Dienstag, den 19. Februar 1884.
Jfulbatr Leitung.
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% Die päpstliche Eucyklika au den französischen Episkopat.
(Nach dem .Moniteur be Rome'.)
Charakteristisch für das Pontifikat Leos XIII. tst die Idee, daß der Papst neben den an die ganze katholische Welt gerichteten und die großen sozialen Fragen behandelnden Encykliken sich der Reihe nach an jede einzelne Nation wende, um ihr Rathschläge und Lehren zu erthei- len, welche ihren speziellen Bedürfnisien und der jeweiligen Lage entsprechen. Dieses Mittel hat Leo XIII. angewandt gegenüber den slavischen Ländern, Italien, Spanien und Irland, jetzt macht er Frankreich gegenüber Gebrauch davon. Die Encyklika an die französischen Bischöfe wird einen würdigen Platz einnehmen in der bewunderungswürdigen Reihe von Briesen und Dokumenten des gegenwärtigen Pontifikats. Man könnte vielleicht fragen, aus welchem Grunde und welcher Veran- laffung Leo XIII. sich gerade jetzt in einer so feierlichen Form an Frankreich wendet, da doch kein besonderes Ereigniß nöthigte, das bisherige Schweigen zu brechen. Wir glauben jedoch, daß der Papst mit Absicht einen Moment der Ruhe und Abspannung benutzt hat, um seinen Belehrungen einen erhabeneren Charakter und eine größere Wirkung zu geben. So kann Niemand den Papst beschuldigen, als ob er sich von momentanem Zorne habe leiten lassen oder auf eine Herausforderung antworte.
Wenn Leo XIII. jetzt seine Stimme erhebt, so geschieht es nicht, um Anklagen zu erheben, wozu er ja das Recht hätte, sondern um Allen, den Bischöfen wie den Gläubigen, der Regierung wie den Katholiken, grundlegende und wesentliche Wahrheiten wiederum klar vor Augen zu führen. Die Encyklika geht nicht in die Details der religiösen Frage ein, sie beschränkt sich auf die prinzipiellen Punkte, auf die großen Züge, jedoch ist es leicht, daraus die nöthigen Folgerungen zu ziehen. Das Pontifikat läßt nach seiner bewährten Tradition in den Beziehungen zu den Regierungen keinen seine Rechte verletzenden Akt vorübergehen, ohne
erfährt; damit die Freuve vollständig sei, fehlt nichts, Heinrich, als daß Du sofort mitgingst und ihn begrüßtest. Sag' mir, Heinrich! Wirst Du gehen? wirst Du diese Leute mir vorziehen? Wirst Du die lieben, die mich verfluchen? Ist das der Lohn für meine treue Liebe zu Dir? Heinrich, sprich!
Das Mädchen ließ Heinrich keine Zeit zu antworten. „Ihr täuscht Euch," sprach sie lebhaft, „wenn Ihr glaubt, daß wir gehässige Absichten haben und uns über Euer« Kummer freuen. Im Gegentheil! Gerade weil mein Vater keinen Haß mehr kennt, bin ich in die Gegend gekommen, um Euch aufzusuchen, und Gott hat es gnädig gefügt, doß ich schon am ersten Abend in Euer Haus kam, ohne zu wisien, wo ich mich befand."
„Sie ist also unter einem falschen Namen zu uns gekommen," sagte die Slutter zu sich selbst, um es ju vermeiden, die Verhaßte anzureden.
„Unter einem falschen Namen? Ich habe Ihnen meinen Zunamen gar nicht gesagt. Der Name Marie ist aber doch richtig. Sie haben ihn mir ja selbst gegeben. Wenn man mich später Henriette cenannt hat, so geschah es nur, weil Ihr Sohn Heinrich hieß, um uns Kinder anhänglicher an einander zu machen und in Allem gleichzustellen . . . Damals waren unsere Familien ja gut Freund. Es sind böse Tage gekommen und haben die Freundschaft zerstört; heute, wo mein Vater wieder in guten Umständen ist, würde er viel darum geben, wenn Alles wieder gut würde."
