Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

1884.

— mit der

«8SV.<

-e

Di« .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis o

belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswarrs i ui, <o -pig.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Fulda, 16. Februar.

*cUnter dem Titel „ Unser Reichskanzlers erscheint in diesen Tagen in Berlin ein neues Buch von Moritz Busch, dem ehemaligen Vertrauten des Reichskanzlers. Auswärtige, insbesondere Wiener Zeitungen, haben bereits durch Verbreitung von Auszügen dieser Schrift unverdiente Reklame für dieselbe zu machen versucht. Denn nach diesen Aus­zügen zu schließen, haben wir es hier lediglich mit einem Sammelsurium von Wahrem und Falschem, von abgestandenem Klatsch, und zwar verkürzten, aber sattsam bekannten Aeußerungen des Reichs­kanzlers zu thun. Was Herr Busch insbesondere über die Ursache des sogen. Kulturkampfes erzählt, die angeblichen Polonisirungs-Bestrebungen in Posen und Westpreußen und ihre vermeintliche Begünsti­gung durch die frühere katholische Abtheilung im Kultusministerium ist zum Theil längst von dem ehe­maligen Kultusminister v. Mühler beweiskräftig wi­derlegt worden, und dient zum andern Theile nur um so mehr zur Verurtheilung der ganzen Kulturkainpf­politik. Geradezu erfunden ist dasjenige, was Herr Busch zur Vorgeschichte des Krieges von 1866, namentlich von dem Briefe erzählt, welchen Herr von Gablenz von hier nach Wien überbracht und in welchem der Kaiser von Oesterreich aufgefordert worden sei, in Gemeinschaft mit Preußen und den übrigen Bundesstaaten über Frankreich herzufallen und ihm Elsaß-Lothringen zu nehmen. Gegen diese Mythenbildung ist Herr von Gablenz selbst schon vor Jahr und Tag sehr energisch in der Presie auf getreten. Man hat daher nichts verloren, wenn man das neueste Machwerk des Herrn Busch un­beachtet läßt.

* Die neueste Nummer des.Oeffentlichen Anzei­gers' der Bromberger Regierung erneuert den Steckbrief hinter Kardinal Ledochowski vom Jahre 1879. So meldet die .Kreuzztg.'

Die ,Germ.' vermuthet, daß die Steckbrieferneuerung erfolgt ist in Folge des vom 7. November 1878 batikten Erkenntnisses des Kreisgerichtes zu Jnowrazlaw, durch welches der Kardinal Ledochowski zu nicht weniger als 18,000 (schreibe achtzehntausend) Mark eventuell zu

2 Jahren Gefängniß (das zulässige Maximum) verurtheilt wurde. Da muß sich der Herr Kardinal-Erzbischof eines schlimmen Verbrechens schuldig gemacht haben? Man höre:

Der Herr Kardinal hat dem Staatspfarrer Ko­lany, der eigenmächtig seine Stelle verlassen uud sich einer Pfarre ohne kirchliche Mission aufgevrängt hatte, 1) eine kanonische Warnung una pro trina zukommen lassen, 2) mehrere Gemeindemitglieder vor dem Verkehr mit Kolany gewarnt, 3) über den Kolany nach erfolgloser Warnung die Exkommunikation verhängt und 4) auch dem (jüngst ver­storbenen) Staatspfarrer Mörke eine kanonische Warnung zugehen lassen. In diesem Thatbestande, der in den Augen jedes Katholiken als Pflichterfüllung erscheint, erblickte das Gericht sechs verschiedene Uebertretungen der Maigesetze und taxirte jede auf 3000 Mark, in Summa also auf 18,000 Mark. Gleich hart sind alle gegen den Herrn Kardinal verhängten Gerichtsstrafen. Wir kennen augenblicklich nicht die Summe der Geld- und Gefängniß- strafen, die über den Kirchenfürsten noch schweben. Doch mögen hier als Erinnerung an die Kulturkampfsära des vergangenen Dezennium wenigstens folgende Verurthei- lungen des Kardinals verzeichnet sein: 1) Am 9. Februar 1877 verhängte das Kreisgericht zu Posen gegen densel­ben 2>/r Jahre Gefängniß; 2) am 19. Oktober 1878 verurtheilte ihn das das Kreisgericht Birnbaum wegen Vergehen gegen die Maigesetze zu 15,000 Mark eventuell zwei Jahr-n Gefängniß und außerdem wegen „Belei­digung" de: Regierung zu zwei Monaten Gefängniß; 3) am 19. September 1879 verhängte das Kreisgericht Dt. Krone gegen den Kirchenfürsten wegen der Ex­kommunikation des Staatspfarrer Lizak in Schrotz 2000 Mark event. 70 Tage Gefängniß Dazu kommt noch das oben erwähnte Urtheil von Jnowrazlaw. Wir be­zweifeln, daß in diesen Angaben alle Verurtheilungen des Kardinals enthalten sind, aber schon diese Daten ergeben eine Geldstrafe von 35,000 Mark oder eine Gefäng- nißstrafe von sechs Jahren zehn Monaten und zehn Tagen. Der ganz überwiegende Theil dieser kolossalen Strafen wurde verhängt wegen Verurtheilung desJn- stitutes der Staatspfarrer, das jetzt auch von b?r Re­gierung verurtheilt und memgftens für die Zukunft un­möglich gemacht ist. — Bekanntlich hatte der Herr Kar­dinal Erzbischof vor seiner Abreise nach Rom zwei Jahre im Gefängniß zugebracht.

