Einzelbild herunterladen
 

1884

Vie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vi^teli-ihrlicher Abonnemsnlspreis ohn- Bnngerloh^^ 1 Mk. Pfg,

belletristischen Wochenbeilage .Sterne U«d Blumen' m Fulda t M. 70 Pfg., auswärts 1 M. iS Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum IS Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; be, Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

Gladstone.

Die zerfahrene, ziellose unb gefährliche egyptische Politik des Kabinets Gladstone ist in den letzten Wochen von der englischen Prcffe und in zahlreichen Meetings mit großer Entschiedenheit bekämpft wor­den. Gladstone's Stern war im Sinken, insbeson­dere' als das Oberhaus mit so großer Majorität das Tadelsvotum gegen die egyptische Politik der Regierung angenommen hatte. Jedoch ist das, was man allgemein befürchtet hatte, dem greisen Pre­mierminister noch einmal erspart geblieben. Das Unterhaus hat den Northcote'schen Tadelsantrag mit 311 gegen 262 Stimmen verworfen. Das Ministerium hat gesiegt, und Gladstone behauptet seine Stellung. Die torystische Minderheit, welche die allgemeine Unzufriedenheit mit der unent- schlosienen unb unkonsequenten Haltung der Regie­rung in der Sudan-Frage für ihre Parteizwecke benutzen wollte, ist unterlegen. Es hieße die Be­deutung der Ablehnung des Tadelsvotums Seitens des Unterhauses verkennen, wollte man darin eine Zustimmung zu der egyptischen Politik erblicken. Das Unterhaus befand sich, was die freie Entschließung über den Tadelsantrag anbelangt, in einer ganz andern Lage, als das Oberhaus. Der Tadel des letzteren konnte Gladstone nicht stürzen, während eine Annahme desselben durch das Unterhaus den Rücktritt Gladstone's zur nothwendigen Folge ge­habt haben würde. Die liberale Mehrheit hat aber ihren mächtigen Hort und Fürsprecher, ihren aus­gesprochenen Liebling um der egyptischen Mißerfolge willen nicht preisgeben wollen. Diese Auffassung der Majorität ist übrigens sehr charakteristisch für die gegenwärtige politische Strömung in England. Die Kolonial-Politik galt früher alles, heute muß sie den Rücksichten der inneren Politik nachstehen. Die aristokratische Partei empfindet sehr schwer die großen finanziellen Opfer und die Einbuße an Macht und Ansehen nach Außen, welche die verkehrte egyptische Politik im Gefolge gehabt hat. Dahin­gegen scheinen bei den breiten Wählermaffen nur

3

Der K»»fosio«sr»th.

Novelle von A. I.

(Fortsetzung aus dem 1. Blatte.)

Auch Frau Dresner hatte von der Vergeßlich­keit ihres Miethers zu leiden. Jetzt waren es drei Monate, daß er ihr weder für die Zimmer, noch für die Verköstigung etwas bezahlt hätte. Ihn zu mahnen, hatte sie so lange als möglich verschoben; aber jetzt ging es wirklich nicht mehr, sie brauchte das Geld zu nothwendig, und sie mußte sich, wenn auch mit schwerem Herzen, endlich entschließen, ihn um die Zahlung anzugehen. Dazu würbe ber nächste Abend ausersehen, und als der Doktor wie gewöhnlich zur Plauderstunde herüber kam, ent­fernte sich Marie zur großen Verwunderung Thenn's, der die Unterhaltung damit eröffnete, daß er, wie schon öfter, des Mädchens Fleiß und Anstelligkeit init warmen Worten pries. Die Matrone ließ sich aber auf dieses Thema nicht ein, sondern begannn nach einem verlegenen Räuspern: „Ich muß Ihnen nur offen gestehen, Herr Doktor, daß ich augen­blicklich in Geldverlegenheit bin, und Sie würden mir eine große Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir daraus helfen wollten."

„Von Herzen gern, liebe Frau Dresner," sagte der Doktor eifrig, „ich muß drüben einiges Geld haben, kommen Sie mit mir, wir wollen nachsehen, und was wir finden, soll Ihnen sein."