„In guten Umständen? Und doch ist sie wie ein Bettelkind gekleidet und sagte, sie wäre her gekommen, um ihrem Vater bei der Rückkehr einige Erleichterung zu verschaffen!"
„Ja wohl, und ich habe durchaus nichts Unwahres gesagt. Aber hören Sie mich an und seien Sie überzeugt, daß Alles, was ich sage, die reine Wahrheit ist. Ich war noch klein, als wir diese Gegend verließen, hatte aber dennoch die Erinnerung an Euch nicht vollständig verloren. Wenn ich aber damals mit dem Vater davon reden wollte, so gab er entweder keine Antwort oder hieß mich schweigen."
„Gerade wie Du, Mutter," bemerkte Heinrich.
„Damals wunderte ich mich nicht darüber Als ich aber verständiger geworden war, wollte ich wisien, weshalb er beim eigentlich an den Erinnerungen, die mir doch so süß waren, keinen Gefallen fand; ich frag ihn immer wieder, aber er konnte mir nie einen vernünftigen Grund für seine Abneigung angeben. Ich sah immer mehr ein, daß feine Gründe, wenn er deren überhaupt hatte, sehr bedeutungslos sein müßten, und meinte, daß man nach so vielen Jahren eine kleine Beleidigung wohl verzeihen könne. Da erklärte er mir gradheranS, daß ich davon nichts verstände und daß er überhaupt nichts mehr von der Sache wissen wollte."
„Grade wie Du — Mutter," sagte Heinrich noch einmal.
„Ich sagte es ihm später einmal, daß es nur
A Mütterliche Sisersschi.
Nach dem Französischen des Eugen Müller frei bearbeitet.
„Ja, ich würde fist darauf bestehen, wiederholte das Mädchen, welches jetzt entschl offen schien, die beleidigende Verdächtigung der Slutter zurückzuweisen ; wenn es scheint, als ob Eide bei mir nichts kosteten, so will ich noch einen hinzusügen für mich und für meinen Vater, dessen Gesinnungen ich kenne, daß ich nie eine Heirath eingehen werde, ohne daß die Slutter meines . . . Gatten damit einverstanden ist. Ich will Dich jetzt verlaffen, aber damit Du weißt, wo Du mich finden kannst, wenn Du mich eines Tages suchen solltest, ich wohne fünfzehn Meilen von hier, in den Bergen zu Charmil, und mein Vater, dessen Du Dich wohl noch erinnern wirst, heißt Heinrich Rivet."
„Heinrich Rivet!" wiederholten Mutter und Sohn im selben Augenblicke. Heinrich fühlte sich angenehm überrascht und begann zu hoffen; die Züge der Slutter verzerrten sich, und ihre Auge» vernethen den glühendsten Haß, als sie nun auS- rief: „Hah, das hätte ich mir auch denken können, daß dies letzte Unglück von ihm kam! In der Falschheit der Tochter hätte ich den Vater_erk-nneil sollen! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Slein letztes Gut war die Zufriedenheit und die Ruhe meines Herzens; er hat entdeckt, daß ich noch zu reich sei, und hat mir auch dies letzte Gut geraubt. Wie wird er sich freuen, wenn er das
davon Kenntniß zu geben und unmittelbar Protest zu erheben, aber auf diplomatischem Wege. Nur in äußersten Fällen und, wenn seine Geduld ein Ende hat, pflegt der Papst zu öffentlichen und feierlichen Publikationen zu greifen. Dasselbe that Pius VII. in den langen und schmerzlichen Zer- roürfniffen mit Napoleon I.; jedesmal wenn der Kaiser sich anschickte, irgend einen Punkt des Konkordates zu übertreten, erhob Pius VII. Beschwerde und Protest, wenn auch stets durch Vermittelung der Nuntius. Leo XIII. hat der republikanischen Regierung gegenüber dieselbe Haltung angenommen. Er ruft in der Enciklika alle die Proteste in's Gedächtniß zurück, welche er durch den apostolischen Nuntius in Paris wie durch den französischen Botschafter am hl. Stuhle der Negierung hat übermitteln laffen.
