Einzelbild herunterladen
 

Fuldm

1884,

V, — mit der

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis

belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda IMk. 70 Pfg., auswarrs i w. vo Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; der Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

Fürst Bismarck contra nordameri­kanisches Repräsentantenhaus.

Es ist bekannt, daß Deutschland und das deutsche Kaiserreich bisher in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sehr große Sympathien genossen. Niemand konnte deshalb vermuthen, daß die Be­ziehungen der beiden Staaten urplötzlich einen so bedenklichen Stoß erhalten würden, wie er nun thatsächlich vorliegt. Kleine Ursachen, große Wirk­ungen! Das Verbot der Einfuhr amerikanischen Schweinefleisches hatte die Amerikaner bereits sehr verstimmt und gereizt, nun ist noch ein zweiter, die nationale Ehre der Vereinigten Staaten eigent­lich noch weit mehr verletzender Akt hinzugetreten. Das Washingtoner Repräsentantenhaus hatte nach dem Tode Lasker's auf amerikanischem Boden eine Resolution zu Ehren des Verstorbenen beschlossen, und die Negierung ließ diese Resolution durch den amerikanischen Gesandten in Berlin dem deutschen Reichskanzler behufs Uebermittelung an den Reichs­tag behändigen. Was that Herr von Bismarck? Er schickte die Resolution nach Washington zurück mit dem Bedeuten, daß er den ihm ge­wordenen Auftrag nicht ausführen könne, weil, wie der nunmehr durch den .Reichsanzeiger' be­kannt gegebene bezügliche Erlaß de dato Fried- richsruh, 9. Februar, wörtlich besagt: „die Reso­lution vom 9. v. M. zugleich ein Urtheil über die Richtung und die Wirkungen der politischen Thätigkeit des Abgeordneten Lasker enthielte, wel­ches mit der Uekerzeugung des Reichskanzlers im Widerspruch steht". Das Brsmarck'sche Verfahren hat natürlicher Weise nicht blos die amerikanische Presse gewaltig in Harnisch gebracht, sondern auch das Repräsentantenhaus auf das Empfindlichste gekränkt. Die Verstimmung der gesetzgebenden Körperschaft hat bereits in einer an den Staats­sekretär Freelinghuysen gerichteten offiziellen Anfrage Ausdruck gefunden, dahin lautend, ob auf die Bei­leidsadresse Seitens des deutschen auswärtigen Am­tes eine Antwort eingelaufen sei. Die Bismark'sche

2

Der Koususionsrath.

Novelle von A. I.

Der Winter, in den die nachstehend zu erzäh­lenden Ereignisse fielen, war sehr streng, und Ma­rie verweilte um so lieber in dem kleinen Wohn­zimmer, als dasselbe recht gemüthlich eingerichtet war unv noch einige Reste aus der Ausstattung des ehemaligen GutShofes enthielt, wie blauseidene, freilich schon etwas verschossene Gardinen an den Fenstern, einen großen buntfarbigen Teppich auf dem Fußboden und an einer Wand in zierlichen Rococo-Rahmen zwei Oelgemälde, welche Frau Dies­ner und ihren Mann in der Blüthe ihrer Jugend darstellten. Auf den Fenstersimsen prangten Gold­lack, Geranien und zuweilen einige Hyazinthen. In der einen Fensternische hing ein Käfig, dessen Be­wohner, ein Kanarienvogel, sein Behagen in ge­räuschvoller Weise kundzugeben liebte; in der an- dern stand ein Nähtischchen, an welchem Marie saß, von der emsigen Arbeit nur zeitweilig aufblickend, wenn etwa em Schlitten mit lustigem Schellenge­klingel vorüberfuhr.

Abends, wenn die Lampe angezündet war, stellte Marie ihren Sessel an den Tisch, hinter welchen beim Ofen die Großmutter im hochlehnigen, leder­gepolsterten Sorgenstuhl saß und entweder aus ihrem oder ihres Sohnes Leden erzählte, oder des Mädchens heiterem Geplauder über Dies und Jenes

Ablehnung kommt also im Repräsentantenhause zur öffentlichen Besprechung, und weder Fürst Bismarck, noch die ,Nordd. Allg.-Ztg.' werden es verhindern können, daß dort recht unangenehme Dinge über die deutsche Regierung gesagt werden.

