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Doktor hatte sich schon sehr auf das Plauderstünd­chen gefreut, an diesem Abend mehr als je; aber seine Pflichttreue war so groß, daß er keinen Augen­blick zögerte, dem Rufe zu folgen. Mit einem tie­fen Seufzer fuhr er in den nächstbesten Rock, warf den Mantel über, sagte Marie, die ihm aus dem Hausflur begegnete, daß er zu einem Schwerkran­ken gerufen sei und vor Mitternacht nicht mehr, vielleicht erst am andern Morgen zurückkommen werde, und begab sich zu dem in der Nähe woh­nenden Lohnkutscher, dessen Gcfährt er gewöhnlich zu seinen Landfahrten benutzte. In der nächsten Viertelstunde ging's zum Thor hinaus.

Indem Thenn auf der dunkeln, einsamen Land- straße dahinsuhr, hatte er Muße genug, die Er- eigniffe der letzten Tage zu überdenken. Am meisten freilich dachte er an Marie, und da fiel ihm denn auch die Uhr wieder ein, die er ihr zum Geburts­tag schenken wollte. Und dieser Geburtstag mußte morgen — nein, übermorgen sein. Aber wo in aller Welt habe ich die Uhr? fragte er sich. Ich habe sie, als ich sie von Jaspensen kaufte, in die Brusttasche des Rockes gesteckt. Welchen von mei- men vier Röcken hatte ich damals wohl an? Ich glaube den ältesten, und das wird der sein, den ich jetzt auch trage. Thenn griff in die Brusttasche, ja, da war die Uhr. Wilhelm, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, Stein hat ganz Recht, Dich einen Konfusionsrath zu schelten. Aber das muß anders werden, es muß! Marie soll morgen auf I

alle Fälle diese Uhr haben, und damit ich sie nicht vergesse, vertausche ich sie mit meiner Taschenuhr, die ohnehin wieder nicht geht, stecke sie in die Westen­tasche, muß sie beim Auskleiden auf das Nacht­tischchen legen und morgen beim Ankleiden muß ich sie sehen. Hoffentlich fällt mir dann ein, wozu sie bestimmt ist. Sehr befriedigt von der Erfin­dung dieses Mittels, seiner leidigen Zerstreutheit entgegenzuarbeiten, malte sich Thenn die Freude aus, die Marie über das Geschenk haben werde. Daß diese Uhr, wenn auch werthvoll und mit einem seltsam verzierten Gehäuse versehen, doch schon zu altmodisch und für eine junge Dame zu groß sei, kam dem guten Doktor nicht im Entferntesten in den Sinn.

Thenn traf den alten Herrn auf der Philipps­burg in einem nicht ganz so schlimmen Zustande, als er befürchtet hatte. Derselbe hatte einen Schlag, anfall gehabt, war aber wieder ziemlich munter; doch verhehlte sich der Arzt nicht, daß bei dem hohen Alter des Mannes ein solcher Anfall leicht wiederkehren und dann einen tödtlichen Ausgang nehmen könne. Während er den Patienten befragte, zog er die Uhr heraus, um den Gang des Pulses zu bemeffen. Die Uhr stand natürlich und der Doktor fragte den Kranken, ob nicht ein Uhrschlüs­sel zur Hand sei. Die Frau des Hauses brachte einige herbei, und während Thenn, um dieselben zu probiren, näher zu dem neben dem Bette stehenden Lichte trat, heftete der Patient starr seine Augen auf die

ten bezahlen ließen. Wenn dieselben auch kein Geld von Amerika erhielten, was die .Norddeutsche' aus Respekt vor dem Repräsentantenhause in Washing­ton nicht behaupten will, so fänden sie doch ihre Bezahlung in der vermeintlichen Förderung ihrer kleinlichen Fraktions-Jntereffen. Vom juristischen Standpunkte aus würde sich ein solcher Versuch als eine Verletzung des bestehenden Verfassungs­rechts qualifiziren. Die auswärtigen Beziehungen der Vertretung des Reichs seien Vorrechte des Kai­sers, eine direkte Korrespondenz des Reichstags mit einem auswärtigen Parlamente wäre einfach ein Verfaffungsbruch. Es könne kein Zweifel bestehen, daß die Regierung einem solchem Uebergriff auf das verfaffungSmäßige Gebiet der Monarchie eine sehr ernste Folge geben würde.

