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vergessen will, ist, Sie für morgen zu unserem bescheidenen Mittagsmahl einzuladen."

„Und mein Freund Stein läßt Sie bitten, einen Fisch, den er Ihnen morgen schicken wird, als Bei­trag zum Geburtstagschmaus gütigst anzunehmen. Weigern Sie sich nicht, seine Bitte zu gewähren, der ich mich aufs Herzlichste anschließe aus einem Grunde, der Ihnen morgen als triftig genug er­scheinen wird."

Dem Doktor wurde es diesmal schwerer als sonst, sich von der lieben kleinen Gesellschaft zu trennen, und wer weiß, ob er nicht seinen Vorsatz, über das Wichtigste zu schweigen, gleichwohl ge- brachen hätte; wenn er nicht noch zu einem Kran­ken gerufen worden wäre.

Als beim Geburtstagsmahle der Fisch aufgetra­gen wurde, drang Marie scherzend in den Doktor, er möge nun endlich bekannt geben, aus welchem Grunde der Prokurator seinen eigenen Tisch um ein so köstliches Stück verkürzt habe. Thenn lächelte still vergnügt und ließ sich eine Weile bitten und necken. Dann ging er in sein Zimmer und brachte ein ziemlich dickes Packet zurück, das er mit feier­licher Miene vor sich auf den Tisch legte. „Heute," begann er, „ist meines Bedünkens ein doppelter Geburtstag. Sie, Fräulein Marie, treten in ein neues Jahr Ihres Lebens ein, und für Sie, ver­ehrte Frau Dresner, kann mit dem heutigen Tage ein neues, ein sorgenfreies Dasein beginnen, das der gütige Gott Sie noch recht viele Jahre möge genießen lasten. Ich habe Ihnen gestern Abend nicht Alles gesagt, was ich mit dem alten Halling verhandelte. Derselbe hat sich nicht darauf be­schränkt, seine Reue über das an Ihrem Manne begangene Unrecht auszusprechen, sondern er hat dieses auch gutmachen wollen, indem er Ihnen mit Einwilligung seiner Frau eine Summe zur Ver­

fügung stellt, die Sie nach seiner Meinung aller Sorgen um Ihre künftige Existenz überheben dürfte. Ich habe Ihnen hier in Halling's Namen 20,000 Thaler zu übergeben; Sie mögen diese Summe als eine wenn auch unvollkommene Vergütung für die schweren Sorgen ansehen, die Sie durch seine Schuld so lange Jahre tragen mußten."

Wie versteinert starrte Frau Dresner den Dok­tor an, als er das Packet öffnete und ein Stück der Papiere nach dem andern ihr vorlegte. Dann hob sie unter strömenden Thränen die gefalteten Hände empor und sprach innig: „Guter Gott, ich danke Dir! Jetzt kann ich ruhig die Augen schlie­ßen, denn ich weiß die Zukunft meiner lieben Ma­rie gesichert."

„Nun, Frau Dresner," sagte Thenn, „behalten Sie lieber Ihre Augen noch eine Reihe von Jah­ren offen, so lange es eben dem Herrn gefällt."

Nachdem der erste Eindruck der Ueberraschung vorüber war und Thenn das Bedenken, ob denn der Wittwe Halling nicht zu weh geschehe, mit der Versicherung beseitigt hatte, daß diese mit der Ab­tretung völlig einverstanden und in ihrem Auskom­men nicht im mindesten beeinträchtigt sei, neckte der Doktor die Frauen mit allerlei Vorschlägen von Dingen, die sie nun ausführen müßten, nach­dem sie reich geworden. „Ich allerdings," fuhr er ernster fort, „werde und muß bei dieser günstigen Wendung Ihres Geschickes zu kurz kommen. Stein hat mir gestern schon prophezeit, Sie würden nun wohl keinen Miethsmann mehr haben, sondern Ihre ganze Wohnung selbst benutzen wollen."

„Natürlich," sagte Marie, „die Familie Dresner wird jetzt ein großes Haus machen

„Und," fiel die Großmutter ein, „von einem Miethsmann kann allerdings keine Rede mehr fein. Freilich," fuhr sie fort und ein schelmisches Lächeln

Beiblatt zu Nr. 56 der »Fuldaer Zeitung'.

Sonnabend, den 8.

12

Nrr Konfusionsrath.

Novelle von A. I.