Eine po litif de Bedeutung ist übrigens dieser Erneuerung des Steckbriefes nicht beizumessen, es handelt sich offenbar nur um eine in der Ge­schäftsgrenze des Gerichts gebotene Formalität.

* Gegenüber den gegenteiligen Bemerkungen der Blätter kann die ,Nordd. Allg. Zig.' die Ansicht nicht teilen, daß die neuesten Ereignisse in Egypten von der englischen Regierung voraus- gesehen oder gar beabsichtigt worden sind. Die

Norddeutsche meint, der Eintritt dieser Ereigniffe sei ein unvorhergesehener und es sei ungerecht, gegen die englische Regierung den Vorwurf zu er­heben, sie habe die egptischen Dinge kommen sehen und benutze dieselben, um sich die kriegerische Un­terwerfung der fraglichen Landschaften im Interesse der allgemeinen Cioilisation aufdrängen zu lassen. Richtig dürfte vielmehr fein, daß es der englischen Regierung sehr lieb wäre, der kriegerischen Aktion überhoben zu sein.

Berlin, 15. Februar.

* Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Abänderung des Gesetzes über die ein­geschriebenen Hilfskassen vom 7. April 1876 ist ausgearbeitet und dem Bundesrath vor­gelegt worden. Der Gesetzentwurf enthält, nach der ,N. A. Z.', sowohl diejenigen Abänderungen, welche in Folge des Erlasses des Krankenversiche­rungsgesetzes rathsam erscheinen, als auch diejeni­gen Abänderungen und Ergänzungen, für welche bei der bisherigen Anwendung des Hilfskassenge- setzes selbst ein Bedürfniß hervorgetreten ist. Der Bundesrath hat in der gestrigen Plenarsitzung den Gesetzentwurf den zuständigen Ausschüssen zur Vor- berathung überwiesen.

* Gegenüber der Blättermeldung, die Einbe­rufung des Reichstages erfolge am 4. März, sagt die ,Nordd. Allg. Ztg.', die Einberufung sei für die erste oder zweite Woche nächsten Monats in Aussicht genommen, der Tag selbst aber noch nicht bestimmt.

* Das neue Kommunalsteuergesetz wird laut der ,Nat.-Ztg.', spätestens am Sonnabend dieser Woche dem Abgeordnetenhause zugehen.

* Der Bundesrath lehnte gestern den An­trag des Reichstags auf Herabsetzung des Kakaobohnenzolls ab.

* Der Nachtragsetat, deffen Vorlegung noch vor der dritten Berathung des Etats angekündigt ist, soll sich zunächst auf die neuerdings verstaat­lichten Eisenbahnen beziehen. Ob die Re­gierung, um den Antrag Rickert-Bender zu über­bieten, gleichzeitig eine Erhöhung des Emeriten- fonds über 800,000 Mk. hinaus beantragen

15

A Mütterliche Eifersucht.

Rach dem Französischen des Eugen Müller frei bearbeitet. 11.