Fragen wir uns nun, ob die Antwort Bismarcks auf die Zumuthung der amerikanischen Kammer eine korrekte und insbesondere, ob sie eine kluge und der sonst so beliebten Opportunitätspolitik entsprechende gewesen ist, so kommen die verschie­densten Gesichtspunkte und Rücksichten in Betracht, von denen wir im Rahmen dieses kurzen Artikels nur einige wenige andeuten können. Das Urtheil des Repräsentantenhauses über Lasker lautet dahin, daß „seine feste und beharrliche Darlegung freier und liberaler Ideen und sein hingebender Eifer für dieselben die soziale, politische und wirthschaft- liche Lage des Volkes wesentlich gefördert hat", eine Behauptung, welche in dieser Ueber- schwenglichkeit selbst von Laskers Freunden im innersten Herzen nicht für vollwerthig gehalten werden kann, und die wir bei aller Anerkennung der einstigen politischen Bedeutung Laskers als eine unberechtigte Uebertreibung bezeichnen müssen. Lasker hat überhaupt in Deutschland nie als der einflußreiche und gewichtige Politiker gegolten, für den ihn Amerika zu halten scheint. Die ihm zugedachte Ehrenbezeugung der amerikanischen Nation mag daher auch insofern schon eine unver­diente und übertriebene sein, als der unge­wöhnliche Vorgang der Ueberreichung einer Bei- leidsadresse des offiziellen Amerika an die deutsche Volksvertretung von Laskers Parteifreunden viel­leicht ungebührlich ausgebeutet worden wäre. Auch bringt die grundsätzliche Verschiedenheit der Staats­verfassung beider Länder und Nationen von selbst eine so grundverschiedene Auffassung der Bedeu­tung und Wirkung einer derartigen Kund­gebung mit sich, daß die Herren Amerikaner über die Zweckmäßigkeit des Schrittes Deutschland gegen­über sich kaum ein Urtheil zutrauen können.

Aus alledem folgt, daß das Washingtoner Re­präsentantenhaus besser daran gethan hätte, die Resolution ganz zu unterlassen und Deutsch-

zuhörte. Meistens fand sich da noch eine dritte Person ein, die vielleicht noch mehr nach dieser ge- müthlichen Plauderstunde verlangte, als die beiden Frauen ahnten. Es war dies Doktor Thenn, ein noch junger, aber bereits viel gesuchter Arzt, der schon seit einigen Jahren zwei Zimmer von der Wohnung der Frau Dresner in Miethe hatte und von ihr Morgens mit Kaffee, Abends mit Thee versorgt wurde. Den Thee nahm er, wenn er früh genug nach Hause kam, im Wohnzimmer seiner Miethsfrau ein, den Kaffee stellte Marie stets auf einen kleinen, vor der Thüre seines Arbeitszimmers stehenden Tisch, worauf sie an die Zimmerthüre klopfte. Der Doktor beeilte sich dann zu öffnen und das Gebrachte zu holen, wobei er sich stets freute, wenn ihm Marie einen „Guten Morgen" bot. Nur gelang ihm dies nicht immer, denn er saß, wenn der Kaffee kam, bereits einige Stunden über seinen Büchern und streifte oft im Eifer des Studiums die Hausschuhe ab, deren er sich dann nicht immer schnell genug bemächtigen konnte, um noch den Morgengrutz zu erhaschen.

Doktor Thenn war überhaupt ein sonderbarer Mann; er ging, wie Frau Dresner zu sagen pflegte, deren Mann und Sohn Sckiffskapitäne gewesen waren, immer „mit halben, Winde", d. h. er war so über die Maßen zerstreut, daß er damit oft zum Gespötts der jungen Herren und Damen seiner Bekanntschaft wurde, so hoch er in, klebrigen wegen seiner Geschicklichkeit und seines Fleißes im Berufe

land und feinem Parlament nicht offiziell eine Sympathiebezeugung zu überschicken, welche heute jedenfalls nur von einer kleinen Minderheit des deutschen Reichstages als berechtigt angesehen wird.