Der gute Doktor war von der Wendung, welche das Gespräch mit dem Freunde genommen hatte, so verwirrt, daß er die größte Mühe hatte, an­scheinend ruhig bei den Damen einzutreten. Er las in der Großmutter gespannten Mienen und in des Mädchens lieblichem Gesicht sofort die Frage nach der erfreulichen Kunde, die er Morgens in Aussicht gestellt hatte, und dies half ihm glücklich über die erste Verlegenheit hinweg. Zunächst ließ er einen wohlgesetzten Geburtstags-Glückwunsch vom Stapel laufen und überreichte am Schluffe die goldene Uhr, die Marie erröthend, aber mit freund­lichem Dank in Empfang nahm. Frau Dresner freilich machte große Augen, als sie die Uhr wie­der sah und fragte betroffen, wie Thenn in deren Besitz gekommen sei. Dieser berichtete nun, wie Jaspensen sie ihm zum Kaufe angeboten, „und ich danke heute Gott, daß ich sie gekauft habe," setzte er hinzu und erzählte der gespannt aufhorchenden Frau, was auf der Philippsburg vorgegangen war, nahm sich aber tapfer zusammen, um von der Schenkung oder vielmehr Wiedererstattung, zu wel­cher Halling sich entschlossen hatte, jetzt noch nichts zu verrathen und nicht durch eine so überraschende Mittheilung der alten Frau die Nachtruhe zu ran» ben. Er schloß seinen Bericht mit den Worten: „Halling hat fein Verhalten gegen Ihren seligen Mann bitter bereut und mich beauftragt, Sie in feinem Namen um Verzeihung zu bitten. Er ist heute Nachmittag gestorben mit der Hoffnung, daß Sie ihm feine Bitte gewähren werden."

„Von Herzen gern," erklärte Fran Dresner mit Thränen in den Augen. „Ich habe diese alten Geschichten längst vergessen. Aber was ich nicht

neue jreiiuuuge ouaje auuumc zu mau,.« yuuen. Aber auch diese Parteiverfammlung wird keine all­gemeine fein, sondern nur ausgewählte Kreise, die Leiter und Vertreter der bisherigen fortschritt­lichen Bewegung im Reiche, umfassen. Fortschritt­liche Reichs- und Landtagsabgeordnete, Redakteure und Verleger von Parteiorganen, ferner Delegirte von Parteiversammlungen (nicht mehr als fünf ans jedem Wahlkreise) werden an diesem Parteitage theil- nehmen. Daß auch die Sezessionisten eine solche Parteiversammlung einberufen, davon hat bisher noch nichts verlautet. Allerdings hat diese im Jahre 1880 von den Nationalliberalen geschiedene Parteigruppe in den wenigen Jahren ihrer Selbst, ständigkeit noch nicht die feste und weitverzweigte Organisation gewinnen können, wie die mehr als 20 Jahre alte und an manchen Erfolgen reiche Fortschrittspartei, die seit ihren Siegen bei der letzten Reichstagswahl ihr Haupt wieder stolzer als feit Langem erhoben hat. Wenn es nicht ge« roiffermaßen klar auf der Hand läge, so würde dieser äußerliche Umstand allein, die Einholung der Sanktion der Fortschrittspartei im Volke, der beste Beweis dafür fein, daß die Sezessionisten in aller Form in das Lager des Fortschritts über- gegangen sind, und daß die Verschmelzung des Namens und Titels nur ein Mittel ist, um den Sezessionisten die Aufgabe ihrer Selbstständigkeit und Individualität nicht gar zu fühlbar zu machen. Andererseits ist auch nicht zu verkennen, daß die Fortschrittspartei mit der Preisgabe ihres berühm­ten Namens eine wichtige Konzession gemacht hat, wichtiger vielleicht als die aus einem Vergleich des alten fortschrittlichen Programms mit dem vor­liegenden Programm der „Deutschen freisinnigen Partei" sich ergebenden prinzipiellen und taktischen Konzessionen. Denn abgesehen davon, daß das Pro­gramm ein sehr dehnbares und in vielen Punkten sehr allgemeines ist, abgesehen auch davon, daß in Wahrheit nur eine höchst geringe Abschwächung des fortschrittlichen Programms zu bemerken ist, — ist es für den Fortschritt leicht, vorerst auf dieser Grundlage die Arbeit der großen Partei­vereinigung zu beginnen. Wie sich bei einer festen organischen Verschmelzung der beiden Parteien die