Durch feine schnelle Flucht hatte Heinrich sich selbst der Notwendigkeit enthoben, das Herz seiner Mutter durch eine offene Erklärung noch tiefer verwunden zu muffen. Man glaube nur ja nicht, daß die Thräneu feiner Mutter ihn in seinem Ent­schlüsse wankend gemacht hätten; nichts weniger als dies, felsenfest stand vor seinem Geiste der Ge­danke: Diese und keine Andere! Seine Neigung zu dem Mädchen war trotz des kurzen Bestehens stark und festgewurzelt. Lange hatte er sich ernst­lich geprüft, ob seine Liebe auch wirklich eine ernste und dauernde Neigung sei und sein Lebensglück zu begründen vermöge. Er mußte sich sagen: Vor Allem paffen wir schon zu einander durch die gleiche Lebensstellung, indem wir Beide gleich arm sind. Wir sind aber auch Beide gesund und kräftig ge­nug, um uns vorwärts zu bringen.

Sie ist hübsch, arbeitsam, bescheiden, und doch wieder stolz, wo es nöthig ist, kurz, sie ist ein prächtiges braves Mädchen- Tas war die Sprache seines Herzens. Dann kam der kalte Verstand und brachte seine Einwürfe vor, rief Zweifel wach, aber immer lautete die Antwort des Herzens: Sie wird mich glücklich machen. Sein Entschluß war gefaßt und der morgige Tag sollte die Entscheidung brin­gen. Doch hatte er sich fest vorgenommen, nur -

dann der Geliebten fein Herz und seine Hand zu schenken, wenn sie ihm die Versichernng gäbe, daß sie seiner Mutter in aller Liebe entgegenkommen und sie als ihre Mutter betrachten werde.

9htr dies eine Hinderniß schien seinem Glücke entgegenzustehen, die Eifersucht, oder soll ich sagen die Liebe seiner Mutter. Er wußte, wie hartnäckig dieselbe ihre einmal gefaßten Ansichten festhielt. Wie, wenn sie in allem Ernste ihre Drohungen ausführen und das Haus verlassen würde? Doch er hoffte, ihre Liebe werde größer sein, als ihr eifersüchtiger Stolz und baute alle Hoffnung auf ihre Anwesenheit bei der morgigen Unterredung. Wenn sie aus dem Munde des Mädchens selbst vernehmen würde, wie diese sie hvchschätze und liebe und sich nach Gegenliebe sehne, dann würde, hoffte er, ihre Abneigung wie Schnee an der Sonne schmelzen. Deshalb hatte er auch so hartnäckiges Stillschweigen beobachtet und jede Erklärung zu ver­meiden gesucht.

Für den Abend war ihm dies vollständig gelun­gen. Aber morgen früh, bevor die Fremde kam?

Die Mutter enthob ihn selbst seiner Sorge, in­dem sie in aller Frühe zur Kirche eilte, um der ersten Messe beizuwohnen. Als sie zurückkehrte, war es hohe Zeit, daß auch Heinrich sich auf den Weg machte, denn die Glocken läuteten schon zum Hochamte und ihr Haus war von der Kirche ziem­lich weit entfernt.

So war erst beim Mittagessen, welches die Land­

leute an Sonn- und Festtagen gleich nach dem Hochamte einzunehmen pflegen, Gelegenheit geboten, von der Angelegenheit zu sprechen, welche Beider Herz und Sinn so ganz erfüllte. Die Mutter hatte ihr Benehmen vollständig geändert, sie hüllte sich jetzt in tiefes Schweigen. Alle ihre Worte und Thränen waren unnütz gewesen, nun hoffte sie durch eine stille Traurigkeit einen größeren Eindruck auf ihren Sohn zu machen.

Obschon sie gestern hoch und theuer versichert hatte, daß sie sich von der Zusammenkunft fern halten werde, bereitete sie sich dennoch darauf vor, derselben beizuwohnen, mit dem festen Entschlüsse, sich mit keinem Worte daran zu beteiligen und nur durch den Eindruck ihrer stillen Trauer zu wirken. Wenn dieser letzte Versuch scheiterte, wenn Heinrich ungerührt blieb, dann wollte sie unbebingt- eine andere Zufluchtsstätte aufsuchen, denn mit der „Abenteurerin" zusammenzuleben, dazu fühlte sie sich nicht stark genug. Es könnte dieser selbst auch nur unangenehm sein, dachte sie.

Nach dem Essen setzte sie sich draußen auf eine Bank und schaute unverwandt auf den Weg hin, der auf's Dorf zuführte.

Lange wollte sich auf der ganzen weiten Flur keine menschliche Seele blicken lassen und die Land­schaft lag da in sonntäglicher Stille. Heinrich empfand die peinlichste Ungeduld; er ging aus dem Zimmer, wieder hinein, setzte sich nieder, stand auf; bald blieb er Minuten lang nachsinnend vor dem