Gesterreich - Ungarn.

* Wien, 1. März. Ein Polizeikommuniquee meldet: Die Polizeidirektion erhielt in letzter Zeit Kenntniß davon, daß der 1882 aus Florisdorf in Folge eingeleiteter Untersuchung flüchtig gewor­dene Anarchist Anton Kammerer, ein 22jähriger Buchbindergehilfe aus Oesterreich-Schlesien, der sich in der Schweiz aufhalte, in Wien und Umgebung gesehen wurde. Es gelang denselben am 28. v. M. im 8. Bezirk zu verhaften, wobei Kammerer, sich heftig wehrend, zwei Sicherheitswachmänner und einen Polizeiagenten mit Revolverschüffen und zwar einen Wachmann schwer verwundete. Im Besitze des Verhafteten wurde außer einem Revolver auch eine zugespitzte Felle und in seiner Wohnung eine über zwei Kilo schwere Dynamitsprengbüchse mit Zündschnur vorgefunden. Die verwundeten Wach­leute sind Familienväter. Weitere Recherchen über die verbrecherische Thätigkeit des Verhafteten sind im Zuge. — Ueber den Sozialisten Kammerer wird weiter bekannt: Derselbe reifte aus der Schweiz zu, ist Deserteur eines österreichischen Infanterie- Regiments. Seine Verhaftung wurde auf der Straße vollzogen, weil die Polizei wußte, er habe in seiner Wohnung eine große Dynamitbombe, daher wurde eine Verzweiflungsthat befürchtet. Die Dynamitbombe wurde bei der Haussuchung vor­

gefunden. Die Verletzungen der Schutzleute find nicht schwer. Der Verhaftete ist angeblich auch der Mörder des Florisdorfer Polizeibeamten Hlubeck. Außerdem ist er dringend der Theilnahme an dem Raubmord de» Eifert verdächtig.

Königreich der Niederlande.

* Amsterdam, 2. März. Der Bericht der Kommission, welche beauftragt ist, dem Könige über wünschenSwerthe Verfassungsänderungen Vorschläge zu machen, ist veröffentlicht worden. Die darin enthaltenen Vorschläge gehen hauptsächlich dahin: Die Thronfolgeordnung bleibt unverändert. Im Falle der Regentschaft sollen die Minister in dem RegentschaftSrathe keinen Sitz haben. Die Verträge mit auswärtigen Mächten, welche Klauseln enthal- ten, die der Genehmigung der Generalstaaten be­dürfen, sollen der Genehmigung in der Gesammt- heit unterbreitet werden. Der WahlcensuS für die Zweite Kammer der Generalstaaten wird bedeutend herabgesetzt. Die Mitgliederzahl der Zweiten Kam­mer wird definitiv auf 90 festgesetzt und die Mit­glieder auf 4 Jahre gewählt. Die periodische Er­neuerung der Kammer erstreckt sich aus die ganze Kammer, anstatt, wie bisher, auf die Hälfte. Die Eidesleistung oder die Versicherung an ÄdeSstatt ist fakultativ nicht nur für die Mitglieder der Generalstaaten, sondern auch in allen anderen in der Verfassung erwähnten Fällen. Das Recht, eine Enquete vorzunehmen, wird auch für die Erste Kammer anerkannt. Das Recht, an Kommunal­wahlen thellzunehmeu, wird nicht auf die männli­chen Einwohner beschränkt. Die Vorschrift, daß Plrsonalklagen gegen -den König, die königliche Fa­milie und den Staat ausschließlich vor dem „Hdog Raad" gehören, ist aufzuheben. Neue Subsidien für Kultuszwecke werden nicht mehr bewilligt. Der König soll das Recht haben, in den vom Gesetze vorgesehenen Fällen den Belagerungszustand zu er­klären, die Fortdauer desselben muß jedoch durch Gesetz sanktlonirt werden. Das Reglement über den öffentlichen Unterricht bleibt unverändert. Die Vorschrift, daß die Naturalisation nur durch Gesetz zu erlangen fei, wird aufgehoben.