Soweit wir die Zeichen der Zeit verstehen, zweifeln wir kaum daran, daß die Zusammen- schaarung der wahrhaft freisinnigen Elemente in großen Schichten des Volkes angenehm berühren und viele um die Fahne der neuen Partei ver­sammeln wird, die bisher anderen liberalen Par­teiungen angehört haben. Wie einerseits die Lasker- affaire und die jüngsten offiziösen Angriffe auf die beiden Parteien den Vereinigungsbestrebungen nur förderlich gewesen sind, so hat andererseits der lang» same, schleppende Gang der Sozialreform, die Jahre lang hinausgezogene Ausführung der Hauptforde- rungen der berühmten kaiserlichen Botschaft und der wetterwendische, launenhafte Sinn, der die Entschließungen gewißer höherer Kreise beherrscht, den anfangs so großen Sympathien für die neue staatssozialistische Aera im Volke sehr viel Boden ent­zogen und der liberalen Opposition die Wege geebnet. Hoffentlich wird nun aber die neueste Thal der Libera­len die Sozialreformpläne der Regierung in ein ra- schere» Tempo bringen, damit das Volk schon bald an den tatsächlichen Früchten, an den Erfolgen der von uns wenigstens zum größten Theile für richtig und ersprießlich erachteten großen sozial­politischen Probleme voll und ganz erkennen wird, daß nicht die Freiheit und Selbstständigkeit, ber schrankenlose Individualismus, wie ihn die „frei­sinnige" Partei dem Volke in allen feinen Le­bens- und Erwerbsverhältniffen gewähren will, dem darniederliegen Volkswohlstände frommt, son­dern vielmehr ein auf soliden, vernünftigen Grund­lagen beruhendes korporatives Zufammenwirken der Berufsstände, bis zu einem gewissen Grade sogar beschirmt und unterstützt vom Staate.

Die „Deutsche freisinnige Partei" ist die stärkste Fraktion im Reichstage, sie wird 108 Mitglieder zählen. Ihr zunächst steht das Gentrum und sein Anhang mit 106 Mitgliedern. Die katholische Partei wird von der Neubildung am allerwenigsten berührt, denn ihre wichtigsten Interessen sind ganz anderer Natur, sie kann daher auch dem voll­zogenen Wechsel mit Gleichmuth zuschauen, ja so­gar mit einer gewissen Befriedigung insofern, als da­durch die politische Situation geklärt wird, und als

Fulda, Montag, iv. Marz.

O Die ,Nord. Allg. Ztg.' hält die Zeit für paffend zu einem ebenso frivolen, wie lächerlichen Angriff auf den Abg. Dr. Windthorst und den „Ultramontanisrnus", also die Centrumspartei, welche ja der Repräsentant des Ultramontanisrnus ist. Der Artikel lautet in feinen wesentlichen Thei- len, wie folgt:

„Die Taktik des Uttramontanismus ist stets dieselbe. In den Encykliken der ultramontanen Päpste sowohl als auch in den Reden der ultramontanen Parlamentarier wird immer zunächst an die Furcht apellirt. Die Gemüther müssen zuerst durch sensationelle Schilderungen der seitens des Sozialismus drohenden Gefah­ren in einen Zustand hochgradiger Nervosität versetzt werden; anders läßt sich das Urtheilsvermögen nicht so weit zurückdrängen, als es für die Erreichung der ultra­montanen Zwecke erforderlich ist, und so hat denn auch Herr Windthorst bei der in Redestehenden Debatte „die sozialistischen Ideen" zu seinem ersten Sturmangriff gegendie Regierung ver­wendet. Diese Ideen „aufhalten" kann nach dem Centrums­führer nur die Kirche. Wenn der Staat ihr nicht diejenigen Machtbefugniffe einräumt bezw. Geldmittel zur Verfügung stellt, deren sie zur Lösung ihrer Aufgabe bedarf, so ver­liert der Staat seine Existenzberechtigung, und die Unter- thanen sind dann ihres Treueides entbunden. So lautet die Theorie in der Form, welche die klassischen Staats­lehrer des Ultramontanismus ihr gegeben haben. Herr Windthorst, ein mehr praktischer Politiker, bedroht den Staat mit Steuerverweigerung. Geänstigt durch Zuruf seitens der rechten Seite des Hauses, hat Herr Windt­horst einen Rückzug in der Weise versucht, daß er seinen Worten den Sinn unterstellte, als ob er nur für Ver­weigerung „neuer Steuern" plaidirte. Jndeß mit solchen Kunstgriffen operiren heißt nichts Anderes, als denjenigen, welche man zu täuschen sucht, ein beleidigendes Maß von Unverstand zuzutrauen. So tief erschütternd hat der Sturmlauf mit den „sozialistischen Ideen" doch nicht auf das Urtheilsvermögen des Hauses gewirkt, daß Herr Windt­horst hoffen durfte, mit der von ihm beliebten Interpre­tation des Steuerverweigerungsrrechts durchzukommen. Aber wäre es ihm auch gelungen, unsere Nation wenig­stens ist zu königstreu und zu aufgeklärt, als daß sie sich durch einen solchen „frommen Betrug" irre leiten ließe. An die staatserhaltene Kraft der römischen Kirche, wie der Ultramontanismus sich die letztere denkt, glaubt heute der Deutsche ebensowenig als der Ultramontane. Beiden ist es gleichmäßig klar, daß der Ultramontanismus für jede politische Richtung allianzfähig ist, auch für die Revolution."

Die .Germania' bemerkt zu diesem Raisonne- ment: „Dieser lendenlahme Nachtrag zu dem neu-