1884.
#e »Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne «nd Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.: bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Fulda, Donnerstag, 13. März.
• Die Mittheilung, daß die Polizeibehörden aller Mächte zur Abwehr anarchistischer Gefahren mit einander in Verbindung treten würden, wird von der ,Krenzztg.' bestätigt. Dem Blatte zufolge ist zwischen den Mächten ein Uebereinkommen ge» troffen worden, wodurch den Polizeiorganen der verschiedenen Staaten ermöglicht wird, direkt mit einander für den Zweck zu verkehren, Individuen, die verdächtig sind, Dynamitanschläge zu planen, zu ermitteln und sich ihrer zu bemächtigen. Sämmt- liche Großmächte und mehrere Mittelstaaten sollen sich bereits diesein Uebereinkommen angeschloffen haben.
* Die Blätter der „freisinnigen" Partei veröffentlichen Zustimniungserklärungen zu der Fusion; aber unter den Blumen sind auch Schlangen versteckt. Wie in Hagen, so legen auch in Barmen die Fortschrittler Werth darauf, daß der alte Name erhalten bliebe. In Varel hat die Fortschrittspartei erklärt, daß nach ihrer Ansicht zwingende Gründe zur Vereinigung nicht vorliegen und das bewährte alte Programm beizubehalten sei. — Laut dem .Berliner Tagebl.' ist ein Sezessionist, Profeffor Dr. Paasche, zu den Nationalliberalen übergegangen.
* Als eines der jüngsten Opfer des Sozialistengesetzes ist vor einigen Tagen die »Lohrer Zeitung' verboten worden. Die ,N.-L. C.' behauptet, das genannte Blatt sei ein „patriotisches" und das Verbot sei durch einen sehr sonderbaren Artikel hervorgerufen worden. Andererseits aber wird berichtet, das Blatt sei ein demokratisches, was wahrscheinlicher sein dürfte.
* Berlin, 12. März. Der Kronprinz ist heute Abend 11 Uhr nach Kiel abgereist.
* Berlin, 12. März. Fürst Bismarck mit Gemahlin ist heute Nachmittag 4 Uhr 38 Min. hier eingetroffen. Der Reichskanzler wird sich, wie bestimmt versichert wird, lebhaft an den Geschäften des Reichstages betheiligen. Man glaubt, daß er morgen bereits in der Sitzung erscheinen wird.
* Berlin, 12. März. Gutem Vernehmen nach gehen die Anträge der Enquete-Kommission dahin, die Rübensteuer von 80 auf 85 Pfennig zu erhöhen und die Ausfuhr-Vergütung für Roh- zucker von 9 Mk. auf 8,60 Mk. zu ermäßigen.
* Berlin, 12. März. Die Kommunalsteuer- Kommission hat den § 9 mit dem Amendement Hammacher, welches die Doppelbesteuerung der schon durch die Besteuerung der Aktien-Gesellschaf- ten betroffenen Aktionäre und Betheiligten bei Berg- werkschaften u.s.w. ausschließen will, angenommen.
* Berlin, 12. März. Die,Prov.-Korr.' sagt bei Besprechung der neuen Parteibildung, diese Vereinigung des Fortschritts und der Sezessionisten sei erfolgt, um der Macht der nationalen Wirth- schaftS-, Steuer- und Sozial-Reformpolitik, welche ihnen über die Köpfe zu wachsen drohe, einen stärkeren Damm entgegensetzen zu können, in der Hoffnung, mit vereinten Kräften zu erzielen, was sie bisher vergeblich erstrebt haben. Der Zweck der Vereinigung bestehe in der grundsätzlichen, systematischen Opposition gegen die Regierung nicht nur bezüglich der Reformpolitik, sondern auch bezüglich der Grundlagen eines gedeihlichen Zusammenwirkens zwischen Regierung und Parlament. Es sei undenkbar, daß auch die gemäßigte Richtung des Liberalismus mit der schroffen radikalen Opposition sich vereinige. Die Konsolidirung der systematischen extremen Opposition werde den gemäßigten Liberalismus mehr und mehr von deren Einstuß frei machen. Die Nationalliberalen würden, wenn sie ihre Aufgabe verstehen, ünftighin die Vertreter
des wahren Liberalismus sein, welcher neben dem Konservatisnius eine berechtigte Stelle im Staatsleben einnehmen werde. Das Blatt fordert schließlich zu einheitlichem Zusammengehen und entschiedenem Vorgehen auf.