1884.

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Fulda, Dienstag, 4. März.

* Ein Privattelegramm des ,Echo d. G.' sowie der ,D. R.-Ztg.' meldet: Rom, 2.März. Herr v. Schlö- zer hatte letzten Donnerstag Audienz beim hl. Vater, er gab Zusicherungen betreffs der Frage der Er­ziehung des Klerus. Der h. Vater bot am Frei­tag dem Kardinal LedochowSki den Posten als 8s- cretarius Memorialium Papae (Secretario dei Memoriali) an, womit die Pflicht verbunden ist, in Rom zu residiren. Kardinal LedochowSki accep' tirte, er bleibt jedoch Erzbischof von Posen. Es ist auch Ausficht auf eine günstige Lösung der Kölnischen Bischossfrage; das scheint den Papst zu einem Entgegenkommen bestimmt zu haben.

* Berlin, 3. März. Das Eintreffen des Reichskanzlers steht für die nächsten zwei, drei Tage ganz unzweifelhaft in Aussicht. Trotzdem wird als feststehend betrachtet, daß nicht er, son­dern Herr v. Bötticher die Verlesung der Thron- rede und den Eröffnungsakt im Weißen Saale vollziehen wird. Die Präsidentenwahl im Reichs­tage wird bereits am Freitag stattfinden und Mon­tag, spätestens Dienstag soll die erste Lesung eines der sofort bei Beginn der Session einzubringenden Gesetze stattfinden, an die sich die ersten Lesungen der weiteren Gesetze möglichst ohne Zwischenpause anschtteßen wird.

* Berlin, 3. März. Bezüglich des beabsich­tigten Antrags auf Beantwortung der Ochiltree- Resolution seitens des Reichstags sagt die,Nordd. Allgem. Ztg.': Schon die Stellung eines solchen Antrags würde eine Niederträchtigkeit sein. Jeder ehrlich denkende Deutsche würde die Absicht, die Autorität der Regierung in den Augen des Aus­landes zu erschüttern, herausfühlen. Die Antrag­steller würden sich ein unauslöschliches Brandmal anheften und mit den englischen Parlamentariern auf einer Stufe stehen, die sich für die Forderung französischer Interessen von Ludwig dem Vierzehn-

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Der Ksufllsiousrath.

Novelle von A. I.

„Beruhigen Sie sich, liebe Frau, es ist Alles abgethan. Mein Freund Stein ist in diesem Au­genblick bei Jaspensen, um ihn vollständig zu be­friedigen. Mit dem Ausziehen wird es nun wohl keine Eile haben."

„O wie kann ich Ihnen genug danken, bester Herr Doktor!" rief die alte Frau, indem Sie sich im Bette aufrichtete und die zitternden Hände dem tief ergriffenen jungen Mann entgegenstreckte. Die­ser sagte lächelnd:

„Nun wird aber auch die Unpäßlichkeit bald vorübergehen, und Sie kommen doch wohl noch zum Thee?"

„Freilich, freilich! Ich werde sogleich aufstehen. Sagen Sie, ich bitte, dem Mädchen, es möchte hereinkommen."

„Was fehlt der Großmutter?" fragte Marie ängstlich, als der Doktor wieder in's Zimmer trat.

„Nichts von Bedeutung, liebes Fräulein. Sie ist schon wieder hergestellt und läßt Sie bitten, ihr beim Ankleiden behilflich zu fein."

Thenn ging in fein Zimmer und hatte sich eben in seinen Hausrcck geworfen, als er auf seinem Arbeitstisch ein Billet vorfand, in welchem er dringend ersucht wurde, schleunigst nach dem etwa zwei Stunden entfernten Philippsburg zu kommen, wo der Gutsherr bedenklich erkrankt sei. Der arme