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Mittwoch, den 5. März

1884

Fuldser

DU ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis el,---------„ — , „

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

I„ — mit der

Deutsches Reich.

Fulda, Mittwoch, 5. März.

O In einem Theile der gestrigen Auflage nahmen wir bereits von einer uns aus Berlin zugegangenen Meldung Notiz, wonach im Abgeordnetenhause das mit einer gewiffen Bestimmtheit auftretende Ge­rücht verbreitet war, das Staatsministerium habe bereits die Rückberufung des Herrn Erzbischofs von Köln, Dr. Paulus Melchers beschlossen. Wir fügten hinzu: Bestätigung bleibt abzuwarten. Eine große Zahl von rheinischen Blättern unserer Partei brachte bezüglich der Rückberufung des Herrn Erzbischofs von Köln eine ähnliche Nachricht, wie unsere Zeitung. Da bis jetzt eine authentische Verfion über dieses Gerücht sowie über die damit in Zusammenhang gebrachten angeblichen De- missionsgelüste des Herrn Kultusministers von Goßler nicht vorliegt, so beschränken wir uns zunächst auf die Wiedergabe einiger besonders bemerkensmerther Aeußerungen der größeren Blätter:

Die .Frankfurter Zeitung' erhält aus Berlin nachstehendes Telegramm:

„Das Gerücht von dem Rücktritt Goßler's tritt mit solcher Sicherheit auf, daß ich davon Notiz nehmen muß. Gleichzeitig wird die Rückberufung , Melchers für wabrübeinlich »rflärL"

Die ,Germania' meldet: „Ein uns heute zu­gehendes Telegramm aus Rom deutet an, daß es von dem Entgegenkommen der preußischen Regie­rung abhängt, ob die Ernennung des Kardinals Ledochowski eine Bedeutung für die preußische kirchenpolitische Frage gewinnt".

Die .Post' schreibt:

„Die Gerüchte über die Möglichkeit der Denns- ston des Kultusministers von Goßler treten seit gestern in verschiedenen Zeitungen und heute im Foyer des Abgeordnetenhauses mit wachsender Bestimmtheit auf. so daß sich darüber kaum schwei- gen läßt. Einerseits meint man, die Sache beruhe auf dem ferneren Gerücht von der bevorstehenden Begnadigung des ehemaligen Erzbischofs Mel- chers, andererseits wird erzählt, es beständen

— " Io""

Ker Konf»sio«srath.

Novelle von A. I.

Thenn hielt die Uhr näher an'S Licht. „Richtig, da steht ein Name — sonderbar — Dresner! Ich wohne in Rendsburg bei einer alten Frau, die diesen Namen führt." .

„Um Gottes willen, Herr Doktor, roie geht es ihr?" ,

.Darüber kann ich Ihnen ziemlich genaue Aus­kunft geben." Thenn erzählte nun Alles, was er wußte, und wie er in der jüngsten Zeit erst er­fahren, welch' harten Kampf mit der Armuth dre alte Frau feit Jahren durchgefochten habe.

Was Sie mir da berichten, stimmt ganz nut dem überein, wie ich Frau Dresner in früherer Zeit gekannt habe und ich danke Gott, daß er Sie noch zeitig genug zu mir geführt hat, um das Unrecht einigermaßen gutmachen zu können, das ich ernst an dieser Familie beging. Es ist eine lange Ge- liegen Sie sich nicht zu sehr auf, bester Herr Halling," unterbrach ihn der Arzt. „Sie muffen sich schonen." , ,.

Nein, nein!" entgegnete der alte Mann heftrg; die Last, die mir seit langen Jahren auf ber Seele liegt, muß endlich herunter, ehe rch vor Got­tes Nichterstuhl erscheine. Ich will mich möglichst kurz fasten. Dresner und ich waren Jugendfreunde und hatten uns, nachdem wir unsere KapitänSstel-

MeinungSverschiedenheiten zwischen dem Herrn Mi­nisterpräsidenten und Herrn von Goßler über das Schuldotationsgesetz. Wir theilen den Inhalt die­ser Erzählungen mit, ohne unsererseits irgend eine Verantwortung dafür zu übernehmen."