* Berlin, 12. März. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' schreibt: Die Nachricht von Blättern, daß seit der Unterredung des Großherzogs von Heffen mit dem Arbeitsminister anläßlich der Enthüllungsfeier des Niederwald-Denkmals Verhandlungen über Abtretung hessischer Bahnen an Preußen nicht geführt seien, ist nach bester Quelle dahin richtig zu stellen, daß solche Verhandlungen überhaupt niemals gepflogen wurden. Auch die Mittheilungen der Presse, über jene Unterredung entsprechen nicht der Wirklichkeit.
• Münster, 11. März. Auch die hiesige Regierung sieht sich veranlaßt, gegen die zunehmende Trunksucht mit Maßregeln vorzugehen. Diejenigen Schankwirthe, welche einem von der Ortspolizeibehörde ihnen als Trunkenbold bezeichneten Individuum Branntwein verabreichen oder denselben auch nur den Aufenthalt in ihrer Gaststube verstatten, sollen in eine Polizeistrafe von 6—15 Mark genommen und bei wiederholter Nachlässig, feit mit der Entziehung der Konzession bestraft werden. Zur Herbeiführung eines gleichmäßigen Verfahrens soll die Polizeibehörde vorher mit den Ortsgeistlichen sich benehmen, bevor sie Personen als Trunkenbolde bezeichnet; die dann als solche bezeichneten Individuen sollen vermahnt werden, und ist trotzdem der Wiederholungsfall durch zwei Zeugen konstatirt, so wird der Betreffende durch einfache Verfügung auf mindestens ein Jahr in die Säuferliste eingetragen, welche jedem Wirthe und nach Ermeffen auch benachbarten Polizeibehörden mitgetheilt wird. Tie Wirthe muffen die Liste aufbewahren und sie den kontra- lirenden Beamten auf Verlangen vorzeigen.
• Aus Hessen, 11. März. Zu dem in Heffen herrschenden Mangel an katholischen Lehrern schreibt man dem ,Düsseld. Volksbl.':
Vor einiger Zeit schrieb ich Ihnen, daß sich trotz der finanziell sehr günstigen Stellung der Lehrer nur ver- hältnißmäßig wenig« katholische Jünglinge dem Lehrer - berufe widmen. Die am Ende des Schuljahres 1883 festgestellten Zahlen weisen nach, daß in den 3 (Simultan >- Seminarien 308 Schüler sich befanden, von denen 257 protestantisch, 53 katholisch, 6 jüdisch und 1 altkatholisch waren. Da etwa ein Drittel der Bevölkerung katholisch ist, so müßten mindestens 100 katholische Zöglinge die Seminarien besuchen. Wir möchten wissen, wie die hessische Regierung dem immer fühlbarer werdenden Mangel an katholischen Lehrern abhelfen will. Bisher wurden vielfach aus den Nachbarstaaten katholische Lehrer ausgenommen. Ausnahmsweise mag das schon angehen. Allein die übrigen Länder werden sich schönstens dafür bedanken, daß sie die Kosten für die Ausbildung von Lehrern für andere Staaten tragen sollen. Die Verwendung fremder Lehrkräfte dürfte auch nicht im Jntereffe unseres Schulwesens liegen; denn abgesehen davon, daß jedenfalls die besten Kräfte in der Heimath bleiben, ist es nicht bedeutungslos für einen gedeihlichen Unterricht, s daß der Lehrer Land und Leute kenne und ihnen nicht als Fremdling gegenüber stehe. Will die Regierung eine ausreichende Zahl katholischer Lehrer im eigenen Lande haben, so brauchte sie nur eines der bestehenden Seminare zu einer katholischen Anstalt zu machen und alsbald werden sich so viele katholische Jünglinge melden, daß in ku zer Zeit alle Stellen mit Landeskindcrn besetzt werden können. Es ist geradezu unbegreiflich, daß die Regierung zu diesem Mittel nicht greifen will; sie sollte doch bedenken, daß ja auch die von außen bezogenen Lehrer in katholischen Anstalten ausgebildet wurden.