Seit ungefähr einem Jahre, um nicht zu weit zurückzugehen, hat der römische Stuhl ohne Unterlaß bei der französischen Regierung Beschwerde erhoben wegen all' der Attentate gegen die Rechte und Freiheiten der Kirche. Es genügt, hinzuwei- fen auf die Frage der Einhaltung der Gehälter, gewisse Gutachten des Staatsrathes, die Frage der Schulbücher, den Schulerlaß des Herrn Ferry, das von der Kammer beschlossene Munizipalgesetz, die Gesetzentwürfe gegen die religiösen Genossenschaften, alle die Budget-Maßregeln, welche das Konkordat verletzen u. s. w. Der heilige Stuhl hab über alle diese Punkte bei der republikani- scheu Regierung auf diplomatischem Wege gerechte Beschwerden erhoben, Beschwerden, welche, wie Leo XIII. sich ausdrückt, „mit dem Geiste der Willigkeit und Geneigtheit aufgenommen wurden". Aber angesichts der unaufhörlichen Bedrückungen hat der Papst, ohne begreiflicher Weise auf die in zweiter Linie in Betracht kommenden Einzelfra- gen einzugehen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Grundfragen lenken wollen, welche die Jn- teresien und Pflichten Aller berühren. Dies ist der Zweck und der Beweggrund der letzten Encyk- lika. Dem Volke und der Regierung bringt Leo XIII. in Erinnerung, daß die Religion eine wichtige Grundlage für das Gedeihen eines Staates,
daß sie der sicherste Schutz für die soziale Ordnung ist.
Diese Wahrheit hat für die demokratischen Staatswesen eine noch höhere Bedeutung, als für die übrigen. Herr von Tocqueville hat es glänzend nachgewiesen, daß da, wo das politische und soziale Band mehr gelockert ist, als anderswo, der moralische und religiöse Zügel um so stäiker sein muß. Eine Demokratie ohne Religion muß nothwendig den äußersten Exzesien der Anarchie verfallen.
Den Bischöfen empfiehlt der Papst, allen großen Fragen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, dem Klerus, sich den Bischöfen zu unterwerfen, den Laien legt er die Einigkeit unter einander und die Achtung vor der hierarchischen Ordnung an's Herz. Leo XIII kommt mit Recht immer wieder auf den Gehorsam gegen die kirchliche Obrigkeit zurück. Wahrlich, wenn die Katholiken heute etwas durchzusetzen vermögen, so können sie es nur durch ein vollständiges und strenges Zusammengehen mit ihren geistlichen Obern. In unserem Zeitalter der sozialen Zersetzung und des zügellosen Individualismus beruht die Größe und die Macht der Kirche auf der Aufrechterhaltung und der Hochachtung der obrigkeitlichen kirchlichen Ordnung.
Indem Leo XII I. von Frankreich spricht, ist er be» merkenswerther Weise weder pessimistisch noch entmu- lhigt. Er gibt die Hoffnung nicht auf, daß die Lage sich bessern wird, und die katholische Kirche wieder den ihr gebührenden Platz einnehmen werde in dem Lande, welches der Kirche und dem hl. Stuhle so viel verdankt. Auch wir lassen die Hoffnung nicht fahren. Ohne Zweifel sind die Stänner, welche im Augenblicke die Regierung inne haben, kaum geneigt, die Kirche zu begünstigen, aber es gibt unter ihnen politische Köpfe, welche begreifen müssen, daß der Katholizismus einen zu breiten Boden in der französischen Gesellschaft und zu liefe Wurzeln geschlagen hat, als daß man diese Stocht bekämpfen ober unbeachtet laffen könnte. Sollten sie anders handeln, sollten sie dem antireligiösen Radikalismus freien Lauf laffen, so würden ihnen die schlimmsten Schwierigkeiten entgegentreten, und sie würden
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