Das ,B erl. Ta geb!.' schreibt unter der Ueberschrift „vom wackelnden Minister" :

„Man soll niemals „Niemals" sagen. Seit­dem der französische „Vizekaiser" Rouher sich durch sein „Niemals" in der Kirchenstaatsfrage zu Falle gebracht, sollte Alles, was Minister heißt, im Ge­brauch des Wörtchen „Niemals" äußerst vorsichtig sein. Vielleicht aber hat es der Kultusminister v. Goßler doch an dieser Vorsicht fehlen lasten, als er am 18. Januar im Abgeordnetenhause in Be­treff der Möglichkeit einer Begnadigung der beiden Erzbischöfe Melchers und Ledochowski erklärte:

In dieser Beziehung hat die preußische Staatsregierung Stellung genommen, und ich kann sagen, daß von den gegenwärtigen Staatsministern kein einziger, wenn an ihn die Frage herantreten sollte, eine Be­gnadigungsordre in Ansehung der beiden Erz­bischöfe (Ledochowski und Melchers) zu unter­schreiben, seinen Sitz inne zu behalten sich ent­schließen wird.

Ztg.' die auch anderweit bestätigte Kunde von einer Mittheilung, die aus Rom nach der englischen Hauptstadt gelangt ist und wonach die Ernennung LedochowSki'S zum „Sekretär der Bittschriften" zwar mit der Abberufung desselben vom Erzbis- thum Posen-Gnesen gleichbedeutend wäre, aber erst erfolgt fein soll, nachdem die preußische Regierung die Zusicherung einer Rückberufung des HerrnMelchersvonKölnertheilthabe" u.s.w.

In dem heutigen Morgenblatte bringt die .Franks. Ztg.' folgendes Telegramm aus Berlin: Die Gerüchte über den Rücktritt des Kultusmi­nisters von Goßler und die bevorstehende Be­gnadigung des Erzbischofs Melchers bildeten heute das ausschließliche Thema aller Unterhalt­ungen im Abgeordnetenhause. Beide Gerüchte, die lungen aufgegeben, Landgüter gekauft, die nicht zu weit von einander lagen, so daß wir in beständigem Verkehr blieben. Hier auf der Philippsburg bin ich, wie Sie vielleicht wisten, erst seit 8 Jahren; damals wohnte ich im Schleswigschen, bei Friedrichs- stadt. Dresner hatte, so viel ich weiß, einen ein­zigen Sohn, der ebenfalls Kapitän in der dänischen Handelsmarine wurde und vor etwa 12 Jahren mit seinem Schiffe in den westindischen Gewässern unterging. Desten Frau starb bald darauf vor Schrecken und Gram und hinterließ ein Mädchen, wohl dasselbe, das jetzt bei der alten Frau lebt. Einmal — es mögen jetzt 24 Jahre sein — kam ich, da ich ncch mit einem Hause in der Havannah in Geschäftsverbindung stand, wegen einer bedeu­tenden Geldsumme in Verlegenheit und mein Freund leistete bereitwillig für mich Bürgschaft. Mir war geholfen, aber Dresner war in seinem Edelmuthe weiter gegangen, als seine Verhältnisse eigentlich gestatteten, kam selbst in Bedrängniß, kam dem Bankerott nahe. Ich hätte ihn retten können, wenn auch nicht ohne einige Opfer. Leider jedoch han­delte ich damals nach dem selbstsüchtigen Grund­satz: Jeder ist sich selbst der Nächste und ließ den armen DreSner schmählich im Stiche. Das brennt mir, seit ich älter geworden bin, von Jahr zu Jahr mehr auf der Seele, und jetzt, angesichts des nahen Todes, soll mich nichts mehr abhalten, mein Un­recht nach Kräften gutzumachen. Kinder und be­dürftige Verwandte habe ich nicht, und meine gute