Jedoch mit diesen schönen Erwägungen über das theoretisch Gute und Beste ist die praktische Frage, wie man sich der vorliegenden an sich gewiß recht unangenehmen Thatsache gegenüber zu verhalten hat, noch nicht entschieden. Der Diplomat hat selten oder nie mit glatten Verhältnissen zu rech­nen ; in schwierigen, verwickelten Verhältnissen das rechte Maß und Mittel zu treffen, ist die Kunst des Diplomaten. Gegenüber dem einmal vorlie­genden B-schlaffe des Repräsentantenhauses der hochmächtigen Vereinigten Staaten von Nordame­rika hätte Fürst Bismarck unserer bescheidenen An­sicht nach anders handeln müssen, als er gehandelt hat. Die einfache Zurücksendung des Beschlusses mit der Weigerung, den Wunsch der Absender zu erfüllen, insbesondere aber die persönliche Mo- tivirung dieser Weigerung, die Gegenüberstellung der Ueberzeugung des einzelnen Mannes gegen die feierliche Meinungsäußerung einer mächtigen und einflußreichen politischen Körperschaft, war jeden­falls verkehrt. Was würde Fürst Bismarck dazu sagen, wenn der Minister eines beliebigen Staates ihm eine vom Reichstage zur Weiterbehändigung übergebene Resolution kurzer Hand zurückschickte und die Uebergabe an die gewünschte Adresse ver­weigerte und in ähnlicher Weise motivirte? — Wenn auch Nordamerika eine Republik ist, fein Parlament verdient schon als solches, als Ver­tretung eines so großen und bedeutenden Reiches einen gewissen Grad von Respekt, den ihm Nie­mand verweigern dürfte. Vielleicht wäre es das Einfachste gewesen, wenn der Reichskanzler die Re­solution stillschweigend oder auch mit einer ihre Bedeutung in das rechte Licht stellenden, nicht verletzenden Randbemerkung ober Note auf ver­fassungsmäßigem Wege dem Reichstagspräfidium zur Veröffentlichung mitgetheilt hätte. Die Presse und vielleicht auch der Reichstag selbst würden dann schon das ihrige gethan haben, um etwaigen Mißdeutungen die Spitze abzubrechen. Lasker und

und wegen seines durchaus ehrenhaften Charakters geachtet war. Auch hielten die Mütter heiraths- fähiger Töchter und diese selbst große Stücke auf ihn; denn er war ein hübscher Mann und von herzgewinnender Freundlichkeit, somit, da er einiges Vermögen und eine einträgliche Praxis hatte, eine ausgezeichnete Parthie. Er selbst jedoch hatte bis­her noch gar nicht oder nur flüchtig an's Heirathen gedacht, da er ganz in seinem Berufe aufging und gegen junge Damen in der Regel fabelhaft schüch­tern war.

Unter der großen Zerstreutheit und Vergeßlich­keit des Doktors litten natürlich auch seine peku­niären Verhältnisse und mitunter sogar die Pflich­ten seines Berufes, wie eifrig und aufopfernd er auch denselben zu obliegen bestrebt war. Frau Dresner hatte immer ihre liebe Noch damit, ihm die Häuser einzuprägen, in denen er Krankenbesuche zu machen hatte, besonders wenn er zum ersten Male irgendwohin gerufen wurde. Auch versäumte er fast immer aufzuschreiben, wie oft er bei einem Kranken war, und sehr häufig vergaß er auch, feine Rechnungen auszuschicken. Bei Familien, wo er gegen ein festgesetztes Honorar Hausarzt war, hatte dies weniger auf sich, denn diese schickten ihm zu Neujahr das Honorar in einem versiegelten Briefe zu. Den steckte er dann ruhig in eine Rocktasche, wo er blieb, bis der Zufall ihn wieder zu Tage förderte; oder er warf das Geld in Gedanken in eine Schieblabe zwischen die Wäsche ober legte es