* Kiel, 12. März. Prinz Wilhelm ist heute Morgen 9 Uhr hier eingetroffen. Derselbe fuhr durch die festlich geschmückten Straßen, in welchen Soldaten und Matrosen Spalier bildeten, nach der Barbarofsabrücke und von da sofort auf der Korvette „Blücher" zum Scheibenschießen mit Torpedos nach der Wieker Bucht, von wo sich der Prinz nach Friedrichsort begeben hat.
Oesterreich - Ungarn.
4- Wien, 10. März. Die Nachricht auswärtiger Blätter, daß die Romreise des Prinzen Leopold von Bayern und dessen Gemahlin Prinzessin Gisela eine Vorbereitung für eine demnächst bevorstehende Roinreise des österreichischen Monarchen sei, ist eine rein willkürliche Annahme ohne jede Basis. — Der hochw. Fürsterzbischof von Salzburg Dr. Albert Eder hat in seinem heurigen Fasten-Hirtenschreiben das Thema der christlichen Ehe sich zum Vorwurfe genommen. Der Hirten- Brief bespricht den Ursprung und die Bedeutung der Ehe und ermahnt eindringlich, bei der Wahl der Ehegatten nicht so sehr auf irdische Vortheile, als vielmehr auf echte Tugend und Religiösität zu sehen, da nur diese Eigenschaften dauerndes Eheglück verbürgen. — Der heurige Fasten-Hirtenbrief des hochw. Fürstbischofs Johannes von Trient behandelt die geistige Verlassenheit, welche im gänzlichen Abgänge der wesentlichen Beziehungen des Menschen zu Gott, zum Nebenmenschen und zu sich selbst besteht. — Wie in akademischen Kreisen verlautet, wird Profeffor Ottokar Lorenz, der bei den Massen-Demonstrationen in Wien in Konflikt mit dem Rektorate kam, seine Vorlesungen über österreichische Geschichte in dem kommenden Sommersemester wieder aufnehmen. — In der Herzegowina und zwar in der Nähe von Mostar läßt jetzt die Regierung auf Kohle schürfen und sind Sie Resultate sehr günstig. Man entdeckte in geringer Tiefe mächtige Kohlenflötze, die an Qualität sich mit der besten böhmischen Brämckohle messen können. - In der schönen Klosterkirche zu Riedenburg bei Bregenz brachte kürzlich ein Doktor der Medizin Namens Stemmer sein erstes hl. Meßopfer dar, wobei ihm sein Sohn, Studirender der Medizin, mit erbauender Andacht ministrirte und seine Tochter, die schon früher bei den Herz-Jesu- Damen in Riedenburg eingetreten war, in die Hände des Vaters die Ordensgelübde ablegten. Dr. med. Stemmer war vorhin ein sehr tüchtiger und gesuchter Arzt in Stuttgart. Seit 10 Jahren Wittwer, fühlte er in sich den Beruf, Seelenarzt zu werden und wandte sich deshalb dem Studium der Theologie im Seminar zu Rottenburg zu, wo er auch die Weihen empfing. Derselbe steht im 50. Lebensjahre.
Frankreich.
• Paris, 11. März. Der Unterstaatssekretär der Marine und der Kolonien richtete am 8. d. an den Deputirten Guillot ein Schreiben als Antwort auf dessen Schreiben über die Haltung der Proklamation Gordon's betreffs der Sklavereifrage im Sudan. Der Unterstaatssekretär theilt mit, er habe das Schreiben Guillot's dem Marineminister übermittelt, die französischen Schiffe seien formell angewiesen, die unter der französischen Flagge segelnden oder unter französischem Protektorate stehenden Fahrzeuge streng zu überwachen. Das Durchsuchungsrecht bestehe und sei für derartige Fahrzeuge immer angewendet. Ohne Flagge segelnde Schiffe, deren Papiere nicht in Ordnung seien, würden als Piratenschiffe angesehen, für die keine Instruktion erforderlich, lieber die unter ausländischen Flaggen fahrenden Schiffe hätten die französischen Schisse selbstverständlich kein lieber» wachungSrecht, da letztere jene ohne Verletzung des Völkerrechts nicht durchsuchen dürften. Tas Marinedepartement werde seine Aufgaben in den Grenzen des Völkerrechts nach den bestehenden Verträgen sorgfältig erfüllen.
* Paris, 11. März. Ferry ging ein Schrei- bsn Brazza's vom 27. Dezember p. a. zu, wonach auf dem Alimaflusse, 25 Stunden von Agoue, nichts mangelte für die ausgezeichneten Beziehungen