mit einander in ursächlichen Zusammenhang ge­bracht wurden, traten mit größter Bestimmtheit auf und wurden von durchaus ernst zu nehmenden Persönlichkeiten verbreitet. Es wurde versichert, Herr v. Goßler habe seine Demission bereits einge­reicht und die Begnadigung des Herrn Melchers fei, nachdem die Kurie auf die Rückberufung Ledo­chowSki'S definitiv verzichtet habe, eine ausgemachte Sache. Als aber Herr v. Goßler bei der Berathung des Kultusetats am Ministertische erschien, machte sich in Folge direkter Anfragen bei den anwesenden Ministern eine andere Auffassung geltend. Es wurde nun zwar mit großer Bestimmtheit versichert, daß an die Begnadigung Melchers nicht gedacht werde. Es cirkulirte auch, was der Vollständigkeit halber erwähnt sei, eine Version, wonach Melchers be­gnadigt, Herr v. Goßler aber trotzdem im Amt bleiben werde; denn er habe in seiner bekannten Erklärung nur die Rückkehr von Melchers und Ledochowski, d. h. beider zusammen, nicht aber einer der beiden als unmöglich bezeichnet." —

• Berlin, 4. März. Die auf den 6. März, Mittags 12 Uhr, int Weißen Saale des königlichen Schlosses festgesetzte Eröffnung des Reichs­tages findet durch den Staatssekretär des Innern, Staatsminister v. Bo etlicher, statt.

Köln,, 3. März. Vor einigen Tagen er» Politiker auf Schloß Kleinheubach. Se. Durchlaucht Karl Fürst zu Löwenstein hat bezüglich dieser Versammlung die nachstehende Zuschrift der Oeffent- lichkeit übergeben: „Mehrere Zeitungen beschäfttgen sich mit Vermuthungen über die zu Kleinheubach stattgefundene Zusammenkunft einiger Mitglieder des katholischen sozial-politischen Komitees. Um nicht irrigen Auffassungen Raum zu geben, halte ich es für zweckmäßig, mitzutheilen, daß sowohl bte Zusammenkunft in Kleinheubach, als auch bte dem­nächst zu Passau ftattfinbenbe nur zum Zwecke von Vorbesprechungen gehalten werben, unb vor­aussichtlich erst zu Anfang bes Sommers eine Plenar-Sitzung stattfinben wirb, um über ben der Generalversammlung zu erstattenden Bericht Beschluß zu faffen. Die Nichtbetheiligung des

Frau wirb sich's ohne Zweifel gefallen lassen, baß ich ben größern Theil meines beweglichen Vermö­gens an bie Wittwe meines Jugendfreundes ab­trete; ihr bleiben immer noch einige Kapitalien und die Einkünfte aus dem Ertrag dieses Gutes."

Der alte Mann athmete nach diesem Geständniffe erleichtert auf. Thenn sah keine augenblickliche Ge­fahr und kehrte darum nach der Stadt zurück, nachdem er dem Kranken versprochen halte, sich andern Tages gegen Mittag wieder einzufinden und einen Notar mitzubringen, der eine förmliche Schen­kungsurkunde aufnehmen sollte. Der Doktor war natürlich über die günstige Wendung, welche das Geschick der beiden ihm so theuren Personen neh­men zu wollen schien, hocherfreut. Dieses einzige Mal, dachte er sich, hat meine Zerstreutheit eine gute Folge gehabt, aber ich will trotzdem versuchen; sie mir abzugewöhnen; sie wird nicht jedesmal zu einem so glücklichen Ausgang führen.

Am andern Morgen überlegte ber Doktor, ob es gerathen sei, jetzt schon Frau DreSner von bem in Kenntniß zu setzen, was sich gestern ereignet hatte, aber ba ihm ber Gebaute kam, baß Halling möglicher Weise sich anbers besinnen, ober seine Frau Schwierigkeiten machen, ober ber Notar Ein- wenbnngen erheben könnte, so beschloß er, vorläufig noch zu schweigen unb begnügte sich bamit, Marie, als sie ihm baS Frühstück brachte, zu sagen, er hoffe AbenbS eine für bie Großmutter erfreuliche Nachricht bringen zu können. (Forts, folgt.)