„Rein, Herr Doktor, ich bitte Sie nur um den

die Fragen der inneren Politik und des Erwerbs­lebens eine lebhaftere Theilnahme zu finden. Tas radikale Partei-Jntereffe erblickt aber in Gladstone so sehr das verkörperte Ideal seiner Bestrebungen und Wünsche, daß es ihm die ärgsten Fehler der auswärtigen Politik leicht verzeiht. Ohne Glad­stone wären ja die geplanten weitaussehenden Re­formen, die Erweiterung des ländlichen Wahlrechts und die Umgestaltung der Londoner Gemeinde- Verwaltung, überhaupt die ersehnte Umwandlung der bestehenden Oligarchie in eine vollständige De­mokratie vorläufig nicht zu erreichen. Wenn diese Reformen auch in Folge der irischen Verschlep­pungspolitik bisher noch nicht über die blaße Theorie hinaus gekommen sind, so sind sie doch in der Thronrede versprochen und bilden das feste Binde­mittel zwischen Gladstone und der Majorität, welche auf dieses Programm gewählt ist.

Das Kabinet hatte in den Debatten über das Tadelsvotum einen schweren Stand. Die neuer­dings eingetroffenen ziemlich günstig lautenden Nach­richten über Generals Gordons Erfolge im Sudan erleichterten die Lage einigermaßen, dahingegen mußte die Nachricht, daß Gordon durch eine Be- kanntmachung den von ihm früher so energisch be- kämpften Sklavenhandel freigegeben hat, sehr ver- stinnnen, und wenn Gladstone, dessen Ableugnungs­versuche das Unterhaus kaum ernst genommen ha­ben kann, trotz dieser niederdrückenden Botschaft dennoch äußerlich als Sieger aus dem parlamen­tarischen Kampfe heroorgegangen ist, so ist das ein drastischer Beweis für seine fast unerschütter­liche Machtstellung und für die großen Sympa­thien, deren er sich im Volke erfreut.

Deutsches Reich.

Fulda, 23. Februar.

Die Nummer des Moniteur de Rome' vom 21. Febr., zeigt zur Feier des sechsten Jahrestages der Wahl unseres glorreich re­gierenden Papstes Leo XIII. eine schliche Aus­stattung. In dem Leitartikel zur Feier des Tages mir noch zukommenden Quartalsbetrag für Woh­nung, Kaffee und Thee."

„Wohnung, Kaffee und Thee!" rief der Doktor ganz erschrocken aus und sah die alte Frau mit weit aufgeriffenrn Augen an. „Ich glaube, ich habe das Geld schon lange in der Tasche." Und er begann hastig seinen Hausrock zu durchsuchen, indem er in größter Verlegenheit zu sprechen fort­fuhr: „Nein, das ist zu toll! Ich kann mir eine solche grobe Nachlässigkeit nicht verzeihen. Aber mein guter Stein hätte mich auch schon lange daran erinnern sollen. Seien Sie mir nur nicht böse, liebe Frau Dresner, Sie wissen, wie vergeß­lich ich bin. Richtig, da haben wir's ja!" Und er zog zu unterft aus einer Tasche ein zerknitter­tes Billet hervor, das die Aufschrift trug: Frau Dresner. „Sieh, sieh!" fuhr er fort, „ich habe dies Billet in der vorigen Woche schon für Sie bestimmt, aber statt es auf die Kommode zu legen, wo Sie oder Fräulein Marie es finden mußten, in meiner Hirnlosigkeit wieder beigesteckt. Ich bitte Sie, erinnern Sie mich doch künftig daran, wenn eine Zahlung fällig ist. Ich muß übrigens noch mehr Geld haben, das ich Ihnen mit größtem Ver­gnügen gebe, wenn wir cs nur finden. Und soll- ten wir es nicht finden, io habe ich in meinem Schreibtisch noch einige Werthpapiere, die ich Ihnen auch zur Verfügung stelle. Der Prokurator hat mir zwar verboten, in der Schicblade, wo die Papiere liegen, zu wühlen; allein da sie doch mir gehören .

heißt es u. a.: „Welche Ereignisse haben in die fern letzten Jahre allein die große Stellung be- wiesen, die der Papst jetzt in ber Welt einnimmt ! Der Besuch des deutschen Kronprinzen, die Wall­fahrten der italienischen Katholiken, die Nomreise der amerikanischen Bischöfe, jetzt eben erst die Encyklika an die französischen Bischöfe, das sind alles glänzende Beweise dieser unbesieglichen An­ziehungskraft , dieses souveränen Einfluffes,, den das Papstthum heute ausübt, unb ber selbst seine Feinbe zur Achtung unb Huldigung zwingt."

* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' hatte in dem schon gestern erwähnten Leitartikel über den amerikanischen Bei­leidsbeschluß die .Kölner Zeitung' wegen ihren „ruhigen Bemerkungen" zu ihrem Eideshelfer ge­wählt^ Die .Kölner Zeitung' vergilt Gutes mit Bösem und läßt sich zu folgender höhnischen Besprechung der Affaire herbei: „In welch' große Gefahr der Beileidsbeschluß des amerikanischen Re­präsentantenhauses zum Tode Laskers das deutsche Reich gebracht hatte, erfahren wir heute aus der ,Nordd. Allg. Ztg.'. Es steckte doch ein ungewöhn­licher Grad von Bosheit unb Arglist in bem Be­schluß ber Amerikaner, unb es beweist bie politische Unreife des deutschen Volkes, daß — bis auf die Gewährsleute der ,Nordd. Allg. Ztg.' — niemand bisher die Gefahr gewittert hatte, bie — Gott sei's gedankt — glücklich von uns und unserem Kaiser abgewendet worden ist. Die verschlagenen Pankers bezweckten nämlich nichts anderes, als unter dem Scheine ber Hochachtung für einen unter ihnen ge­storbenen Mann, ben sie für einen deutschen Patrio­ten hielten, obschon er — schrecklich zu sagen — seit drei Jahren zur parlamentarischen Oppositions­partei gehörte, den gutmütigen deutschen Reichs­kanzler zu überrumpeln und ihm zuzumuthen, daß er seinen kaiserlichen Herrn unter die Fahne der Sezzessionisten führe, sich selbst aber gar in den Dienst der internationalen Demokratie stelle." Die .Nordd.' möge sich übrigens nicht beklagen, wenn die Preffe ihr gegenüber einen nicht gerade salon­fähigen Ton anschlägt. Sie beehrt in einem gest­rigen Artikel die Magdeb. Ztg.' mit bem Epitheton „flegelhafl". Das genügt.

„Nein, lieber Freund," unterbrach die Matrone lächelnd den Redestrom des Doktors, „wollen wir lieber nicht darin wühlen. Behalten Sie nur Ihr Geld, Sie haben es sauer genug verdient. Ich kann mir nun ja helfen."

„Nehmen Sie nur, beste Frau, was ich Ihnen anbiete, ich brauche ja das Geld nicht. Es geht mir wie den Vögeln unter dem Himmelreich, ich säe nicht, ich ernte nicht, und doch habe ich Alles, was ich bedarf. Der Allmächtige hat mich noch bisher in meiner Schwachheit beschützt. Er wird wohl ailch in Zukunft seine Hand nicht von mir abziehen.

..Wie, Sie säen nicht, Sie ernten nicht, Herr Doktor? Wirken Sie nicht in Ihrem Berufe von früh Morgens bis tief in die Nacht? Sind Sie ! nicht der Kranken Trost und Hülfe?"

„Sie beurtheilen mich viel zu milde, beste Frau, i Ich laufe öfters gedankenlos umher, und dieser Feh­ler hat vielleicht" schon manche schlimme Folge ge- - habt. Was hilft es z. B., wenn man mir Notizen : gibt, unb ich vergesse barauf, sie nachzusehen?"

„Nun, biesen Fehler werden Sie.wohl mit der j Zeit noch ablegen. Aber, mein Gott!" unterbrach ! sich die Frau, „ich verfalle ja selbst darein! Die H gute Marie steht draußen in ber Küche und ich habe vergeffen, sie hereinzurufen!"

Der Doktor beeilte sich, die Thüre zu öffnen, q und mit dem Eintritt des Mädchens ging das Ge­spräch auf Stadtneuigkeiten und auf den Gesund- ’ heitsstand in der Bevölkerung über. (Forts, f.) |