. Der General- Anwalt richtete auf Ansuchen des Präsidenten Arthur Cirkulare an die Distrikts-AnwäUe und Marschälle, welche besagen: Es verlaute, gewisse Personen fördern schändliche Verbrechen durch Ver-